13. Der nächste Winter

Ein kalter Windstoß reißt mich aus meinen Gedanken, treibt die Erinnerungsbilder fort.

Wo eben am Horizont noch Abendröte leuchtete, sind plötzlich dicke, graue Wolken aufgetaucht. Also kommt sie doch noch, die vorhergesagte Schlechtwetterfront. Schnell wird es dämmrig. Böen fegen heran, wirbeln den Sand auf.

Sabine kramt eine Jacke aus der Tasche und schaut sich nach ihrem Hund um. Vermutlich wird sie jeden Moment aufbrechen…

Dies ist meine letzte Chance. Wenn sie erst weg ist, treffe ich sie niemals wieder, dazu ist die Stadt zu groß, zu anonym. Vielleicht wird es gar nicht so schwer, wie es jetzt noch scheint. An ihr verändertes Äußeres jedenfalls habe ich mich fast schon gewöhnt.

Aber was ist mit mir selbst? Kann ich ihr, so wie ich jetzt bin, überhaupt unter die Augen treten? Haben mich all die Jahre, die ich in meine Karriere investiert habe, nicht noch öder und steriler werden lassen? Wird Sabine in mir nicht exakt den Streber wiedererkennen, den sie schon damals verachtet hat? Einen Typen, der bis spät in die Nacht vorm Rechner sitzt, anstatt zu feiern, zu quatschen, zu flirten, kurz: zu leben?

Jetzt schaut sie auf. Anscheinend hat sie gemerkt, dass jemand sie beobachtet. Natürlich – es ist keine Sonne mehr da, die sie blenden und mir Schutz bieten könnte. Sie hat mich entdeckt. Stirnrunzelnd mustert sie mich und ist sicher genervt über den Kerl, der sie die ganze Zeit anglotzt.

Nein, sie denkt offenbar nach. Mein Anblick muss etwas in ihr ausgelöst haben. Dann dämmert es ihr. Ein Erkennen kristallisiert sich heraus, vermischt mit Zweifel, ungläubigem Staunen…

Plötzlich ertönt vom Wasser her lautes Bellen und Jaulen. Sabines Hund ist mit einem Artgenossen aneinandergeraten. Kämpfend wirbeln die beiden Hundeleiber über den Sand, verkeilen sich ineinander, stürzen. Sabine springt auf, läuft hinunter zum Ufer, klatscht mehrmals in die Hände.

In einem ersten Impuls will ich ihr folgen. Aber ich lasse es bleiben. Paradoxerweise spüre ich Erleichterung. Das Gefühl ist mir bekannt, aus anderen, ähnlichen Situationen. Wieder mal davongekommen. Wieder befreit worden von dem Zwang, sich enttarnen, sichtbar werden zu müssen.

Wieder vergessen worden… wie zuletzt im Büro, während meiner einsamen, nächtlichen Projektsitzungen. Wie in meiner Klause in Kreuzthal. Und wie ganz früher zu Hause, an meinem Homecomputer, in selbst gestellte Aufgaben vertieft.



Mir läuft erneut ein Schauer über den Rücken, und diesmal liegt es nicht am scharfen, stetig auffrischenden Westwind.

Ein einzelner Mensch, durchs All treibend, gefangen im Nichts… so bin ich aufgewachsen. Mein Zuhause war ein luftleerer Raum. Es gab Strukturen, Pläne, die ich zu befolgen hatte, die mein Leben einteilten. Aber es gab keine Nähe, keinen Austausch. Bei mir nicht und genauso wenig bei den anderen Kindern im Viertel, in der Schule. Allenfalls waren wir Dekorationsstücke gewesen. Leere Gefäße, in die die Erwachsenen ihre eigenen Leistungsansprüche, ihren persönlichen Ehrgeiz schütten konnten. Wenn wir diesen Zweck nicht oder nicht mehr erfüllten, verschwanden wir vom Radarschirm, wurden schlicht vergessen. Von unseren Eltern und auch vom Rest der Welt. Keiner bemerkte unser Verschwinden. Nichts fehlte.

Diese Bezugslosigkeit, diese Leere und Kälte – das scheint sich auszubreiten, es ist ein Zeichen dieser Zeit. Und doch gibt es Menschen, die anders sind. Die Kinder in der Jahn-Siedlung. Meine Kommilitonen in Mittenwerda, Rico, Christoph, René, Katja und ihre Schwester…

Das Händeklatschen ist wieder zu hören. Sabine macht sich auf den Weg. Ich sehe sie am Wasser entlang stromabwärts gehen, ihren bellenden Hund auf den Fersen. Ein letztes Mal bleibt sie stehen, schaut zurück, sucht die Stelle, an der sie gesessen und vielleicht denselben Erinnerungen nachgehangen hat wie ich. Sie hebt den Arm, offenbar um ihre Augen vor dem aufwirbelnden Sand schützen. Oder ist es ein Winken? Will sie, dass ich mitkomme?

Nun läuft sie, läuft über die windgepeitschte Sandfläche dem Wetter entgegen. Vor den dunklen Wolken wirkt sie wieder ganz wie die junge, unbändige Frau, die ich gekannt habe.

Bald sind sie und ihr Hund nur noch kleine Punkte. Außer mir ist jetzt keiner mehr hier, ich bin wieder allein. Allein in meinem Raumschiff, das ich niemals wirklich verlassen habe. Immer hatte ich eine Ausrede parat, um passiv bleiben zu dürfen, nicht ins Geschehen eingreifen zu müssen. Dass es Wichtigeres zu tun gäbe, „Höheres“. Dass eine günstigere Gelegenheit kommen wird. Dass ich noch so viel Zeit habe. Und so verstreicht eine Chance nach der anderen ungenutzt. Soll es immer so weitergehen?



Der nächste Winter – da kommt er. Regen und Sturm tragen ihn unaufhaltsam heran. Aber am Horizont sind nach wie vor die beiden Punkte zu sehen. Noch kann ich hinterherlaufen, noch kann ich sie erreichen. Ich habe es in der Hand.

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