45. Ferien an der Nordsee

Ferien an der Nordsee, das hieß: Überfahrt mit der Autofähre von Dagebüll. Bärtige Seeleute in roter Arbeitskleidung, sich Sätze auf Platt zurufend. Kräftiger Fahrtwind auf dem Oberdeck, knatternde Heckflaggen, im Wasser hinter uns eine weiße Spur von der Schiffsschraube. Zur Linken Halligen, flach wie Striche, am Horizont voraus die grüne Deichlinie und dahinter, winzig klein, Dächer und Baumkronen. Schließlich Einfahrt in den Inselhafen, beim Anlegen ein strenger Geruch nach brackigem Meerwasser und Schiffsdiesel. Die Schotten öffneten sich, ein Strom Fahrzeuge ergoss sich lärmend und qualmend an Land. Danach kamen die Fußgänger dran – wir waren da.

Ferien an der Nordsee, das hieß auch: Radfahren über flaches, fast baumloses Land. Binnendeiche, durchschnitten von schmalen Teerstraßen. Reetdachhäuser und Windmühlen, auf Warften gebaut. Wattwandern, barfuß, mit hochgekrempelten Hosenbeinen. Menschenleere, endlose Weite. Unter den Füßen kalte Sandrillen, über uns der wolkenzerrissene Himmel.

Im Süden und Westen der Insel gab es Sandstrand. Dort badeten wir an den wenigen Sonnentagen, die uns beschert waren. Wir beobachteten Mädchen, suchten uns die schönsten aus. Ich entdeckte eine Blonde, Süße, die mich an Kathrin erinnerte, unsere Brigitte Bardot am KBZ. Nur wirkte sie viel netter, nicht so eingebildet und hochnäsig. Eher wie die Mädchen in Schönhagen. Aber auch nicht so landeimäßig. Irgendwas dazwischen.

Einmal gingen wir in die Feriendisco des Wyker Jugendzentrums und sahen dort die Mädchen vom Strand wieder. Hartmann behauptete steif und fest, die hübsche Blonde würde ihn die ganze Zeit anblinzeln. Aber als der diesjährige Sommerhit gespielt wurde, kam sie zu mir und zog mich hinter sich her auf die Tanzfläche. Oje! Ich war der schlechteste, peinlichste Tänzer der Welt. Hilflos wischte ich mit den Füßen auf dem Parkett hin und her und versuchte einigermaßen im Takt zu bleiben. Aber es schmeichelte mir trotzdem, dass sie mich zum Tanzen geholt hatte und nicht Hartmann.

Ich spürte, dass sie es auf mich abgesehen hatte. Eine Bewegung von mir, die kleinste Reaktion auf ihre Blicke und Gesten, und ich hatte freie Bahn. Warum sollte ich die Gelegenheit nicht nutzen? Es waren Ferien, wen interessierte es, was danach kam?



Doch ich stieg nicht auf das verlockende Angebot ein. Etwas hielt mich zurück. Als das Lied zu Ende war, zog ich von dannen, ohne die Blonde nochmal anzuschauen.. Hartmann stand am Tresen, in der Hand ein Bier. „Was ist?“, wunderte er sich. „Geht’s nicht weiter?“

„Ich düs ab“, meinte ich und ließ ihn allein. Sollte er sich die Alte eben schnappen, mir doch egal.

 

***

 

Ferien an der Nordsee, das hieß andererseits: endlose Regentage, Stubenhocken, TV glotzen. Einmal lief ein Special über neue Bands, die oft nur aus zwei Leuten bestanden: monotone Drums, harte Beats, pumpende Sequenzer, alles superschnell und gnadenlos laut. Sehr befremdlich für Leute wie mich, die eher Rockmucke gewohnt waren. Hartmann dagegen geriet völlig aus dem Häuschen, fing an, in der kleinen Wohnstube Pogo zu tanzen, immer wilder und ekstatischer. Bis seine Mutter ihn aufforderte, allmählich wieder zur Vernunft zu kommen.

An diesen Regenabenden spielten wir gern Skat mit Broder Hansen, unserem Vermieter. Ein Landwirt, wie er im Buche steht: stämmig, gutmütiger Gesichtsausdruck, Latzhose und Gummistiefel. Unsere Zockerrunden dauerten immer bis spät in die Nacht, das Bier floss reichlich. Am nächsten Tag war ich jedes Mal ziemlich erledigt. Und um einige Taler ärmer.

Wie im Flug vergingen die beiden Ferienwochen, unerbittlich rückte der Tag der Abreise heran. Ich hatte keine Idee, was danach kommen würde. Einfach in mein altes Leben zurückzukehren erschien mir mittlerweile unmöglich. Es existierte nicht mehr, war zerbröselt, unter mir weggebrochen, schlicht verschwunden.

Was, wenn ich einfach hierblieb, auf Broders Bauernhof anheuerte? Kühe melken, Mist schaufeln, abends in den Dorfkrug, Korn und Bier trinken, im Winter heißen Grog. Warum ging das nicht? Warum konnte man nicht alles hinter sich lassen, einfach noch mal ganz neu anfangen?

 

***

 

Unser vorletzter Tag auf der Insel. Ich hatte mir am Fähranleger Pommes gekauft und saß mampfend auf den Deich. Es war Ebbe. Gerade hatte die Fähre abgelegt und pflügte sich durch die schmale Fahrrinne Richtung Festland. Die letzten Tage waren ziemlich windig gewesen, wie ein Vorgeschmack auf den Herbst. Ich hatte mich eigentlich auf eine Sturmflut gefreut, aber das Wasser war kaum höher aufgelaufen sonst. Inzwischen hatte sich der Sturm gelegt, auch die Wolken am Himmel waren zur Ruhe gekommen.



Gestern abend hatte es noch Ärger mit Hartmann gegeben. Er war wieder kräftig dabeigewesen, über die Schönhagener abzulästern, meinte, das wären alles komplette Dorfdeppen. Auch Maren hatte ihr Fett wegbekommen, sie war für Hartmann noch immer die „blonde, naive Trulla vom Lande“. Eigentlich wollte ich es ja selbst gern so sehen – und war stattdessen immer wütender geworden, schließlich kurz davor gewesen, ihm eine zu verplätten.

Heute Nacht hatte ich dann einen wirren Traum gehabt. An viel erinnerte ich mich nicht mehr, nur dass Maren darin vorgekommen war. Und jetzt brannte eine Sehnsucht in mir, die kaum auszuhalten war…

Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie hatte ich nur die ganze Zeit so ruhig bleiben können? Weshalb war mir nicht aufgefallen, dass ich Maren so sehr vermisste? Sie, die Clique und auch das Dorf, Schönhagen? Nun saß mir die Angst im Nacken. Auf einmal wollte ich nur noch zurück, wieder nach Hause, so schnell wie möglich.

Die Panik steigerte sich immer mehr, wurde zu regelrechtem Horror. Plötzlich saß ich dort wie auf glühenden Kohlen.

 

***

 

Sonntag, der letzte Ferientag. Nachmittags waren wir von Föhr zurückgekommen. In der Nordstadt hatte Klaus mich eingesammelt, jetzt ging es wieder nach Schönhagen. Hinter Eckhorst, bereits auf der Bundesstraße, drehte ich das Wagenfenster runter. Das Wetter war sonnig und mild, überall leuchteten goldgelbe Stoppelfelder. Wo schon neu ausgesät war, stand frisches, kurzes Gras auf den Äckern.

Meine Torschlusspanik der vergangenen Tage war mittlerweile einem dumpfen, pochenden Schmerz in der Magengegend gewichen. Wie ein Geschwür, das kurz vorm Aufbrechen war. Die Stunde der Wahrheit – unerbittlich rückte sie näher…

Bald tauchten am Horizont die Türme des Ferienzentrums auf, hinter ihnen sah man das glitzernde Band der See. Der Anblick war wunderschön – und zugleich seltsam unbewegt und starr. Wie ein altes Foto, ein Bild aus der Vergangenheit. Das Bild einer Welt, die ich nicht mehr erreichen konnte, deren Eingang für mich mittlerweile verschlossen war.

Wir passierten das Schönhagener Ortsschild, fuhren den Achterkamp entlang, bogen in die Kleiststraße. Schließlich hielten wir in der Eichendorffstraße. Als ich ausstieg, kam mir alles sehr verändert vor. Die Blumen waren verblüht, die Sträucher begannen sich zu lichten. Es ging bereits deutlich auf den Herbst zu.



Nebenan saß Bernd auf der Gartenbank unterm Küchenfenster und ließ sich die Abendsonne ins Gesicht scheinen. Ich grüßte ihn mit dem langen, gedehnten „Moin!“, das ich mir auf Föhr angewöhnt hatte. Er sagte nichts, grinste mich nur kurz an.

„Wie war die Ernte auf Gut Neudorf?“, fragte ich. „Alles fertig?“ Ich dachte an die vielen Stoppelfelder, die wir unterwegs gesehen hatten.

Er nickte.

„Und? Ordentlich Schotter gemacht?“

Erneut Nicken. Dann ein sehr breites, stolzes Grinsen. „Bis gestern geackert. Die neue Karre ist gebongt.“ Er spielte auf das Motorrad an, das er sich kaufen wollte, wenn er nächstes Jahr volljährig wurde.

„Nicht schlecht.“ Eigentlich interessierte mich sein Biker-Kram nicht die Bohne, aber gerade war mir jedes Thema recht, um ein Gespräch in Gang zu bekommen. Ich klagte über die viel zu kurzen Ferien, den morgigen Schulstart.

„Immer noch besser als Job“, meinte er bloß.

„Und was liegt die nächsten Tage so an?“ Ich versuchte, möglichst arglos zu klingen. Es sollte sich anhören wie eine Frage, die man eben stellt, wenn man längere Zeit weggewesen ist.

Er antwortete nicht. Langsam kriegte ich Schiss. Benahm er sich nicht reichlich seltsam? Irgendwas stimmte hier nicht.

„Morgen um sechs treffen wir uns bei Micha zum Kino“, meinte er nach einer Weile. „Er hat ’nen neuen Film, Zeichentrick. Irgendwas mit ’ner Katze.“

„Kommen da alle?“ Mein Herz raste. Dies war der entscheidende Moment. Bestimmt konnte Bernd sich denken, worauf ich anspielte.

Erneut Schweigen. „Glaub schon“, murmelte er schließlich.

Ich atmete innerlich auf. Okay, bei Micha. Und alle würden kommen – perfekte Bedingungen also, mehr konnte man nicht verlangen.

„Na, dann bis morgen“, sagte ich, so freundschaftlich wie möglich.

Er hob nur die Hand und sonnte sich weiter. Irgendwas war mit ihm los, ganz bestimmt. Oder sah ich Gespenster? Hatte er bloß keinen Bock, sich zu unterhalten? Ich wurde nicht schlau aus ihm.

Oben in meinem Zimmer empfing mich abgestandene Luft. Die Sitzmöbel wirkten schmuddelig und fleckig, das Fenster war fast blind von den Schlieren, die der Regen hinterlassen hatte. Eigentlich hätte ich es öffnen und Sauerstoff reinlassen sollen, aber ich setzte mich bloß auf die Bettkante und starrte vor mich hin. Es war, als gehörte ich nicht hierher, wäre bloß zu Gast bei jemand anders. Jemand, den ich schon lange nicht mehr getroffen hatte, der mir fremd geworden war.



Morgen würde die Schule wieder losgehen. Auch dieser Gedanke fühlte sich merkwürdig an. Ich konnte mich kaum noch erinnern, wie es dort gewesen war. Vor den Sommerferien – das war eine unfassbar weit zurückliegende, vollkommen andere Zeit…

Ich ging runter in die Küche, kochte mir einen Kaffee und schaute nach draußen, auf Michas Haus. Dort fand es also morgen statt, das große Wiedersehen. Ob sich noch mal alles zum Guten wenden würde? Ich versuchte mir auszumalen, wie meine Chancen standen, bekam es aber nicht hin. Diese innere Grenze war wieder da, über die ich nicht hinausdenken konnte.

 

***

 

Am nächsten Morgen saß ich in meinem gewohnten Bus nach Eckhorst – ein ganz normaler Schultag schien seinen Anfang zu nehmen. Und doch kam mir alles völlig verändert vor, ähnlich wie bereits gestern.

In meiner Klasse nur sonnengebräunte, strahlende Gesichter. Alle schienen sich einen Wolf zu freuen, endlich wieder in die Schule zu dürfen. Einige hatten über die Ferien einen regelrechten Alterssprung hingelegt. Mädchen, die bisher flach wie ein Brett gewesen waren, zeigten auf einmal sehr weibliche Rundungen. Jungen, die man immer als Milchgesichter bezeichnet hatte, spross jetzt dunkler Flaum auf der Oberlippe.

Unser neuer Klassenraum lag im Souterrain. Er war ein bisschen dunkel, dafür konnte man aus dem Fenster direkt auf den Schulhof klettern, sparte sich den Weg über den Korridor und durchs Foyer. Die Vorgängerklasse hatte uns sogar eine Sitzecke mit Sofas und Sesseln hinterlassen; allerdings entsprach sie wohl nicht den Brandschutz-Bestimmungen und musste demnächst entsorgt werden – schade eigentlich. Unterricht gab es noch keinen. Herr Wahlstedt verlas den Stundenplan und ging die Themen des Schuljahres durch. Bei Herrn Bode, dem Mathe- und Physiklehrer, erzählten wir uns gegenseitig von den Ferien. Nach drei Stunden war der Spuk schon wieder vorbei.

Zu Hause saß ich rum, hörte Musik und wartete, dass es Abend wurde. Der Schmerz in der Magengegend war inzwischen sehr stark geworden. Und immer wieder wurde mir die Luft knapp, wie bei einem Asthmaanfall. Aber es war kein Asthma, das wusste ich nur zu gut…

Und wenn man nachher einfach tat, als wäre alles im Lot? Sich nicht scherte um die Dinge, die zuletzt gelaufen waren? Ich würde zu Micha in den Keller runtergehen und alle begrüßen wie immer. Mich über das Wiedersehen freuen. Silke und Jürgen von ihrer Dänemark-Tour erzählen lassen. Jürgen nachträglich zum Geburtstag gratulieren und ihm endlich sein Buch schenken, das ich mittlerweile eingepackt hatte. Und Maren? Was sollte ich mit ihr anstellen? Sie einfach in die Arme nehmen und ihr einen Kuss geben, noch bevor sie protestieren konnte? Ja, irgendwas in der Art. Es würde schon klappen, jedenfalls, wenn ich die nötige Entschlossenheit aufbrachte und zugleich locker blieb, meinen Charme spielen ließ. Das bisschen, das ich besaß.



Sechs Uhr. Ich nahm die Jacke von der Garderobe und tippelte los. In der Zwischenzeit hatte es sich bewölkt, für den Abend war Regen vorhergesagt. Obwohl ich nur winzige Schritte machte, kam das seltsame Architektenhaus rasch näher; es schien sich wie von selbst auf mich zuzubewegen.

Die Haustür stand offen, aus dem Keller drang lautes Stimmengewirr. Es mussten viele Leute gekommen sein. Mit weichen Knien stieg ich die enge Betontreppe runter. Als ich die Zimmertür öffnete, schienen mit einem Schlag die Gespräche zu verstummen und alle Köpfe sich in meine Richtung zu drehen.

Es dauerte eine gute Weile, ehe ich begriff, dass nichts dergleichen geschah. Keine Menschenseele registrierte mein Kommen, der Geräuschpegel blieb, wie er war. Überall hockten Leute in Grüppchen zusammen und quatschten angeregt. Der Raum war bereits stark verqualmt, im Hintergrund sägte Hardrock-Mucke vor sich hin.

Ich entdeckte Alex, Micha und Schohl. Keiner der drei reagierte auf mein zaghaftes „Moin“. Wobei sie gerade leidenschaftlich über irgendwelche Gitarrenmarken debattierten und ansonsten nicht viel mitbekamen. Ich stellte mich einfach dazu und mimte den interessierten Laien. Wenigstens ein Anfang, dachte ich, wenigstens schon mal drin.

Vorsichtig ließ ich den Blick durch das Kellergewölbe schweifen. Dort, wo normalerweise das Schlagzeug stand, war der Projektor aufgebaut. Als Leinwand diente ein altes Laken, auf das bereits ein Standbild projiziert wurde: die Köpfe von Che Guevara und Bob Marley, beide mit einem qualmenden Joint im Mundwinkel. Über ihnen prangte das Logo der RAF: ein blutroter, fünfzackiger Stern mit einer Maschinenpistole in der Mitte. Den Hintergrund bildeten, etwas abgeschwächt, die Farben Afrikas: grün, gelb und rot.

Endlich sah ich sie, am anderen Ende des Raumes, im Halbkreis auf dem Boden sitzend: Kristina und Bernd waren dort, auch Silke und Jürgen. Und Maren. Wie braun sie geworden war im sonnigen Süden! Und wie schön sie aussah: Ein zartes Rot überzog ihre Wangen, das selbst im kalten Neonlicht des Kellers seltsam anrührte. Und dieses Haar – es leuchtete heller als alle Weizenfelder der Region zusammen, man mochte es kaum glauben.

Sie unterhielten sich angeregt, beachteten den Trubel fast nicht. Kein Wunder: Dies musste ihr erstes Treffen seit Jürgens Geburtstag sein. Maren hatte die letzten 14 Tage mit ihren Eltern in der Toskana verbracht, Jürgen und Silke waren erst gestern abend von ihrer Dänemark-Tour zurückgekommen, und Bernd hatte die ganze Zeit auf Gut Neudorf gearbeitet.



Gerade wollte ich meinen letzten Rest Mut zusammenklauben und zu ihnen rübergehen, da begann der Projektor zu rattern. Das Licht erlosch, wirres Geflimmer überlagerte die Konterfeis von Bob Marley und Che Guevara, aus den Lautsprechern begannen die ersten Stimmen zu quaken. Das Gerede im Raum erstarb, und alle wandten sich der Leinwand zu, auf der in dicken Lettern der Filmtitel erschien: „Fritz The Cat“.

Normalerweise war ich gierig auf Filme. Gierig auf die Fantasiewelt, die sie entstehen ließen. Normalerweise war ich der erste, der alles um sich herum vergaß, sobald ein Film begann. Und auch jetzt starrte ich sofort gebannt auf die Leinwand, kaum dass dort die erste Totale zu sehen war: eine in düsterem Schwarzweiß gezeichnete Straßenschlucht.

Aber schon bald verlor ich die Konzentration. Immer stärker wurden die mittlerweile grellbunten Filmbilder überlagert von den Eindrücken in meinem Kopf: der verqualmte Raum, die aufgeladene, hektische Stimmung unter den Leuten, das Hickhack zwischen Micha, Schohl und Alex, schließlich die Clique in ihrer Ecke, weit, weit von mir weg. Und ich konnte nichts machen, war zur Untätigkeit verdammt: Die Dunkelheit und der flackernde Lichtstrahl des Projektors schrieben den momentanen Zustand fest.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war endlich Schluss. Die abrupt aufflammenden Deckenlichter wirkten wie Spots, die mich ins Visier nahmen. Ich biss die Zähne so fest zusammen, dass die Kiefergelenke knirschten. Auftritt Hauke – jetzt bloß nichts verkehrt machen, nichts vermasseln. Der Gang zu ihnen fühlte sich wie eine schwere Kletterpartie an. Ich kam fast nicht vorwärts, drohte immer wieder abzurutschen.

Dann erreichte ich das Grüppchen, kniete mich am Rand hin, sozusagen in die zweite Reihe. Erst nahmen sie keine Notiz von mir. Ich räusperte mich, brachte ein krächzendes „Hallo“ heraus. Die ersten Blicke gingen in meine Richtung, unsicher, sogar peinlich berührt, wie mir schien. Maren saß noch immer mit dem Rücken zu mir. Kristina stupste sie an, heimlich, aber ich sah es doch.

Endlich drehte sie sich um, im Gesicht ein schwaches, gequältes Lächeln. Ich wollte sie begrüßen, aber mir versagte plötzlich die Stimme. Dann war es zu spät, sie wandte sich bereits wieder ab, ruckartig, fast demonstrativ, wie mir schien. Die Geste versetzte mir einen heftigen Stich in der Magengegend, Schwindel kam auf. Trotzdem zwang ich mich, gute Miene zu machen, dem Gruppengespräch zu folgen. Leider war ich auf einmal merkwürdig taub, hatte zudem ein komisches Pfeifen im Ohr, wie nach einem lauten Knall, einer Detonation…



Gegenüber lehnte ein alter Garderobenspiegel an der Wand, der unsere Gruppe zeigte. Alle waren deutlich zu erkennen: Jürgen, Bernd, Silke, Kristina, Maren. Nur ich fehlte, als hätte jemand mich aus dem Kreis herausgeschnitten. Sicher war ich bloß verdeckt von den anderen, immerhin befand ich mich ganz am Rand. Und doch wusste ich, dass der Spiegel die Wahrheit sagte: Ich war nicht mehr anwesend, nur noch ein Geist aus vergangenen Zeiten, der kein Spiegelbild mehr besaß.

Jetzt wachte ich endlich auf. „Tschüss“, murmelte ich leise und verließ fluchtartig Michas Bude. Rannte die Treppe hoch, stolperte ins Freie. Draußen war ich wie geblendet, trotz der Dämmerung, die mittlerweile eingesetzt hatte. Bleischwere Wolken zogen über den Himmel.

Während des kurzen Rückwegs begann es zu regnen.

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