Kapitel 29 – Rückeroberung

Kapitel 29 – Rückeroberung

 

Cyrus

Ich folgte meiner Cousine seufzend. Targes und den Palastwachen bedeutete ich, uns zu folgen. Darleen machte einen Umweg über das Trainingsfeld hinter dem Schloss. Auch hier wurde trainiert. Wehmütig dachte ich daran zurück, wie ich ihren Leibwächter hier angegriffen hatte, weil er es gewagt hatte, das Schwert gegen meine schwangere Nayara zu erheben. Es schien Ewigkeiten her zu sein. Der Leibwächter dachte offenbar an dasselbe, denn er musterte mich mit einem unmerklichen Schmunzeln auf den Lippen, welches manch einer für einen grimmigen Blick gehalten hätte.

Überrascht blieb ich stehen, als ich um die Hecke trat und vier trainierende Männer erblickte, die ich bereits tot glaubte. Timmok war der Erste, der mich bemerkte. Das Schwert, das beinahe auf ihn eingestochen hätte, stoppte im letzten Moment.

„Was ist los, Timm?“, maulte Elok und zog sein Schwert zurück. „Hör auf zu träumen!“

Timmok ließ sein Schwert fallen und lief auf mich zu. Zuerst langsam und zögernd. Doch als ich ihm entgeileitete, beschleunigte er seine Schritte. Kurz darauf lagen wir uns in den Armen.

„Timm!“, rief ich erleichtert und drückte ihn fest an mich. „Oh, Götter! Ich habe nicht zu hoffen gewagt, dass ihr noch lebt!“

Weitere Arme schlangen sich um Timm und mich. Elok war dazugetreten. Und wenig später waren auch Ikzil und Galderon da. Mir ging fast die Luft aus, aber das war mir egal. Meine Grigoroi wiederzusehen, nahm mir einen Stein von Herzen. „Ihr müsst mir alles erzählen! Wie seid ihr aus dem Schloss gekommen?“ Eine weitere Frage drängte sich mir auf. „Und was ist mit Irina?“

„Irina hilft im Schloss“, antwortete Galderon sofort.

„Und im Schloss hat es auf einmal sehr deutlich nach Verrat gestunken“, ergänzte Timm.

„Blut“, brummte Ikzil.

Timm fuhr fort: „Wir haben gesehen, wie die Minister abgeführt worden sind. Und haben gehört, wie sie über euer beider Flucht geschimpft haben. Einer hat damit geprahlt, der Königin das Kind … vielleicht auch das Leben genommen zu haben.“ Timms Stimme hatte vor Wut zu zittern begonnen. „Nachdem wir dich und deine Königin nirgends finden konnten, sind wir schweren Herzens abgezogen und haben uns erst einmal versteckt gehalten. Aber nach mehreren Wochen ohne Nachricht sind wir in den Osten aufgebrochen.“ Schuldbewusst senkte er den Blick. „Wir hätten weitersuchen sollen. Es tut mir leid, Cyrus. Ich habe die Gruppe angeführt und mich für dieses Vorgehen entschieden.“



Unterstützend legte Elok ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir haben diese Entscheidung unterstützt. Es schien uns der wahrscheinlichste Treffpunkt. Oder als das wahrscheinlichste Fluchtziel für … euch …?“ Sein Blick glitt unauffällig hinter mich. Ich wusste, wen er suchte, und mir krampfte das Herz bei dem Wissen, Nayara nicht ausreichend beschützt zu haben. Weder während des Kampfes im Schloss noch jetzt, wo sie zusammen mit Aurillia verschwunden war!

„Kommt, setzen wir uns hier etwas abseits“, schlug ich vor und deutete auf eine Nische, die etwas abseits lag, aber gut zu überblicken war. Am liebsten hätte ich mich auf einen bequemen und gepolsterten Stuhl gesetzt, aber wie auch Darleen, befürchtete ich, belauscht zu werden.

Meine Männer, Darleen, ihre rechte Hand und ich setzten uns auf den Boden und ich begann zu erzählen. Von der Flucht aus dem Schloss, der Genesung meiner Frau, der verhinderten Hinrichtung der Berater und Minister. All das wussten sie bereits, da Baron Loich und Herzog Mir sie umfassend darüber informiert hatten. Also erzählte ich von den Göttern. Der ersten Begegnung vor Nayaras Schwangerschaft, mit der kleinen, frisch geschlüpften Ignis-Robur, die von Nayara zum See getragen worden war.

Darleen war ein Laut des Entzückens über die Lippen gekommen und ihre Augen glänzten begeistert, als ich ihr von der Begegnung am See erzählte. Ihre Begeisterung schwand allerdings, als ich vom Heiligtum und Nayaras Erblindung zu berichten begann. Ich griff nur kurz Targes Verrat auf, dafür erzählte ich genau, wie wir die Frauen befreit hatten, die offensichtlich als Geiseln und Mittel zur Erpressung gefangen gehalten worden waren. Ich erzählte von Nayaras und Aurillias Verschwinden. Und gab zum Schluss Vide-Ludoris’ Rätsel zum Besten – mit vor Wut geballten Händen, wohlgemerkt.

„Ich weiß nicht, wohin sie gegangen sind, wann sie gegangen sind oder welchen Plan Nay damit verfolgt hat. Sie wollte wohl nur für ein paar Tage weg, aber das ist schon lange überfällig. Vielleicht haben sich neue Pläne ergeben…“ Ich stockte und blickte in die Augen der Vampire um mich herum. „Nayara hat ihren eigenen Dickkopf und ich möchte gern glauben, dass ihr langes Fortbleiben nur ein neuer Plan ist und es ihr gut geht. Aber ich habe gespürt, wo sie ist. Im Schloss. Oder in die Stadt. Und wenn sie immer noch blind ist … Ich will gern glauben, dass ich mir am Ende zu viele Sorgen gemacht habe und es ihr die ganze Zeit gut geht. Aber ich muss auch vom Schlimmsten ausgehen und damit rechnen, dass ihr Plan nicht aufgegangen ist. Und sie gefangen genommen worden ist.“



Um mich herum war es still. Die Männer, die schon von den Gegebenheiten gewusst hatten, hatten den Blick zu Boden gesenkt, die anderen, inklusive Darleen, sahen unverwandt zu mir hin, als warteten sie darauf, dass ich aufspränge und ‚Scherz!‘ riefe.

„Du meinst das ernst“, stellte Darleen irgendwann fest. „Götter, wo ist dieser Gilead? Ich ziehe ihm die Ohren lang! Da hatte er nur eine Aufgabe …!“

„Glaube mir …, wenn Nay sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann findet sie einen Weg, um es durchzusetzen. Gilead wusste nichts.“ Unglaublich, dass ich ihn einmal in Schutz nehmen würde, aber er hatte an der Sache keine Schuld. Ich sah in die Runde, dann wandte ich mich wieder an Darleen. „Kannst du Boten aussenden, um die Fürsten des Nordens und des Südens darüber in Kenntnis zu setzen, dass ich beabsichtige, dass Schloss zurückzuerobern?“ Sie können sich mir anschließen. Aber ich kann es auch verstehen, wenn sie in diesen unsicheren Zeiten ihre Männer im eigenen Fürstentum behalten wollen.“

„Natürlich, wird gemacht.“

 

Wir zogen uns ins Schloss zurück, aßen und arbeiteten an einem Plan, um das Goldene Reich zurückzuerobern. Bis spät in die Nacht saßen wir an den Plänen. Es gab Karten der Hauptstadt und wir suchten den besten Weg hinein. Einen Weg, möglichst wenig Menschenleben bei diesem Überfall zu gefährden.

„Und noch etwas fehlt“, meinte Darleen und beugte sich zu mir vor.

„Wirklich? Was habe ich übersehen?“

„Eine Krone, Cyrus. Du musst eine Krone tragen, damit jeder sieht, dass du der König bist.“

„Unsinn. Es ist nur ein Symbol ohne Bedeutung“, widersprach ich.

„Es ist ein Symbol, ja“, entgegnete Darleen ruhig. „Und genau deswegen hat es eine Bedeutung.“

Meine Männer stimmten ihr zu. Jedoch waren es die Worte von Graf Targes, die mich nachdenklich stimmten. „Bei der Krönung hat jedermann gesehen, dass die Königin Euch gekrönt hat, Majestät. Ich stimme der Fürstin zu. Die Krone ist es, die Euch das Recht verleiht, Euch die Stadt zurückzuholen.“

‚Gib zurück, was du erhalten hast‘

Konnte es das sein? War das ein Teil des Rätsels von Vide-Ludoris? „Darleen, gib mir bitte einen Bogen Papier.“

Ich schrieb das Gedicht nieder.



‚Gib zurück, was du erhalten hast

und teile deine schwere Last.‘

Ich dachte zurück an die Krönung und daran, dass Nayara damals das Zepter nicht aus der Hand gegeben hatte. Ich hatte es damals als Beleidigung aufgefasst. Ich hatte geglaubt, sie wollte nicht, dass ich allein regierte, und das obwohl sie mir immer wieder versichert hatte, dass sie die Arbeit mit mir teilen wollte und es nur getan hatte, um mir zu helfen. Konnte es am Ende zu einfach sein? Musste ich einfach nur die Krone an Nayara zurückgeben, um mit ihr gemeinsam zu regieren? Mit ihr diese Last teilen? Aber hatte ich das nicht schon getan?

Ich tauchte die Feder erneut in die Tinte.

‚Gib zurück, was du erhalten hast’ – Krone

‚Und teile deine schwere Last‘ – gemeinsame Regierung

Hatte ich das Ende des Rätsels bereits gelöst? Es fühlte sich zumindest so an und es stimmte mich zuversichtlich. Denn es war genau das, was ich mir vorgenommen hatte. Es gab zwischen mir und Nayara kein ‚ich‘ oder ‚sie‘ mehr, nur noch ein ‚wir‘. Daher machte es Sinn. Eine Krone. Eine Regierung.

Am nächsten Morgen brachen wir bereits mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Irina kam mit uns. Sie würde im Hintergrund bleiben, das hatte ich als Bedingung gestellt.

Zwei Wochen waren wir unterwegs. Zwei weitere Wochen, in denen Nayara mir schrecklich fehlte. Seit über einem Monat war sie nun schon fort und noch nie erschien sie mir ferner. Unerreichbarer. Denn mit jedem Tag, den wir uns dem Schloss des Goldenen Reiches näherten, spürte ich mehr und mehr, dass sie nicht mehr da war.

Bevor wir das Osttor passierten, reichte Graf Targes mir eine Krone, die ich mit einem übellaunigen Knurren aufsetzte. Es war die Krone, die ich damals als Fürst des Ostens getragen hatte. Sie war bei weitem nicht so pompös wie die Krone des alten Königs, aber weitaus eindrucksvoller als die schlichten Ringe, die Nayara und ich tief unten im Schloss gefunden hatten. Sie würde ihren Zweck erfüllen.

Das Osttor wurde uns von innen geöffnet. Kurz darauf brachen mehrere kleine Kämpfe aus. Graf Targes kämpfte weit vorne mit und rief jedem Soldaten der Stadtwache zu, sie sollten gefälligst die Waffen niederlegen, denn der wahre König wäre zurückgekehrt.



Wir kamen nur schwer voran. Schwert klirrte auf Schwert, Schilde wurden zertrümmert und bald roch es überall nach Blut. Männer stöhnten und schrien unter Schmerzen. Schon bald stiegen wir über die ersten Gefallenen hinweg. Wer noch nicht tot war, der wurde an den Rand der Straße gezerrt. Wer nicht kapitulierte, dem wurde die Kehle aufgeschlitzt. Immer weiter rückten wir vor, bis wir das Zentrum der Stadt erreichten. Genau an dem Ort, wo meine Berater und die Minister hätten gehängt werden sollen. Tatsächlich hätte Graf Targes diese Strafe verdient. Abgesehen davon, dass Nayara das niemals zugelassen hätte. Davon abgesehen erwies sich seine Hilfe jetzt als äußerst nützlich. Denn er schaffte es immer wieder, dass vereinzelt ein paar Soldaten die Waffen niederlegten. Sie wurden entwaffnet, gefesselt und vorerst gut bewacht. Männer hatte ich zur Genüge. Darleen hätte mir keinen größeren Dienst erweisen können.

Seit Stunden kämpften wir uns weiter vor. Die Zahl der Stadtwache musste sich seit der Übernahme des fremden Königs verdoppelt haben. Aber auch ihre Zahl war nicht unendlich, und so konnten wir sie noch vor den Toren des Schlosses vernichtend schlagen.

Ich keuchte schwer und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Der schwerste Teil stand uns noch bevor. Das Schloss könnte eine Todesfalle werden und dennoch mussten wir es einnehmen. Wahrscheinlich hatten die Palastwachen das Schloss in den letzten Stunden zu einer Festung umgebaut. Ich blickte hinauf und versuchte zu erkennen, ob hinter den großen Fenstern eine Bewegung zu erkennen war. Würden sie heißes Öl auf uns gießen? Pfeile auf uns niederhageln lassen?

Das große Tor öffnete sich. Ein Mann kam uns entgegen. Nur ein schmächtiger Mann, der wenige Meter vor mir stehen blieb und sein Haupt senkte. „Majestät. Wir haben Euch früher zurückerwartet.“

Argwöhnisch hob ich die Augenbrauen und ging einen Schritt auf ihn zu. Doch Graf Targes hielt mich am Arm fest. „Wartet! Ich kenne diesen Mann nicht. Es könnte eine Falle sein!“

Ich riss mich los. Es war mir gleich. Denn der Wind hatte eine feine Duftnote zu mir getragen. Ein Geruch, den ich schon viel zu lange nicht mehr in der Nase gehabt hatte. Dieser fremde Mann roch nach meiner Frau. Er roch nach Nayara.



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