19. Alles komplett verwandelt

Als der Kuchen verdrückt war, latschten wir zu den Rädern zurück. Auf dem Platz hatte sich in der Zwischenzeit eine Blaskapelle aufgebaut und sorgte für Stimmung. Die Leute klatschten begeistert mit, einige Opas bearbeiteten mit ihren Gehstöcken das Pflaster. Wir schwangen uns auf die Drahtesel und flüchteten. Ein hölzerner Wegweiser zeigte an, wo es zu den Salzwiesen ging.
Bald hatten wir den Trubel rund ums Ferienzentrum hinter uns gelassen. Es wurde sehr still, außer dem Krächzen einiger Wasservögel waren nun keine Geräusche mehr zu hören. Das flache, von Gräben und Sielen durchzogene Land ließ sich kilometerweit überblicken. Am Horizont erkannte man die grüne Linie des Seedeichs.
Eine ganze Weile schien es, als würden wir uns kaum vom Fleck bewegen. Wir fuhren und fuhren, aber der Deich blieb wie eingefroren am Horizont, ließ uns einfach nicht herankommen. Allerdings täuschte das; nach einiger Zeit standen wir doch vor dem steilen Graswall. Aus der Nähe sah man, wie zerzaust er war; wahrscheinlich hatte er schon unzählige schwere Wetter überstehen müssen. Weiter hinten verlief die Bundesstraße. Die Wiesen zwischen ihr und dem Deich waren durchzogen von Fahrspuren, allerdings parkten nirgends Autos. Ein Café gegenüber der Deichtreppe war geschlossen, im dunklen Innenraum sah man die Stühle auf den Tischen stehen. Auch einen Kiosk gab es, dessen Rollläden aber herabgelassen waren. Alles lag noch im tiefsten Winterschlaf, trotzdem glaubte man bereits die Atmosphäre von Urlaub, Sommerfrische und Menschentrubel zu spüren, die demnächst hier Einzug halten würde.
Wir bräuchten die Räder nicht abzuschließen, meinte Henri, hier würde keiner klauen. Im ersten Moment kam mir diese Behauptung völlig naiv und dämlich vor. Dann fragte ich mich, ob es vielleicht doch stimmte. Jedenfalls ließen er und Muttern ihre Fahrräder einfach stehen und gingen die Treppe hoch. Ich gab mir einen Ruck und folgte ihnen.
Langsam tauchte die See hinter dem Deich auf. Sie war fast spiegelglatt, der Wind hatte sich völlig gelegt. Auf der Wasserseite fiel der Deich sanft ab und endete unten in einem schmalen Dünengürtel. Als wir schließlich auf den Strand kamen, blieb Muttern stehen – sie wolle einen Moment für sich sein und die Ruhe genießen, meinte sie. Henri und ich gingen runter ans Wasser und spielten unser altes Wettspiel: Steine springen lassen. Wessen Stein machte mehr Hüpfer? Eigentlich ja eher ein Spiel für Seen oder Teiche, aber die Wellen waren so flach, dass es auch hier funktionierte. Wie immer gewann Henri – er war bei solchen Sachen einfach der Geschicktere. Bald hatte er keine Lust mehr und ging zurück zu Muttern. Ich wollte die Schmach nicht auf mir sitzen lassen, suchte konzentriert den Sand nach geeigneten Steinen ab. Möglichst glatt mussten sie sein…
Irgendwas ließ mich hochschauen. Von der See her zog langsam die Dämmerung auf, alles begann sich tiefblau einzufärben. Das Geräusch eines Bootsmotors ertönte, ein gleichförmiges Tuckern, das über die blanke, leere See geisterte. Sicher ein Fischkutter, der gerade hinausfuhr. Die Trennlinie zwischen Himmel und Wasserspiegel ließ sich mittlerweile kaum noch ausmachen.
Und wieder spürte ich diese gespannte, prickelnde Vorfreude, so stark, dass ich es fast nicht mehr aushielt. Etwas würde passieren, und zwar bald. Etwas, das ich mir schon so lange wünschte. Vor meinem inneren Auge formten sich Bilder, undeutliche Szenen und Ankündigungen. Aber wenn ich sie greifen wollte, zerliefen sie wieder, und nur rätselhaftes Flimmern blieb zurück…
„Wir wollen los, Hauke!“, hörte ich Muttern rufen. Seufzend drehte ich mich vom Wasser weg und folgte den beiden.
Unsere Räder, obwohl nicht abgeschlossen, standen tatsächlich noch wohlbehalten an der Treppe – kaum zu glauben! Und weiter ging die Fahrt. Landeinwärts war von Dämmerung noch nichts zu merken, im Gegenteil: Gerade lösten sich die letzten Wolkenschleier auf, die Sonne kam heraus. Man spürte deutlich die Wärme, die von ihr ausging. Hinter den Salzwiesen nahmen wir nicht den Weg zum Ferienzentrum, obwohl wir von dort gekommen waren, sondern fuhren direkt auf den Wald zu. Bald merkte ich: Es war dieselbe Strecke wie beim Ausflug nach Gut Neudorf und der dämlichen Nummer mit dem Stacheldraht. Ewigkeiten schien das her zu sein – die Wunde war inzwischen fast abgeheilt, nicht mal ein Pflaster klebte ich noch drauf.
Auch die winterliche Stimmung von damals war passé, jetzt schickte eine frühlingshafte Sonne ihre Strahlen durchs Geäst. Ein zauberhaftes Lichtspiel entstand, ein Funkeln und Flirren wie von tausend Diamanten. Ich suchte nach dem mysteriösen Haus, das ich irgendwo auf dieser Höhe zwischen den Bäumen gesehen hatte, wollte es unbedingt wiederfinden… als mir plötzlich ein zartgrüner Schleier auffiel, der ringsherum auf den Baumkronen lag. Überall hatte er sich ausgebreitet, von den Sträuchern am Wegrand bis tief hinein in die Waldwildnis. Auch am Boden ließ sich an vielen Stellen erstes, zaghaftes Grün erkennen. War das beim Start heute Mittag auch schon so gewesen? Das Wäldchen vorm Abzweig zum Gut – ich hätte schwören können, dass dort vorhin alles noch kahl gewesen war. Hatte die Natur auf einmal zu sprießen angefangen? War das möglich, in so kurzer Zeit? Konnte man den Pflanzen sozusagen beim Wachsen zuschauen?
Der Wegweiser nach Neuschönhagen zog vorüber. Dann war ich schon zu weit, von hier aus ließ sich das geheimnisvolle Haus ganz sicher nicht mehr entdecken. Aber ich nahm mir vor, irgendwann zurückzukommen und von neuem zu suchen.
Kurz darauf endete der Wald, wir fuhren in den abendlichen Sonnenschein hinaus. Die Luft schien jetzt sogar noch milder geworden zu sein. Zurück im Dorf fanden wir die Straßen deutlich belebter vor als mittags beim Start. Es ging an der Kirche vorbei, dann durch den kleinen Brook hinterm Friedhof. Am Mühlenteich konnten wir nur noch Schritttempo fahren, weil so viele Spaziergänger unterwegs waren. Die schmale Holzbrücke über den Mühlenbach zwang uns endgültig zum Absteigen und Schieben. Ständig wurden wir nun gegrüßt. Muttern grüßte jedes Mal freundlich zurück, Henri und ich glotzten bloß und sagten nie etwas.
Erst an der Grünen Insel war wieder genug Platz zum Fahren. Vor der Eisdiele hatte sich eine Schlange gebildet. Ein paar der Wartenden kannte ich vom Sehen, aber aus der Clique war niemand dabei. Auf einmal zog etwas mich regelrecht vorwärts; Muttern und Henri konnten mir bald kaum noch folgen. Je näher wir unserer Siedlung kamen, desto aufgeregter wurde ich. Das Rätsel schien kurz vor seiner Auflösung. Ich erreichte den Achterkamp, bog in die Kleiststraße, schaute sofort zum Telefonkasten… da waren sie: Silke, Jürgen, Kristina, Bernd und Maren, alle komplett versammelt. Wie sie es bei unserem letzten Treffen verabredet hatten.
Eine Art Blitz leuchtete plötzlich in mir auf; einen winzigen Augenblick meinte ich zu erkennen, wie alles zusammenhing: dieser besondere Morgen kurz vor Weihnachten, die erste Begegnung hier in Schönhagen, mein gestriger Marsch, schließlich die wirren Bilder eben am Strand, bei denen irgendwie der Schluss fehlte… und jetzt stand dort diese kleine Gruppe.
Ich bremste und machte bei ihnen halt, grüßte vorsichtig in die Runde. Sogar ein zaghaftes Lächeln bekam ich zustande. Als mir klar wurde, dass ich von meinem Fahrradsattel quasi auf sie herunterschaute, stieg ich rasch ab. Es sollte anders laufen als bisher, das hatte ich mir fest vorgenommen.
Sie waren überrascht, hatten erst morgen mit mir gerechnet, aber sie schienen sich doch zu freuen. Bernd patschte mir auf die Schulter, Jürgen drückte mir die Hand. Ich musste erklären, warum ich bereits wieder hier war, und gab meine Story von der günstigen Mitfahrgelegenheit zum Besten. Dann berichtete Bernd von seiner Shopping-Tour am letzten Donnerstag, nachdem er mich unterwegs in der Nordstadt abgesetzt hatte. „Die üblichen Ostergeschenke halt“, meinte er. Aber er hatte wohl auch ein paar Scheiben zu richtig guten Preisen erstanden. Jürgen erzählte von einem Umtrunk, den es am Karfreitag auf der Feuerwache gegeben hatte. Am Schluss sei die komplette Mannschaft besoffen gewesen, behauptete er, bei Feueralarm hätte niemand mehr löschen können. Alle lachten.
Wieder fragte ich mich, was ich eigentlich an Jürgen fand. In der Nordstadt wäre er die totale Hassfigur gewesen, man hätte sich dort mit ihm nicht blicken lassen dürfen. Stand auf Uniformen und Dienstgrade, lächelte die ganze Zeit wie ein Verkäufer. Aber ich konnte mir nicht helfen – irgendwas hatte er. Wie er mich beim zweiten Treffen wieder in die Runde geholt hatte – in der Nordstadt wäre das nie und nimmer so gelaufen, dort musste jeder selbst sehen, wie er klarkam. Aber Jürgen achtete darauf, dass keiner zurückblieb, er fühlte sich in gewisser Weise verantwortlich für die Gruppe. Verantwortungsgefühl – in der Nordstadt war das ein Schimpfwort, man dachte dabei an Streber und Schleimer. Wobei ich gerade nicht mehr so richtig wusste, weshalb.
Ob ich während der Kradfahrt sehr gelitten hätte, fragte Kristina mit gespielter Besorgnis – und bedachte Bernd, der neben ihr stand, mit einem hämisches Grinsen. Natürlich kapierte ich, worauf sie hinauswollte: Bernds Fahrstil war berüchtigt. Aber aus irgendeinem Grund wollte ich das Spiel nicht mitspielen: „Ja, unter der Kälte“, meinte ich. Froh über diesen Einfall erzählte ich, wie derbe ich in meiner dünnen Jeans auf dem Sozius geschlottert hatte. Daraufhin schimpften wir einmütig über das miese Wetter der letzten Tage. Und freuten uns, dass nun endlich wieder die Sonne schien.
Erst jetzt sah ich, dass Bernd seinen Arm um Kristinas Hüfte gelegt hatte. Nanu, waren die beiden wieder zusammen? Als wollte sie alle Unklarheiten endgültig ausräumen, schmiegte sich Kristina an seine Schulter. Guck einer an, dachte ich. Aber es machte mir nichts aus, komischerweise.
Silke war ganz anders als bisher, keine Spur mehr von Hochnäsigkeit oder Heimtücke. Sie verwickelte mich andauernd in Gespräche, fragte Sachen, scherzte mit mir herum. Und merkwürdig: Statt zu Kristina, wie bisher, wurden meine Blicke nun ständig zu ihr gezogen. Die roten Wangen, ihre Sommersprossen, die langen Wimpern – all das hatte so gar nichts Künstliches, Puppenhaftes mehr, ganz im Gegenteil: Auf einmal fand ich Silke richtig hübsch. Dazu ihre Figur, die üppigen Formen, der volle Busen, der sich, ob gewollt oder nicht, beim Reden immer wieder leicht gegen mich drückte. Ich ließ es geschehen, genoss es sogar – und hoffte die ganze Zeit, dass Jürgen nichts merkte…
Aber der war gerade eifrig mit Maren am Diskutieren. Es ging darum, ob Frauen bei der Feuerwehr und in der Armee die Chance haben sollten, rangmäßig aufzusteigen und möglicherweise sogar Männer zu kommandieren. Für Jürgen war so etwas völlig ausgeschlossen, Maren sah das anders. Das Thema schien ihr wichtig zu sein, sie wirkte ziemlich aufgewühlt. Trotzdem versuchte sie fair zu bleiben, ließ Jürgen ausreden, war neugierig auf seine Argumente und ging, obwohl komplett anderer Meinung, immer darauf ein.
Was für eine komische Art, sich zu streiten! Diskutieren – das war doch im Grunde wie Prügeln, nur halt mit Worten. Aufs Gewinnen kam es an, dafür waren sämtliche Mittel recht. Umgekehrt musste man mit allen Gemeinheiten rechnen, durfte den Gegner nicht so naiv und gutherzig anglotzen, wie Maren es gerade machte. In der Nordstadt hätte sie keine Chance gehabt, sie wäre dort gnadenlos niedergemacht worden.
Oder nicht? Irgendetwas Überlegenes, Souveränes war an ihr. Sie ließ sich kein Stück beirren und von ihren Gedanken abbringen. Und obwohl sie nie laut wurde, hatten ihre Worte Nachdruck. Vielleicht lag es an diesem Blick: angstfrei, klar – jedes rechthaberische Gelaber musste daran abprallen. Am KBZ hatten einige Mädchen beim Streiten auch so geguckt. Manchmal war sogar ein Hauch von Verachtung dabei gewesen, nach dem Motto: Dein großkotziges Getue kannst du dir sparen, das zieht bei mir nicht. Und tatsächlich hatten sie sich nie einschüchtern lassen, mochten sie auch körperlich unterlegen gewesen sein.
Für Hartmann und mich war bei solchen Mädchen der Fall immer klar gewesen: alles eingebildete Schnallen. Tussis, die sich bloß wichtigmachen wollten und glaubten, sie wären was Besseres. Aber so kam es mir auf einmal nicht mehr vor. Bei Maren wirkte es eher wie… eine Art innerer Gewissheit, die klügeren Argumente zu haben. Ja, das war es: Sie wusste, dass ihre Sichtweise schlauer war, zu Ende gedacht. Frauen mochten ja häufig nicht athletisch genug sein, um bestimmte Jobs bei der Freiwilligen Feuerwehr zu erledigen – aber immer stimmte das halt nicht. Auch mir wären einige Mädels mit ausreichend Knööf eingefallen, um eine Feuerspritze zu halten. Man merkte, dass Jürgen vor allem nichts verändern wollte. Alles sollte bitteschön bleiben wie es war.
Wie cool Maren das durchschaute – ich war unwillkürlich beeindruckt, spürte fast etwas wie Respekt. Und das ausgerechnet bei Maren, die ich nie für voll genommen, immer für das dämliche Provinzmädel schlechthin gehalten hatte! Aber sie kam mir plötzlich völlig verwandelt vor. Sie und auch die anderen und überhaupt alles hier – es war schon verrückt…
Abrupte Aufbruchstimmung riss mich aus meinen Gedanken. Die Mädchen mussten los. Ein großes Durcheinanderreden und Verabschieden begann – kurz darauf waren sie weg. Bernd, Jürgen und ich standen zunächst etwas ratlos herum. Unsere Stimmung war jetzt deutlich gedämpft. Ich rechnete damit, dass die zwei ebenfalls bald die Biege machen würden.
Aber irgendwie schaffte ich es, sie zum Bleiben zu Bewegen. Das Gespräch kam wieder in Gang, wir quatschten und laberten noch endlos, wurden es einfach nicht müde. Ich war den beiden regelrecht dankbar, dass sie nicht abhauten, sondern mit mir zusammen hier draußen ausharrten. So blieb ein Stück der guten Stimmung erhalten, die vorhin mit den Mädchen geherrscht hatte. Am liebsten hätte ich das Ende des Abends noch ewig hinausgezögert.
Schließlich mussten wir aber doch kapitulieren vor Dunkelheit und Kälte. Ich ging rein und holte den Garagenschlüssel. Als ich mein Rad untergestellt hatte und den Heimweg antrat, war ich definitiv der Letzte auf der Straße. Im Haus Nr. 12 war das Küchenfenster erleuchtet, aber ich sah weder Silke noch Kristina. Da war nur die Mutter, Frau Rönnfeld, die Geschirr in den Schrank räumte. Nebenan bei Stützers war schon alles dunkel.
Noch sehr lange saß ich in meinem Zimmer und ließ die Bilder des Abends an mir vorüberziehen. Die Leute, wie sie am Telefonkasten zusammenstanden, ihre nette Begrüßung. Bernd und Kristina, Arm in Arm. Silkes unerwartete Herzlichkeit. Marens offener, selbstbewusster Blick während ihres kleinen Streits mit Jürgen.
Dann fiel mir ein, dass ich gar nicht bei Hartmann angerufen hatte, anders als versprochen. Mittlerweile hatte ich doch ein schlechtes Gewissen, so Hals über Kopf aus der Nordstadt getürmt zu sein. Hatte ich Tom und die anderen nicht sitzen gelassen, gerade als es losgehen sollte mit der Schlägerei? Waren sie jetzt sauer auf mich? Ich musste das klären, und zwar so schnell wie möglich!
Gleichzeitig merkte ich, dass mir überhaupt nicht mehr danach war, mit Hartmann über die Hawks und Ähnliches zu quatschen. Dieses ständige Gerede über Kloppereien und Saufgelage – ich konnte es einfach nicht mehr hören.









































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