Kapitel 14

Die Schilderungen der Botin lassen das Blut in den Adern gefrieren. Es fallen nicht viele Worte, um bestätigt zu bekommen, wen die Hexenjäger in Graf Byloms Reich geborgen und verschleppt haben. Die Beschreibungen können nur zu einer Person wie Rebecca passen. Schwindel kündigt sich an. Clives Beine versagen den Dienst und so kommt ihm eine der Kisten nahe der Umzäunung wahrlich als Sitzgelegenheit gelegen. Cuno vertieft die Einzelheiten mit der Botin. Die Dame mag sich Mühe und von ihrer professionellen Seite zeigen, doch dem Wissensdurst eines Paladins zu stillen über Informationen, die ihr sicherlich nicht zustehen, wird sie nicht gerecht. Das Selbstvertrauen schwindet zunehmend und die Maske der Stärke bekommt zunehmend Risse. Sie scheint maßlos überfordert zu sein und kann nur vage antworten. Nichts, womit sich der Paladin zufrieden gibt. Zweifel plagen Cuno. Nicht zu übersehen. Allein wie er seine Bahnen um sie herum zieht. Getrieben vom Tatendrang und Sorge.

„Ich ließ meine Familie zurück und kann nur hoffen, dass sie entkamen!“ Cuno stoppt abrupt. Den Kopf legt er in den Nacken. „Meine Mutter und Großmutter. Als mein Vater starb, versprach ich, mich um sie zu sorgen. Sollten sie überleben, dann sind sie auch weiterhin auf meine Hilfe angewiesen.“
„Ich verstehe.“ Clive hatte es bereits befürchtet. „Dann solltest du umgehend aufbrechen.“
Doch statt der Aufforderung nachzugehen, starrt Cuno ihn unglaubwürdig an. Fast, als habe Clive ihn beleidigt.
„Der Graf und seine Tochter begeben sich Richtung Königsstadt. Viele Flüchtlinge haben sich ihnen angeschlossen“, berichtet die Botin wieder gefasst. Erholt von dem Lauffeuer an Fragen. Ihr Dilemma scheint sie wenig zu interessieren, denn sie verharrt eisern an ihrer Seite.
Clive nickt die Sache jedoch ab und kommt zu einem anderen Punkt. „Ich habe Rebecca mit meiner Bitte in Gefahr gebracht. Daher werde ich mich um ihre Befreiung kümmern.“
„Bist du bescheuert, Clive? Du, allein? Gegen den Orden der Hexenjäger? Du wirst nicht weit kommen!“, versichert Cuno ihm mit einer Lautstärke, die ihr Umfeld aufblicken lässt. Einen Ton, der Cuno erst wenige Sekunden später registriert, so räuspert er sich auffallend und konzentriert sich auf einen ruhigen Atem.




In der Tat birgt der Plan zu viele Risiken und Lücken.
„Daher lasse ich mir etwas einfallen.“
Vielleicht lässt sich jemand auffinden, der mit dem Gebäudeplan des Sitzes der Hexenjäger vertraut ist.

„Es besteht die Möglichkeit das Urteil anzufechten. Eine Feuerprobe kann absolviert werden, um eure Freundin von der Schuld der Hexenjäger freizusprechen“, wirft die Botin ein.
Cuno nickt, als sei ihm dies bekannt. Doch sein spöttisches Grinsen verrät genug. Die Kritik steht ihm ins Gesicht geschrieben.
„Einer von tausend Fällen gewinnt die Feuerprobe. Diese Methode dient nur der Illusion von Gerechtigkeit und Chancen. Gleichzeitig erhofft sich der Orden der Hexenjäger einer Feuerprobe, denn diese verwandelt das Unterfangen zur Attraktion, wo viele Menschen viel Geld zurücklassen, um hautnah dabei zu sein. Alles nur Trug und Schein. Mit Ehre hat das nichts zu tun! Sondern mit Profit.“
Die Botin stiert ihn ausdrucklos an, bis sie den Kopf ungläubig schüttet und ihm vor die Füße spuckt.
„Pessimist! Schwarzmaler!“
„Nein, Realist!“, kontert Cuno grimmig und winkt ab, als sei er diese Unterhaltung satt. Stattdessen blickt er zu Clive und kommt auf einen anderen Punkt zurück. „Und was ist eigentlich mit Sina und den Kindern?“
Sina. Clive hat seine Freundin nicht vergessen. Er mag sie ungern allein in Lysanders Lager wissen. Doch er weiß auch, dass viele Gelehrte in Momenten der Trauer allein sein wollen. Daher wird er ihr den Freiraum gewähren. Doch zu Cunos eigentlicher Frage hat er sich ebenfalls Gedanken gemacht.
„Wir haben unser Ziel fast erreicht. Ich möchte mich ehrlich gesagt selbst überzeugen, dass die Kinder gut ankommen und ihnen an nichts fehlt. Danach mach ich mich allein auf den Weg und werde Rebecca zur Hilfe eilen. Du hingegen solltest nach deiner Familie sehen, Cuno.“
Doch der Paladin schüttelt heftig den Kopf und versichert ihm: „Meine Mutter wird wissen, dass sie an der Seite des Grafen sicher sein wird. Sie würde mir die Ohren lang ziehen, wenn ich Rebecca nicht zur Unterstützung eilen würde. Schließlich gehört Rebecca ebenfalls zur Familie. Wenn auch nicht durch Blutsverwandtschaft. Aber sie verbrachte sehr viel Zeit in meinem Hause und wurde von allen ins Herz geschlossen. Meine Mutter betrachtet sie wie eine Tochter. Ich werde dich begleiten, Clive. Zumal ich für deinen Schutz zuständig bin.“



Die Augen des Paladins strahlen vor Entschlossenheit, dass Clive es nicht wagen wird, seinen Entschluss anzuzweifeln. Daher hofft Clive, dass sich Lysander schnell von seinem Bruder trennt und der Aufbruch noch vor Sonnenuntergang stattfindet. Als Paladin kann Cuno einige Fragen über die Hexenjäger beantworten. Er kennt ihre Standorte, ihre Rituale und die ungefähre Besatzung ihrer Festungen. Das Ausbildungslager der Hexenjäger befindet sich westlich von der Königstadt Sakunda. In einem kleinen Gebirge mit angrenzendem Tal. Nur wenige Dörfer befinden sich um ihre Burg verteilt. Die Wildnis steht somit frei dem Trainingsprogramm zur Verfügung und wird zum Passieren selten genutzt.

Erwartungsvoll schwenken die Köpfe zur Seite, als sich die Zeltplane öffnet. Lysander tritt lachend heraus und hält den Vorhang offen für seinen Bruder. Clive blinzelt und nähert sich mit Sorge. Denn Lazarus schwankt verdächtig und doch läuft er bei bester Laune mit einer offenen Flasche Rum hinaus unter den freien Himmel.
„Werter Herr, Ihr braucht Bettruhe!“, schimpft Clive mit seinem Patienten.
Doch Lazarus winkt bellend ab und tänzelt an ihm vorbei.
„Mir geht es gut“, behauptet der Patient und hebt freudig die Flasche an.
Clive kann kaum hinsehen, als er den nächsten großen Schluck tätigt. Daher wendet er sich ab und bemerkt, die Botin, die entschlossen vor Lysander kniet.
„Mein Herr, ich komme mit großer Kunde.“
Lysander hebt jedoch die Hand und richtet das Wort an seinen Bruder: „Lazarus, übertreibe es nicht. Du schwankst.“
„Schnauze, Lysander!“, giftet sein Bruder.
Doch Cuno trägt eine große Kiste heran. Direkt hinter Lazarus, als sehe er das Übel kommen. Die Beine des Patienten versagen und so plumpst Lazarus auf das Holz nieder. Sein Körper schwankt selbst im Sitzen, als befände er sich auf rauer See und die Wellen wiegen ihn. Zum Glück findet er das Gleichgewicht und streckt Cuno mit einem übertriebenen Lächeln den Daumen entgegen.
„Danke dir, mein Freund.“
Worte mit denen Cuno nicht anzufangen weiß und sich lieber Richtung Bote begibt.

„Zwar wollen wir schnellstmöglich aufbrechen, Herzog Lysander, aber Ihr solltet Euch anhören, was die Dame zu sagen hat“, rät der Paladin.




Clive zischt die Luft hinaus. Er würde sich lieber wünschen, dass nun alles in die Wege geleitet wird, dass die Reisegruppe wiedervereint und sie verduften können. Lysanders Neugier scheint geweckt, denn nun fokussieren seine Augen die Botin.
„Du hast meine volle Aufmerksamkeit.“
Die Speerdame erhebt sich und schlägt die Faust gegen ihren Panzer.
„Mein Herr, ich kehre mit freudiger Kunde zurück.“
„Freudiger Kunde?“ Cunos Stimme erzittert. „Wohl kaum! Betroffen ist meine Heimat.“
Herzog Lysander hebt den Kopf und kombiniert die Fakten gut. „Etwas die Hexe Jenara?“
Ein eifriges Nicken und doch bestätigt die Botin den Verdacht mit Worten: „Jawohl, mein Herr.“
Die Mundwinkel des Herzoges zucken, auch wenn er mit mitleidigem Blick zu Cuno aufblickt. „Bedauerlich, dass es deine Heimat traf, Cuno. Ich schätze deinen Herren und eigentlich hielt ich Jenaras Entscheidung für unumstritten und ihr Urteil gerecht.“

„Dank der Warnung der Hexenjäger konnte eine Evakuierung viele Menschen retten“, berichtet die Botin.
„Gut.“ Lysander nickt. „Und was wurde aus dem Grafen und seiner Familie?“
„Graf Bylom und seine Tochter überlebten ebenfalls. Sie befinden sich auf den Weg zur Königsstadt. Doch sie haben sich den Ärger der Hexenjäger aufgehalst. Grund dafür wäre ein Geständnis mit der Kooperation eines Alchemisten. Graf Bylom ehrt den Alchemisten und betitelt ihn als einen Freund.“
Worte, die Clive nicht kalt lassen. Clive erwischt sich bei einem Lächeln und vor seinem inneren Auge spielen sich die vielen schönen Momente mit dem Grafen und seiner Tochter ab. Zeit mit einem geschätzten Freund, wenn auch auf beruflicher Ebene. Und doch fühlt sich Clive geehrt, wie der Graf über ihre Beziehung spricht. So sehr, dass ihm warm ums Herz wird. Denn in Graf Byloms Reich lernte Clive viele Leute kennen, die er zu schätzen lernte und denen er sein Leben anvertrauen würde.

„Zugleich vertritt er ähnliche Sichten wie Ihr, Herzog Lysander. Außerdem konnten die Hexenjäger einen Überlebenden im kontaminierten Gebiet sichern. Eine Frau, die Graf Bylom schützen und aus ihren Fängen entreißen wollte. Doch leider ohne Erfolg“, führt die Botin fort.
„Eine Überlebende. Sehr gut. Sie wird sicherlich eskortiert und soll ins Trainingslager gebracht werden. Ich kenne ihre Routen und wenn wir Glück haben können wir die Hexenjäger abfangen und überwältigen. Sichern wie ihre Gefangene und Informationen über Jenara. Ich verkünde den Aufbruch.“




„Nein!“ Cuno stellt sich dem Herzog schnaufend in den Weg. „Ihre Gefangene ist unsere Freundin! Wir allein kümmern uns um das Problem und zur Not brechen Clive und ich allein in ihre Festung.“
Clive nickt entschlossen. „Das schulden wir ihr.“
Ungläubig starrt Lysander zwischen ihnen und richtet seine Frage bewusst an Cuno: „Als Paladin sollte dir ihre Besatzung bekannt sein. Dann kannst du dir ja die Siegeschancen errechnen!“
„Egal! Selbst wenn wir draufgehen, stürmen Clive und ich in die Festung!“, versichert Cuno. „Also haltet euch von ihnen fern!“
Auch wenn Clive sein Leben schätzt und noch gern viele Jahre länger unter den Lebenden wandeln mag, teilt er Cunos Sicht. Für Rebeccas Befreiung würde er mit Freuden sein Leben lassen.

Eine Ansage, die bei Herzog Lysander für Sprachlosigkeit sorgt, sein Bruder hingegen bricht in schallendes Gelächter aus. Der Koffer wiegt so schwer wie die Erwartungen. So schwer wie Probleme, die sich häufen. Ungern legt Clive diesen zu Boden nieder und streckt den Rücken durch. Sein Körper fühlt sich ganz steif an und auch die Dehydrierung lässt sich nicht länger verleugnen. Es wird Zeit, dass Clive auf seinen Körper achtet und diesen mit Nährstoffen versorgt.
„Ich mag den Paladin!“, verkündet Lazarus stolz und entblößt freudig seine Zähne. „Alchemist, du hast verhindert, dass die Ketten nachgeben, die mich an jenen Ort der Sterblichen halten. Meine Seele konnte nicht in den Himmel zu meiner geliebten Schwester aufsteigen. Daher brauche ich ein neues Ziel. Ihr legt euch mit den Hexenjägern an, das gefällt mir. Freu dich, denn ich stoße deiner Gruppe bei und nein, du wirst mich nicht los. Ich wittere euch kilometerweit. Ich werde nun zu deiner Fußfessel. Zu deinem Soldaten. Denn ich hörte lustige Dinge über dich und sehe, dass du Ärger anziehst.“
Freudig reibt sich der Kerl die Hände, während Clive beunruhigt zu Cuno blickt. Der Paladin wirkt angewidert von dem Vorschlag.
„Wir wollen dich nicht, Lazarus. Du bist Lysanders Bruder und mit dem hegen wir kein gutes Verhältnis“, spricht Cuno das aus, wozu Clive niemals den Mut hätte.
Lazarus lacht höhnisch, während sein Bruder mit hängendem Kopf die Hände zusammenfaltet.
„Ich gestehe, ich habe mich nicht von meiner besten Seite gezeigt, doch noch immer schätze ich eure Anwesenheit. Vielleicht lässt sich mein egoistisches Verhalten glatt bügeln“, beginnt Herzog Lysander.




Doch Cuno winkt ab und fordert: „Was haltet Ihr stattdessen davon, unsere Gefährten freizugeben, damit wir aufbrechen können.“
„Genau, Bruder. Ich sitze nicht gern lange an einem Ort fest, ich schnappe mir was von deinen Vorräten und begleite den Alchemisten“, verkündet Lazarus summend.
Lysander wirft ihm einem zornigen Blick zu und auch Cuno rät ihm: „Vergeudete Zeit, Lazarus. Bleib besser bei deinem Bruder, denn unsere Gruppe ist voll.“

„Ich kenne euer Ziel“, flötet der wahnsinnige Kerl, „Was, wenn ich euch zuvorkomme? Glaubt ihr wirklich, ich lass euch den ganzen Spaß allein haben? Ich will auch ins Lager der Hexenjäger marschieren. Das wird ein blutiges Fest!“
Mit steifem Kiefer baut sich Cuno vor ihm auf und die beiden liefern sich ein Blickduell. Herzog Lysander hingegen sucht das Gespräch zu Clive.
„Die Toleranzgrenze durch die Anwesenheit und Einmischungen der Hexenjäger wurde längst erreicht. Auch ich mag gegen diese Organisation angehen. Wir verfolgen dasselbe Ziel, Clive. Hinzukommt, dass Graf Bylom einen Fehler begeht. Seine Route und das Zentrum der Krone könnten sein Grab sein. Wir müssen ihn abfangen. Ich könnte ihm Zuflucht gewähren.“
„Ich folge keinem Mann, der die Hexe Jenara verehrt!“, verkündet Cuno mit zittriger Stimme.
Doch ihm schenkt Herzog Lysander kein Gehör. Er fixiert verbissen Clive an, doch als könne der Alchemist allein solch eine Entscheidung fällen. Solch Dinge sollten mit der gesamten Reisegruppe ausdiskutiert werden und gut durchdacht werden. Daher fordert Clive streng: „Bitte gibt unsere Leute vorerst frei! Erst dann bin ich gewillt, über Euren Vorschlag nachzudenken.“

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