21. Die Clique

Mittlerweile waren auch Alex und Micha da. Die beiden hatten sich hinter dem DJ-Pult postiert und sorgten für Stimmung. Ihre Köpfe nickten im Takt, ab und zu hielten sie sich den Kopfhörer ans Ohr. Es sah richtig professionell aus, was sie da trieben, und es hörte sich auch so an. Das Auflegen von Musik beherrschten sie um Längen besser als das Selbstmachen.
„Wo habt ihr eure Mädels gelassen?“, rief Udo vom Tresen zu uns herüber. „Sind die noch beim Training?“ Die Mädchen spielten Volleyball im örtlichen Verein, dem TSV Schönhagen. Sie waren gerade Tabellenletzte und mussten ordentlich rackern.
„Jepp!“, brüllte Bernd über den Lärm zurück. „Kommen aber gleich!“
Ein Schauer zog bei diesen Worten über mich hinweg und hinterließ angenehmes Prickeln. Auf einmal war diese gespannte Erwartung wieder da, als würde demnächst etwas Besonderes passieren, etwas, das alles änderte…
Kurz darauf erkannte ich im Halbdunkel zwei Gestalten, die sich ihren Weg durch die Menge bahnten: Kristina und Maren. Sie stoppten am Tresen, um Doris und Udo zu begrüßen, dann schlängelten sie sich weiter zwischen sitzenden und stehenden Leibern hindurch in unsere Richtung. Komisch, weshalb war Silke nicht bei ihnen?
„Na, fertig?“, fragte Bernd, als die beiden bei uns angekommen waren.
„Kann man wohl sagen“, stöhnte Kristina mit Leidensmiene. „War voll anstrengend – Konditionstraining! Unser Trainer meinte, wir müssten endlich mal wieder gewinnen.“
Bernd zog sie zu sich aufs Sofa, nahm sie in den Arm. Mittlerweile wusste ich, dass er vor einem Monat Schluss mit ihr gemacht hatte, wegen ihrer ständigen Fremdgeherei. Kürzlich hatte er sich eines Besseren besonnen, seitdem waren die beiden wieder fest zusammen.
„Silke hatte Streit mit Mama“, meinte Kristina zu Jürgen, „sie darf nicht mehr raus.“ Jürgen verdrehte die Augen. Offenbar kannte er das schon.
Ich zwang mich, mal hierhin, mal dorthin zu schauen, desinteressiert zu wirken. Und doch wurde mein Blick immer wieder magisch zu den Mädchen gezogen. Als ich mich dagegen wehrte, wanderten meine Augen nur umso hektischer hin und her. Bei einem Irren konnte es nicht viel anders aussehen.
„Der Regen hat aufgehört“, sagte Maren. „Wollen wir nicht rausgehen, zur Eisdiele zum Beispiel?“ Sie sprach sehr ruhig, fast leise, trotzdem schien ihre Stimme den Lärm im Saal mühelos zu übertönen.
Alle waren einverstanden. Bernd verabschiedete sich von seinen Kumpels am Tresen, dann gingen wir los. Draußen war es erstaunlich warm, fast schwül, wie im Sommer. Eine Brise war aufgekommen und hatte die Straßen trockengepustet, aber noch immer zogen dunkle, schwere Regenwolken über den Himmel. Ich bummelte, irgendetwas in mir hatte es auf einmal nicht eilig. Unter den Bäumen auf der Grünen Insel machte ich halt. Wie grün und voll die Baumkronen geworden waren – die Natur schien in den letzten Tagen regelrecht explodiert zu sein. Es roch nass und frisch. Ein Windstoß ging nun durch das Blätterwerk und schickte einen Schwung kalter Tropfen herab.
An der Eisdiele waren die anderen gerade dabei, sich aufzuteilen: Jürgen, Kristina und Bernd würden drinnen Eis kaufen, derweil sollten Maren und ich am Mühlenteich einen Platz für uns besetzen. Eigentlich passte mir das nicht; ich wäre lieber mit reingegangen.
Als wir zum Teich kamen, wurde tatsächlich gerade eine Bank frei. Wir setzten uns – maximal weit auseinander, so kam es mir vor. Zäh verronnen die Minuten; ich sehnte die Rückkehr der anderen regelrecht herbei. Endlich kamen sie mit dem Eis. Bernd tat einen theatralischen Seufzer der Erschöpfung und ließ sich zwischen Maren und mich auf die Bank fallen, sehr nahe bei ihr, eigentlich fast auf ihren Schoß. Sie blickte ihn mit gespielter Verwunderung an, schmunzelte, begann zu lächeln.
Aus irgendeinem Grund fiel mir auf, dass ihre Mundwinkel sich dabei nach unten zogen, nicht nach oben. Auf den Wangen bildeten sich Grübchen, die etwas zu große Nase trat noch deutlicher hervor, was irgendwie kindlich wirkte, niedlich. Es passte überhaupt nicht zum Rest des Gesichts mit seinen feingliedrigen Zügen: der schmalen Stirn, den kleinen Ohren und vor allem den tropfenförmig geschnittenen Augen.
Komisch, dass ich das alles so deutlich erkannte. Normalerweise hatte ich für solche Sachen überhaupt keinen Blick.
Sie trug wieder diesen roten Rock, wie am Ostersonntag. Nur entpuppte der sich jetzt als Kleid, über das sie beim letzten Mal ein Sweatshirt gezogen hatte. Und ihr Haar war heute nicht offen, sondern hochgesteckt – auf einmal sah man, wie schlank der Hals war und wie schmal der Nacken. Auch ein silbernes Kettchen fiel mir auf; leider war ich zu weit weg, um den Anhänger zu erkennen, der auf dem roten Stoff des Kleides lag.
Die Welt schien unmerklich in eine Art Zeitlupe übergetreten zu sein – wie ein Bild stand Marens Profil vor mir. Und obwohl ich sie nur betrachtete, schien ich sie doch zu betasten und zu befühlen. Jede dieser vermeintlichen Berührungen ging mir durch und durch – es war wie eine heiße Flüssigkeit, ein süßer Likör, der meine Kehle hinabrann und sich allmählich in mir ausbreitete.
Ihr Mund hatte eine ganz seltsame Form: Zu den Winkeln hin machte er einen Knick nach unten. Die Unterlippe war dicker als die Oberlippe, was an ein schmollendes Kind erinnerte. Endlich fiel das Licht günstig auf ihre Augen: Sie waren nicht blau, wie gedacht, sondern – grün. Es gab keinen Zweifel: Ihre Augen waren leuchtend grün. Blondes Haar und grüne Augen – was für eine Kombination! Ich hatte das noch nie gesehen, es war völlig elektrisierend…
Leider blieben wir nicht mehr lange auf unserer Bank am See. Viel zu schnell rückte die Abendbrotzeit heran, und wir mussten in die Siedlung zurückgehen. Zu Hause saß ich wie verzaubert in meinem Sessel. Marens Bild stand so intensiv und klar vor mir, als wäre sie immer noch anwesend. Das blonde, hochgesteckte Haar. Der schmale Nacken mit dem Silberkettchen. Der Schmollmund. Und vor allem diese grünen Augen…
War es gut, was da gerade mit mir passierte? Weshalb ausgerechnet Maren? Durfte ich das?
Aber kaum stellte ich mir diese Frage, durchlief mich jedes Mal ein Schauer. Etwas in mir lachte auf, verwirrt und zugleich befreit.
***
Ich saß beim dreckigen Michael im Keller, wie so oft in letzter Zeit. Gerade baute Schohl einen Joint zusammen. Alex und Micha glotzten ihn mit Telleraugen an, schienen es kaum abwarten zu können, bis das Ding endlich die Runde machte.
Körperlich war ich anwesend, das schon, aber mit den Gedanken hing ich noch komplett in der Schule. Heute war irgendwie der Wurm drin gewesen, nichts hatte geklappt…
Als erstes hatte ich morgens den Bus nach Eckhorst verpasst. Mit Muttern zu fahren war momentan leider nicht drin – sie kloppte ihre Überstunden zurzeit in der Früh statt abends und brach immer schon um halb fünf auf. Geschlagene 45 Minuten musste ich zu Hause rumhängen, ehe endlich der nächste Bus kam. Bei meiner Ankunft in der Schule war die erste Stunde so gut wie vorbei. Englisch, bei Wahlstedt, ausgerechnet! Prompt gab es den ersten Anraunzer.
Aber es sollte noch dicker kommen: Nach Englisch hatten wir Sport, ebenfalls bei Wahlstedt. In der Umkleide stellte sich heraus, dass meine Sportklamotten leider noch zu Hause lagen. Jetzt war die Wurst warm: Das berüchtigte rote Büchlein wurde gezückt und ein Vermerk eingetragen.
Warum lieferte ich dem Kerl andauernd neue Munition? Er hatte mich eh auf dem Kieker. Nahm mich ständig dran, prüfte meine Hausaufgaben jedes Mal haarklein, ließ mir keine Ruhe. Wahrscheinlich wollte er mir Zucht und Ordnung beibringen. Er war früher Zeitsoldat gewesen, bei der Marine. Das merkte man noch immer deutlich.
Im Sportunterricht ließ er so richtig den Nazi raus. Zum Beispiel mussten wir Völkerball immer mit einem Medizinball spielen. Auch für das heutige Kastenturnen hatte er sich was Nettes überlegt: Nur wer die jeweilige Übung schaffte, durfte auf der anderen Seite bleiben, der Rest musste immer wieder anrennen. Es gab üble Stürze mit Prellungen, Nasenbluten und so weiter. Das Heftigste aber war, dass niemand aufmuckte. Alle spielten das miese Spiel mit, auch die, die es bis zum Schluss nicht schafften und total blamiert dastanden. Ich zähle nie zu diesen armen Würsten, aber das war reines Glück und garantiert kein Können – Sport hatte ich immer gehasst wie kaum irgendwas.
Am KBZ wäre so eine Nummer komplett anders gelaufen. Wir hätten uns extra dämlich angestellt, wären vor dem Kasten stehengeblieben oder daran vorbeigestolpert. Ein Pauker wie Wahlstedt hätte bei uns keine Sonne gesehen, den hätten wir mürbe gemacht. Das konnte man am Wilhelm-Gymnasium leider vergessen, so kindisch und zurückgeblieben, wie hier alle waren.
In meiner Klasse gab es eine einzige Person, die man ernst nehmen konnte: Juliane, eine Sitzenbleiberin. Sie und ich waren die auch einzigen Raucher bei uns. Obwohl wir beide schon 16 waren, durften wir nicht in den Raucherraum – der war ausnahmslos der Oberstufe vorbehalten. Wir mussten uns wie Minderjährige illegal vom Schulgelände verdrücken, um eine durchzuziehen.
Wenigstens hatte ich mich mittlerweile bei Hartmann gemeldet. Er würde Pfingsten nach Schönhagen kommen. Die große Keilerei am Ostersamstag war ziemlich schnell wieder vorbei gewesen: Alle hatten sich verbrüdert und dann bei Tom das große Besäufnis abgehalten, auf das Hartmann so scharf gewesen war.
Je länger ich in diesem finsteren Keller hockte, desto trübsinniger wurde ich. Komisch eigentlich, denn im Grunde war es hier doch wie früher im Bunker oder in unserer Sitzecke hinter der Bahnschiene: Wir saßen auf alten Matratzen, hatten die Musik aufgerissen und gleich würde ein Joint zwischen uns kreisen.
Aber eigentlich war es völlig anders. Überall blitzte der Reichtum hervor. Michas Stereoanlage war noch fetter, noch teurer als die von Bernd. Daneben stand seine neue PA mitsamt Mischpult. Weiter hinten nahm das Schlagzeug einen großen Teil des Raumes ein. Und so weiter und so fort. Allein dieser riesige Keller wäre in der Nordstadt, wo alle in Wohnungen lebten, undenkbar gewesen.
Alex, Micha und Schohl nahmen den ganzen Luxus wie selbstverständlich hin. Mittlerweile hatte ich kapiert, dass Dinge wie dieser siffige Keller, ihr Outfit oder das Dope rauchen für sie nur Oberfläche waren, Firnis. In ein paar Jahren würden sie in die Fußstapfen ihrer Alten treten: Abi machen, studieren, anschließend ein toller Job mit viel Kohle und so. Ich dagegen würde immer der abgerissene Loser bleiben, der ich jetzt schon war.
Abgerissen – das traf es. Der Monat war gerade mal zur Hälfte rum, und mir drohte bereits die Kohle auszugehen. Aber bei Micha gab’s ja alles gratis: Kippen, Bier und Dope. Wahrscheinlich war das der Hauptgrund, weshalb ich jeden Tag wieder hier angetrottet kam wie ein Esel.
Weshalb raffte ich mich nicht endlich mal auf und verdiente selbst ein bisschen Kohle? Die Leute aus der Alten Mühle beispielsweise schufteten momentan allesamt auf Gut Neudorf. Sie pflückten Unkraut auf den Gemüseäckern, halfen beim Spargelstechen und solches Zeugs. Das lief hier angeblich jedes Jahr so, war eine Art Tradition. Ursprünglich hatte alles mal mit einem von Doris und Udo initiierten Projekt begonnen: „Arbeiten auf einem Bauernhof in der Region“. Die beiden hatten früher selbst auf dem Gut gewohnt. Aber nach und nach war daraus etwas Regelmäßiges geworden. Inzwischen gehörte das alljährliche Helfen für viele einfach dazu, vergleichbar mit der Freiwilligen Feuerwehr.
Ich hatte tatsächlich überlegt, mir die Sache mal anzuschauen. Zum Aufbessern meines Taschengelds wäre es vielleicht okay gewesen. Aber dann hatte ich es doch bleiben lassen. Die Aussicht, auf einem Acker unter sengender Sonne knüppeln zu müssen, war nicht gerade traumhaft. Außerdem hatte ich unsere Wanderung zum Gut noch in lebhafter Erinnerung: Diese ganzen Ökotypen dort – von denen wollte ich mich auf gar keinen Fall rumkommandieren lassen.
Endlich war es soweit: Der Joint wurde feierlich angezündet. Schwerer, würziger Qualm zog durch die Luft, breitete sich langsam aus. Und oben in der Küche arbeitete Michas Mutter. Merkte sie nicht, was ihr Sohn hier unten trieb? Oder hatte sie es längst gerafft, aber kapituliert?
Auch Jürgen, Bernd und die Mädchen ackerten jetzt jeden Nachmittag auf dem Gut. Abends waren sie wohl zu müde, um noch irgendwas zu unternehmen. Ich sah sie fast gar nicht mehr, der Kontakt war im Prinzip abgerissen.
Und Maren? Das Treffen am Mühlenteich schien unendlich lange her, ich konnte mich kaum noch daran erinnern. Längst hatte sich das schöne Gefühl jenes Abends wieder verflüchtigt, Benommenheit und ein schaler Nachgeschmack waren alles, was davon übrig geblieben war – wie beim Kater nach einem Besäufnis. Inzwischen wirkte Maren wieder so fremd auf mich wie in der ersten Zeit.
Zum Glück! Wie hätte das wohl funktionieren sollen? Maren und ich – da wären Welten aufeinandergeprallt. Ich stellte sie mir zwischen den Nordstadt-Leuten vor: das schüchterne Dummchen vom Lande neben Sandra, Gabi und Britta, die eine Pulle Wodka-O-Saft kreisen ließen… am besten dachte ich gar nicht weiter darüber nach. Hartmann und die anderen hätten mich für verrückt erklärt. Wahrscheinlich sollte es doch so sein, dass ich in diesem dunklen Keller hockte und mir mit Micha und den anderen die Birne zukiffte.































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