55. Achilles und die Schildkröte

Muttern und Klaus planten, zum Ende des Jahres zusammenzuziehen. Ich hatte es längst geahnt – was sollte Klaus noch allein in einem leeren Bungalow? Allerdings würde nicht er zu uns ziehen, sondern umgekehrt: Wir sollten mit Sack und Pack zu ihm nach Neuschönhagen übersiedeln! Ich konnte es kaum fassen: Was sollte diese verkehrte Welt? Er war einer, wir waren drei. Er hatte so gut wie keine Möbel mehr, wir dagegen waren komplett ausgestattet.
Angeblich gab es gewichtige finanzielle Gründe. Klaus erläuterte sie mir lang und geduldig, aber ich verstand bloß Bahnhof. Es interessierte mich eigentlich auch nicht. Ich wollte nur unser Haus nicht verlieren. Es war meine Zuflucht, mein bester Freund und einziger Vertrauter.
Und ich wollte in Schönhagen bleiben. Neuschönhagen war ein Dorf vom Reißbrett, eigens aus dem Boden gestampft für Leute, die von der Stadt aufs Land zogen. Der Ort bestand komplett aus Bungalows und anderen sterilen Kästen. Alles war neu und künstlich, wie man es aus amerikanischen Filmen kannte. Einen historischen Dorfkern gab es nicht.
Aber mein Protestgeschrei verhallte wirkungslos. Muttern hatte sich mal wieder was in ihren dicken Schädel gesetzt und zog es durch, ohne Rücksicht auf uns. Oder besser: auf mich. Henri war geschmiert worden, wie schon beim Wegzug aus der Nordstadt. Angeblich gab es bei Klaus noch immer endlos viel zu tun. Er würde es richten und sich nebenbei eine goldene Nase verdienen. Wieder mal schlau eingefädelt, das Ganze.
Was sollte ich machen? Ausziehen? Gerade war ich volljährig geworden, niemand hätte es mir verbieten können. Wahrscheinlich hätte Muttern mir sogar Wohnung und Essen bezahlt. Aber ich hätte in jedem Fall etwas dazuverdienen müssen, und genau hier begann das Problem. Ich konnte mich zu nichts mehr aufraffen, war schlicht bewegungsunfähig, schachmatt.
Mir blieb nur, mich in mein Schicksal zu fügen.
***
Wie nicht anders erwartet, gingen meine schulischen Leistungen mehr und mehr in den Keller. In den ersten Wochen nach den Ferien hatte ich noch versucht, aufzupassen, dem Geschehen einigermaßen zu folgen. Aber stets waren die Tagträumereien, die mich während des Unterrichts heimsuchten, stärker gewesen. Mittlerweile hatte ich die Waffen gestreckt: Ungehemmt dröhnte ich vor mich hin, von der ersten bis zur letzten Stunde.
Die Kurslehrer wurden nicht müde zu betonen, dass wir unsere Schulpflicht erfüllt hätten und jetzt freiwillig kämen. Die Oberstufe sei ausschließlich den fähigen, motivierten Leuten vorbehalten, meinten sie, Unbegabte und Bocklose würden nicht länger mit durchgeschleppt. Wenn diese Litaneien losgingen, hatte ich immer das deutliche Gefühl, sie wären an mich gerichtet. Subjekte wie du, wollten mir die Pauker offensichtlich zu verstehen geben, kriegen jetzt endlich, was sie verdienen: den Genickschuss.
Bald verging kaum noch ein Tag, an dem mich nicht irgendein Lehrer vor den anderen Kursteilnehmern bloßstellte. Ich kam dran, wenn ich gerade mal wieder pennte. Sollte Hausaufgaben vortragen, die ich nicht erledigt hatte. Konnte Wörter nicht ins Französische übersetzen, weil ich die Vokabeln nicht gelernt hatte. Musste in Physik passen, da ich vom Unterrichtsstoff rein gar nichts mehr kapierte.
Am schlimmsten war es im Grundkurs Mathe, bei Herrn Vogt. Der Typ war ähnlich jung wie Herr Bode, aber im Gegensatz zu dem ein ganz fieser Knochen. Ständig musste ich zum Vorrechnen an die Tafel – und stand jedes Mal nur schulterzuckend da. Er wollte einfach nicht einsehen, dass sein Fach zu hoch für mich war, ein Buch mit sieben Siegeln. Oder vielmehr: Er wusste es sehr gut und genoss es, mich vorzuführen. Bei Herrn Bode wäre so etwas undenkbar gewesen.
Ich spürte nur noch Angst, panische Angst. Nachts wachte ich jetzt oft schweißgebadet auf, und immer hatte ich von der Schule geträumt, von irgendeiner neuen Erniedrigung, der nächsten entwürdigenden Situation. Die Lage wurde zusehends bedrohlicher.
Zu allem Unglück waren im Sommer die Busfahrpläne geändert worden, und natürlich hatte man auf die Handvoll Schüler, die von Schönhagen nach Eckhorst mussten, keine Rücksicht genommen. Ergebnis: Ich kam jetzt immer eine volle Stunde vor Unterrichtsbeginn in der Penne an. Eigentlich hätte ich ja mit Muttern fahren können, die ihre Überstunden mittlerweile wieder abends schob, aber ich befürchtete dumme Fragen, wie es mit den Zensuren stand und dergleichen. Nee nee, ehe ich dieses Risiko einging, kreuzte ich lieber eine Stunde zu früh im Wilhelm-Gymnasiums auf. Wenigstens waren die Türen dann schon aufgeschlossen und die Heizungen liefen – ein Hoch auf unseren Hausmeister!
Von dem abgesehen war war ich vermutlich die einzige Menschenseele, die so arschfrüh die Heiligen Hallen betrat – und den Oberstufenraum sowieso. Nie erlebte ich es, dass dort schon jemand saß, wenn ich kam. Der Anblick des leeren Raumes, das Gluckern der Heizkörper, das Sirren und Summen der Leuchtstoffröhren – all das war mir inzwischen so vertraut, dass ich es nicht mehr missen mochte.
Auf die Idee, die Zeit zu nutzen, Hausaufgaben zu machen oder mich auf Klausuren vorzubereiten, kam ich nicht einmal. Ich saß nur gedankenverloren da und qualmte, was das Zeug hielt. Jede Kraftanstrengung, und wäre sie noch so klein gewesen, hätte Schmerz bedeutet, unerträgliche Marter. Das Schrillen zur ersten Stunde war jedes Mal wie ein Peitschenhieb: ’Los, bewegt euch, ihr elenden Sklaven!″, herrschte es uns an.
Eine Prügelei traute ich mir schon gar nicht mehr zu. Einmal geriet ich wegen einer Nichtigkeit mit Gunnar aneinander, einem Großmaul, das später Betriebswirtschaft studieren wollte. Unser Streit eskalierte, am Ende drohte er mir mit Schlägen. Eigentlich wäre es eine gute Gelegenheit gewesen, sich mal wieder richtig auszutoben, einem dieser BWL-Schweine ordentlich die Fresse zu polieren. Aber was tat ich stattdessen? Zog den Schwanz ein, hielt die Fresse und gab klein bei. Ich kuschte vor dieser Memme – und er nahm es wie selbstverständlich hin, erwartete von einem Looser wie mir schlicht nichts anderes.
Bloß gut, dass ich nicht mehr in der Nordstadt wohnte. Dort wäre es mir schlecht ergangen, so lahm wie ich jetzt drauf war. Wahrscheinlich hätten sie mich früher oder später gelyncht.
***
Der Toaster klackte laut. Ich nahm das rauchende, verkohlte Etwas, das eben noch eine schneeweiße Toastscheibe gewesen war, vorsichtig zwischen die Finger und balancierte es auf den Teller. Eine dicke Schicht Butter erstickte den Qualm, der aus dem Brotkörper aufstieg. Nach Sekundenbruchteilen war sie geschmolzen und hatte das Toast in einen fettglänzenden Lappen verwandelt. Dieser wurde nun unter einer stattlichen Ladung Nutella begraben. So musste Frühstück sein, alles andere war Firlefanz.
Samstagmorgen – das Wochenende war in Sichtweite. Leider galt es vorher noch eine ziemlich hohe Hürde zu nehmen: die Matheklausur bei Herrn Vogt in den letzten beiden Stunden. Im Grunde hätte ich ein leeres Blatt abgegeben können. In Mathe kapierte ich definitiv rein nichts mehr, ich hatte alle Hoffnung fahren lassen. Integralrechnung – schon dieses komische Zeichen bekam ich kaum hin. Wenigstens wusste ich inzwischen, dass es ein stilisiertes „S“ darstellen sollte, für „Summe“. Was da summiert wurde, hatte sich mir bislang allerdings nicht erschlossen. In diesem Leben würde das bestimmt auch nicht mehr passieren.
Die Zeit drängte, ich musste zum Bus. Regnete es? Rasch warf ich einen Blick aus dem Fenster, aber draußen herrschte noch völlige Dunkelheit. Ich wollte das Radio anschalten, den Wetterbericht hören. Aber als ich ins Leere griff, fiel mir wieder ein, dass dort gar kein Radio mehr stand. Ich schaute mich um: Die Stühle waren weg, genauso der Küchentisch und auch die Holzbank. Ich saß auf einem übriggebliebenen Hocker, benutzte die Arbeitsfläche der Einbauküche als Tisch. Das Wohnzimmer und sämtliche oberen Räume – sie standen leer. Alles hier war inzwischen komplett ausgeräumt, meine Schritte hallten überall von nackten Wänden wider. Muttern und Henri wohnten seit einer Woche bei Klaus im Bungalow.
Mittlerweile war unser Haus vermietet, an irgendwelche fremden Leute. Im Januar würden sie einziehen. So lange wollte ich hier ausharren, mit Schlafsack und ein paar Klamotten. Es sollte ein Zeichen sein, dass ich nicht aufgab, nicht einfach schulterzuckend die Situation akzeptierte. Bis zum bitteren Ende würde ich mich an das Altbekannte, Vertraute klammern.
Verzweifelt stemmte ich mich gegen den Lauf der Zeit. Und hatte manchmal ernsthaft das Gefühl, ihn aufhalten zu können.
***
Wie immer war ich der Erste im Oberstufenraum, saß einsam auf einem der Tische entlang der Rückwand. Die Heizungswärme lullte mich angenehm ein, die Leuchtstoffröhren gaben ihr übliches Sirren von sich.
Wenigstens eine halbe Stunde musste ich nachher bei der Matheklausur durchhalten. Ein paar Zahlen hinkritzeln, einige Sätze, irgendwas, damit Vogt sich nicht provoziert fühlte und zu Doose rannte, meinem Tutor. Der würde sich ansonsten ein Bild von meinem Leistungsstand machen, und dann flog endgültig alles auf.
Nach und nach füllte sich der Raum mit Leuten. Kaum jemand bemerkte meine Anwesenheit. Nur ganz selten wurde ich begrüßt, mit einem Kopfnicken oder einem knappen Winken.
Juliane saß mit ihrer neuen Clique in der gegenüberliegenden Ecke. Seit Neuestem war sie mit Olaf zusammen, einem unsympathischen Streber, dessen Haar sich über der Stirn bereits lichtete. Ich war völlig baff gewesen, als ich die beiden erstmals händchenhaltend gesehen hatte. Dass Juliane sich für einen solchen Schleimbeutel hergab, hätte ich von ihr nicht erwartet. Jetzt war ich doppelt froh, damals auf der Klassenfahrt nichts mit ihr angefangen zu haben. Unser Verhältnis hatte sich seitdem merklich abgekühlt. Mittlerweile redeten wir fast gar nicht mehr miteinander.
Anna kam herein. Sie hatte vor einigen Tagen Geburtstag gehabt, war siebzehn geworden. Einige gratulierten ihr nachträglich. Es wurde über die Party gesprochen, die heute Abend bei ihr steigen sollte. Wie neidisch ich insgeheim auf alle war, die dabei sein durften! Liebend gern hätte ich Mäuschen gespielt, Anna beim Feiern beobachtet. Wie sie wohl lebte? Wie mochte ihr Zimmer eingerichtet sein? Und was für Leute waren ihre Eltern? All das würde ich natürlich nie erfahren – leider!
Eigentlich hatte Anna ja bloß ein Ersatz sein sollen, um das zerstörerische Brennen in mir zu betäuben. Aber mittlerweile war mein inneres Bild von Maren komplett zwischen meinen Fingern zerronnen. Anna hatte endgültig ihren Platz eingenommen; sie war jetzt das Ziel meiner Sehnsucht, zu ihr zog es mich, sie wollte ich berühren.
Immer mehr Leute umringten sie. Sie war beliebt, stand oft im Mittelpunkt. Ihre blauen Augen leuchteten glücklich, verbreiteten selbst an einem dunklen Novembermorgen wie diesem einen Hauch von Sommer. Lebhaft strichen sie über die Menge hinweg, nahmen alles in sich auf, neugierig, offen. Nur mich sahen sie ganz sicher nicht.
Warum ging ich nicht rüber und gratulierte ihr, wie alle anderen? Sie stand gerade mal einige Meter entfernt; ich konnte jedes Detail an ihr erkennen und bewundern. Was hinderte mich daran, zu ihr zu schlendern und ihr die Hand zu geben? Ihr direkt in die Augen schauen, mit einem Lächeln im Mundwinkel, dabei ihre Haut spüren und vor allem: von ihr gesehen, endlich wahrgenommen werden – das wär’s gewesen. Warum tat ich es nicht?
Aber es war ja nicht bloß eine räumliche Entfernung, die ich hätte überwinden müssen. Anna befand sie sich in einer anderen Dimension. Ja, ich hätte loslaufen können, direkt auf sie zu – und wäre trotzdem niemals bei ihr angekommen. Dort, wo sie kurz vorher noch gewesen sein mochte, hätte ich nichts vorgefunden, es war wie beim Wettrennen zwischen Achilles und der Schildkröte. In 100 Jahren hätte ich Anna nicht erreicht, da brauchte ich mir keine Hoffnungen zu machen. Stets wäre eine Rest-Distanz zwischen uns geblieben, immer kleiner werdend und doch jederzeit unendlich groß. Deshalb konnte man nichts tun, nur in diesem stillen Winkel hocken und alles von außen betrachten. Nie würde sich daran etwas ändern.
Wie satt ich das inzwischen alles hatte! So konnte es nicht mehr weitergehen. Und so würde es auch nicht mehr lange weitergehen.
***
In der ersten großen Pause hatte ich ein Date mit Walther, der allgemein nur der „Dealer“ genannt wurde. Feierlich überreichte er mir meine bestellte Ware: eine Charge Valium mit 30 Tabletten pro Packung. Und in der Pause vor der Klausur bekam ich von einem anderen Händler endlich auch das zweite Medikament ausgehändigt: Chloroquin, ein Präparat gegen Malaria.
Es war die sicherste Methode, ich hatte mich informiert. Man musste beide Mittel bloß entsprechend hoch dosieren, dann war der Weg frei. Nichts und niemand konnte mich jetzt noch daran hindern, die Kurve zu kratzen.
Höchste Zeit, endlich Feierabend zu machen.

























































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