30. Schönheit & Schmerz

Mittwoch traf ich mich nachmittags mit Maren, Silke und Jürgen. Wir hatten Decken und Verpflegung dabei, wollten ein Picknick machen, irgendwo hinter den Kleingärten. Das Wetter war noch immer super.

Statt runter ins Dorf, wie am Pfingstmontag, liefen wir an der Tankstelle vorbei Richtung Bundesstraße. Kurz vor der Auffahrt bogen wir in die Laubenkolonie, wo sich auch der Garten von Jürgens Eltern befand. Hinter den Parzellen marschierten wir noch eine ganze Weile am Mühlenbach entlang, bevor unser Pfad schließlich an einer kleinen Wiese endete, mitten im Nirgendwo. Hier schlugen Silke und Jürgen ihr Lager auf. Maren dagegen wollte noch weiter, zu „einem richtig coolen Platz“, wie sie meinte.

Na denn. Hartnäckig bahnten wir uns zwischen Feld und Bachufer einen Weg. Es erinnerte an eine Dschungel-Expedition, ich kam ziemlich ins Schwitzen. An einem hochgewachsenen Knick war endgültig Schluss. Hier? Ja, genau diesen Punkt hatte Maren im Sinn gehabt, sie fand ihn ideal. Und das stimmte tatsächlich, wie ich beim Ausbreiten der Decke feststellte. Der Knick spendete Schatten und hielt gleichzeitig den Wind ab. Zu unseren Füßen murmelte friedlich der Bach. Und hinter uns stieg das duftende, sonnenbeschienene Kornfeld den Hügel hinauf, bis es oben an einem Bahngleis endete. Überall schwirrten Schmetterlinge herum, im Geäst der Knicks sangen die Vögel. Ein idyllischeres Fleckchen konnte man sich kaum vorstellen. Die Bahnstrecke führte übrigens, wie ich später erfuhr, nach Eckhorst, und natürlich war sie stillgelegt, wie die Linie zum Strand.

Mit einem zufriedenen Seufzer streckte Maren sich lang aus, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen. In ihren rasierten Achselhöhlen glänzte Schweiß. Das weiße Top spannte sich über ihren schlanken Körper und man konnte erkennen, dass ihre Brüste sehr klein sein mussten. Als sie ihr Knie anwinkelte und der kurze Rock ein Stück hochrutschte, konnte ich mir einen schnellen Blick ins Halbdunkel unter dem Stoff nicht verkneifen: Sie trug einen weißen Slip.

Ich betrachtete ihre nackten Beine. Die Oberschenkel waren ein bisschen zu dick geraten, zu stämmig. Als ob an ihnen noch Babyspeck übriggeblieben wäre. Die Haut sah dort ebenso weich aus wie an den Armen. Ob das stimmte? Alles in mir schrie danach, es selbst herauszufinden, aber ich traute mich nicht. Noch nicht.



Marens Gang kam mir in den Sinn. Ihr Oberkörper war dabei immer leicht nach vorn gebeugt. Mit jedem ihrer kurzen, platschenden Schritte warf sie ihre rechte Hand sozusagen von sich weg, während die linke schlaff herunterhing. Es wirkte ein bisschen plump, aber ich fand es unglaublich süß. Etwas Ungekünsteltes, Natürliches lag darin, fand ich.

Sie öffnete die Augen – hatte sie die ganze Zeit gemerkt, wie ich sie heimlich betrachtete? Sie schmiegte sich an mich, so eng es ging. Ihr Blick veränderte sich, wurde wieder sehr intensiv, bannte mich regelrecht. Ein schlanker, samtweicher Arm legte sich um meinen Nacken, zog mich resolut nach unten, wo ihr Mund wartete. Sanft aber bestimmt schob ihre Zunge meine Lippen auseinander. Wie klein ihr Mund war – ich konnte ihn mit meinem ganz umschließen.

Sie presste sich noch fester gegen mich. Ein Vertrauen lag in dieser Bewegung, so tief und bedingungslos, wie ich es noch nie erlebt hatte – vor Erschütterung schwanden mir kurz die Kräfte. Dann brach sich ein anderes, nicht minder intensives Gefühl Bahn: Sehnsucht, verzweifeltes, schier unstillbares Verlangen. Mit jeder Berührung, jeder Umarmung, jedem Kuss wurde es nur noch schlimmer. Ging es ihr ähnlich? Unsere Körper und Münder rangen bald mehr miteinander als dass sie sich liebkosten.

Irgendwann lagen wir erschöpft aufeinander, Wange an Wange. Ich strich ihr über die Stirn, fuhr durch ihr blondes, duftendes Haar, das sich über die Wolldecke ausgebreitet hatte, erreichte die rechte Schulter, den Oberarm…

Etwas Raues war dort, eine Unebenheit in der Haut. Ich nahm die Stelle genauer in Augenschein und erkannte mehrere parallele Schnitte, einige sehr tief und nur schlecht verheilt. Die Haut auf ihnen war deutlich heller als ringsherum.

Die Gedanken jagten mir durchs Hirn. Nach einem Unfall sah das nicht aus, eher planvoll. Hatte sie das gemacht? Die zurückhaltende, stille Maren und so etwas – konnte das sein? Eigentlich hätte ich sie gern gefragt, wagte es aber nicht. Auf einmal war ich mir sicher, damit an Dinge zu rühren, die mich nichts angingen.

Immer wieder betrachtete ich die Schnitte, diesen Makel in der ansonsten glatten, braunen Haut. Und spürte bald seltsame Ergriffenheit: Die Verletzungen machten Maren nur noch schöner, noch begehrenswerter. Als ob Schönheit und Schmerz untrennbar zusammengehörten. Das eine war ohne das andere nicht zu haben.



 

***

 

Mittlerweile war es Spätnachmittag geworden. Wir hatten uns zu Silke und Jürgen gesellt, gemeinsam verdrückten wir den Proviant. Als meine Colaflasche leer war, schmiss ich sie einfach mich, wie in der Nordstadt. Aber noch in der Wurfbewegung sprangen mir die missbilligenden Blicke der anderen ins Auge, und ich kapierte, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Zu spät: Es klatschte laut, die Flasche war im Mühlenbach gelandet.

Was nun? Das Ding reumütig wieder rauszufischen wäre verdammt uncool gewesen. Aber wenn ich jetzt nichts tat, war die gute Stimmung garantiert im Eimer…

Okay, sie hatten gewonnen. Unter Aufbietung sämtlicher Kräfte raffte ich mich hoch. Der Gang zum Bach schien ewig zu dauern, alles lief wie in Zeitlupe ab. Erst bekam ich die Flasche nicht zu fassen, aber irgendwann klappte es endlich. Als ich zurückkam und das blöde Ding in den Rucksack stopfte, sagte niemand etwas, aber die ganze Zeit glaubte ich ihre anklagenden Blicke zu spüren – es war völlig ätzend.

Zum Glück entspannte sich die Atmosphäre bald wieder. Das Gespräch kam auf einen Typen namens Rusi. Ich kannte ihn vom Sehen aus der Alten Mühle, eigentlich hieß er Leif Ruser. Eine komische Gestalt war das: einerseits blondgelockter Sonnyboy, auf den alle Mädchen abfuhren, andererseits hippiemäßig und total verkifft. Diese Mischung wollte bei mir nicht zusammengehen.

Irgendwann schnallte ich, dass dieser Rusi Marens Ex war. Offenbar waren die beiden ziemlich lange zusammengewesen. Ich konnte es nicht glauben. Der Kerl war mindestens achtzehn oder noch älter! Es hieß, dass er und seine Leute manchmal harte Drogen nahmen, unter anderem Koks. Maren und so einer? Ob sie sich auch schon mal was eingeworfen hatte?

Die anderen wechselten bald wieder das Thema, aber ich hörte nicht mehr zu. In mir arbeitete alles durcheinander. Die brave Maren – von wegen! Mein Bild von ihr war gehörig erschüttert, ich musste das so schnell wie möglich mit ihr klären.

Silkes Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Wir dürfen nachher auf keinen Fall zu spät zum Abendbrot kommen“, mahnte sie. „So einen Ärger wie Montag will ich nicht noch mal kriegen.“

Maren nickte. Sie zog eine Schnute und gab den meckernden Tonfall ihrer Mutter wieder: „Das wird immer schlimmer! Kommst du bald überhaupt noch zum Essen?“



Wir packten unsere Sachen und gingen zurück.

 

***

 

Abends kamen wir wieder zusammen, auf der Wiese in unserer Straße. Inzwischen blieb es so lange hell, dass die Mädchen nach dem Essen noch mal raus durften. Auch Bernd und Kristina waren jetzt dabei. Schließlich gesellten sich noch Alex, Micha und sogar Henri zu uns. Die drei hatten auf dem Garagenhof mal wieder an einem Mofa rumgebastelt.

Maren und ich saßen Rücken an Rücken auf unserer Decke. Ich hatte die Augen geschlossen und strich mit meinen Armen an ihren entlang, auf und ab, immer wieder. Ich merkte, wie sie eine Gänsehaut bekam.

Die Unterhaltung von vorhin, über diesen Rusi, wollte mir nicht aus dem Kopf. Die Fragen türmten sich jetzt regelrecht in mir auf, gleichzeitig hatte ich das Gefühl, vorsichtig sein zu müssen. Ich durfte nicht mit der Tür ins Haus fallen, das Thema war für Maren wahrscheinlich vermintes Gelände Irgendwann würde ein geeigneter Zeitpunkt kommen, um in Ruhe mit ihr über alles zu quatschen.

Jürgen und Silke lagen nebeneinander auf dem Bauch und lasen sich gegenseitig aus der „Bravo“ , genauer: aus der Doktor-Sommer-Rubrik. Wie immer ging es ums Erste Mal: Worauf musste man achten, welche Fehler durfte man auf gar keinen Fall machen und so weiter und so fort.

Manchmal nervten die beiden. Alle Welt sollte sehen, wie ernst sie ihre Beziehung nahmen und wie weit sie schon waren. Demnächst wollten sie also mit Bumsen anfangen – okay, jetzt wussten wir es.

„Ey Silke“, rief Alex irgendwann, „bist du nackt unterm Kleid?“

Im ersten Moment guckte Silke erstaunt – dann kapierte sie, was er meinte. Sie stand auf, hielt die Arme über den Kopf, ließ den Wind unter ihr Kleid fahren, wie Marilyn Monroe. Im Gegenlicht zeichneten sich die vollen, schön geformten Brüste unter dem dünnen Stoff ab – das Bild haute einen schlicht um. Aufreizend langsam begann sie das Kleid hochzuziehen. Die Beine wurden allmählich freigelegt, bronzefarben schimmerte die Haut im Abendlicht. Höher und höher wanderte der Stoff. Der Bikini-Slip tauchte auf, dann ihr Bauch, üppig und doch wunderbar glatt. Und Silke machte immer weiter. Gebannt hielt ich die Luft an…

Schließlich wurde das Oberteil sichtbar – enttäuscht stieß ich die angestaute Luft aus. Und nicht nur ich: Alle anwesenden Jungs hatten sich ernsthafte Hoffnungen gemacht. Und Silke, die ihr Kleid mittlerweile ganz ausgezogen hatte, im knappen, hellgrünen Bikini dort stand, genoss unsere geifernden Blicke sichtlich.




Ich brachte Maren nach Hause. Mittlerweile gab ich ihr vor der Haustür der Sührings zum Abschied immer die Hand. Es war scherzhaft gemeint, aber nicht nur – ich wollte sie ein letztes Mal berühren, bevor wir auseinandergingen. Auch heute machte ich es so. Dann drehte ich mich um, wollte zurückgehen, aber sie ließ meine Hand nicht los. Mit gerunzelter Stirn schaute sie zur Seite, wie immer, wenn sie sich gerade zu etwas durchrang. Plötzlich zog sie mich mit einer resoluten Bewegung wieder zu sich und drückte mir einen Abschiedskuss mitten auf den Mund. In ihren Augen lag Trotz. „Sollen die Leute denken, was sie wollen“, sprach es aus ihnen.

Als sie hineinging, konnte ich ihr nur wortlos hinterherschauen. Dieser Kuss war für mich wie ein Geschenk gewesen. Das schönste, das ich jemals bekommen hatte.

 

***

 

Mit einem Ruck wachte ich auf. Ich hatte das Gefühl gehabt, zu fallen, sehr tief… und plötzlich aufzuschlagen.

Hastig griff ich nach dem Asthmaspray, fand es im Dunkeln aber nicht gleich. Ich wurde panisch, entdeckte es schließlich neben dem Kopfkissen. Nachdem ich mir zwei kräftige Schübe verpasst hatte, klappte das Atmen wieder besser.

Merkwürdig, dass mein Asthma dieses Jahr schon so früh losging. Normalerweise fing es erst im Juli an, manchmal gar im August. Wahrscheinlich flogen hier auf dem Land einfach mehr Pollen herum.

Ich hatte wieder den Traum geträumt, zum ersten Mal seit langer Zeit…

Ein Meer, ein Ozean. So weit man blickt, nur Wasser. Wie ich herkommen bin, weiß ich nicht, aber ich bin zu recht an diesem verlassenen Ort. Ich spüre ein Gefühl tiefer Schuld. Und fühle mich gleichzeitig unendlich verloren. Der Schmerz ist unfassbar, er drückt mich regelrecht zu Boden…

Das Wasser ist weg, um mich ist jetzt Land, grün und weit, wie ein großer Park. Nein, es ist der weitläufige Hof eines Mietshauses. Das Haus ist schön und alt. Ich selbst bin auf einem Baum, meinem Baum. Von hier aus kann ich alles überblicken.

Ich klettere runter, gehe zu meinen Freunden. Die Sonne scheint, wir laufen barfuß durchs Gras. Springen ins Planschbecken und toben herum. Gehen zur Sandkiste, wollen eine Ritterburg bauen. Die großen Jungs helfen uns. Unter der hohen, schattigen Kastanie sitzt die weißhaarige Frau in ihrem Lehnstuhl. Sie ist mir unheimlich, aber sie tut nichts, schaut nur.



Durch den Keller komme ich ins Treppenhaus, gehe die dunklen, gebohnerten Holzstufen hoch. Oben in der Wohnung ist es schattig und kühl, die Dielen knarzen unter meiner Schritten. Im Kinderzimmer hat Henri alles Spielzeug über den Boden verstreut, Ritter und Pferde, Bäume und andere Pflanzen. Die Sachen sind geschnitzt und farbig bemalt. In der Küche höre ich Mama arbeiten.

Die Haustür wird geöffnet, jemand kommt herein. Henri läuft in den Flur. Ich will ihm folgen, aber es geht nicht. Ich kann mich nicht vom Fleck rühren, bin ich wie gelähmt. Der Boden unter meinen Füßen schwankt, als sei er morsch geworden. Ich verliere das Gleichgewicht, stürze, falle…

Dann wachte ich immer auf.

Dass diese verdammten Bilder plötzlich wieder da waren, verhieß nichts Gutes. Es schien, als wollten sie mich quälen, mir meinen Frieden nicht gönnen.

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