08. Wegziehen

Die Schultage am KBZ verliefen jetzt immer nach dem gleichen Muster: morgens Unterricht, mittags in der Kantine essen, danach Hausaufgaben oder – an ganzen Tagen – wieder Unterricht, abends ein bisschen fernsehen und um 22 Uhr ins Bett. Die Wochenenden waren auch nicht viel abwechslungsreicher. Aber eigentlich fehlte mir nichts. Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, endlich mal zur Ruhe zu kommen.

Währenddessen ging das Leben in der Nordstadt komplett an mir vorbei. Hätte nicht Hartmann ab und zu reingeschaut und mich mit Neuigkeiten versorgt, wäre ich völlig abgemeldet gewesen. Er berichtete, dass sich inzwischen alle Welt bei Tom traf. Auch viele aus unserer alten Clique gingen jetzt dort hin. Bei Tom war es warn und trocken, außerdem hatte man seine Ruhe vor den Solterbeck-Leuten. An der Haustür war rein gar nichts mehr los.

Tom – ich kannte ihn bloß vom Sehen. Ein komischer Kerl: Wohnte noch immer bei den Eltern, obwohl angeblich schon über 20. Seine Bude galt in der Nordstadt als Umschlagplatz für Diebesgut. Wenn man etwas brauchte oder anzubieten hatte, war er die erste Adresse. Irgendwann würden ihn sicher die Bullen hochnehmen. Schon schräg, dass jetzt alle dort rumhingen.

Im Laufe des Februar fing das Stubenhocken allmählich an zu nerven. Eine Zeitlang mochte es okay gewesen sein, aber jetzt hatte ich keinen Bock mehr darauf. Man merkte, dass der Frühling in der Luft lag, trotz der hartnäckigen Kälte. Es wurde längst nicht mehr so früh dunkel, gleichzeitig schaffte ich meine Hausaufgaben mittlerweile viel schneller als früher. Was sprach dagegen, mal rauszugehen, wenn die ganze Paukerei erledigt war? Ich konnte mich nicht ewig zu Hause verstecken, scheiß auf die Solterbeck-Leute!

Eines Nachmittags hielt ich es nicht mehr aus und rief Hartmann an. Es dauerte keine zehn Minuten, da klingelte er bei mir, um mich abzuholen. Er war völlig aufgekratzt, redete den ganzen Weg über wie ein Wasserfall. Schmiedete Pläne, was wir in der neuen Clique alles zusammen anstellen würden.

Bei Tom herrschte tatsächlich der Trubel, den Hartmann beschrieben hatte. Ich sicherte mir ein freies Plätzchen auf einem der speckigen Sofas und nahm die Sache in Augenschein. Der Raum war proppenvoll, viele Gesichter sah ich zum ersten Mal. Tom machte total auf wichtig, rannte ständig mit dem Telefonhörer am Ohr raus auf den Flur, um irgendwelche Deals zu bequatschen. Es hieß, die Weiber würden ihm zu Füßen liegen, vor allem wegen seiner Kohle. Das konnte ich mir bloß schwer vorstellen, als ich ihn dort vor mir sah mit seiner Plauze, den fettigen Haaren und der Kassenbrille. Ließ sich ernsthaft irgendein Mädel für Geld von so einem Typen begrapschen?



Die ganze Zeit über blieb ich merkwürdig still. Ganz ehrlich: Ich fühlte mich fremd. Die Kerle mit ihrem Gesaufe und Machogehabe, die Mädels, die mit großkotzigem Gezeter Kontra gaben – passte das ernsthaft noch zu mir?

„Alter, reiß dich zusammen!“, mahnte eine innere Stimme. „Wenn du es hier nicht packst, dann nirgends. Und wo willst Du dann hin?“ Sicher hatte ich einfach zu lange in meinem Kabuff gehockt, nichts von der Welt draußen mitbekommen. Ich war verweichlicht, ganz klar. Und jetzt musste ich halt sehen, dass ich mich wieder an die raue Wirklichkeit gewöhnte.

Von nun an raffte ich mich jeden Nachmittag auf, ging nach den Hausaufgaben rüber zu Tom. Klopfte dort Sprüche und hoffte, dass sie echt rüberkamen. Schluckte meine Abneigung gegen die Mädchen runter, fing wieder an, mit ihnen rumzubaggern. Tatsächlich schien es zu funktionieren: Ich merkte, dass Toms kleine Schwester, Gabi, angebissen hatte. Sie war 15, also ein Jahr jünger als ich. Besonders dolle sah sie nicht aus, aber sie hatte Super-Möpse. Alles in allem wäre sie kein schlechter Deal gewesen.

Und doch griff ich nicht zu. Es war alles anders als früher. Irgendwas an mir stimmte nicht mehr, war Lüge, Täuschung, Fassade. Interessierte Gabi sich wirklich für mich? Also für den echten Hauke, so wie er wirklich war?

Aber halt: Wer oder was sollte das sein, der „echte“ Hauke? Wo fand ich den?

 

***

 

Anruf von Hartmann: Er hatte heute seinen Lehrvertrag per Post bekommen. Nun war es also amtlich, dass er im Sommer mit seiner Ausbildung zum KFZ-Elektriker starten würde. In der Nordstadt quatschten mittlerweile alle vom Arbeiten. Die Haupt- und Realschüler hatten Anfang des Jahres ihre Betriebspraktika absolviert. Hartmann war in derselben Firma gewesen, die ihn nun einstellte. Wenn er und Piet von ihren „Kollegen“ erzählten, vom „Meister“ und „Feierabend machen“, war ich immer hin- und hergerissen. Einerseits beneidete ich die beiden, weil sie bald Kohle verdienten und ihren Eltern nicht mehr auf der Tasche lagen. Andererseits fand ich die Vorstellung, den ganzen Tag in einem Betrieb zu sein, ziemlich gruselig. Schule konnte man zur Not schwänzen, aber den Job? Außerdem: den ganzen Tag nichts als eintönige Knüppelei – stumpfte man da nicht völlig ab? Ich konnte mir nicht helfen: Arbeiten hatte für mich was von moderner Sklaverei. Auch über meinen geplanten Besuch in der Nordstadt quatschten wir. Ich wollte Donnerstag vor Ostern kommen und bis Montag bleiben. Eine Mitfahrgelegenheit hatte ich auch schon: bei Klaus, der über die Feiertage Dienst in der Klinik schob. Zurück musste ich allerdings den Bus nehmen, aber hey: Man konnte nicht alles haben.



Kaum hatten wir aufgelegt, fing ich fieberhaft an zu rechnen: Am Samstag vor genau einer Woche waren wir hierhergezogen, und bis Ostern waren es noch immer fast zwei Wochen – ich hatte also noch nicht mal die Hälfte der Zeit in dieser Einöde hinter mir. Aber selbst wenn die Fahrt schon morgen losgegangen wäre – früher oder später musste ich doch wieder hierher zurück. Es war einfach zum Verzweifeln.

Dieser beschissene Umzug – gab’s wirklich keine Möglichkeit, ihn irgendwie rückgängig zu machen?

 

***

Henri hatte als erster Wind von Mutterns Plänen bekommen. Irgendwann im Februar kam er an und wollte eine Unterhaltung zwischen ihr und Klaus belauscht haben. Darin war es angeblich um einen Hauskauf gegangen, irgendwo in der Pampa. Ich hörte ihm gar nicht richtig zu – bestimmt hatte er wieder irgendwas falsch verstanden und in seinem Schädel durcheinandergequirlt.

An einem Samstag Anfang März gab es das nächste gemeinsame Frühstück. Aber diesmal war die Stimmung anders als an jenem besonderen Morgen vor Weihnachten. Muttern wirkte die ganze Zeit angespannt und nervös. Als ob sie uns etwas ziemlich Schlimmes gestehen müsse.

Und dann kam es: Wir würden aus der Nordstadt wegziehen! Sie hätte ein Reihenhaus gekauft, erzählte sie, irgendwo an der Küste, in einem Kaff namens Schönhagen. Dieselbe Gegend, in der auch Klaus wohnte. Henri und ich mussten nach den Osterferien die Schule wechseln, die Wohnung war bereits gekündigt.

Im ersten Moment dachte ich an einen verfrühten Aprilscherz. Aus der Nordstadt wegziehen? Unsere Wohnung gekündigt? Schule wechseln? Und dann aufs Land, in ein Dorf – waren wir Bauern, oder was? Da wohnte doch kein normaler Mensch! Das war zu verrückt, das konnte einfach nicht stimmen!

Nur sehr langsam wurde mir klar, dass sie es ernst meinte. Es war, als würde eine Bombe platzen. Ein donnernder Knall, eine heftige Druckwelle… und mit einem Mal war ich wie taub. Benommen versuchte ich die Fakten zusammenzuklauben: Haus, Umzug, Schulwechsel… aber es ging nicht, alles zerrann mir sofort wieder zwischen den Fingern. Wie bei einem Schock.

Als ich mich wieder beruhigt hatte und der bitteren Wahrheit ins Auge sehen konnte, packte mich eine Höllenwut. Wenigstens nach unserer Meinung hätte Muttern mal fragen können. Gerade sah ich in der Schule wieder ein bisschen Land. Auch die Panik, wenn ich draußen unterwegs war, hatte deutlich abgenommen. Okay, mit den Kumpels lief es momentan nicht besonders, aber das konnte alles noch werden. Und jetzt das. Aber es war typisch Muttern: Was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, zog sie durch, ohne Rücksicht auf Verluste, knallhart.



Von nun an fuhren sie, Klaus und Henri jeden Nachmittag in dieses ominöse „Haus“, um dort zu arbeiten. Sie tapezierten, strichen Wände, verlegten Teppichböden und so weiter. Immer wieder wollten sie, dass ich mithalf, aber das konnten sie vergessen. Ich schaltete einfach auf Durchzug, fuhr nicht ein einziges Mal mit raus. Die ganze Nummer lief komplett an mir vorbei, ich machte einfach weiter wie bisher.

Die schlechten Nachrichten rissen nicht ab: Eines Nachmittags erzählte mir Hartmann, dass er bei den Renovierungsarbeiten helfen würde. Klaus hatte ihn engagiert, er sollte die Elektrik im „Haus“ auf Vordermann bringen. Ich war platt. Klar konnte ich verstehen, wenn Hartmann sich ein paar Groschen dazuverdienen wollte, aber wieso ausgerechnet beim Gegner? Wieso half er diesen Verrätern, die sich aus der Nordstadt verpissen wollten? Trotzdem sagte ich nichts. Hartmann hätte es eh nicht kapiert. Geld war für ihn Geld, scheißegal wo es herkam.

Von nun an fiel mir der Gang zu Tom noch schwerer. Was konnte ich dort noch gewinnen? In ein paar Wochen waren wir eh weg. Außerdem wurde ich jetzt bei jeder Gelegenheit verarscht: Aufs Dorf musste er, zu den Landeiern – gröl! Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr und blieb nachmittags einfach wieder zu Hause.

Hartmann verhielt sich in dieser Zeit wie ein echter Kumpel. Vielleicht plagte ihn auch ein bisschen das schlechte Gewissen. Jedenfalls schaute er, wenn er abends mit den anderen aus dem „Haus“ zurückkam, oft noch auf ein Stündchen bei mir rein, ehe er zu Tom weiterzog. Wir tranken Bier und schwelgten in Erinnerungen. An die Clique, die Sitzecke hinter der Bahnschiene, den Bunker, die vielen Sachen, die wir zusammen erlebt hatten.

Illusionen machte er mir keine. Dieses Dorf, Schönhagen, war anscheinend ein totales Kaff am hintersten Arsch der Welt. Es würde hart werden. Man merkte, dass er Mitleid mit mir hatte.

Manchmal trafen wir uns abends auch bei ihm. Seine Familie hatte sich total verändert. Hartmanns Vater arbeitete wieder auf der Werft, wie früher. Allerdings lag er nicht mehr schwitzend und keuchend mit einem Schweißgerät unterm Rumpf eines 300-Meter-Tankers, sondern saß gemütlich am Schreibtisch im Konstruktionsbüro – er hatte in Abendseminaren seinen Ingenieur gemacht. Eine krassere Kehrtwende konnte man sich kaum vorstellen – wie hatte der Typ das wohl hingekriegt? Alki war das Letzte, woran man bei ihm jetzt dachte. Frau Hartmann kümmerte sich mittlerweile nur noch um die Familie, ihren Putzjob hatte sie an den Nagel gehängt. Und Bettina, die früher als schwachsinnig gegolten hatte, war von der Sonderschule erst auf die Haupt- und schließlich sogar auf die Realschule gewechselt. Dort gehörte sie wohl zu den Klassenbesten. Nach der Mittleren Reife plante sie ernsthaft noch Abi zu machen.



Es kam der letzte Samstag in der Nordstadt. Hartmann wollte, dass ich abends noch mal mit ihm und den anderen loszog. Die Leute um Tom gingen seit einiger Zeit am Wochenende immer auf Piste. Ihr Lieblingsladen war ein Schuppen in der Jahn-Siedlung, die „Teestube“. Eigentlich war Disse das letzte, worauf ich Bock hatte, aber nachdem Hartmann sich in der letzten Zeit so rührend um mich gekümmert hatte, mochte ich jetzt nicht nein sagen. Also raffte ich mich auf und kam mit.

Zu Fuß war der Weg zu weit, man musste mit dem Bus fahren. Die Teestube, unter der ich mir wunder was vorgestellt hatte, war einfach bloß ein leerer Kellerraum mit nacktem Betonboden. An den Seiten standen simple Schultische, die Wände waren über und über mit Edding vollgekritzelt. Der Lärm in dem Bau war ohrenbetäubend, Quatschen konnte man vergessen. Aber Hartmann und die anderen hotteten sowieso meistens auf der Tanzfläche ab. Ich saß also auf einem der Tische in der Ecke, trank Flens in Serie und wartete, dass die Zeit verging. Irgendwann sah ich Dominik und ein paar andere aus meiner ehemaligen Chaos-Klasse am KBZ hereinkommen – die Rettung! Großes Hallo, Schulterklopfen, Anstoßen. Jetzt wurde es doch noch lustig. Wir leerten erst drinnen einige Biere, dann meinte Zucki, wir sollten rausgehen, er hätte in den Büschen diverse Paletten Karlsquell gebunkert. Wir becherten also im Freien weiter. Bald kamen Hartmann, Piet und Köpke dazu, später noch Tom. Alle verstanden sich super, es herrschte Partystimmung.

An diesem Abend war die Luft total feucht. Obwohl es nicht regnete, fielen dicke Tropfen von den Bäumen. Gleichzeitig war es fast unwirklich warm – zum ersten Mal seit Ewigkeiten erstarrten meine Füße nicht zu Eisblöcken. Ich konnte die Jacke offenlassen, brauchte nicht mal mehr einen Schal – es war kaum zu glauben!

Schwaddi kam angetorkelt, unter der Jacke eine Ladung Außenspiegel. „Frisch gepflückt“, lallte er, ob wir Interesse hätten. Alle grölten los. Er stolperte die Treppe zur Disse runter. Bestimmt würde er drinnen aufs Maul kriegen, spätestens sobald jemand seine eigenen Außenspiegel von ihm kaufen sollte. Aber das war nicht unser Problem. Mittlerweile waren wir alle ziemlich blau. Die Stimmung wurde immer besser.



Ich merkte, dass ich keine Angst mehr hatte. Das permanente Gefühl von Bedrohung, dieser Zwang, die Umgebung im Auge zu behalten, jederzeit auf Ärger vorbereitet zu sein – alles war plötzlich weg. Ich konnte völlig sorglos hier draußen stehen und mit den anderen feiern, fühlte mich einfach nur frei.

Die Rückfahrt in einem gestopft vollen Bus. Überall müde, aber zufriedene Gesichter. Mädels, die bei ihren Typen auf dem Schoß saßen. Leute, die in Grüppchen zusammenstanden und eine letzte Flasche kreisen ließen. Nirgends gab es Stress. Mir war kein Stück schlecht, obwohl ich so viel getrunken hatte.

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