47. Die Grenze erreicht

Samstags ging die Schule jetzt immer bis sage und schreibe halb eins. Wir hatten bereits lautstark protestiert und sogar eine Abordnung zu Dr. Busch entsandt, dem Direx. Aber natürlich war alles beim Alten geblieben. Ich hatte so richtig die Arschkarte gezogen: Am Wochenende fuhren zwischen so gut wie keine Busse von Eckhorst zurück nach Schönhagen. Über eine Stunde musste ich nach Schulschluss noch totschlagen, ehe ich von hier wegkam.
Als Krönung hatten wir immer eine Doppelstunde Kunst bei Frau Staak, einem schmalen, dunkelhaarigen Persönchen mit Mireille-Mathieu-Frisur. Sie wirkte leicht spleenig, hielt sich wahrscheinlich für ein verkanntes Genie, dem das Schicksal den wohlverdienten Ruhm als Künstlerin versagt hatte. Bloß deswegen musste sie jetzt an einer schnöden Schule ihr Brot verdienen. Aber einen coolen Raum hatte sie bekommen, wenigstens das: licht und weit, dazu unterm Dach, wohin sich nur selten anderes Lehrpersonal verirrte, abgesehen von ihrem Fachkollegen, Herrn Doose. Ein eigenes, ungestörtes Reich also. Hier durften wir uns an guten Tagen die Zeit mit Pinseln, Kleben, Collagieren vertreiben, an schlechten versuchte uns Frau Staak die großen Kunstepochen nahezubringen. Dann zog sich der Unterricht wie Kaugummi, es ging vom Hundertsten ins Tausendste.
Heute war es besonders schlimm. Die Zeiger der großen Uhr überm Ausgang wollten einfach nicht von der Stelle rücken, sie schienen wie eingefroren. Mir taten vom vielen Gähnen schon die Kiefergelenke weh, auf der Mappe fand sich kaum noch Platz für Kritzeleien. Währenddessen leuchtete durch die Dachfenster ein makellos blauer Himmel herein. Man hatte eigentlich nicht mehr daran geglaubt, dass es noch mal schön werden würde. Wie gern wäre ich jetzt draußen gewesen und hätte mich mit Licht vollgesogen, mit purer Energie, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Stattdessen waren wir hier drinnen eingesperrt, mussten uns Frau Staaks Gesülze über den Impressionismus anhören – es war schlicht zum Heulen.
Als man schon nicht mehr dran glaubte, schrillte endlich die Klingel. Hastig warf ich meine Sachen in die Schultasche und flüchtete. Im Treppenhaus wurde mir auf einmal blümerant – das lange Rumsitzen und Dröhnen im Unterricht forderte seinen Tribut, ich konnte die vier Etagen nur noch im Kriechgang zurücklegen. Aber schließlich kam er doch, der Schritt ins Freie, ins Licht. Die Sonne hämmerte, die Wärme hier draußen erinnerte definitiv an Hochsommer. Eigentlich hätte ich froh sein sollen, stattdessen war da plötzlich eine komische Niedergeschlagenheit. Es hing irgendwie damit zusammen, dass die Zeit einfach verging. Nichts blieb, alles verflog, zerstäubte sich. Auch dieser besondere Tag würde bald schon wieder Vergangenheit sein, nur noch eine schöne Erinnerung.
An der Haltestelle kam gerade der Schmöllner Bus. Alle stiegen ein, die Türen gingen zu, das Ungetüm brauste mit seiner Ladung davon. Hatten die es gut, sie waren bald zu Hause! Bei mir würde es sage und schreibe halb vier werden, bis endlich das Wochenende anfing. Durch die Heckscheibe des Busses schienen tausend mitleidige Blicke zurückzugehen zur Haltestelle, wo außer mir jetzt keiner mehr stand.
Normalerweise verbrachte ich die Wartezeit auf der Ziegelmauer neben der Haltestelle. Aber bei diesem Super-Wetter gab es etwas Besseres: Ich schlurfte zur angrenzenden Rasenfläche, packte mich dort auf meine Jacke, benutzte die Schultasche als Kopfkissen. Durch die geschlossenen Augen drang das Sonnenlicht, tauchte alles in blutiges Rot. Und wieder kam diese Traurigkeit hoch, schlimmer als zuvor, dieses lähmende Gefühl, dass mir die Zeit unter den Fingern zerrann…
Beinahe hätte ich die Ankunft meiner Busse überhört. Samstags waren es immer zwei: Einer nahm den direkten Weg über die Bundesstraße, der andere fuhr über Norderby, was eine halbe Stunde länger dauerte. Normalerweise benutzte ich die schnellere Variante, aber heute reizte mich der Umweg. Die Norderbyer Strecke war schmal, kurvig und nahm jeden Hügel mit, auf ihr konnte man eintauchen ins Land, ins endlose Grün. Außerdem spielten 30 zusätzliche Minuten jetzt auch keine Rolle mehr. Und so stieg ich spontan in diesen Bus.
Statt zur Bundesstraße, wie gewohnt, ging es in holpriger Fahrt runter zum Fischereihafen. Dahinter begann die Uferpromenade mit ihren stattlichen Villen. Der Horizont über der See verschwamm in der dunstigen Luft, auf der anderen Seite der Bucht, unendlich weit weg, leuchtete eine Steilküste in der herbstlichen Sonne. Am Strand unterhalb der Promenade ließen ein Vater und zwei kleine Jungen gerade einen Papierdrachen steigen. Irgendeine Erinnerung löste der Anblick in mir aus, die sehr alt sein musste… oder war es eher ein Bild aus einem anderen Leben, pastellfarben und verschwommen, wie ein impressionistisches Gemälde?
Die Straße führte vom Ufer weg den Hügel hoch, vorbei an einer roten Backsteinkirche aus Kaisers Zeiten. Sie wirkte zwischen den alten Fischerhäuschen viel zu groß und wuchtig. Hinter einer Neubausiedlung ging es endlich aus dem Ort raus in die Landschaft. Mittlerweile leuchtete alles in frischem, kräftigem Grün, Stoppelfelder sah man nirgends mehr. Zur Rechten lugte zwischen den Hügeln immer wieder die See hervor, mal azurblau, mal silbrig glitzernd.
Wir tauchten in einen Wald. Einzelne Sonnenstrahlen schafften es durchs Laubdach und erzeugten ein Flackern und Flirren, das in den Augen schmerzte. Wieder im Freien erschien inmitten der Felder ein prachtvolles Gebäude, ein Schloss geradezu – das Herrenhaus von Gut Friedrichsburg. Ich kannte es bereits von der Radfahrt mit Maren im Sommer, aber jetzt waren wir viel näher dran als damals. Vor dem Gebäude lag ein Teich, der das Haus und die umliegenden Bäume widerspiegelte – auf dem Kopf stehend. Und schon war alles wieder hinter uns verschwunden, wie eine Fata Morgana, ein Traumbild.
Irgendwann erreichten wir Norderby, das letzte Dorf vor Schönhagen. Hier hatte ich mich vor Ewigkeiten an einem Haustürkiosk mit Cola und Schokolade versorgt. Wir stoppten, obwohl weder jemand aus- noch einsteigen wollte. Der Fahrer öffnete beide Türen und stellte den Motor ab. Warmer Herbstwind wehte herein – umso besser: Die Luft hier drinnen war mittlerweile ziemlich stickig geworden.
Von mir aus hätten wir ewig an diesem friedvollen Plätzchen stehenbleiben können. Aber schon nach ein paar Minuten wurde der Motor wieder angelassen, die Türen schlossen sich, die Fahrt ging weiter. Hinter dem Ort wurde das Land bretteben. Der Blick reichte nun bis zur Deichlinie am Horizont, davor erhoben sich die schlanken, weißen Türme des Ferienzentrums. Bald fuhren wir in die langgezogene Kurve vor Schönhagen, passierten das Ortsschild. Der Bus hoppelte übers Kopfsteinpflaster der alten Dorfstraße, überquerte den Bach, ließ die Wassermühle links liegen. Mit lärmendem Motor ging es den Berg hoch, vorbei an der Kirche mit ihrem zwiebelförmigen Turm und dem alten Pfarrhaus. Die historischen Glaslaternen rechts und links der Tür funkelten im Sonnenschein.
Schließlich hielten wir am Bahnhofsgebäude. Das letzte Häuflein Fahrgäste stieg aus und verlief sich rasch. Der Fahrer lenkte den Bus in das kleine Depot neben dem Bahnhof. Kurz darauf kam er aus dem Gebäude, schloss ab und ging fröhlich pfeifend davon, in der Rechten seine Aktentasche schwingend.
Wieder allein. Wie konnte man den schönen Nachmittag nutzen? Bestimmt nicht, indem man jetzt nach Hause latschte und dort Löcher in die Luft glotzte. Ich schulterte die Tasche und marschierte einfach los. Irgendetwas zog mich in die Gartenkolonie. Zielstrebig durchquerte ich das Areal mit seiner Handvoll Parzellen, erreichte bald den Pfad entlang des Mühlenbachs. Hier war ich zuletzt im Frühsommer gewesen, bei unserem Picknick. Auf den Feldern zur Linken hatte damals das Korn dicht und hoch gestanden, nun war alles wieder neu bepflanzt. Unter der dünnen Grasschicht zeichneten sich Ackerfurchen ab, die exakt parallel zueinander den Hügel hoch liefen. Oben erkannte man die stillgelegte Bahnstrecke nach Eckhorst.
Der Pfad endete bald an einer Wiese. Ich lief am Rand des Mühlenbachs weiter, bis ein letzter, sehr hoher Knick vor mir aufragte, an dem kein Vorbeikommen mehr war. Hier setzte mich ins Gras, die Schultasche musste erneut als Unterlage herhalten. Kaum ein Lüftchen regte sich in diesem Winkel, die Sonne brannte mit geradezu unwirklicher Kraft. Nur die Vogelstimmen fehlten – sicher waren die meisten Zugvögel längst fort.
Ich hatte die Grenze erreicht. Hinter den Sträuchern des Knicks begann jene endlose Hügellandschaft, in die ich bisher erst einmal eingetaucht war: beim Fahrradausflug mit Maren. ‘Grünes Meer’ hatten wir die Region immer genannt, und wirklich schien sie eher Wasser als Land zu sein, ein Ozean, der niemals aufhörte. Das Grüne Meer… seine Verlorenheit war wie eine Energie, die wärmte und zugleich lähmte. Die bleierne Müdigkeit kehrte zurück, allmählich fielen mir die Augen zu… und doch war ich wach, wacher als vorher. Sah das Grün so kraftvoll leuchten, als wären wir wieder im Frühling. Die Natur schien aufzubegehren, sie wollte nie mehr verblühen, auf ewig ihre frischen, jungen Farben behalten. Aber die Zeit kannte kein Erbarmen, sie lief immer weiter. Schon bald würden Kälte und Dunkelheit kommen, und dann der Winter. Wieder Winter. Weshalb musste immer alles gehen, weshalb blieb nichts? Es war so deprimierend, so vollkommen hoffnungslos…
Von irgendwo wehten Klänge heran, eine Musik, unsagbar schön und traurig, größer als das Leben, machtvoll wie stürzende Wasser, ein unwiderstehlicher Sog in die Tiefe, ich musste dagegenhalten, durfte mich nicht wieder mitreißen lassen, aber es war schwer, verdammt schwer, ich würde es auch diesmal nicht schaffen… zu spät, vorbei, ein weiteres Mal den Dreh nicht gefunden, den Durchgang verpasst, die magische Passage, hilflos sank ich abwärts, die Klänge wurden leiser, die Farben verblassten, das Licht erstarb…
Als ich die Augen wieder aufschlug, war die Sonne längst hinter den Hügeln verschwunden. Es hatte sich rapide abgekühlt, auf dem Gras lag überall Tau. Stunden mussten inzwischen vergangen sein. Unter Mühen raffte ich mich hoch, kämpfte eine ganze Weile gegen Schwindel und Übelkeit an. Meine Tasche war an der Rückseite völlig durchnässt – hoffentlich hatte es die Schulsachen nicht erwischt.
Zurück wollte ich über den Bahndamm laufen, nicht wieder durch die Kleingärten. Allerdings schien nirgends ein Weg nach oben zu führen, am Ende musste ich mich mühsam zwischen Feldrand und Knick aufwärts arbeiten. Endlich angekommen war ich wie erschlagen. Und glaubte einen Moment lang, in den entschwundenen Tag zurückzukehren: Die Strecke hatte hier ein Schotterbett, das durch die Sonne der letzten Stunden fühlbar aufgeheizt war. Wie ein unsichtbarer Wall hielt die Wärme den klammen, kühlen Luftstrom zurück, der hinter mir aus der Bachniederung heraufkam. Der Himmel über dem Tal war inzwischen blutrot gefärbt. Irgendwo dort musste auch derBismarckturm sein, aber ich suchte ihn vergeblich mit Blicken. Wahrscheinlich lag er schon jenseits des Horizonts.
Gerade hatte ich die ersten Tippelschritte über die Holzschwellen gemacht, da sah ich weiter vorn ein paar Leute das Gleis betreten. Und natürlich kamen sie in meine Richtung. Einen blöderen Moment hätten die sich wahrlich nicht aussuchen können – gerade ertrug ich so gar keine anderen Menschen!
Was jetzt? Umdrehen und in die Gegenrichtung laufen, vor ihnen her? Was, wenn ich die Typen nicht los wurde? Wo landete ich am Ende? Und gerade ging die Sonne unter, demnächst war es komplett dunkel. Unschlüssig verharrte ich auf der Stelle, sah das Grüppchen immer näherkommen – bis ich sie schließlich erkannte: Es waren Silke, Jürgen, Kristina, Bernd – und Maren! Mir stockte der Atem.
Die Wärme über dem Schotterbett ließ ihre Gestalten immer wieder verschwimmen. Erst schienen sie weit weg, dann wieder unmittelbar vor mir. Manchmal wirkte es, als würden sie schweben. Maren lächelte, und doch zeigte ihr Gesicht einen Hauch von Melancholie. Das Haar fiel ihr lang auf die Schultern und schimmerte im Abendlicht fast golden. Selbst auf diese Entfernung meinte ich das Grün ihrer Augen zu erkennen.
Aber ich musste schleunigst verduften, sonst lief ich ihnen genau in die Arme! Ob sie mich bereits entdeckt hatten? Panisch suchte ich an der Seite nach irgendeiner Fluchtmöglichkeit…
Und plötzlich waren sie verschwunden. Das Gleis zitterte und flimmerte von der Wärme, aber es war leer. Die Menschengruppe hatte sich aufgelöst.
Waren sie auf einen Trampelpfad abgebogen? Hatten sie den Tag im Garten von Jürgens Eltern verbracht und jetzt eine Abkürzung genommen, die ich noch nicht kannte? So musste es sein! Ich hätte versuchen sollen, sie einzuholen, um mich selbst zu überzeugen. Aber es ging nicht – ich war auf einmal wie gelähmt. Steif und stumm stand ich dort, nur noch eine menschliche Statue.
Als ich endlich weiterging, leuchteten am Himmel bereits die ersten Sterne. Die Luft roch feucht, manchmal mischte sich der Duft von brennendem Kaminholz dazwischen. Im Kornweg hatten sich die Laternen eingeschaltet. Auch Geräusche waren jetzt wieder zu hören: ein davonfahrendes Auto, Musik aus einem offenen Fenster, Stimmen. Die Niederung am Mühlenbach lag mittlerweile unter einer dichten, weißen Nebelbank begraben.
Seit diesem Abend stellte ich mir vor, dass sie auf mich warteten. Das unsichtbare Band zwischen ihnen und mir existierte noch, verknüpfte uns wie eh und je, würde es immer tun. Und Maren liebte mich noch genauso wie ich sie. Längst bereute sie ihre Entscheidung, hätte sie am liebsten rückgängig gemacht.
Wie deutlich ich das alles spürte – es konnte gar nicht anders sein!


























































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