43. Komplett verschwinden

Seit mehreren Tagen regnete es bereits. Und es schien kühler geworden zu sein. Wenn ich in meinem Sessel saß, fing ich schnell an zu frieren. Einmal hatte ich die Heizung angedreht, aber sie war kalt geblieben. Wahrscheinlich lief das Aggregat im Keller nicht.

Über eine Woche war die Sache auf Bernds Terrasse nun her. Ich musste mich unbedingt wieder bei den anderen blicken lassen, durfte nicht länger Versteck spielen.

Andererseits: Weshalb kam Maren nicht zu mir? Sie hielt es anscheinend für ausgemachte Sache, dass ich den ersten Schritt tat. Obwohl sie doch diejenige war, die nicht von ihren früheren Lovern abließ, sich alle Türen offenhielt.

Aber diese Rechnung hatte sie ohne mich gemacht. Wenn sie unbedingt ihren Rusi behalten wollte – bitte schön! Sollte sie doch sehen, wie sie mit diesem durchgeknallten Kiffer glücklich wurde!

Sie trieb davon, ich würde sie verlieren. Ich musste etwas tun, sofort!

Weshalb kam sie nicht?

 

***

 

Früher Nachmittag. Seit Stunden saß in meinem Zimmer und starrte Löcher in die Luft, wie meistens in letzter Zeit. Muttern und Klaus arbeiteten, Henri streunte mit seinen Kumpels herum. Niemand war da, der mich störte in meiner selbst gewählten Einsiedelei.

Der Dauerregen der letzten Zeit hatte mittlerweile aufgehört, Straßen und Gehwege waren abgetrocknet. Aber noch immer hing ein schwerer, grauer Vorhang am Himmel, der bedrohlich nach neuem Schlechtwetter aussah.

Lautes Türklingeln zerriss die Stille. Ich wusste sofort, wer es war. Endlich! Sie war also doch noch gekommen.

Jetzt brauchte ich nur nach unten zu gehen und die Tür zu öffnen. Wir würden einander gegenüberstehen, uns anlächeln und in die Arme fallen. Alles würde gut werden. Ich meinte bereits ihren Duft wahrzunehmen, nach Seife oder irgendeinem Parfüm …

Aber ich rührte mich nicht. Es ging nicht. Ich war mit einem Mal wie gelähmt, konnte nicht mehr aufstehen.

Wieder klingelte es. Panik stieg in mir hoch – wenn ich jetzt nicht öffnete, ging etwas kaputt zwischen uns, definitiv. Noch konnte ich es verhindern, ich hatte es in der Hand. Nur die paar Schritte runter zur Haustür…

Nein, ich wollte sie zappeln lassen. Sie sollte selbst erleben, wie es war, vor verschlossener Tür zu stehen, zurückgewiesen zu werden.



Abends klingelte es wieder. Als ich hörte, wie Henri aus seinem Zimmer kam, sprang ich auf und blockierte ihm den Weg zur Treppe. „Wenn das Maren ist: Ich bin nicht da! Du hast keine Ahnung, wo ich bin, klar?“, zischte ich.

Rasch nickte er mehrmals hintereinander. Er kannte mich und wusste, dass ich in solchen Momenten keine dämlichen Fragen hören wollte.

Bis eben hatte ich es noch bereut, ihr nachmittags nicht geöffnet zu haben. Aber nun begann mein innerer Kampf aufs Neue: So schnell nahm sie den nächsten Anlauf? Dann konnte der Warnschuss nicht deutlich gewesen sein. Ich musste hart bleiben. Wenn ich jetzt schon einknickte, war ich der Dumme. Sie würde sich im Recht fühlen, womöglich eine Entschuldigung erwarten. Ohne mich, schönen Dank!

Henri kam wieder nach oben.

„Und? War sie’s?“, wollte ich wissen.

Er nickte.

„Was hat sie gesagt?“

„Nichts weiter.“

„Will sie noch mal wiederkommen?“

„Hat sie nicht gesagt.“

 

***

 

Sie klingelte noch häufiger, rief auch ein paarmal an.

Einmal war ich zufällig gerade in Henris Zimmer und sah sie durch den Vorgarten kommen. Außer mir war keiner zu Hause, niemand hörte das Türklingeln. Ich brauchte nur abzuwarten, bis sie es aufgab.

Ein paar Tage später schickte ich Henri vor, ließ mich ein zweites Mal durch ihn verleugnen. Er spielte mit, aber nur sehr unwillig. „Was soll denn das?“, knurrte er hinterher. „Warum machst du das?“

Verdammt, was ging das diesen Kerl an? Eine schier unglaubliche Wut packte mich. Glaubte er etwa, sich einmischen zu dürfen, bloß weil er das erste Treffen zwischen Maren und mir vermittelt hatte?

„Halt die Fresse, du Arsch!“, zischte ich. Am liebsten hätte ich ihm eine reingezimmert, dass es krachte, ihn so lange getreten, bis er nicht mehr aufstand.

Ich lief in mein Zimmer, knallte die Tür hinter mir zu. Was für ein unglaubliches Arschloch war ich eigentlich, was für ein elender Haufen Dreck? Kaum war der Beton der Nordstadt ein bisschen weggekratzt, tauchte prompt die Verwesung auf. Sie zersetzte und zerfraß alles, was mir wichtig war. Und das würde immer so bleiben.

Mein Leben – ich hasste es! Und das Leben hasste mich. Eigentlich war ich schon lange tot.



 

***

 

Am nächsten Tag lag ein Brief für mich in der Post – von Maren. Zum ersten Mal sah ich ihre Handschrift: einerseits zierlich und verschnörkelt, halt typisch Mädchen, zugleich aber ungewöhnlich schräg nach rechts verlaufend. Ich wusste nicht, was ich von dem Anblick halten sollte. Er ging so gar nicht mit dem Bild zusammen, das ich von Maren hatte.

Zögernd riss ich den Umschlag auf und las den Brief. Er war nicht lang. Sie fragte, wo ich steckte und bat mich, ihr ein Lebenszeichen zu geben, damit sie endlich wisse, was los sei.

Also hatte ich noch eine Chance bekommen, eine allerletzte. Auf gar keinen Fall durfte ich die vergeigen, sonst war es vorbei. Ich musste mich unbedingt zusammenreißen, alles beiseiteschieben, was zuletzt zwischen uns gewesen war. Was immer sie verlangte – sie sollte es bekommen!

Ich nahm den Weg über die Terrasse und durch den Garten, das ging am schnellsten. Wie stark es sich abgekühlt hatte! Dass der Wetterumschwung so krass war, hatte ich beim langen Stubenhocken gar nicht gemerkt. Ein verstohlener Blick rüber zur Nachbarterrasse: Niemand war dort. Die Gartenmöbel standen zusammengeklappt an der Seite, die Markise war eingezogen. In der Zwischenzeit hatten sich Bernds Eltern wieder eingefunden und dem bunten Treiben wohl ein Ende gesetzt. Aber dann entdeckte ich doch noch ein Überbleibsel unserer Sitzungen während des Dauerregens: einen randvollen Aschenbecher auf der Fensterbank. Er wirkte wie ein letzter Wink aus einer untergegangenen, längst vergessenen Welt.

Die Straße war wie leergefegt, niemand kreuzte meinen Weg – ein Glück! Als ich zum Haus der Sührings kam, schlug mir das Herz bis zum Hals. Da war der Klingelknopf, ich musste bloß draufdrücken. Oder sollte ich lieber wieder verduften? Noch ging das, noch hatte mich bestimmt niemand entdeckt.

Ich gab mir einen Ruck, presste den Daumen auf den schwarzen Knopf. Das Türklingeln, obwohl schon tausend mal gehört, war mir noch nie so laut vorgekommen, ich zuckte regelrecht zusammen. Nichts passierte. Hoffnung keimte auf: War vielleicht keiner zu Hause? Als ich mich bereits ans Abdampfen machte, wurde hinter dem Türglas doch eine Gestalt sichtbar. Am wehenden, blonden Haar erkannte man sofort, wer es war.



Im ersten Moment wirkte sie nicht sonderlich begeistert über meinen Anblick. Aber dann überzog ein vorsichtiges Lächeln ihr Gesicht. Sie bat mich rein. Fragte, ob ich Tee wolle, sie hätte gerade welchen gekocht.

Wir saßen am Küchentisch, vor uns die dampfenden Becher. Marens Eltern waren nicht zu Hause. Ihr Vater arbeitete, Frau Sühring war beim Arzt, wegen ihrer Neurodermitis. Als Kind habe sie die ebenfalls gehabt, erzählte Maren, sogar ziemlich schlimm. Mittlerweile sei sie gesund, aber man müsse jederzeit damit rechnen, dass die Symptome wiederkamen. Komisch, dass ich gar nichts darüber wusste. Hatte Maren wirklich nie so etwas Wichtiges erwähnt? Eigentlich kaum vorstellbar. Vermutlich hatte ich es immer überhört – was die Sache nicht besser machte, im Gegenteil: Es erschien mir wie ein ziemlich böses Omen…

Dann quatschten wir über Jürgens Geburtstagsparty am Freitagabend. Wir hatten beide noch kein Geschenk und überlegten gemeinsam, worüber er sich wohl freuen würde. Insgeheim hoffte ich, dass es bei dieser Art von Unterhaltung blieb, dass wir über allgemeine, ungefährliche Themen wieder Kontakt zueinander fanden. Konnte wir nicht einfach vergessen, was zwischenzeitlich passiert war?

Leider nein: Plötzlich wurde ihr Gesicht ernst. „Und du?“, fragte sie. „Wo bist du in letzter Zeit abgeblieben?“ Man hörte deutlich die Wut in ihrer Stimme.

Die abrupte Wendung des Gesprächs überrumpelte mich – jetzt kam sie also doch, die befürchtete Abrechnung! Ich brachte keinen Ton mehr heraus, starrte sie nur an.

Sie hätte es andauernd bei mir versucht, erzählte sie. Schließlich hätte sie den Brief geschrieben. „Anders gab’s keine Chance, an dich ranzukommen. Du warst wie vom Erdboden verschluckt. Henri hatte auch keine Ahnung, wo du steckst.“

Mein schlechtes Gewissen kochte hoch, wuchs und wuchs. Was konnte ich noch zu meiner Verteidigung vorbringen? Hatte ich nicht die Höchststrafe verdient? Ich versuchte mich an die Ausrede zu erinnern, die ich vorhin noch so akribisch zusammengebastelt hatte, war aber völlig konfus, brachte nur wirres Brabbeln zustande.

Sie unterbrach mich schroff: „Ich hab’ da keinen Bock mehr drauf! Ich kann das nicht. So geht das mit uns nicht weiter.“



Und plötzlich war ich abgrundtief angekotzt. „So geht das mit uns nicht weiter“ – wie sehr ich diese Art Getragenheit hasste! „Mit uns“, sagte sie, dabei war doch klar, dass sie mich meinte. Alles lag allein an mir. Sie war natürlich unschuldig. Sie kam nicht mal auf die Idee, dass sie vielleicht auch Teil des Problems war.

„Willst du Schluss machen?“

Es war mir einfach so rausgerutscht. Meine Kehle fühlte sich auf einmal rau und belegt an. Ich wusste, dass es wie eine Drohung geklungen hatte. Aber genau das hatte es wohl auch sein sollen.

Der Schlag hatte offenbar gesessen: Sie wurde unsicher, begann sich zu verhaspeln, wich aus, wiederholte sich… aber langsam fand sie ihr Gleichgewicht wieder. So sei es jedenfalls kein Zustand, erklärte sie, auch wenn es mir vielleicht nicht gut gehe.

Jetzt musste also meine Gesundheit als Begründung herhalten. Hauptsache, der Schwarze Peter blieb an mir hängen. Sie war nicht bereit, auch nur einen Zentimeter zurückzuweichen. Wie eine Wand hatte sie sich vor mir aufgebaut, alles prallte daran ab. Mein Zorn wurde immer rasender, überstieg jede Vernunft und Gesprächsbereitschaft. „Kannst ja drüber nachdenken“, schoss es giftig aus mir heraus. „Und Bescheid geben, wie du dich entschieden hast.“

Das war’s. Vorbei. Wie ihr jetzt noch vermitteln, dass ich mein Versteckspiel der letzten Zeit unendlich bereute? Dass ich nie mehr ohne sie sein wollte? Nein, es war zu spät. Jetzt konnte ich es nur noch zu Ende bringen.

Ich drückte all meinen Schmerz nieder, machte mich kalt und stumm. Stand auf, ging in den Flur, nahm meine Jacke. Als ich zurückschaute, war in Marens Gesicht neben Verzweiflung zum ersten Mal ein Anflug von Resignation zu erkennen. Das bestärkte mich nur noch in meinem Entschluss.

Leise schloss ich die Haustür hinter mir und ging den Weg hinab.

 

***

 

Abends rief Hartmann an. Wie ich mich freute, seine Stimme zu hören! Es schien Ewigkeiten her, da wir zuletzt telefoniert hatten.

Wir quatschten über den Föhr-Urlaub, der nächste Woche losging. Eigentlich wollte ich Montagabend in die Nordstadt fahren, aber Hartmann schlug vor, schon Samstag zu kommen, wenn die ganze Truppe das Hafenfest unsicher machte.



Das Hafenfest – na klar! Wie hatte ich das bloß vergessen können? Auf keinen Fall durfte ich da fehlen! Vielleicht konnte Klaus mich am Samstag in die Nordstadt mitnehmen, ich wusste, dass er Spätdienst in der Klinik hatte. Aber zur Not würde ich mit dem Bus fahren. Ohne noch lange zu überlegen sagte ich Hartmann zu, und mit einem Schlag war dieses Gefühl von Dauermüdigkeit wie weggeblasen. Endlich von hier verschwinden! Schönhagen nervte mich nur noch an. All diese wohlerzogenen, selbstbewussten Söhne und Töchter – ich konnte sie nicht länger ertragen. Nie zögerten sie, nie waren sie um eine Antwort verlegen. Und wer nicht nach ihrem Muster funktionierte, lief knallhart auf, war raus.

Es war ein Fehler gewesen, sich überhaupt mit ihnen einzulassen. Am Ende konnte ich dabei nur verlieren, das hatte ich insgeheim längst kapiert. Diese Lähmung der letzten Zeit – sie war in Wirklichkeit eine Weigerung gewesen, den ganzen Zirkus noch länger mitzumachen.

Ich wollte zurück. Zurück in die Nordstadt, wo ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Wo ich mich nicht verstellen und verbiegen musste. Wo ich ein auch Stück Scheiße sein durfte und keiner sich drum scherte.

Mir war, als würde ich nach langer Zeit aus einem schweren, wirren Traum erwachen.

 

***

 

Freitagnachmittag. Das Telefon klingelte, Jürgen war an der Strippe: Die Party würde um 19 Uhr losgehen, meinte er. Party? Ach, verdammt, er feierte ja heute in seinen Geburtstag rein! Ich war seit Wochen eingeladen, hatte sogar ein Geschenk gekauft, ein Buch. Aber inzwischen lagen die Dinge anders. Ich hatte mich entschieden, wohin ich gehörte. Auf Jürgens Party zu gehen ergab jetzt schlicht keinen Sinn mehr. Nur blöd, dass ich ihm nicht Bescheid gesagt hatte. Irgendwie hatte ich es völlig vergessen.

Ich druckste herum, suchte nach Worten. „Muss leider passen“, murmelte ich. „Hab gerade derben Heuschnupfen.“ Das war nicht mal völlig gelogen, die verdammte Allergie setzte mir gerade wieder ordentlich zu. Trotzdem ärgerte ich mich: Weshalb stand ich nicht zu meiner Entscheidung und redete Klartext? Wozu noch dieses Rumeiern?

Einen Moment war es still in der Leitung. „Schade.“ Jürgen räusperte sich. „Hatte fest mit dir gerechnet.“ Er sprach ruhig, aber man spürte, dass die Nachricht ihn traf. Auf einmal hätte ich die Zeit am liebsten ein paar Sekunden zurückgedreht.



„Aber bevor du wegfährst“, hörte ich wieder seine Stimme, „sehen wir uns noch mal, oder?“

Nun musste ich schlucken. Er wusste ja noch gar nicht, dass ich schon morgen abhauen würde, nicht erst Montag, wie ursprünglich geplant. Vielleicht dachte er, dass alle noch mal zusammenkamen, bevor sie sich in sämtliche Winde zerstreuten, ich an die Nordsee, Maren in den sonnigen Süden, er und Silke nach Dänemark…

Ich würgte den Kloß runter, der zuletzt immer größer geworden war. „Ja, vielleicht. Falls nicht – dir und Silke einen schönen Urlaub.“ Rasch legte ich auf.

Später saß ich am Schreibtisch und guckte raus, auf die Gärten und den Nachbarblock. Immer wieder gingen unten Leute entlang und klingelten bei Jürgen. Aus seinem Zimmer drang schummriges Kerzenlicht. Eigentlich hätte die rote Lampe jetzt gut gepasst, aber sie war ausgeschaltet.

Viele der Neuankömmlinge kannte ich nicht. Ob sie aus der Schule in Schmölln waren? Mir fiel ein, dass ich Marens Schmöllner Freunde bisher noch nie gesehen hatte. Da war so vieles an ihr, das es eigentlich noch zu entdecken galt. Dazu würde es jetzt wohl nicht mehr kommen…

Mein Blick wanderte zum Bücherregal an der Seite: Auch Jürgens Geschenk stand dort, ein Historienschinken, von dessen Autor er mir irgendwann vorgeschwärmt hatte. Nun war es nicht mal eingepackt, stand einfach wie ein x-beliebiges Buch dort.

Im Hintergrund lief der Fernseher. Gerade wurden Bilder vom Hafenfest gezeigt, von der Eröffnungsfeier. Politiker und Prominente aus Film, TV und Musik waren gekommen. Immer wieder schwenkte die Kamera übers Wasser, wo zahllose Segler der unterschiedlichsten Größen herumschipperten.

Nein, ich würde nicht mehr zu Jürgen gehen! Vielleicht konnte ich ihm das Buch nachträglich schenken. Oder ich gab es einfach Klaus, der liebte historische Romane über alles.

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