Kapitel 50 – Das Ende

Kapitel 50 – Das Ende

 

Cyrus

Alle Augen waren auf Gilead gerichtet, der sichtbar um Fassung rang. „Targes ist tot.“

Mein Blick glitt sofort zu Nayara, die sich langsam an die Brust griff. „Wie…?“ Ihre Stimme war nur ein Flüstern.

„Er hat…“ Gilead unterbrach sich selbst und räusperte sich. „Er hat sich das Leben genommen.“

Nay schnappte bebend nach Luft; ihre Augen hatten sich vor Fassungslosigkeit geweitet. „C…cyrus, nimm mir Elyra ab“, stotterte sie, lief auf mich zu und drückte mir das Kind in die Hände. Dann legte sie ihre Stirn gegen meine Schulter und schniefte. Ihr Kopf schüttelte sich. „Wieso? Wieso?!“ Ein Schluchzen durchfuhr ihren Körper.

Ich hielt Ely mit einer Hand, die andere Hand legte ich an Nayaras Hinterkopf. Ich sah zu den Ratsmitgliedern auf. „Ich denke, wir beenden die heutige Sitzung, wenn es nichts Dringendes gibt.“ Und das gab es nicht, also verabschiedeten sich die Männer.

Nayara ignorierte die knarzenden Stühle der Minister, sowie auch die mitleidigen Blicke, die sie ihrer Königin zuwarfen. Einer nach dem anderen verließ in Schweigen gehüllt den Saal. Bis auf Gilead. Er blieb bei uns stehen, streckte unsicher die Hand nach Nayaras Schulter aus, schluckte und zog sie wieder zurück, noch ehe er sie berührt hatte. „Mein Beileid“, nuschelte er, dann trollte er sich und ging den anderen Ministern hinterher.

Nayara schluchzte hemmungslos gegen meine Brust. „Wieso?“, murmelte sie immer wieder. „Wieso er? Ausgerechnet er? Wieso? Er müsste doch glücklich gewesen sein? Ihr habt seine Familie …!“ Als sie aufblickte und meinen Adamsapfel bedrückt hüpfen sah, brach sie ab. „Ihr habt seine Familie doch …?“

„Nein“, erwiderte ich schweren Herzens. „Wir haben seine Frau und seine Enkeltochter begraben müssen.“ Die näheren Umstände ersparte ich ihr. „Er hat es nicht verkraftet. Wahrscheinlich warst du der einzige Grund, wieso er noch weitergemacht hat. Und nun, wo unsere Feinde besiegt sind …“ Immer wieder fuhr ich ihr mit meiner freien Hand über den Kopf, ihren Rücken und legte meine Lippen sanft auf ihren Scheitel.

Wie paralysiert starrte sie mich an. „Aber … er hat sich nicht einmal verabschi…“ Ihre Stimme brach. „Er … er war mir doch wie ein …“ Herzzerreißend schluchzte sie auf. Ihre Finger krallten sich in mein Oberteil, suchten Halt und Trost.



„Ja, ich weiß, Liebes. Und wenn er gekonnt hätte, dann wäre er länger an deiner Seite geblieben.“ Ich tröstete Nayara und schaukelte mit der anderen Hand die schlafende Elyra. Erst als diese quengelig wurde, schluckte Nayara ihre eigenen Tränen hinunter und nahm mir die Kleine ab.

„Wir müssen uns noch für die Kindsweihe fertig machen.“

 

Der Verlust von Graf Targes hatte sie schwer getroffen. Bedrückt sah ich dabei zu, wie sie sich in ein Kleid zwängte, die Schnüre nicht geschnürt bekam und weinend zusammenbrach. Hilfe wollte sie nicht. Sie schottete sich ab. Ich presste die Lippen aufeinander und schaukelte unser Kind hin und her. Nay würde noch lange Zeit um den Mann, den Vater, den sie nie gehabt hatte, trauern.

Ely war kein besonders großer Freund von Kleidern, da kam sie ganz nach ihrer Mutter. Weinend brachte sie die Kindsweihe hinter sich, immerzu darum bemüht, sich das süße Kleidchen wieder auszuziehen.

Zu meiner Überraschung war es Emili, die die Weihe sprach. Sie formte die Worte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Wie? Woher?

Nayara hingegen war überhaupt nicht überrascht oder aber viel zu sehr davon abgelenkt, Ely wieder zu beruhigen. Kretos hingegen warf mir ebenso überraschte Blicke zu.

Als Emili unser Kind hochhob, war Elyra schlagartig ruhig. Nayara und ich setzten uns auf den Thron und nahmen unser Kind nach seiner Weihe wieder in Empfang. Sofort wurde Elyra wieder unruhig. Erst als ihr Blick die Krone auf meinem Haupt traf, wurde sie wieder ruhig. Grenzenlose Neugierde blitzte in den großen Kinderaugen auf. Ich schmunzelte. Kleine Prinzessin. Selbst in ihrem Alter wusste sie schon, was hübsch war. Daher nahm ich die Krone von meinem Haupt und setzte sie ganz leicht auf Elyras Köpfchen.

Schallend begann das Kind zu lachen, bis gar kleine Tränchen über ihre Wangen rannen – während sowohl mir als auch Nay das Lachen schlagartig verging. Blutrot funkelten uns die Augen unserer Tochter entgegen, welche bei unseren Gesichtsausdrücken nur noch herzlicher zu lachen anfing.

Eine Weile waren wir beide wie erstarrt. Uns war bewusst, was das bedeutete. Aber dafür war es noch viel zu früh! Sie konnte doch nicht … Was, wenn sie später einen Trotzanfall hatte und dabei das ganze Schloss in Brand steckte?! Und bei einem Trotzanfall blieb es bei Kindern für gewöhnlich nicht!



„Nein!“ Nayara riss die Krone praktisch von Elyras Kopf und warf sie irgendwo an die nächste Wand. Den Kopf zum Himmel gerichtet, fluchte sie: „Sie ist viel zu jung!“

„Keine Sorge, Naya“, beschwichtigte Emili meine aufgebrachte Frau. „Es hat sich nur gezeigt, welche Kräfte sie nach ihrer Reife entwickeln wird. Die kleine Elyra aus dem Geschlecht der Ignis-Robur.“ Sie tätschelte das Köpfchen unserer Tochter, die aufgrund der ihr entwendeten Krone dicke Tränchen weinte. Ihre Augen hatten sich wieder normalisiert.

„Vielleicht ist sie einfach noch müde“, meinte ich und reichte Nayara eine Hand, damit sie aufstehen konnte. Dabei glitt mein Blick zu der Krone, die in mehrere Teile zersprungen war. Edelsteine lagen einzeln verstreut auf dem Boden. Die Zacken der Krone waren teilweise verbogen oder abgebrochen und ein schmaler, metallischer Reif, der wohl die Basis der Krone war, lag dort einsam und allein zwischen all dem Schmuck und wirkte absolut fehl am Platz.

Nayara sah kein Stück zerknirscht aus. Viel eher entschlossen. „Und keinen Tag früher“, knurrte sie aggressiv, richtete das Kind auf ihren Armen, welches jammernd versuchte, Nayaras Haare zu erfassen, und sah schnaubend zu mir hin, der ich mir ein Lächeln nicht hatte verkneifen können. Es war zu schön, wenn ihr Mutterinstinkt durchbrach. Alle Unsicherheit wich in diesen Momenten von ihr. Sie wirkte dann stets wie früher. Vor der Entführung. Bevor ihr das Augenlicht gestohlen worden war. Ich vermisste diese selbstbewusste Nayara.

Emili begleitete Nay und Elyra nach draußen. Auch die anderen Gäste, wie unsere Grigoroi, die Minister und die Fürsten, verließen den Thronsaal. Nur Kretos stand noch immer am selben Ort und starrte auf die Stelle, wo Emili gestanden hatte.

“ „Kretos? Ist alles in Ordnung?“

„Nein. Nichts ist in Ordnung.“

„Warum? Was ist denn?“ Ich ging zu der zerbrochenen Krone und sah mir das Dilemma genauer an.

„Emili hat gesagt, es würde einen neuen Hohepriester geben. Aber sie hat mir nicht gesagt, dass sie es sein würde!“

„Ja, es ist seltsam. Ein weiblicher Hohepriester ist … Hat es jemals zuvor einen weiblichen Hohepriester gegeben?“

Kretos schüttelte den Kopf. „Nein. Nie.“



„Und es waren immer Vampire. Ich fürchte, es wird Jahrzehnte dauern, bis Emile als Hohepriesterin akzeptiert wird. Wenn sie es jemals wird. Wir Vampire sind da ziemlich engstirnig.“

„Das ist mir eigentlich egal, Cyrus. Eigentlich finde ich es sogar gut, dass sich ein paar Dinge ändern …“

„Aber …?“ Ich hatte längst das Interesse an der Krone verloren.

„Wenn Emili die neue Hohepriesterin ist, dann wird sie künftig den Blutschwur schliessen. Die Frau, die ich liebe, wird mich mit meiner Verlobten verbinden, für die ich nichts empfinde!“

„Das kann sich ändern, Kretos. Irgendwann wirst du sie lieben lernen.“

„Verstehst du es nicht, Cyrus?! Wenn der Blutschwur gesprochen wurde … Wenn wir uns gegenseitig gebissen haben, werden wir übereinander herfallen. Vor den Augen von Emili!“

Ich schwieg dazu. Mir fehlten die Worte. Kretos’ verzweifeltes Gesicht zu sehen, setzte mir zu, sodass ich mich wieder auf die Krone konzentrierte. Die Edelsteine steckte ich ein, ebenso wie die kleineren Teile. „Rede mit Emili darüber“, schlug ich vor und betrachtete den rotgoldenen Ring, der mehr wie eine Tiara, als wie eine Krone aussah. Und seine Form kam mir unvermutet vertraut vor. Drei solche Ringe hatten wir vor all den Jahren in den Tiefen dieses Schlosses gefunden. Einer hatte gefehlt. Nie hätte ich gedacht, dass der vierte Ring immer direkt vor unserer Nase gewesen war.

Kretos sagte noch etwas, allerdings drangen seine Worte gar nicht zu mir durch. „Entschuldige mich bitte“, presste ich hervor und verließ mit der Krone den Thronsaal.

Anders als erwartet, wartete hier jedoch niemand auf mich. Weder Nayara mit Elyra, noch Emili war zu sehen. Mit einem leichten Stirnrunzeln machte ich mich in unsere Gemächer auf. Hoffentlich war nichts passier…

„Cyrus! Mein König?“ Diese Stimme kannte ich doch. „Ich …“, Elaboris kam schlitternd vor mir zum Stehen, nur um dann unsicher an seinen Nägeln herumzufummeln. „Also …“

„Rede, Junge.“ Obwohl ‚Junge‘ es nicht mehr so ganz traf. Die letzten drei Jahre hatte Boris zugelegt. An Größe und Masse, seine Stimme war tiefer geworden und sein Gesicht hatte die Umrisse eines attraktiven jungen Mannes angenommen. Ihn so verunsichert zu sehen, nachdem er so lange Zeit Mittelsmann und Spion für uns gewesen war, war ungewohnt. Denn wie auch Aurillia hatte er in dieser Zeit viel dazugelernt. Ohne Zweifel hatte er bereits Grauen gesehen, die für seine jungen Augen nicht geschaffen gewesen wären.



„Ich habe …“ Entschlossen atmete er tief ein und sah zu mir auf. „Ich habe eine Bitte!“

Ich nickte langsam. Mein Gefühl zog mich zu Nay, aber auch hierfür würde ich mir Zeit nehmen. „Lass uns ein Stück gehen, dann kannst du mir von deiner Bitte erzählen.“

Wir setzen uns in Bewegung. Erst einmal herrschte Stille. Er brauchte sichtlich Zeit, sich zu sammeln. Offenbar fiel es ihm schwer, das Wort direkt an mich zu richten. Insbesondere, wenn es um etwas ging, was er wollte. Oder hatte er Angst, mich zu erzürnen? Als er schließlich zu sprechen begann, wurde mir schnell klar, wieso er mit seiner Bitte so haderte.

„Und deine Geschwister sind wie lange bereits in der Sklaverei?“

„Jahre“, murmelte er. „Wenn nicht eher ein ganzes Jahrzehnt. Ich habe sie nie gefunden. Aber ich hatte auch nicht zwingend die besten Voraussetzungen für meine Suche. Es war schwer genug, selbst über die Runden zu kommen, und dann hätte ich sie auch nicht ernähren können …“

„Ich verstehe“, brummte ich nachdenklich. Ich hielt in meinem Schritt inne. „Dir ist klar, dass ich dir kein Versprechen geben kann. Wir können es versuchen, aber zehn Jahre sind eine lange Zeit, wenn es darum geht, die Spuren einer Person nachzuverfolgen.“

Boris’ Kopf senkte sich bedrückt. „Ja, ich weiß …“

Ermunternd legte ich meine Hand auf seine Schulter. „Aber wir werden es versuchen. Meine Grigoroi werden dir dabei helfen. Und dich bei der Rettungsmission – wenn wir sie denn finden – begleiten.“

Boris sah auf, einen Funken Hoffnung in den Augen glühend. Dabei hatte ich extra noch einmal erwähnt, dass die Chance gering war … Ich wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen. „Ich danke dir, Majestät.“ Er nickte ernst. „Das nehme ich nicht als Selbstverständlichkeit hin!“

Wieder nickte ich, dieses Mal mit einem bedrückten Gefühl im Magen. Ich hoffte sehr für ihn, dass seine Geschwister nicht schon mehrmals den Besitzer gewechselt hatten. Denn dann wäre es ein praktisch unmögliches Unterfangen, die Armen zu finden. Außerdem vermisste ich den frechen Jungen, den ich einst in mein Schloss geladen hatte. Er war kein kleiner Junge mehr, ohne jeden Anstand und Tadel. Sicher, der Schalk funkelte von Zeit zu Zeit noch in seinen Augen, aber die letzten Jahre hatte er gelernt, ihn zu unterdrücken und sich den gesellschaftlichen Normen anzupassen. Er war zu einem jungen Mann gereift und ich vermisste das Kind in ihm. Das Kind, welchem ich, indem ich Boris als meinen Spion in Kriegszeiten genutzt hatte, seine Kindheit gestohlen hatte.



Wir setzten uns wieder in Bewegung. Wo mein Schritt von Besorgnis gezeichnet war, war Boris’ beschwingter. Er hatte neue Hoffnung geschöpft. Und Hoffnung war das wohl machtvollste Instrument dieser Welt. Sie konnte Schicksale zueinanderführen und verlorengeglaubte Menschen vor dem Tode bewahren. Hoffnung hatte mir Nayara zurückgebracht.

Noch genau zwei Schritte machten wir, da blieben wir abrupt stehen. Ein Schrei hallte durch die Gänge. Meine Stirn runzelte sich besorgt. „Bleib hier!“, wies ich Boris an, und rannte in Vampirgeschwindigkeit auf den Ursprung des Geschreis zu. Es war eine Frau gewesen, die gekreischt hatte. Aber nicht Nayara, das hätte ich erkannt. Als ich um die Ecke bog, traute ich meinen Augen kaum. Emili stand an die Wand gelehnt da und hielt sich den Hals, während Aurillia einen Meter weiter gegen Lofa, den ehemaligen Lehrling des Hohepriesters kämpfte, und ohne jeden Zweifel die Oberhand hatte. Schnell hatte die blutjunge Grigoroi – die den Berichten zufolge teilweise noch Schwierigkeiten mit Impulskontrolle aufwies – den deutlich älteren aber schmächtig gebauten Vampir in die Ecke gedrängt, ihn zu Boden gerungen und ihre Fänge in seinem Hals versenkt. Seine Arme hielt sie an den Handgelenken neben seinem Kopf zu Boden gedrückt.

K Kurz ließ sie von ihm ab. „Du hast ein Problem, mit deinem neuen Stand?!“ Wütend spuckte sie ihm ins Gesicht. „Weißt du, dass ist mir scheißegal! Was mir aber nicht egal ist, ist, wenn du versuchst, meine Freundin zu töten! „Andererseits: Vergilt man Gleiches mit Gleichem, oder nicht?“ Aurillia leckte sich gierig über die Lippen und stöhnte auf. „Und Vampirblut schmeckt so dermaßen viel besser als Tierblut!“ Und damit waren ihre Fänge wieder in seinem Hals. Sie schluckte und nochmal und weiter. Lofa kam nicht einmal zu Wort. Lediglich gequälte Laute entrangen sich seiner Kehle, während er unaufhörlich versuchte, sich von der auf ihm sitzenden Grigoroi zu befreien.

Ich hatte die Hand leicht nach der jungen Grigoroi ausgestreckt. „Aurillia …“, murmelte ich fassungslos, unternahm aber nichts, um sie aufzuhalten. Ich war wie gelähmt, sah mich selbst, wie ich Nayaras Onkel, dem Mörder meiner Eltern, den Hals von den Schultern gerissen hatte. Sie hatte Rache verdient. Dieser Mann hatte ihr Leben zerstört. Ihr jede Chance auf eine eigene Familie genommen. Aber andererseits … war sie erst gerade sechzehn! Das war nicht richtig!



Doch bis ich mich aus meiner Starre befreit hatte, war es zu spät. Aurillia hatte Lofa so weit geschwächt, dass sich dieser schon nicht mehr regte und seine Augen flatterten. Genüsslich leckte sie das restliche Blut von ihren Mundwinkeln und umfasste sein Gesicht anschließend mit beiden Händen. „Und jetzt stirb, du elender Bastard!“

Ein lautes Knacken erfüllte den vor Stille hallenden Raum. „Aurillia …“, kam es mir erneut leise über die Lippen, doch nicht laut genug, als dass sie es hätte hören können.

„Oh“, erklang es neben mir von Boris, dessen Augen voller Staunen waren.

Mein Blick wurde wieder nach vorne gezogen. Emili bewegte sich langsam auf Aurillia zu, welche wie die Ruhe selbst wirkte, und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das wäre nicht nötig gewesen, Aurillia. Er wäre so oder so gestorben. Mein Blut …“

Aurillia unterbrach sie leise fauchend. „Keiner tut meinen Freunden was. Schon gar kein Bastard wie er!“ Sie erhob sich, blickte in meine Richtung und hob die Augenbrauen. Kurz darauf vollzog sie eine spöttische Verbeugung – anstelle eines Knickses. Sie hatte sich definitiv zu viel von meinen Männern abgeguckt. „Wenn Majestät die Vorstellung gefallen hat – Ich gehe mich jetzt waschen.“ Ausladend deutete sie auf die mit Blut besprenkelte Kleidung. Noch immer brachte ich kein Wort heraus, was sie als Aufforderung verstand, ihrer Ankündigung nachzugehen. Sie drehte sich um und verschwand.

Emili drehte sich mit zusammengekniffenen Lippen zu mir um. „Er war eifersüchtig. Hat versucht, mir meinen Platz zu zeigen.“

„Er hat damit sein eigenes Todesurteil unterschrieben“, stellte ich fest. Emili nickte stumm. Ich musterte die junge Frau eine Weile. „Dir ist klar, dass Du es schwer haben wirst, als Hohepriesterin anerkannt zu werden?“

Leidig lächelnd zuckte sie mit den Schultern. „Mit Sicherheit. Die edlen Vampire können schmollen, solange sie wollen. Aber irgendwann werden sie einen Blutschwur, eine Kindsweihe oder einen Segen benötigen.“

Nur mit Mühe unterdrückte ich ein Grinsen. Emili hatte recht. Es gab keine Hohepriester mehr. Wenn Vampire heiraten wollten, würden sie sich mit Emili arrangieren müssen. Was mich zum nächsten Punkt brachte. „Du weißt, dass Kretos nicht heiraten will? Zumindest nicht seine Verlobte.“



Emilis Miene wurde undurchsichtig. „Das Leben verläuft nicht immer, wie wir es gerne hätten. Er wird sie ehelichen.“

Elaboris machte auf dem Absatz kehrt. „Ähm. Ich rede mal mit Timm.“

Ich blieb allein mit Emili im Flur zurück. Der Blutgeruch des mittlerweile verstorbenen Priesters lockte meine Fänge heraus. „Und bei dir? Denkst du auch, du musst tun, was die Gesellschaft dir aufzwingt? Wirst du irgendwann einen Menschen heiraten und ihm Kinder gebären?“

„Die Zwänge der Gesellschaft spielen in meinem Leben keine Rolle, Cyrus. Ich werde niemals heiraten, denn das menschliche Leben meines Partners würde an mir vorbeiziehen, während ich jung bleibe. Und zu einem Blutschwur bin ich nicht fähig, da jeder Vampir, der ihn mit mir eingehen würde, dadurch sein Leben lassen würde. Das hat nichts mit gesellschaftlichen Zwängen zu tun. Das sind lediglich zwei Fakten, die mir diesen Art von Bund zu einem anderen Lebewesen verweigern.“

„Ja, diese Art von Bund.“ Emili sah mich stirnrunzelnd an. Ich beugte mich ein Stück vor. Dabei hielt ich noch immer die Einzelteile der Krone in den Händen. Ein Smaragd war aus einer Fassung gefallen, den ich Emili jetzt in die Hand drückte. „Menschen tauschen Schmuck, um ihre Zugehörigkeit zu zeigen. Und zufällig ist Aurillia eine Goldschmiedin. Sie soll dir etwas anfertigen. Vielleicht zwei kleine Anhänger, die komplett identisch sind. Einen trägst du, einen gibst du dem Mann, der dein Herz erobert.“ Meine Mundwinkel zuckten. „Braucht es denn wirklich eine Zeremonie? Reicht die tief empfundene, aufrichtige Liebe nicht?“

„Aber … ich habe dir nie etwas davon erzählt …“ Ihr Blick lag verwirrt auf dem Smaragd. „Ich werde ihn ganz sicher nicht mehr hergeben, aber ich muss ihn teilen.“

„So, wie du den Smaragd teilen musst. Aber wenn du mit ihm zusammen bist, seid ihr komplett. Sei dir seiner Liebe gewiss, Emili. Du bedeutest ihm alles.“ Kurz legte ich eine Hand auf ihre Schulter, dann nickte ich knapp und ging. Ich ließ Emili stehen und ging in die königlichen Gemächer. Da ich Elyra nicht hörte, schlief sie wohl oder wurde von Nayara gestillt. Um nicht zu stören, betrat ich durch den Flur zuerst mein Arbeitszimmer und legte die Teile der Krone auf dem Schreibtisch ab. Nur den schmalen Reif behielt ich.



Meine Schritte trugen mich zum Fenster; mein Blick schweifte über die weite Landschaft. Leeanders Kreuz stand noch immer dort, unberührt, aber gepflegt. Wie schön es wäre, wenn Lee hier wäre? Wenn er Elyra hätte kennenlernen können. Er hätte sich sofort in die Kleine verliebt und alles für sie getan.

Mit schwerem Herzen schloss ich die Augen und unterdrückte so die Tränen, die hinter meinen geschlossenen Lidern brannten. Leeander und ich hatten zusammen so viele gute, wie auch schlechte Dinge erlebt, und obwohl er nun schon über drei Jahre lang tot war, schmerzte sein Verlust immer noch. Und das würde er auch immer.

Ich riss den Blick von seinem Grab los und spähte zum See hinab. Wie hatte ich nur so grausam sein können? Ja, diese Kinder wären rechtmäßige Erben der Krone gewesen. Aber es rechtfertigte in keiner Weise, was ich getan hatte. Oder wie ich mein feiges Verbrechen vertuscht hatte. Was passiert war, konnte ich nicht mehr rückgängig machen. Aber ich konnte diese Kinder zu ihren Müttern legen.

Obwohl es bereits Nachmittag war, verließ ich meine Gemächer wieder, suchte Timm auf und erzählte ihm von meinem Plan. Und so hoben wir die Gräber der Frauen des Harems aus, während die Sonne unterging. Danach nahmen wir das Boot, fuhren damit hinauf auf den See hinaus und tauchten unter Wasser, um die sterblichen Überreste der Kinder zu bergen.

Die halbe Nacht waren wir beschäftigt und schaufelten die Gräber anschließend wieder zu. Ein anstrengendes Unterfangen. Und doch fühlte es sich richtig an. Natürlich konnte ich meine Schuld damit nicht tilgen. Ich würde sie ewig bei mir tragen. Doch nun waren die Mütter und ihre Kinder wieder vereint. Bis auf Lyssa. Sie würde bis zu ihrem letzten Tag daran glauben, ihr Kind wäre bei einer fremden Familie untergekommen. Eine Lüge, die ich aufrechterhalten würde, auch wenn es falsch war. Aber Lyssa würde an der Wahrheit zugrunde gehen. Und das konnte und wollte ich nicht verantworten.

Als der Mond an seinem höchsten Punkt stand, ging ich zurück ins Schloss, schlich in meine Gemächer und entzündete eine Kerze. Nayara würde tief und fest schlafen. Weder sie noch Elyra wollte ich wecken. Schlaf war seit der Geburt ohnehin sehr kostbar und rar geworden. Ich zog meine nasse Kleidung aus, stieg in den Zuber und kippte einen Eimer über meinem Kopf aus. Danach nahm ich Seife, um den ganzen Schlamm und Dreck von meinem Körper zu schrubben. Das Wasser fühlte sich noch kälter an als jenes vom See und stach wie tausend Nadelstiche auf meiner Haut. Zitternd schüttete ich einen zweiten Eimer über meinem Kopf aus, um mich wieder von der Seife zu befreien.



Das Wasser im Zuber war völlig verdreckt, als ich hinausstieg und mir ein breites Tuch um die Hüften legte. Mit einem anderen Tuch rubbelte ich meinen Oberkörper und die Haare trocken. Meine Zähne klapperten. Es wäre wohl klug, diese Nacht nicht bei Nayara zu schlafen, auch wenn ich ihre Wärme schmerzlich vermisste.

„Cyrus?“ Augen reibend und gähnend, zudem ein zufrieden nuckelndes Kind an der Brust, erschien Nay im Türrahmen. Die Augen konnte sie kaum offenhalten. „Wo warst du denn so lange?“ Mit einem sehnsüchtigen Brummen kam sie auf mich zu, legte mir ihren freien Arm um den Körper und schmiegte sich seitlich an meine Brust. Elyra schaute neugierig auf und lachte freudig und ohne jedes Anzeichen von Müdigkeit, als sie mich erkannte. „Oh Götter, das wird wieder eine lange Nacht“, murmelte meine geliebte Nayara müde, ehe sie mich an der Hand nahm und hinter sich in mein – oder eher unser – Schlafgemach zog, mich aufs Bett verfrachtete und sich mit Elyra zwischen uns, an mich kuschelte.

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