33. Bismarckturm

Das Sommerfest rückte unaufhaltsam näher. In der Alten Mühle löcherte mich der Lange Udo jetzt regelmäßig wegen des Geschenkesammelns für die Tombola. Schließlich konnte ich mich nicht länger rausreden.

Eines Nachmittags fuhr ich bei Bernd mit, auf einer seiner Kradtouren durch die Region. Er hatte eine Liste mit Firmen dabei, die in den letzten Jahren etwas gespendet hatten. Aber wir sollten auch dort vorsprechen, wo bisher nix rausgesprungen war. „Macht sie mürbe“, hatte Udo uns aufgefordert.

Und so klapperten wir alles ab, was ein Firmenschild hatte, egal ob Ladengeschäfte, Büros oder Werkstätten. Kleinteile nahmen wir gleich mit und verstauten sie unter der Rückbank. Die sperrigen Teile würde Udo später mit dem VW-Bus der Alten Mühle holen. Alles mögliche heimsten wir ein: Bücher, Platten, Uhren, Elektrogeräte wie Toaster, Wasserkocher, Radiowecker und vieles mehr.

Das Reden übernahm meistens Bernd. Wenn ich mal zaghaft meinen Senf dazugab, war die Sache meistens schon in trockenen Tüchern. Eigentlich war ich mehr Klotz am Bein als eine wirkliche Hilfe. Die ungewohnte Atmosphäre der Büros, Geschäfte und Betriebe, diese ganze Welt von Arbeiten und Geldverdienen schüchterte mich doch ziemlich ein.

„Als nächstes ist der Großmarkt in Hoheneck an der Reihe“, meinte Bernd, als wir nach einem erfolgreichen Besuch gerade wieder auf die Karre stiegen. „Dort müssen wir zu Marens Vater.“

Er reichte mir die Liste nach hinten: „Herr Sühring, Leitung/Vertrieb“. Au Backe! Jetzt war ich ausnahmsweise froh über unsere Rollenverteilung. Bei dem Typen überließ ich Bernd liebend gerne die Show.

Die Fahrt zum Großmarkt ging schnell. Wir stellten die Karre ab, klemmten uns die Helme unter den Arm und gingen auf das imposante, vollständig verglaste Verwaltungsgebäude zu. Mittlerweile fragte ich mich, weshalb wir hier eigentlich vorsprechen mussten. Konnte Maren ihren Vater nicht einfach um ein Geschenk für die Tombola anhauen? Überhaupt – was sollte das ganze Rumgekurve? Alle wussten doch, dass zum Sommerfest eine Tombola stattfand. Weshalb ließen sich die Firmenbosse jedes Jahr von neuem anbetteln?

„Ich wundere mich auch immer wieder“, meinte Bernd. Er schaute an mir hoch und runter, als würde er etwas suchen: „Sag mal, eigentlich kannst du doch viel besser labern als ich.“



Worauf wollte er hinaus?

Dann ließ er die Katze aus dem Sack: „Ich hab’ mit Marens Vater immer totale Probleme. Der Kerl ist irgendwie anstrengend. Ich finde, jetzt bist du mal dran.“

Vor Schreck fiel mir glatt die Kinnlade runter.

„Das kann ich nicht“, stotterte ich. „Du machst die Sache doch ganz gut. Ich brech mir da garantiert einen ab.“

„Ach, du schaukelst das schon“, meinte Bernd bloß.

So eine Scheiße! Ausgerechnet bei Marens Vater sollte ich meinen Einstand als Schnorrer geben! Aber eigentlich hatte Bernd recht, das musste ich zugeben: Viel hatte ich bisher nicht zum Erfolg unserer Aktion beigetragen. Besser gesagt gar nichts. Rausreden war also nicht mehr drin.

Die Glastüren des Haupteingangs öffneten sich automatisch vor uns. Bernd marschierte zum Tresen und nannte der adrett gekleideten Empfangsdame unsere Namen. Sie griff zum Telefonhörer, um uns anzumelden. Mir zitterten jetzt buchstäblich die Knie vor Aufregung.

„Sie können raufgehen“, sagte die Empfangsdame, als sie den Hörer wieder aufgelegt hatte. „Kennen Sie den Weg?“

Bernd nickte. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben, liefen durch einen langen, mit dunklem Holz getäfelten Korridor, kamen schließlich an eine Tür. Mittlerweile war ich so nervös, dass ich ernsthaft befürchtete, jeden Augenblick loszureihern.

Wir klopften. Von drinnen war ein zackiges „Herein!“ zu hören.

Herr Sühring saß hinter einem riesigen schwarzen Schreibtisch. „Ah, die Komplementäre aus der Alten Mühle“, sagte er, wies auf die beiden Besucherstühle und zupfte sich die Krawatte zurecht. Als wir saßen, blickte er zwischen Bernd und mir hin und her, als wollte er sagen: „Dann lasst mal hören.“

Ich legte sofort los, als ginge es um Leben und Tod. Erzählte von Tourismus als Wirtschaftsfaktor, und dass Aktionen wie Sommerfest und Tombola gezieltes Marketing wären. Die gesamte Region würde davon profitieren, und so weiter. Vor einigen Wochen hatte ich in der Schule ein Referat gehalten zum Thema „Harte und weiche Standortfaktoren in der Wirtschaft“. Natürlich hatte mich das Ganze nicht die Bohne interessiert, aber jetzt war ich verdammt froh über das Wissen, dass ich mir eingetrichtert hatte. Ich konnte sozusagen aus dem Vollen schöpfen.



Marens Vater schien sich gut zu amüsieren: Das Grinsen in seinem Gesicht wurde immer breiter. Irgendwann ging mir die Munition aus. „Ich will sehen, was ich für euch tun kann“, sagte er lapidar und entließ uns.

Als wir wieder im Freien waren, platzte es aus Bernd heraus: „Mann, dem hast du’s gegeben! Das war geil!“

Ich verstand nicht, was er meinte.

„Den hast du plattgelabert. Ich hätte das nie hingekriegt.“

Hatte ich Herrn Sühring mit meinem Gefasel wirklich beeindruckt?

„Bin gespannt, was er als Geschenk rausrückt.“ Bernd grinste. „Ein Auto ist das mindeste, mit weniger kommt der diesmal nicht davon!“

Ich tippte mir an die Stirn. „Ein Auto – geht’s noch?“

„Wieso nicht? Alter, bei dem hast du jetzt n Stein im Brett, das glaubst du ja wohl!“

Das glaubte ich ganz sicher nicht. Welchen Unsinn reimte Bernd sich da zusammen?

***

 

Nach einer kühlen, wechselhaften Wetterphase kam der Sommer zurück, und zwar mit Macht. Es gab Hitze satt, noch mehr Hitze, schließlich zu viel Hitze. Kochende Luft ergoss sich über einen, kaum dass man vor die Tür trat – man konnte nur noch in den Schatten flüchten.

Schließlich sehnte sich alles, egal ob Mensch, Tier oder Pflanze, nach dem großen Regen. Und eines Nachts war es endlich soweit: Laute Donnerschläge warfen mich fast aus dem Bett, Blitz-Kaskaden machten die Nacht zum Tag, Wassermengen biblischen Ausmaßes gingen auf unser Dach nieder. Erst nach geschlagenen drei Stunden kehrte wieder einigermaßen Ruhe ein.

Leider brachte der Wetterumschwung nicht die erhoffte Erholung: Morgens drückten Feuchtigkeit und Dunst schwerer als zuvor aufs Land, selbst die geringsten Bewegungen verursachten Schweißausbrüche. Das Atmen fiel schwer, in der Schule musste ich ständig zum Asthmaspray greifen.

Erst nachmittags kam Wind auf, am Anfang bloß schwach, aber zum Glück allmählich lebhafter. Frische Gerüche wurden herangetragen, nach Blüten, Pflanzen, Feuchtigkeit, auch die Dunstglocke begann sich mehr und mehr aufzulösen. Schließlich brach der Himmel auf, die Sonne zeigte sich. Die Erleichterung war unbeschreiblich.

Maren und ich radelten durch die Felder. Wir wollten zum Bismarckturm, einem bekannten Aussichtspunkt. Angeblich war er im Stil eines mittelalterlichen Burgturms errichtet, was sich für mich komisch anhörte: Wer baute so etwas und wozu? Aber der Blick von dort oben sollte grandios sein.



Zum ersten Mal fuhr ich von der Küste weg landeinwärts. Hier gab es keine Deichlinie und keine See als Orientierungsmarke. In alle Richtungen nur Land, schier endloses Grün. Allein wäre ich in dieser Weite hoffnungslos verloren gewesen, aber Maren schien sich bestens auszukennen: An keiner Abzweigung zögerte sie, immer wusste sie, wie es weiterging.

„Wie kann man sich bloß diese Strecke merken?“, wunderte ich mich.

„Kennt hier jeder“, meinte sie bloß.

Wir durchquerten entlegene Dörfer mit seltsamen Namen wie Krakery oder Legbank. Meistens waren sie wie ausgestorben. Oder sie befanden sich unter der Herrschaft der Kinder, die in Horden herumtobten, ungewaschen, barfuß, manchmal nackt. Einmal gerieten wir in einen Pulk Hühner, die mitten über die Dorfstraße staksten. Nur unter protestierendem Gegacker rannten sie zur Seite und gaben den Weg frei.

Der Himmel war inzwischen nahezu klar, die Sonne schien fast permanent. Ihr Licht ließ die Landschaft noch weiter, noch verlorener wirken. Gerade hatten wir den nächsten Flecken passiert, den man kaum ‘Dorf’ nennen konnte, als zwischen den Hügeln ein schneeweißes Gebäude auftauchte, ein Schloss mehr als ein Haus. Inmitten der grünen Einöde wirkte es fast wie eine Sinnestäuschung. „Das Herrenhaus von Gut Friedrichsburg“, wusste Maren.

Nach gut zweistündiger Fahrt konnte ich am Horizont etwas ausmachen, das an einen riesigen, in den Himmel weisenden Finger erinnerte. Als wir näherkamen, erkannte ich endlich den Turm. Er war aus roten Backsteinen errichtet und viereckig. Seine Zinnen ließen tatsächlich an einen mittelalterlichen Burgturm denken – allerdings fehlte die dazugehörige Burg.

In einer langgezogenen Kurve verschwand das Bauwerk wieder aus unserem Blickfeld. Wenig später tauchte es von Neuem auf, dicht vor uns und auf einmal ziemlich wuchtig, fast bedrohlich. Die Straße endete zu Füßen des Kolosses an einem kleinen, kiesgedeckten Parkplatz, der leer war. Wir stellten die Räder einfach gegen die Turmwand, schlossen nicht ab, ließen auch die Taschen mit dem Proviant auf den Gepäckträgern. Außer uns schien eh keiner hier zu sein.

Drinnen kam man in eine düstere, mit Kalk geweißte Halle. Maren steuerte zielstrebig auf einen Durchgang zu, hinter dem Steinstufen nach oben führten. Ich suchte zunächst nach etwas, das wie eine Kasse aussah – Fehlanzeige. Auch kein uniformierter Wärter kam aus einer irgendeiner dunklen Ecke hervorgeschossen. Anscheinend durfte man hier unbeaufsichtigt herumlaufen, und das auch noch für lau. Reichlich perplex stolperte ich hinter Maren her.



Die Stufen gehörten zu einer Wendeltreppe, die sich in engen Schlaufen emporzirkelte. Bald erreichten wir eine Zwischenplattform. Die Aussicht war hier bereits recht ordentlich, aber damit gaben wir uns natürlich nicht zufrieden, wir wollten ganz nach oben. Also zurück auf die Treppe. Der Weg zog und zog sich, nichts geschah. Vom vielen Im-Kreis-Gehen wurde uns bald schwindelig. Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte endlich Licht über uns auf. Wir fingen an zu laufen, erreichten eine Öffnung, kamen ins Freie…

Wir standen auf dem Dach der Welt. Über uns war nur noch der azurblaue Himmel. Und der Blick in die Tiefe – er verschlug einem die Sprache: Ein endlos wogender Flickenteppich aus Kornfeldern, Wiesen, Knicks, Waldstücken. Ich begann mich um meine eigene Achse zu drehen, erst langsam, dann immer schneller, bis mir wieder schwindelig wurde. Es war ein sehr hilfloser Versuch, die Aussicht zu erfassen, in ihrer ganzen Weite und Vielfalt – natürlich scheiterte er jämmerlich.

Ein Glanz war auf einmal in Marens Augen, der das Grün der Natur widerspiegeln wollte. Die Augen waren das schönste an ihr – dieses neugierige Funkeln, diese Lebendigkeit. Zugleich lag etwas Rätselhaftes in ihnen, das sicher von der Farbe herrührte. Aber ich liebte auch diesen Mund, die Knicke an den Mundwinkeln, die Unterlippe, die dem Gesicht immer etwas Kindliches, Schmollendes gab. Nicht zu vergessen ihr leuchtend-blondes Haar, das mich mehr denn je an reifendes Korn erinnerte. Blondes Haar und grüne Augen – gab es eine Kombination, die besser hierher passte, in diese Landschaft, diesen hellen, lichtdurchfluteten Sommer?

Auf einmal bekam ich Lust, sie nackt zu sehen, hier oben, in diesem Licht, vor den Feldern. Ich zog die Träger ihres Kleides und des Bustiers zur Seite, streifte den Stoff herab. Sie ließ es geschehen, erst verwundert, dann erregt. Wie sehr ich mittlerweile ihre kleinen Brüste liebte. Sie erzeugten eine Lust in mir, die viel intensiver war als ich es bei großen Brüsten erlebt hatte. Die Brustwarzen waren sehr empfindlich. Kaum berührte man sie mit den Händen oder Lippen, wurden sie auch schon hart.

Schritte auf der Treppe! Hastig zog Maren sich wieder an. Sie war kaum fertig, da trat ein älteres Ehepaar aus dem Durchgang auf die Plattform heraus, der Mann hielt einen Reiseführer in der Hand. Leicht irritiert schauten die beiden uns an. Ob sie was mitbekommen hatten?



Arm in Arm gingen sie auf die anderen Seite, beugten sich über die Zinne und glotzten in die Ferne. Maren und ich warfen uns genervte Blicke zu. Dann ging ein schelmisches Grinsen über ihr Gesicht. „Darling, du wirst immer rassiger!“, rief sie, „du hast es mir großartig besorgt!“

Ich schaute sie verdattert an. Noch immer war ich es nicht gewohnt, wenn die vermeintlich brave Maren so sprach. Aber ich kapierte natürlich, worauf sie hinaus wollte, und prompt fiel mir eine Antwort ein: „Ja, deine Liebesschreie müssen meilenweit zu hören gewesen sein!“ Kaum hatte ich diesen Unsinn gesagt, prusteten wir auch schon los. Die beiden Touris standen peinlich berührt da und versuchten krampfhaft, die Aussicht zu genießen. Sie konnten einem fast leid tun. Endlich hatten sie ein Einsehen und gingen. Wir waren wieder allein. Gewonnen!

Wir beschlossen, unser Picknick einfach hier oben zu machen und holten den Proviant herauf. Der sonnenbeschienene, warme Steinboden war unser Tisch. Besucher kamen nur noch selten. Wenn sie uns beim Schmausen sahen, wünschten sie einen Guten Appetit.

Ich musste an einen weit zurückliegenden Sonntagmorgen denken: das warme Frühlingswetter, die Radfahrt mit Hartmann zur alten Kanalbrücke, den Blick auf die andere Seite, dieses schmale, blass-grüne Band am Horizont, das so unerreichbar gewirkt hatte. Und jetzt waren wir mittendrin: Das Band hatte sich zu einer Fläche entfaltet, zu ebenjener Hügellandschaft, die unseren Turm umgab wie ein grünes, endloses Meer.

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