Der Junge mit der Laterne
Verschwommen lag die Erinnerung von Magnus Adrian und Leonard Mierau an jenen Halloweenabend im Jahr 2000 – Magnus’ siebter Geburtstag, an dem etwas begann, das sie nie ganz begreifen sollten.
Halloween war damals längst auf dem Vormarsch, doch in Kronsgarten hielt sich der alte Brauch der Rübengeister noch. Anders als bei Halloween verkleideten sich die Kinder nicht. Sie zogen von Haus zu Haus, trugen kleine, ausgehöhlte Kürbislaternen und sangen: „Wir sind die Rübengeister und haben einen Meister. Der Meister hat befohlen, wir sollen Süßes holen!“
Dabei sammelten sie Süßigkeiten, während die meisten Einwohner den Brauch eher belächelten. Die Älteren standen dem „amerikanischen Spuk“ weiterhin skeptisch gegenüber; für fromme Lutheraner blieb der 31. Oktober der Tag der Reformation – zum 483. Mal jährte sich Martin Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche von Wittenberg.
Doch schon an jenem Dienstagabend kündigten die ersten Zeichen von Halloween ihr Kommen in Kronsgarten wie unerwartete Gäste an: Papierfledermäuse und kleine Geister flatterten in den Fenstern, Kürbisse vor den Haustüren warfen ihr mattes Licht auf die Stufen, und aus manchen Gärten schimmerte ein fahles Leuchten, das die Schatten auf den stillen Straßen zum Tanzen brachte. Der Wind trieb trockene Blätter über den Asphalt, ließ sie leise rascheln und schien die Dunkelheit noch dichter um die Häuser zu legen – als wolle sie etwas verbergen, das besser ungesehen blieb.
Wie schon im Jahr zuvor wollte der kleine Magnus auch diesmal wieder auf Süßigkeitenjagd gehen. Letztes Jahr war er noch mit seiner großen Schwester Maja und deren Freunden um die Häuser gezogen. Doch dieses Jahr sollte es anders werden – sein siebter Geburtstag, sein erstes richtiges Halloween mit eigenem Plan. Gemeinsam mit seinem neuen besten Freund Leonard, von allen nur Leo genannt, wollte er losziehen.
Für die beiden war es etwas Besonderes. Sie erlebten gerade ihre ersten Herbstferien – nach der Einschulung im September, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Zufällig hatte man sie nebeneinandergesetzt, und seitdem waren sie unzertrennlich.
Nachdem Magnus seinen Geburtstag im kleinen Kreis gefeiert hatte, sollte die Süßigkeitenrunde den Abschluss bilden. Am Nachmittag hatten sie mit Magnus’ Mutter Kürbislaternen geschnitzt, deren warmes Licht jetzt im Flur flackerte und den Geruch nach frischem Kürbis und Wachs verbreitete.
Eigentlich sollte auch Magnus’ Nachbarin und Sandkastenfreundin Juliette Fassbinder dabei sein. Sie wohnte gleich nebenan und ging in dieselbe Klasse wie die beiden Jungs, doch sie lag mit Fieber im Bett – sehr zu Magnus’ Bedauern.
Er liebte die besondere Stimmung an diesem Abend – das Knistern in der Luft, das leise Rascheln der Blätter, die wie Funken im Wind tanzten. Vielleicht mochte er Halloween auch deshalb so sehr, weil Maja von Harry Potter erzählte. Der Film war noch nicht erschienen, doch die Bücher hatten ihren Zauber längst entfaltet.
Natürlich durften die beiden Jungs nicht allein losziehen. Begleitet wurden sie von Magnus’ älterer Schwester Maja und deren Freundin Clarissa Jonas. Gemeinsam schnappten sie sich ihre Kürbislaternen und traten in die kalte Oktobernacht hinaus. Der Wind trieb trockene Blätter über den Asphalt; das Rascheln klang wie leise flüsternde Stimmen.
Auf den Straßen herrschte geschäftiges Treiben. Sie waren nicht die Einzigen, die auf Süßigkeitenjagd gingen. Einige Kinder liefen an der Hand ihrer Eltern, ältere Geschwister hielten kleinere an der Kapuze fest, und Jugendliche in Jeansjacken und weiten Trainingshosen huschten lachend an ihnen vorbei.
Eine Straße weiter wurden sie von Herrn Frühwirt begrüßt, dem Großvater ihres Mitschülers Jannis. Der alte Mann hatte sich ein einfaches weißes Laken übergeworfen und rief mit absichtlich schiefer Aussprache: „Ich bin der Geiiist von Hälloowein!“
Die Kinder prusteten los. Frau Frühwirt stand lächelnd in der Tür und verteilte großzügig Süßigkeiten.
„Das war ja lustig“, meinte Leo, als sie das Grundstück verließen. Magnus nickte.
Kurz darauf blieben Maja und Clarissa stehen, weil ihnen ein paar Klassenkameradinnen begegneten und sofort ein Gespräch entbrannte. Magnus und Leo war jedoch nach Abenteuer, nicht nach Warten. Also tauschten sie einen schnellen Blick – und setzten ihren Weg einfach allein fort.
Die Straßen wirkten plötzlich leerer, die Häuser dunkler. Nur vereinzelte Kürbislaternen warfen lange, verzerrte Schatten, die wie gespenstische Finger über den Boden krochen. Eine Straßenlaterne über ihnen flackerte unruhig, als würde sie gleich erlöschen.
Plötzlich raschelte es hinter ihnen. Die beiden Jungen fuhren erschrocken herum.
Aus dem Gebüsch schlüpfte eine schwarze Katze, die sie mit seltsam hellen, fast glühenden Augen anstarrte, bevor sie seelenruhig weiterzog. Trotzdem klopfte beiden das Herz bis zum Hals. Sie setzten ihren Weg fort und bemerkten nicht, wie sich erste, dünne Nebelschleier über die Straße legten.
Dann sahen sie ihn: einen einzelnen roten Luftballon, der langsam über den Asphalt schwebte, als hätte er einen eigenen Willen. Der Ballon driftete direkt auf sie zu, schwebte einen Moment vor ihnen in der Luft … und platzte mit einem scharfen Knall. Magnus und Leo fuhren erschrocken zurück.
Als sie sich wieder fassten, sahen sie ihn. Gegenüber, unter einer flackernden Straßenlaterne, stand ein kleiner Junge – reglos, kleiner als sie selbst. Die rote Kapuze seines Umhangs verdeckte fast sein ganzes Gesicht. Sein Strampelanzug bestand aus zusammengenähten Stofffetzen, alt, ausgeblichen, fremdartig.
In seiner Hand hielt er eine große, antike Laterne, deren warmes Licht unruhig flackerte – als würde es atmen.
Ein kalter Schauer lief den beiden Jungen über den Rücken. Wie angewurzelt blieben sie stehen, die Augen starr auf den fremden Jungen gerichtet. Für einen winzigen Moment meinte Magnus sogar, der Junge blicke zurück – direkt zu ihnen, durch sie hindurch.
Keiner von beiden brachte ein Wort hervor.
Leo spürte ein dumpfes Unbehagen in der Magengrube, trat einen Schritt zurück und griff nach Magnus’ Jackenärmel. „Lass uns in die andere Richtung gehen …“, murmelte er kaum hörbar.
Magnus nickte zögernd und schluckte. Wortlos stimmte er zu. Sie drehten sich um und gingen los, die Kürbislaternen fest umklammert, als könnten sie ihnen Schutz bieten.
Magnus wagte einen flüchtigen Blick über die Schulter. Der Junge stand noch immer reglos da.
Der Nebel wurde immer dichter, die Nachbarschaft immer düsterer, als würde die Dunkelheit langsam die Oberhand gewinnen. Selbst die Straßenlaternen schienen Mühe zu haben, noch Licht durch den milchigen Schleier zu schicken.
„Magnus … ich glaub, wir hätten doch auf Maja warten sollen …“, flüsterte Leo und drückte seine Kürbislaterne fester an sich, als der Nebel ihnen bis an die Schuhe kroch.
Magnus schluckte. „Ach … die redet doch immer ewig mit Stefanie“, sagte er, doch seine Stimme zitterte ein bisschen. „Wir schaffen das schon.“
Der Nebel verschluckte fast alles um sie herum. Nur die schwachen Lichtkegel der Laternen zeichneten schemenhafte Umrisse, in denen die Häuser unnatürlich wirkten – verzerrt, fremd, als gehörten sie nicht mehr zu ihrer Straße. Die Kürbisse vor den Türen warfen langgezogene Schatten, die wie lautlose Gestalten über den Boden wankten.
Jedes Rascheln, jedes leise Pfeifen des Windes ließ sie zusammenzucken und sich umdrehen. Auch wenn Magnus es nicht zugeben wollte – in ihm begann die Angst zu wachsen. Und sie wuchs mit jedem Schritt.
Plötzlich glaubte Magnus hinter ihnen ein kleines Aufleuchten zu sehen – etwas Rotes, wie die Spitze einer Kapuze, die sofort wieder im Nebel verschwand. Sein Magen zog sich zusammen.
„Los, schneller“, flüsterte er.
Sie gingen hastiger, fast schon im Trab. Die Straße sah nicht mehr aus wie die, die sie jeden Tag entlangliefen. Alles wirkte fremd – die Bäume, die Zäune, selbst die Häuser. Im Nebel sah alles aus, als hätte es Augen, die sie heimlich beobachteten. Die Straße fühlte sich an wie ein Labyrinth aus Schatten, das immer enger wurde.
„Magnus … ich … ich will umdrehen“, piepste Leo und drückte sich an Magnus’ Seite, fest wie ein kleiner Schatten. Seine Finger zitterten, während er Magnus’ Ärmel umklammerte.
Magnus wollte mutig sein, vor allem weil Leo ihn so ansah. Aber sein Herz pochte so laut, dass es fast wehtat. „Nein … komm“, flüsterte er. „Wir schaffen das.“
Er hob seine Kürbislaterne höher, als könnte das warme Licht sie schützen, und machte einen Schritt schneller.
Doch dann – wie aus dem Nichts – stand der Junge plötzlich wieder vor ihnen.
Einfach so. Direkt im Weg.
Magnus und Leo erstarrten. Keine Worte. Kein Atem. Nur ihre rasenden Herzen, die viel zu laut klangen in der stillen, nebligen Straße.
„Das ist nicht lustig!“, rief Magnus, obwohl seine Stimme zitterte. Trotzdem trat er einen kleinen Schritt vor – mehr aus Reflex als aus Mut. Der Junge mit der Laterne sagte nichts. Er bewegte sich nicht. Er stand einfach nur da, als wäre er festgewachsen.
„Kannst … kannst du nicht reden?“, fragte Magnus dünn.
Leo zog heftig an Magnus’ Ärmel. „Magnus, komm! Wir gehen zurück! Bitte!“
Die Panik in seiner Stimme war kaum zu überhören.
Beide drehten sich um und liefen hastig die Straße hinunter. Doch der Nebel machte alles endlos, als würden sie nicht vorankommen. Die Kälte biss in ihre Finger, und Leo begann leise zu wimmern.
„Ich will nach Hause … ich will zu meiner Mama“, schluchzte er.
Magnus schluckte hart. Er wollte auch nach Hause. Zu seiner Mutter. Und Licht. Und normale Straßen. Aber er wusste nicht, wohin.
Dann plötzlich – ein warmes, flackerndes Leuchten vor ihnen.
Sie blieben stehen.
Das Licht bewegte sich … kam näher … und trat aus dem Nebel hervor.
Der Junge. Wieder direkt vor ihnen. Als wäre er aus der Dunkelheit selbst gekommen.
Leo stieß einen Schrei aus. Seine Hände zitterten so sehr, dass er seine Kürbislaterne fallen ließ. Sie zerbarst auf dem Boden, das Licht erlosch sofort.
„Hör auf! Hör auf uns zu folgen!“, schrie Leo, die Stimme überschlagen, Tränen in den Augen. Sein kleiner Körper bebte, während Magnus neben ihm stand – erstarrt, unfähig, auch nur einen Schritt zu tun.
Die Laterne des Jungen warf lange, verzerrte Schatten, die wie knochige Finger über den Boden krochen und nach ihnen zu greifen schienen. Magnus wollte etwas sagen – irgendwas –, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Kein Laut kam heraus.
Stattdessen packte er Leo am Arm. „Komm!“, brachte er heiser hervor, und zog ihn mit sich.
Sie rannten los.
Hinter ihnen hörten sie Schritte. Leise. Gleichmäßig. Ein Rascheln, das sich immer ihrem eigenen Rhythmus anpasste – als würde der Junge ihnen direkt im Nacken bleiben.
„Ich… ich kann nicht mehr“, wimmerte Leo, außer Atem, die Beine schwer wie Blei.
Doch Magnus zog ihn weiter, selbst halb stolpernd, getrieben von reiner Angst.
Dann, ganz plötzlich, durchbrach etwas den Nebel.
„Leonard! Magnus!“
Majas Stimme – laut, klar, vertraut. Dann Clarissas Ruf hinterher.
Zwei Schatten kamen auf sie zu, wurden heller, deutlicher, bis endlich Maja und Clarissa aus dem Nebel traten, die Augen weit vor Sorge.
Magnus blieb abrupt stehen. Sein Körper zitterte, seine Brust hob und senkte sich schnell. Neben ihm schnappte Leo nach Luft, Tränen in den Augenwinkeln.
Der Nebel wich zurück, als hätten die beiden Mädchen ihn einfach weggedrückt. Die Straßenlaternen tauchten wieder auf, warm und echt.
„Wo wart ihr?“, rief Maja, ihre eisblauen Augen prüfend auf Magnus gerichtet.
„Ihr seid einfach verschwunden!“, keuchte Clarissa, die ebenfalls völlig außer Atem war.
Magnus hob zitternd einen Arm und zeigte hinter sich. „D-Der… der Junge… der mit der Laterne… er… er ist uns nachgelaufen.“
Leo nickte heftig, seine Stimme nur ein Flüstern: „Der hat uns verfolgt… ganz lange…“
Die beiden Mädchen tauschten einen kurzen Blick, den Magnus nicht richtig deuten konnte. Clarissa zwang sich zu einem Lächeln. „Okay… komm. Wir schauen nach.“
Sie ging ein paar Schritte voraus, Maja dicht hinter ihr. Magnus und Leo hielten sich aneinander fest, während sie langsam folgten.
Der Laternenjunge stand immer noch reglos da, als wäre er Teil des Nebels.
„Na, Kleiner“, begann Clarissa vorsichtig, „was machst du so spät hier draußen? Hast du dich vielleicht verlaufen?“
Der Junge hob den Kopf nur ein kleines Stück. Sein Gesicht blieb im Schatten der Kapuze verborgen. Dann kam die Stimme.
Krächzend. Kratzig. Seltsam alt.
„Ich… sammle Seelen ein.“
Clarissa hielt unwillkürlich inne. Maja schnappte leise nach Luft. Magnus und Leo klammerten sich erschrocken einander fest. Für einen Moment schien die ganze Welt stillzustehen.
Kein Wind.
Kein Rascheln.
Nur das unruhige Flackern der alten Laterne.
Dann drehte der Junge sich einfach um und ging.
Langsam. Schritt für Schritt. Seine Laterne schwankte im Takt, warf flackernde Lichtflecken auf den Boden, bis er schließlich im Nebel verschwand – als wäre er nie dort gewesen.
Maja trat zu Clarissa. „Das… war komisch“, murmelte sie, und ihre Stimme klang viel dünner als sonst. Clarissa schnaubte leise, versuchte sich zusammenzureißen. „Ach… der nimmt Rübengeister eben sehr ernst.“
Doch ihre Augen verrieten, dass sie selbst nicht so recht daran glaubte.
Magnus und Leo starrten noch immer in die Richtung, in der der Junge verschwunden war. Sie versuchten zu verstehen, was sie erlebt hatten. Zuhause erzählten sie ihren Eltern von dem Jungen mit der Laterne, doch diese lächelten nur und vertrösteten sie – die Fantasie habe ihnen wohl einen Streich gespielt. Martin Adrian, Magnus’ Vater, schmunzelte nur und meinte, er hätte sicherlich genauso gerne eine reiche Süßigkeitenausbeute gehabt wie sie.
Mit den Jahren begann die Erinnerung an diesen Halloweenabend zu verblassen, als würde Nebel sie umhüllen. Auch wenn Magnus und Leo den Jungen mit der Laterne in den folgenden Jahren nie wieder antrafen, berichteten andere Kinder, dass sie ihn jedes Jahr am 31. Oktober gesehen hätten. Im Augenwinkel erhaschten sie ein rotes Aufblitzen: einen Jungen mit Laterne, der lautlos durch die nebelige Nacht wanderte, bevor er in der Dunkelheit verschwand. Manche sahen ihn Richtung Friedhof gehen.
Und obwohl die Erwachsenen ihren Berichten meist kein Glauben schenkten und sie der lebhaften Fantasie der Kinder zuschrieben, würde Magnus bald lernen, dass das Bekannte nur eine dünne Hülle war. Hinter den vertrauten Straßen von Kronsgarten lauerten Schatten, die man besser nicht zu genau betrachtete.
Über die Jahre wuchs eine Legende unter den Kindern: von einem Jungen in roter Kapuze, dessen Laterne im Nebel flackerte. Manchmal, wenn der Wind über die leeren Straßen strich und der Nebel dicht über dem Asphalt lag, glaubte man, ihn im Augenwinkel zu sehen – lautlos wandernd. Und dann verschwand er wieder, so plötzlich, dass nur das leise Echo seiner Schritte zurückblieb.




























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