27. Die Entscheidung

Ein Rütteln an der Schulter, eine knurrende Stimme: „Ey, wach auf!“

Zaghaft öffnete ich die Augen, erkannte in der Dunkelheit undeutlich eine Gestalt: Hartmann.

„Was heulst du rum, Mann?“, fragte er.

Endlich verstand ich: Wir waren in meinem Zimmer, er hatte mich geweckt. Aber ich wusste nicht, was er meinte. Ich spürte nur diesen Kloß im Hals. Und gerade hatte ich einen Traum gehabt, in dem ich den Tränen nahe gewesen war.

Aber ich hatte doch wohl nicht wirklich geheult? Große Scheiße, warum musste das ausgerechnet jetzt passieren, wo Hartmann da war?

Was hatte ich bloß geträumt? Eben waren die Bilder noch glasklar gewesen, aber nun konnte ich sie nicht mehr fassen…

Es war so gnadenlos peinlich! Hoffentlich hatte Hartmann Erbarmen und sprach die Sache morgen nicht mehr an.

 

***

 

Pfingstsonntag. Wir saßen im Garten von Jürgens Eltern, gerade stellte uns Herr Engels eine Schüssel Erdbeeren auf den Tisch. Er hatte vormittags sein Beet abgeerntet. „Kleine Gegenleistung“, meinte er und spielte auf die Berge von Früchten an, die wir immer von Gut Neudorf mitgebracht hatten.

Die Mädchen waren heute völlig überdreht. Sie amüsierten sich über Nichtigkeiten, alberten rum, kreischten und krakeelten, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Es lag an Hartmann, ganz klar. Sie wollten ihm demonstrieren, dass sie sich von ihm nicht die Laune verderben ließen. Und ihre Botschaft schien anzukommen: Hartmanns Miene verfinsterte sich immer mehr, er schien kurz vorm Abhauen. Ich konnte meine Schadenfreude kaum verhehlen: Warum versuchte er nicht wenigstens, mit den Schönhagenern zu quatschen? Warum wollte er ihnen unbedingt Verachtung entgegenbringen, der Sturkopf?

Als wir in die Siedlung zurückgingen, schlug Bernd vor, die Abkürzung über das Gelände der Raiffeisen-Genossenschaft zu laufen. Er meinte die Getreidespeicher am Bahnhof; den Turm mit dem grünen Logo konnte man aus jeder Himmelsrichtung weithin sehen. Eigentlich durfte man das Areal nicht betreten, aber Jürgen meinte, am Wochenende wäre dort keiner.

Ich wollte schon hinter den anderen her latschen, aber Hartmann hielt mich zurück „Lass uns den Weg von vorhin nehmen“, raunte er. Okay, es war soweit, er wollte mir eine Ansage machen. „Wir gehen außen rum“, rief ich den andern zu. Sie winkten und ließen uns allein.

Kaum waren sie außer Sichtweite, platzte Hartmann los: „Hauke, bist du total übergeschnappt? Was suchst du bei diesen Landeiern? Und die Blonde – mit dieser albernen, kindischen Ziege willst du zusammen sein?“

Im ersten Moment war ich platt, wie ausgeknockt von der Deutlichkeit und Härte seiner Worte. Seine Stimme hallte in mir nach, immer wieder kehrten einzelne Satzfetzen zurück: „Landeier… alberne, kindische Ziege…“

Dann wurde ich wütend, maßlos wütend. Zum ersten Mal, seit wir uns kannten, hätte ich Hartmann am liebsten eine reingehauen, ihm die Fresse poliert.

Aber auf einmal machte etwas in mir ‘klick’. „Ja, will ich“, hörte ich mich sagen. Völlig ruhig und ungerührt hatte ich gesprochen, hatte die Worte sozusagen in die Stille hineinfallen lassen. Und nun war ich über mich selbst erschrocken.

 

***

 

Während des Rückwegs sprach keiner von uns ein Wort. Hartmanns Miene schwankte irgendwo zwischen Unwillen und Fassungslosigkeit.

Die anderen warteten bereits am Telefonkasten. Die Stimmung war jetzt auf dem Tiefpunkt, niemand sagte mehr etwas, auch die Mädchen hatten ihr Pulver verschossen. Schließlich haute einer nach dem anderen ab, bis nur noch Maren, Hartmann und ich übrig waren. Das Schweigen bekam nun endgültig etwas Zermürbendes, fast Aggressives, ähnlich wie am Freitag nach dem Strandausflug.

Die ganzen Tage, so schien es mir plötzlich, war ich vollauf damit beschäftigt gewesen, den knurrigen Hartmann bei Laune zu halten. Um Maren hatte ich mich dabei fast nicht kümmern können. Gestern abend war sie nach Hause gegangen, ohne dass ich es überhaupt gemerkt hatte. Das durfte mir nicht nochmal passieren! Wenn ich sie heute einfach wieder gehen ließ, war es aus, das wusste ich. Und sie würde jeden Moment gehen. Ihre Geduld schien am Ende zu sein. Ich konnte förmlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete, wie sie versuchte, einen Entschluss zu fassen.

Hartmann registrierte es offenbar auch. Er schien darauf zu spekulieren, dass sich unser Problem demnächst von selbst erledigte. Ich musste etwas tun, jetzt, sofort, es war meine letzte Chance!

„Kannst du schon mal reingehen, Hartmann?“ Ich hielt ihm den Hausschlüssel hin.

Welche unglaubliche Selbstüberwindung es gekostet hatte, diesen schlichten Satz zu sagen! Aber nun, da er heraus war, fühlte es sich wie eine Befreiung an.

Bisher hatte immer Hartmann bestimmt, wo’s langging. Er kannte alle wichtigen Leute in der Nordstadt, alle Anlaufpunkte, also hatte er auch das Kommando – das schien sozusagen die natürliche Rangordnung zu sein. Nun hatte ich das Heft umgedreht, selbst die Richtung vorgegeben, zum ersten Mal überhaupt. Schlagartig war alles auf den Kopf gestellt.

Eigentlich erwartete ich nicht ernsthaft, dass Hartmann auf mich hören würde. Bestimmt tippte er sich gleich an die Stirn, sagte „Leck mich“ und blieb wo er war. Mit allem möglichen rechnete ich, bloß nicht mit dem, was nun passierte: „Sorry“, murmelte er und schien sichtlich erschrocken. Anscheinend wurde ihm erst jetzt richtig klar, wie die Dinge standen. Als er den Schlüssel entgegennahm und davontrottete, erinnerte er mich auf einmal wieder an den kleinen Jungen aus der Grundschule, den keiner will, der von allen bloß herumgeschubst wird. Mein schlechtes Gewissen kam hoch, ich wollte bereits hinterherlaufen, ihn zurückholen… da fiel mein Blick auf Maren, und ich wusste sofort: Sie war wichtiger. Um Hartmann konnte ich mich später immer noch kümmern.

„Gehen wir ein Stück?“ Etwas Besseres fiel mir gerade nicht ein. Aber sie nickte.

Still gingen wir nebeneinander her Richtung Dorf. Endlich war ich mit ihr allein, zum ersten Mal seit Donnerstagabend. Ob sie überhaupt noch wollte? Oder würde sie mir gleich sagen, das alles vorbei war? Suchte sie bloß noch nach den richtigen Worten, um es nicht so hart klingen zu lassen?

Irgendwann traute ich mich, ihre Hand zu nehmen… und sie zog sie nicht weg! Es war wie eine Erlösung. Mit einem Schlag wurde mir klar, was ich die ganze Zeit vermisst hatte, schon seit dem ersten Abend, dem Moment unseres Auseinandergehens: diese Berührung, ihre Hand in meiner. Die Finger, die Handfläche, die Wärme, die davon ausging, auch jetzt wieder: Sie wurde immer stärker – als hätte sich ein Kreis geschlossen, als könne nun endlich wieder diese geheimnisvolle Energie zwischen uns fließen.

Auf dem Weg durchs Dorf begegnete uns niemand. Wir durchquerten die schmale Gasse namens „Knüll“, kamen zur Grünen Insel. Die Eisdiele hatte bereits geschlossen, die Sitzbänke am Mühlenteich waren verwaist. Außer dem Plätschern des Wassers und dem gelegentlichen Quaken der Enten hörte man keine Geräusche mehr. Hand in Hand spazierten wir um den Teich. Die Dämmerung hatte inzwischen eingesetzt, der Himmel begann sich rötlich zu färben. Jeden Augenblick würden hinten an der Straße die Lichter angehen.

Der Tag schwand rapide dahin. Maren musste bald nach Hause, dann war alles schon wieder vorbei, dieser wunderschöne Moment, die Nähe. Dachte sie dasselbe? Unsere Schritte wurden allmählich kleiner, wir bewegten uns immer langsamer, versuchten, die Minuten so weit wie möglich auszudehnen, den Zeitfluss anzuhalten…und es schien zu funktionieren. Hätten nicht die Straßenlaternen längst brennen müssen? Und der Himmel, der mittlerweile alles in blutrotes Licht tauchte – weshalb wurde er nicht mehr dunkler? Wir hatten es tatsächlich geschafft! Dieser besondere Augenblick, so winzig er auch sein mochte, hatte etwas von Ewigkeit; er gehörte uns ganz allein.

Natürlich kamen wir rechtzeitig wieder in die Siedlung zurück, standen pünktlich vor der Haustür der Sührings. Trotzdem schien es mir, als wären wir sehr, sehr lange unterwegs gewesen, bedeutend länger jedenfalls, als man für den Weg von hier zum Mühlenteich und zurück normalerweise brauchte.

Anders als am Freitag versuchte ich heute gar nicht erst, Maren einen Abschiedskuss zu geben, sah ihr nur in die Augen. Sie strich mir über den Arm; es schien wie eine Geste des Verstehens und der Aufmunterung. Als wären die letzten Tage für mich schwieriger gewesen als für sie.

„Tschüss“, sagte sie leise und ging hinein.

 

***

 

Abends im Bett musste ich immer wieder an diese kurze Szene denken: ihre Berührung zum Abschied, ihr warmer, liebevoller Blick.

Meine Gedanken waren so klar wie nur selten.

Bisher hatte ich immer den Weg des geringsten Widerstandes gewählt, war mit dem Strom geschwommen. Hauptsache, man hatte seine Ruhe und bekam keinen Stress mit den Kumpels, alles andere war wurscht gewesen. Jetzt gab es zum ersten Mal etwas, das mir wichtig war. Und prompt fingen die Probleme an, galt es, Entscheidungen zu fällen.

Aber ich brauchte mir nichts vorzumachen: Ich hatte mich längst entschieden – für Maren. Das mussten Hartmann und alle anderen akzeptieren. Wenn nicht, hatten sie halt Pech gehabt.

 

***

 

Am nächsten Tag war es schon morgens so mild, dass wir beschlossen, im Garten zu frühstücken. Ein echtes Teamwork entwickelte sich: Henri, Hartmann und ich deckten den Tisch, Muttern kochte Kaffee und machte Rührei. Klaus fuhr zum Bäcker – angeblich hatte der auch feiertags geöffnet. Und tatsächlich: Kurz darauf kam er mit einer Riesentüte Brötchen zurück. Schließlich saßen wir unter der Markise an der reichlich gedeckten Tafel und futterten, was das Zeug hielt.

Hartmann schien bester Stimmung zu sein. Er witzelte mit Klaus herum, quatschte mit Henri über Autos, hielt die Tassen, während Muttern Kaffee einschenkte. Auch gestern Abend hatte man ihm nichts mehr angemerkt. Sah er die Sache doch nicht so eng wie befürchtet? Nein, ich traute dem Frieden nicht, da kam bestimmt noch was nach. Aber ich wollte mir darüber jetzt keine Gedanken machen, sondern einfach bloß hier sitzen und den schönen, sommerlich warmen Tag genießen.

Klaus beschmierte eine Brötchenhälfte fingerdick mit Marmelade und versenkte genüsslich die Zähne darin. Dieses Frühstück war seine Idee gewesen – wie so vieles, was bei uns jetzt lief. Er wusste einfach, wie man Gemeinschaft herstellte, den Leuten das Gefühl gab, dazuzugehören, etwas wert zu sein.

Zum Beispiel Henri. In der Nordstadt hatte er immer als Volltrottel gegolten, dem keiner was zutraute. Klaus dagegen übertrug ihm ständig irgendwelche Aufgaben, Reparaturen am Auto oder Arbeiten am Haus, bei denen Henri zeigen konnte, was er drauf hatte. Und er schien einiges drauf zu haben. Nebenbei verdiente er mit diesen Jobs ein hübsches Sümmchen, weil Klaus ihn meistens bezahlte.

Oder Hartmann. Dass der mehr konnte als auf dicke Hose zu machen, den Boss zu geben, den großen Checker, hatte in der Nordstadt keiner geglaubt. ‘Au weia’, war der allgemeine Tenor gewesen, als es hieß, Hartmann wolle KFZ-Elektriker werden. Klaus dagegen hatte ihm ohne mit der Wimper zu zucken die Arbeiten an der Hauselektrik übertragen. Und Hartmann hatte seine Sache anscheinend gut gemacht.

Garantiert war Klaus auch die treibende Kraft gewesen hinter Mutterns Verwandlung des letzten Jahres. Er musste sie irgendwie überzeugt haben, dass es lohnte, auch für die Familie Energie aufzubringen, nicht bloß für den Job. Von sich aus hätte Muttern bestimmt nicht angefangen, regelmäßig Essen zu kochen, unsere Hausaufgaben zu kontrollieren und darauf zu achten, dass wir abends pünktlich schlafen gingen.

Schließlich ich selbst. In Klaus hatte ich endlich jemanden gefunden, der sich für meine Themen interessierte, meine Probleme nachvollziehen konnte. Man merkte immer wieder, dass er schon einiges von der Welt gesehen hatte, dass sein Horizont nicht so eng war wie bei den Leuten, die man sonst so traf.

Eins war sicher: Wenn aus unserem versprengten Haufen allmählich so etwas wie eine Familie wurde, lag das nicht zuletzt an Klaus.

Dabei hatte ich eine ganze Weile ziemliche Wut auf ihn gehabt. Wegen ihm waren wir mit Sack und Pack aus der Nordstadt weggezogen, hatten dort alles aufgegeben. Aber mittlerweile sah ich die Sache anders: Ohne ihn wären wir nicht nach Schönhagen gekommen, hätte ich die Leute aus der Clique und vor allem Maren niemals getroffen…

„Was liegt heute eigentlich an?“, fragte Hartmann.

Nanu, weshalb interessierte ihn das noch? Er fuhr doch nachher eh in die Nordstadt zurück. Jedenfalls war es so geplant. Obwohl die Pfingstferien ja eigentlich erst morgen zu Ende gingen…

„Jürgen hat vorhin angerufen“, meinte ich zögernd. „Um zwei ist Treffen am Telefonkasten.“

„Und dann?“

„Wir wollten ein bisschen latschen, vielleicht mal zum Strand.“

„Baden?“, fragte Klaus.

Ich hämmerte mir mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. Baden – so eine bekloppte Idee!

„Man könnte ja über die Schiene gehen“, überlegte Hartmann. „wie in der Nordstadt. Fahren da noch Züge?“

Klaus schüttelte den Kopf. „Stillgelegt. Außer zum Sommerfest, wenn sie die Museumseisenbahn wiederbeleben.“

„Museums – was?“ Hartmann guckte planlos; ich hatte ebenfalls keinen Schimmer, was das sein sollte.

„Ein paar Freaks haben am Bahnhof Schönhagener Strand alles Mögliche zusammengetragen, was früher mal auf Schienen fuhr“, erzählte Klaus. „Züge, Straßenbahnen und so weiter. Bestimmt mit viel Arbeit verbunden. Und zum Sommerfest dürfen sie zeigen, was sie können: Dann pendelt ein alter Reichsbahn-Zug mit echter Dampflok zwischen Schönhagen und dem Strand. Aber das ist erst Anfang Juli. Jetzt habt ihr noch freie Bahn.“

„Also“, meinte Hartmann in meine Richtung. „wie sieht’s aus?“

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