29. In Stein gemeißelt

Hartmann meißelte gerade seinen Namen in die Wand, mit einem Schraubenzieher, den er aus unerfindlichen Gründen mitgenommen hatte. „HARTMANN“ entstand dort in fetten Blockbuchstaben, direkt neben einem Anarchie-Zeichen.
„Oh, machst du so was auch für Jürgen und mich?“, fragte Silke aufgeregt. Beim Anblick von Hartmanns Werk hatte sie anscheinend alle Geister und Toten dieser Welt schlagartig wieder vergessen.
Ein paar rostige Drahtgestelle fielen mir auf, die in einer Ecke des Saals auf dem Boden verstreut lagen. Aus der Nähe sah man, dass es die kläglichen Reste alter Matratzen und Sofas waren. Ob sie aus der Zeit stammten, von der Jürgen gerade erzählt hatte? Ich begann die Eisengerippe mit den Augen abzusuchen. Vielleicht ließen sich ja noch Spuren finden, irgendwas, das man übersehen hatte. Eine merkwürdige Spannung war aufgekommen, zugleich schauderte es mich.
Natürlich gab es rein gar nichts mehr zu entdecken. Bald hatte ich keine Lust mehr und nahm stattdessen den Saal in Augenschein. An den Deckenrändern erkannte man Reste von Stuck, in der Mitte gab es eine großflächige Rosette, deren Verzierungen fast ganz abgebröckelt waren. Bestimmt hatte dort mal ein Kronleuchter gehangen. Überhaupt wirkte der Saal, als hätten hier früher Konzerte und Feste stattgefunden. Der Kamin an der Rückwand war so hoch, dass man fast aufrecht darin stehen konnte. Von draußen fiel flirrendes Sonnenlicht herein.
Außer Hartmann und mir waren mittlerweile alle ausgeschwärmt. Jürgen und die Mädchen liefen auf der Terrasse herum, Micha und Bernd erkundeten offenbar die endlosen Weiten des Hauses. Man konnte ihre Stimmen aus großer Entfernung hören.
Hartmann hatte die nächste Inschrift fertig: „JÜRGEN + SILKE“. Die Tapetenreste an den Rändern waren säuberlich entfernt. „Du und Maren auch?“, fragte er keuchend. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Ich überlegte: Eigentlich war so was ja Kinderkram. Andererseits wurmte mich der Gedanke, dass Maren und ich keine Inschrift haben sollten. Ich nickte, und Hartmann machte sich wieder an die Arbeit.
Wieder hörte ich die Stimmen von Micha und Bernd, sehr leise, sehr weit weg. Ich bekam Lust, die beiden zu suchen.
Während ich über die Flure lief, musste ich an Jürgens Erzählung zurückdenken. Selbstmord… wie hatten sie es wohl gemacht? Wumme? Die Schüsse hätte man bestimmt gehört, und die Bullen wären schon früher angerückt. Vielleicht Pulsadern aufgeschnitten? Oder Strick? Na klar, das musste es sein! Ich sah die beiden Körper vor mir, von der Decke herabbaumelnd, die Köpfe hängend, die Gesichter bereits blau angelaufen. Und die Augen weit aufgerissen, voller Entsetzten über das, was gerade passierte: Das eigene Leben schwand dahin, immer näher kam das Ende, der Tod streckte bereits seine eisigen Klauen aus…
In der Nordstadt hatte man ständig gesagt, man würde den und den am liebsten „kaltmachen“ oder „killen“. Ich dachte an unsere hämische Freude zurück, als wir die Story von Mark Solterbeck und der Schiffsschraube hörten. Aber eigentlich war das nur Gelaber gewesen, reine Aufschneiderei. Wem von uns war der Tod wirklich schon begegnet? Mir jedenfalls nicht. „Tod“ – das war für mich immer bloß ein Wort gewesen. Hier jedoch schien er ganz nahe zu sein. Zum ersten Mal erhielt ich eine Ahnung davon, was das eigentlich bedeutete, Tod, Jenseits. Und wie eben im Saal spürte ich erneut diese Mischung aus Schrecken und Faszination… Ich erreichte wieder die Halle am Eingangsportal, dahinter führte ein Korridor noch tiefer ins Haupthaus. Bald stand ich an einer Freitreppe aus Holz. Waren Bernd und Micha dort hochgegangen? Besonders stabil wirkte das Konstrukt nicht mehr, die Stufen bogen sich bereits ziemlich durch. Neugierig lugte ich aufwärts und sah fleckige, mit Schimmel überzogene Wände – aber da oben wirkte alles viel heller als hier, komplett lichtdurchflutet. Gerade wollte ich das Risiko eingehen und die Treppe betreten, da spürte ich von irgendwoher einen eisigen Luftzug. Alarmiert schaute ich mich um – und entdeckte unterhalb der Freitreppe eine dunkle Öffnung. Stufen führten dort abwärts – ein Keller! Und er war nicht versperrt! Mein Herz begann zu pochen: Diese mysteriöse Kraft, die mich seit Betreten des Hauses in den Bann zog – kam sie von da unten? Offenbar wollte sie mir etwas zeigen, etwas sehr Wichtiges. Und es war in diesem Keller dort, ganz sicher.
Aber hatte ich ernsthaft vor, in die Katakomben hinabzusteigen? Was, wenn sie genauso weitläufig waren wie das Haus darüber? Wenn man im Dunkeln die Orientierung verlor und nicht mehr zum Aufgang zurückfand?
Ich tastete nach dem Feuerzeug in der Hosentasche – im Finstern musste ich schon mal nicht herumtappen. Und selbst wenn – ich wollte da runter, unbedingt! Mit weichen Knien näherte ich mich den Steinstufen. Auf einmal schien die Sonne sich zu verdunkeln, auch die Laute ringsherum wurden dumpfer, undeutlicher… als hätte ich eine Art Bannkreis betreten, in den Licht und Geräusche nicht mehr richtig vordrangen. Permanent strömte nun eisige Luft heran, dazu hörte man einen seltsamen, langgezogenen Ton, ein Sirren oder Pfeifen, das sich immer mehr verstärkte. Ich musste an Marens Worte denken: ‘Das Haus ist verflucht… die Geister der Toten wandern umher…’
Leichtes Grausen packte mich, ich fing an zu zittern. „Du Memme!“, schimpfte ich mit mir selbst. Jetzt gab es kein Zurück mehr, das wäre feige gewesen. Ich riss das Feuerzeug an, setzte vorsichtig den Fuß auf die erste Stufe. Der Boden schien unter mir zu vibrieren, der Pfeifton hüllte mich jetzt regelrecht ein. Im nächsten Moment kam etwas aus der Tiefe herangeweht und löschte das Feuerzeugflämmchen, schlagartig wurde es dunkel…
„Nicht weitergehen!“, warnte eine Stimme hinter mir. Ich fuhr herum. Bernd und Micha standen dort, wie aus dem Boden gewachsen.
„Da verläufst du dich“, erklärte Bernd. „Das ist ein völliges Labyrinth.“
Ich starrte auf das schwarze Rechteck zu meinen Füßen und meinte noch immer, diesen unheimlichen Pfeifton zu hören. Aber er war leiser geworden, als hätte er sich ein Stück zurückgezogen…
„Angeblich sind da unten schon welche verschwunden und nie wieder aufgetaucht“, flüsterte Micha.
„Wobei das Gerüchteküche ist“, meinte Bernd.
„Lasst uns lieber hier abhauen.“ Micha sah ziemlich käsig aus, man hörte die Angst in seiner Stimme. „Das ist die übelste Stelle im ganzen Haus. Man soll hier eigentlich gar nicht herkommen.“
Bernd nickte, die beiden marschierten los. Mit einem regelrechten Sprung setzte ich ihnen nach – auf keinen Fall wollte ich allein hierbleiben!
Als wir in den Saal zurückkamen, war Hartmann gerade mit der dritten Inschrift fertig: „HAUKE + MAREN“, tief in den Mörtel eingemeißelt. Ein Herz umschloss die Buchstaben, das von einem Pfeil durchbohrt war; er kam direkt neben dem Pluszeichen wieder hervor. Hartmann hatte ganze Arbeit geleistet!
„Das kann man auch in 40 Jahren noch lesen“, meinte er zufrieden, während er sich den Mörtelstaub von den Händen wischte.
***
Wir gingen durch den Wald zurück. Irgendwann tauchte unter Gras und Moos der Weg wieder auf. Wir passierten den Wegstein, kamen endlich auf freies Feld. Die Sonne brannte nur so herab, sehr schnell wurden meine klammen Hände und Füße wieder warm. Hier draußen, in Helligkeit und flirrender Hitze, kam mir mein Erlebnis von eben sehr unwirklich vor. Ich versuchte, nicht mehr daran zu denken.
Die Mädchen schlugen vor, am Strand Pommes zu essen, in ihrem Stammimbiss. Vielleicht jobbte dort gerade das eine oder andere bekannte Gesicht, dann gab es Rabatt. Alle waren einverstanden. Inzwischen hatten wir ziemlichen Hunger.
Bis zum Schönhagener Strand war es nicht weit, bald spazierten wir über die Promenade. Auch an der Bank auf dem Deich kamen wir vorbei, wo Hartmann und ich gesessen hatten. War das wirklich erst vor drei Tagen gewesen? Es fühlte sich an, als läge es Ewigkeiten zurück.
Der Imbiss befand sich am fast Ortsausgang. Leider bediente uns der Besitzer, deshalb mussten wir den vollen Preis löhnen. Wenig später saßen wir auf der Deichkrone im Gras und mampften genüsslich unsere Pommes. Unten am Wasser waren inzwischen sämtliche Strandkörbe belegt. Die ersten Mutigen badeten sogar schon.
„Geht ihr im Sommer hierher?“, fragte ich.
Kristina schüttelte den Kopf. „Hier muss man Kurtaxe bezahlen.“ Sie stocherte unlustig in ihren Pommes herum, war offenbar schon satt.
„Ein Stückchen weiter vorn, am Mittelstrand, kostet es aber nichts mehr.“ Bernd, der bereits aufgegessen hatte, starrte gierig auf ihre Pommestüte.
Mittelstrand – von Henri wusste ich, dass damit der Abschnitt gemeint war, an dem wir Ostern gewesen waren, mit dem Kiosk und der großen Wiese zum Parken.
„Aber da ist es meistens total überlaufen. Zu nahe am Ferienzentrum“, erklärte Silke. „Wird erst im Spätsommer besser, wenn die Saison zu Ende geht. Steenbarg ist ideal, auch wenn die Fahrt länger dauert. Der Strand ist dort immer total leer, weil die Zufahrt für Autos gesperrt ist.“
„Und du musst Verpflegung mitnehmen“, erklärte Bernd mit vollem Mund. Er hielt inzwischen Kristinas Tüte in der Hand, schlang die restlichen Pommes in sich hinein. „Kaufen kann man da nichts.“
Als wir uns auf den Rückweg machten, stand die Sonne schon ziemlich tief. Wir hatten die Zeit völlig vergessen. Bis zum Abendbrot war der Weg ins Dorf nicht mehr zu schaffen.
„Wir kriegen voll Ärger!“, jammerte Silke.
„Nicht mehr zu ändern“, stellte Maren fest.
Wir nahmen dieselbe Strecke, auf der ich Ostersonntag mit Muttern und Henri ins Dorf zurückgefahren war. Und nach der kopflosen Flucht vor den Kühen hatten wir hier unsere Richtung wiedergefunden. Gleich würde der Wald beginnen. Und vielleicht tauchte zwischen den Bäumen wieder das Geisterhaus auf…
Mir lief es kalt den Rücken runter. Erneut sah ich die Situation auf der Kellertreppe vor mir: das dunkle Rechteck, das fortwährend seinen eisigen Luftzug ausspie, dazu dieses bedrohliche Zischen und Flüstern. Was immer dort vor sich gegangen war – es hatte sich verdammt real angefühlt. Und es war mehr als unheimlich gewesen. Aber das Haus zeigte sich zum Glück nicht. Oder das Grün spross längst zu üppig. Als wir den Abzweig nach Neuschönhagen passierten, atmete ich auf: Nun waren wir definitiv an der Stelle vorbei, von der aus man das Dach sehen konnte.
Wieder im Freien stand vor uns die Silhouette des Dorfes; der Himmel über den Giebeln war abendlich rot gefärbt. In den Bodensenken der umliegenden Felder bildeten sich bereits erste Nebelschwaden, während über dem Weg noch die Luft von der Tageswärme flimmerte.
Wie vorhin auf der Schiene zog unsere Gruppe sich weit auseinander. Diesmal liefen Bernd, Jürgen und Hartmann vorneweg, in einigem Abstand folgten Micha, Kristina und Silke. Maren und ich bildeten wieder die Nachhut. In schwindenden Licht waren die Gestalten vor uns bloß noch undeutlich zu erkennen; immer wieder verschwammen ihre Umrisse, schienen sich manchmal gar vom Boden zu lösen und zu schweben, wie schwerelos in der Luft zu hängen.
Deutlicher als je zuvor spürte ich das Band, das uns alle miteinander verknüpfte.
***
Als ich Maren nach Hause gebracht hatte und in die Eichendorffstraße zurückkam, standen Hartmann, Jürgen und Bernd an der Ecke vor unserem Haus. Ein Typ war bei ihnen, den ich bisher noch nie gesehen hatte.
„Heiner“, stellte er sich vor.
Im ersten Augenblick dachte ich, er will mich verarschen. Aber er blieb ernst, auch keiner der anderen grinste oder grölte los. Anscheinend hieß der Typ wirklich so. Okay, für seinen Namen konnte er schließlich nichts.
„Aus der Nordstadt hergezogen?“, fragte er.
Ich nickte.
„Und?“
„Bisher ganz okay.“
Ich hatte sofort Respekt vor dem Kerl, trotz seines braven, fast streberhaften Äußeren: Pisspott-Haarschnitt, Cordhose, Halbschuhe. Dazu ein Lederjacken-Imitat, ähnlich wie bei Micha. Der Typ hätte glatt in meine neue Schule gehen können, wenn auch ein, zwei Klassen höher. Aber diese nüchterne Art und der emotionslose Tonfall, dazu der aufmerksame Blick, dem nichts zu entgehen schien – das alles erzeugte bei mir einen Eindruck von Überlegenheit. Der machte sein Ding, ohne sich um die anderen zu scheren, und war trotzdem angesehen. Das imponierte mir.
Hartmann zeigte keine Spur mehr von der Knurrigkeit der letzten Tage; er lachte und alberte pausenlos mit uns herum, war richtig aufgedreht. Als er sah, wie Micha auf einem alten Bonanzarad angefahren kam, machte er Bernd ein Zeichen. Die beiden bauten sich mitten auf der Straße auf, zwangen Micha, anzuhalten. Dann begannen sie, an seinem Fahrrad rumzufummeln. Traten leicht dagegen, bogen die Lampe nach oben, machten Witze über die „Scheißkarre“ und so weiter. In der Nordstadt war das ein Ritual. Man wollte bedrohlich wirken, furchteinflößend. Das Opfer sollte denken, es habe irgendwas ausgefressen, und jetzt kam die Abrechnung. Man durfte sich dann nicht verunsichern lassen, musste cool bleiben, unbedingt die Ruhe bewahren.
Micha spielte das Spiel tapfer mit, obwohl er die Sitten der Nordstadt nicht kannte. Er lachte über die Scherzchen der beiden, ignorierte ihre Knüffe und leichten Schläge. Manchmal merkte man, dass et leichte Muffe hatte, aber er riss sich immer wieder zusammen. Ich wunderte mich bloß, dass Bernd prompt auf Hartmanns Wink eingestiegen war. Spätestens jetzt sah man, dass er aus der Nordstadt kam.
Dann ging der Übermut mit Hartmann durch. Er stellte sich vor Micha, stemmte das Rad mit beiden Händen am Lenker hoch und begann, es rückwärts vor sich herzuschieben. Es ging kreuz und quer über die Wiese, immer schneller. Micha hing hilflos im Sattel und versuchte verzweifelt, mit den Füßen das Gleichgewicht zu halten, nicht runterzufallen. Die Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben. Wir lachten Tränen – aus der Zuschauerwarte sah das Ganze einfach zu bescheuert aus.
Armer Micha! Als Hartmann ihn endlich runterließ, war er kreidebleich. Aber nach und nach beruhigte er sich, fand seinen Humor wieder. Hartmann haute ihm versöhnlich auf die Schulter. Ging rein, holte ein Bier, riss es auf, drückte es ihm in die Hand. Die Stimmung war jetzt ausgelassener denn je. Trotzdem fand ich es ganz gut, dass die Mädchen von Hartmanns Aktion nichts mitbekommen hatten. Und falls Frau Rönnfeld das mit dem Bier gesehen hatte, gab es demnächst sicher wieder wildes Getratsche über geschiedene Frauen und deren verwahrloste Kinder…
Es dauerte noch eine ganze Weile, ehe unsere Runde sich auflöste. Drinnen im Haus fanden Hartmann und ich alles schon dunkel vor. Wir schmierten uns in der Küche ein paar Stullen und nahmen sie mit nach oben. In meinem Zimmer war die Luft so frisch und klar wie draußen. Wie gewohnt hatte ich mittags beim Losgehen das Fenster einfach offen gelassen.
Irgendwann fiel mir wieder ein: War der Plan nicht ursprünglich gewesen, dass Hartmann heute in die Nordstadt zurückfuhr?
