12. Böses Erwachen?

Mittlerweile stand die Sonne schon ziemlich schräg. Wenn die beiden von ihrem Kantstein zu mir hochguckten, mussten sie immer die Augen mit der Hand abschirmen. Das sah anstrengend aus – ob ich mich zu ihnen setzen sollte? Aber dazu konnte ich mich nicht überwinden. Noch vor einer Stunde hatte ich mit den Deppen hier im Ort nichts zu tun haben wollen, und nun hockte ich Seite an Seite mit ihnen und machte auf netter Junge? Nee, lieber nicht.
Ich überlegte: Eigentlich war meine Pflicht erfüllt. Ich hatte mit ihnen gequatscht, und sie wussten jetzt, wer ich war. Alle konnten zufrieden sein, am besten, ich zog jetzt Leine. Was hatte ich hier noch verloren?
Aber irgendetwas hielt mich. Etwas Neues, Ungewohntes. Es fühlte sich gut an, leicht. Noch ein bisschen sollte es weitergehen, ein kleines bisschen. Danach würde ich abhauen und ganz bestimmt nie wiederkommen…
Schließlich gab ich mir einen Ruck und setzte mich, natürlich neben die Süße. Aber ich ließ eine Lücke frei, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Sofort tat mir das wieder leid.
Nach einer Weile sagte sie: „Ich heiß übrigens Kristina.“
Die Blonde beugte sich vor: „Ich bin Maren.“
Ich atmete innerlich auf – anscheinend hatten sie mir die Geste nicht übelgenommen. Vielleicht nicht mal bemerkt, so naiv, wie sie wirkten…
Aber hey: Was sollte das jetzt? Sie stellten sich wie in der Schule vor, einzeln und mit Namen? Das hätte in der Nordstadt im Leben keiner gemacht. Wie die Leute hießen, musste man dort schon selbst rauskriegen.
Wieder Schweigen. Bis bei mir endlich der Groschen fiel: Ich war am Zug! Fast hätte meine Stimme versagt, aber irgendwie bekam ich doch ein heiseres „Hauke“ rausgewürgt. Es war total peinlich.
Ich schluckte, wollte das blöde Gefühl möglichst fix wieder los werden. „Und womit verbringt man hier so seinen Tag, auf dem ‘Dörfli’?“ fragte ich schnell.
„Och, Leute besuchen. Alte Mühle“, meinte die Blonde.
„Im Sommer zum Strand. Oder auf Gut Neudorf arbeiten“, fügte die Süße hinzu.
„Die Jungs sind alle bei der Feuerwehr.“ Wieder die Blonde.
Ich verstand bloß Bahnhof. Strand? Mühle? Und wieso waren die Jungs alle bei der Feuerwehr? Konnte man da Geld verdienen? Und was war dieses „Neudorf“, von dem sie quatschten?
Die beiden lachten los. „Gut Neudorf!“, rief die Blonde. „Das ist ein Öko-Bauernhof. Man kann da mithelfen. Oder einfach hingehen, die Leute besuchen, Tiere angucken.“
Wieder kapierte ich rein gar nichts. Wozu hätte ich auf einem Bauernhof Leute besuchen oder mir Tiere angucken sollen? Und sogar dort mithelfen? Freiwillig? Das klang alles reichlich schräg.
„Und was ist diese Mühle?“, fragte ich. Vielleicht war das Thema ja unkomplizierter.
„Die ‚Alte Mühle’“, erklärte die Süße, „der Jugendtreff. In dem Haus war wirklich mal ne Mühle drin, ne Wassermühle. Hast du bestimmt schon gesehen, im Dorf.“
Ich wusste zwar nicht, was sie meinten, nickte aber trotzdem. Sie brauchten nicht zu wissen, dass ich hier noch rein gar nichts kannte. Okay, die Alte Mühle war etwas Ähnliches wie das AWO-Jugendheim in der Nordstadt. Aber für einen Treff, in dem es ständig Ärger gab, wo man immer mit Kloppe und Randale rechnen musste, schienen mir die Leute hier eindeutig zu brav. Irgendwas passte da nicht zusammen.
„Wo du herkommst, war bestimmt mehr los als hier, oder?“, fragte die Blonde, oder besser: Maren.
Die beiden guckten mich mit großen Augen an, als würden sie jetzt eine spannende Story aus der großen, aufregenden Stadt erwarten. Na gut, dachte ich, dann wollen wir diese Landeier mal ein bisschen beeindrucken. Aber plötzlich sträubte sich etwas in mir: Sollte ich ihnen wirklich einen vom Pferd erzählen, nachdem sie die ganze Zeit so ehrlich zu mir gewesen waren?
Schließlich konnte ich der Versuchung nicht widerstehen – sie wollten es ja so. Ich atmete durch und legte los. Klar war in der Nordstadt alles anders als hier, da herrschte das pralle Leben, irgendwo ging immer was ab, eine Party folgte auf die nächste. Nur eins gab’s dort nie: Langeweile. Ich kam immer mehr in Schwung, fabulierte von wilden Bandenkriegen, Kameradschaft und Zusammenhalt, Freiheit und Abenteuer.
Zwischendurch jagten mir manchmal Bilder der echten Nordstadt durch den Kopf. Wie uns die Solterbeck-Leute gejagt hatten. Wie ich vermöbelt wurde und danach nicht mehr auf die Straße gehen mochte, langsam zum Stubenhocker wurde. Aber davon brauchten die Leute hier nix zu wissen. Lieber alles in den schönsten, grellsten Farben ausmalen, Seemannsgarn spinnen, Nordstadtgarn. Das kam einfach besser.
Die ganze Zeit prüfte ich genauestens die Reaktionen meiner beiden Zuhörerinnen, suchte nach ungläubigen Blicken, spöttisch zuckenden Mundwinkeln. Aber ich entdeckte nichts. Anscheinend nahmen sie mir alles ab, was ich ihnen da erzählte. Mehr noch: Sie waren sichtlich beeindruckt, hingen mir geradezu an den Lippen.
Während meine Märchenstunde langsam ihrem Höhepunkt entgegenging, gesellte sich auch das Pärchen zu uns. Ich war zwar wie wild am Labern und Schwafeln, konnte aber trotzdem die beiden aus den Augenwinkeln beobachten. Der Typ schien schon etwas und erinnerte ein bisschen an den Versicherungsvertreter aus der Werbung: sorgfältig frisierte Locken, adrette Plünnen, dazu ein pausbäckiges, leicht schleimiges Lächeln. Seine Freundin war das perfekte Gegenstück mit ihrem rotwangigen Puppengesicht, in dem etwas Verträumtes und zugleich Hochmütiges lag. Die Prinzessin und ihr Märchenprinz, dachte ich und spürte Verachtung.
Gleichzeitig schrillten sämtliche inneren Alarmglocken: Vor allem die Prinzessin wirkte misstrauisch, sie kaufte mir die ganzen Storys nicht ab und schien auf die nächstbeste Gelegenheit zu warten, um mich zu blamieren, als Aufschneider zu entlarven.
Spätestens jetzt hätte ich eine Pause einlegen und die Lage peilen sollen. Aber es ging nicht. Ich lief mittlerweile auf Hochtouren und konnte nicht mehr aufhören. Als nächstes erzählte ich meinen ahnungslosen Gegenübern, wie wir in der Nordstadt Mofas frisierten. Einige hätten es regelrecht darauf angelegt, neue Rekorde aufzustellen, Schwaddi zum Beispiel, dessen Karre angeblich über 100 Sachen machte. Es hieß, er hätte den Bullen eine wilde Verfolgungsjagd geliefert und sie am Ende mit seiner Möhre abgehängt. In der Nordstadt glaubte keiner diese Geschichte wirklich, trotzdem wurde sie ständig herumerzählt und war immer wieder ein Kracher. So lief das halt bei uns: Man haute auf den Putz, je doller, desto besser.
Nun schaltete sich der Versicherungsvertreter ein: „Hast du eigentlich selbst ein Mofa oder irgendein anderes Zweirad?“ Er sprach sehr freundlich und ruhig – und doch war es mit meinem Höhenflug schlagartig vorbei. Ich dachte noch: „Irgendein anderes ‘Zweirad’, wie klingt das denn?“, dann spürte ich, wie ich abschmierte, jämmerlich zu Boden ging.
Der Kerl hatte mich kalt erwischt. Denn außer meiner Krücke von Fahrrad hatte ich nie ein anderes ‘Zweirad’ besessen, schon gar keins mit Motor. Noch schlimmer: Wenn in der Nordstadt die Schrauber unter uns angefangen hatten, über Ritzel, Krümmer, Kolben, Kupplungen und Pleuel zu palavern, war ich immer abgehauen. Schöner Mist! Der Versicherungsvertreter hatte austesten wollen, ob ich wirklich Bescheid wusste oder bloß auf Dicke Hose machte. Und jetzt hatten wir den Salat, jetzt saß ich richtig in der Scheiße. Verdammt, welcher Teufel hatte mich geritten, mit diesem Thema anzufangen?
Meine beiden Sitzgenossinnen hatten anscheinend nichts mitbekommen, sie warteten gebannt, dass ich weitererzählte. Konnte ich die Sache noch retten? Mir irgendwas aus der Nase leiern, von wegen, ich hätte meine Karre gerade verkauft, oder so ähnlich? Aber wahrscheinlich machte ich damit alles bloß noch schlimmer. Der Versicherungsvertreter würde nachhaken, Details wissen wollen, und dann war ich endgültig geliefert. Es half nichts, ich musste jetzt mit der Wahrheit rausrücken, wohl oder übel. Ende der Veranstaltung.
„Ich hab’ keine Karre“, murmelte ich und glotzte zerknirscht den Boden an. Auf einmal war es totenstill, nur die Vögel sangen ungerührt ihre Lieder weiter. Ich hätte wetten mögen, dass die Prinzessin jetzt überglücklich war. Sie hatte bekommen, was sie wollte: Ich lag im Dreck, war bis auf die Knochen blamiert.
„Ich frag nur, weil“, hörte man wieder die Stimme des Versicherungsvertreters, „ich nämlich ‘nen Roller hab’. Dachte, man könnte zusammen ein bisschen rumfahren.“
Wieder dieser ruhige Tonfall. Tat es ihm auf einmal Leid, mich bloßgestellt zu haben? Sollte das ein Versuch werden, die Wogen wieder zu glätten?
„Äh, mein Name ist übrigens Jürgen.“ Vorsichtig schaute ich nach oben. Er lächelte noch immer sein Vertreterlächeln.
„Und das ist Silke.“ Er wies auf die Prinzessin. Sie lächelte ebenfalls, in ihrem Gesicht keine Spur von Häme. Auch die Mädels auf dem Kantstein sahen mich nach wie vor freundlich und aufmunternd an, als gäbe es nichts, dessen ich mich schämen musste. Hatte ich mich getäuscht, mir alles bloß eingeredet?
Ein Stein fiel mir plötzlich vom Herzen, ein wahrer Koloss. Donnernd und polternd stürzte er in die Tiefe, ich konnte förmlich spüren, wie die Erde unter mir erzitterte…
Nach und nach kam die Unterhaltung wieder in Gang. Ich erfuhr, dass Kristina und Silke Geschwister waren. Silke war ein Jahr jünger. Und tatsächlich: Wenn man genau hinschaute, ähnelten sich die beiden, jedenfalls ein bisschen.
Die Wiese gegenüber, vorhin noch voller Menschen, hatte sich in der Zwischenzeit fast komplett geleert. Nur zwei einsame Gestalten waren übriggeblieben, die jetzt aufstanden und zu uns rüberkamen. Komische Vögel waren das: Der eine sah völlig abgerissen aus, wie ein Penner aus der Nordstadt, nur dass er dafür eigentlich zu jung war. Der andere machte auf Rocker, trug Motorradkleidung mit Nieten und Ketten, war aber ein totaler Hänfling. Beim Näherkommen sah ich außerdem, dass seine Jacke aus Plastik war statt aus Leder. Total peinlich! Als ob ein Revolverheld im Wilden Westen mit Spielzeugpistole rumlaufen würde.
„Hey Micha“, rief Kristina und schaute zu dem Dreckigen hoch. „Habt ihr zu Hause keine Badewanne?“
„Was soll ich mit ner Badewanne? Fische drin schwimmen lassen?“ Dieser Micha war sichtlich genervt, wirkte aber trotzdem nicht aggressiv. Ein bisschen erinnerte er mich an die Kifferfraktion im Bunker.
„Kristina, du bist ganz schön vorlaut mit deinen fünfzehn Jahren“, schaltete sich der Möchtegern-Rocker ein.
Maren konterte: „Und wie alt bist du, Alex, wenn ich fragen darf?“
Der Babyrocker in der Plastikjacke stemmte die Hände in seine schmalen Hüften, als hoffte er, uns damit Respekt einzuflößen. „Siebzehn!“, verkündete er laut.
Uns blieb die Spucke weg. Mit seinem Kindergesicht wirkte er höchstens wie zwölf. Kurzes, überraschtes Schweigen, dann schrien alle gleichzeitig: „Siebzehn?“
„Zeig mal deinen Perso, Alex!“ Kristina streckte die Hand aus und schnippte mit dem Finger. Dieser Alex zeigte ihr einen Vogel.
Eine hitzige Diskussion über Alter und Aussehen entbrannte. Kristina meinte, sie und Silke würden oft für Zwillinge gehalten, manche dachten auch, Silke wäre die Ältere der beiden. Ich erzählte von einem Typen aus der Bunker-Clique, Thomas Zeter, den viele auf 18 schätzten, obwohl er erst 14 war. Auf einmal war ich mittendrin in ihrem Gespräch, als hätte ich immer dazugehört.
Die Abendsonne war jetzt mit uns auf einer Höhe; ihr rötliches Licht ließ Kristinas Pupillen leuchten wie Bernstein. Ich merkte, dass ich ständig hinguckte, konnte aber nichts dagegen machen. Immer wieder wurde mein Blick magisch in ihre Richtung gezogen…
Als die Sonne endgültig hinter den Büschen am Ende des Rasens verschwand, wurde es schnell kalt. Alex und der dreckige Michael verabschiedeten sich. Auch wir machten uns auf den kurzen Rückweg, bei den Mädchen gab es gleich Abendbrot.
„Na, dann bis morgen!“, rief Silke in die Runde, als wir zum Haus der Rönnfelds kamen.
„Wieso bis morgen?“, fragte ich. „Kommt ihr nach dem Essen nicht mehr raus?“
Alle drei Mädchen schüttelten den Kopf.
„So ist das hier auf dem Dörfli“, lachte Kristina, als sie mein belämmertes Gesicht sah. „Wenn’s dunkel wird, müssen die Mädels rein.“
Noch immer dachte ich, die drei wollten mich verschaukeln. Von wegen: Kristina sagte „Tschüss“ und ging ins Haus Nummer 12. Maren war bereits auf der Brentanostraße, sie winkte ein letztes Mal, bevor sie hinter einer Hecke verschwand. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Wir hatten es gerade mal halb acht! Was waren das denn für altmodische Sitten?
Silke und Jürgen betraten ebenfalls den Vorgarten von Nummer 12, blieben dann aber stehen. Was kam jetzt? Anscheinend zelebrieren sie eine Art Abschiedsritual oder so: Sie sahen sich tief in die Augen, dann legte er den Arm um ihre Hüfte, zog sie leicht an sich… auf einmal merkte ich, dass ich störte, und zog bedröppelt von dannen.
Auf dem Sims unserer Haustür linste ich noch mal rüber. Dummerweise verdeckte ein hoher Busch im Vorgarten von Nummer 14 die Sicht. Ich spitzte die Löffel, aber absolut nichts war zu hören. Schließlich gab ich es auf und ging rein.
In meinem Zimmer stank es zur Abwechslung mal nicht nach Qualm und kalter Asche: Ich hatte vorhin vergessen, das Fenster zuzumachen, und jetzt füllte frische, kühle Abendluft den Raum komplett aus. Der intensive Geruch nach Erde und Natur kam mir wie ein Echo dessen vor, was heute passiert war…
Dann fiel mir ein: Wann und wo würde ich das Grüppchen eigentlich wiedersehen? „Bis morgen“, hatte Silke gesagt – das konnte viel bedeuten. Und ob sie sich wieder an der Straßenecke mit dem Zigarettenautomaten trafen, wie vorhin?
Aber hey: War das nicht vollkommen schnuppe?








































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