Kapitel 3 – Gross und stark

Kapitel 3 – Gross und stark

 

Todmüde stieg Evelynn am frühen Morgen – noch weit vor Sonnenaufgang – von dem klapprigen, alten Fahrrad, stellte es in den Keller des heruntergekommenen Hauses, das sie bewohnte, und schleppte sich die Treppen hoch. Ihre Beine trugen sie durch die gemütliche, aber heruntergekommene Bar, die das Erdgeschoss einnahm, und weiter die Treppe hinauf, in den ersten Stock. Dort klopfte sie müde an eine der Türen. Als sich nichts regte, öffnete sie sie und flüsterte leise: „Malvin?“

Malvin war ein älterer, bereits im Ruhestand befindlicher Herr, der gerne einmal einen über den Durst trank, ihr aber regelmäßig ein Lebensretter war. So wie fast jeder in diesem Haus. Seine Rente reichte gerade so für diese kleine Einzimmerwohnung, und auch wenn Evelynn gerne geholfen und ihm unter die Arme gegriffen hätte, so hatte sie doch genauso wenig wie alle anderen, die in diesem schimmelbefallenen, maroden Gebäude lebten. Sie fand Malvin in seinem Bett, Yannis in seinen Armen. Evelynn lächelte sacht bei diesem Anblick. Malvin war für Yannis zu einer Art Großvater geworden. Und für sie war das in Ordnung. Nein, sie freute sich sogar darüber. Er war ein guter Mann. Ein verantwortungsbewusster Mann. Er konnte nur nicht die Finger vom Alkohol lassen, aber er ließ es sich nie anmerken, war immerzu positiv und ruhig. Eine wertvolle Seele, ein wertvoller Freund. Sie pflanzte dem kleinen Jungen einen Kuss auf die Stirn und verließ die Wohnung wieder. Sie ließ die beiden schlafen. Sie selbst würde es ihnen gleichtun, sobald sie die unzähligen Lagen Make-up aus ihrem Gesicht entfernt hatte.

Als sie jedoch ihre eigene Wohnung betrat, hielt sie bereits an der Tür stockend inne, denn diese stand halb offen. Hatte Yannis etwas geholt und die Tür vergessen? Ihre Hand glitt zu dem Schlüssel in ihrer Tasche. Langsam wagte sie sich vor; ihre Hand glitt zum Lichtschalter und…

„Ey! Au, Weib, stell das Licht ab, es ist mitten in der Nacht!“

Evelynn atmete schwer aus. Den Schlüssel ließ sie, wo er war. Stattdessen stemmte sie die Fäuste in die Taille. „Was machst du hier?“

„Darf ich nicht einmal mein Schwesterchen besuchen?“

„Hast du getrunken?“




„Nein.“ Evelynn hob ungläubig die Augenbrauen, doch Emanuel beeilte sich zu sagen: „Nur müde. Ich bin nur müde. Es ist immerhin mitten in der Nacht!“ Er rappelte sich hoch und rieb sich die Augen. „Ich würde nie mit Alk intus in deiner Wohnung auftauchen! Du hast mir vor vier Jahren klar gemacht, dass ich das nicht darf. Ich halte mich daran, versprochen. Kein Alk, keine Drogen. Ich bin durch, mit dem Scheiß, glaub mir. Ich verticke längst nicht mehr!“

„Und was willst du sonst hier? Ein Nest zum Schlafen?“

„M-mh, ich habe meine eigene Wohnung, das weißt du doch.“

„Deine Sahneschnitte von Freundin hat eine Wohnung. Du schläfst bloß in ihrem Bett.“

Ihr Bruder hob die Arme. „Jetzt wirst du aber persönlich. Ich habe dir nichts getan.“

Evelynn seufzte leise. „Du hast ja recht. Entschuldige. Das war ne harte Nacht.“ Sie legte ihre Tasche ab, warf ihre zerfallenden Schuhe in die Ecke und ging ins Badezimmer, wo sie nach dem Abschminkmittel und Wattepads griff.

Ihr Bruder folgte ihr. „Hat dich einer angefasst?“ Seine Fäuste hatte er geballt.

Evelynn verdrehte die Augen. „Geht dich nichts an.“

Emanuels Fäuste knackten. „Ich habe lange genug gebraucht, um dich zu finden, weißt du? Bist umgezogen, ohne mir etwas davon zu sagen.“

„Ja.“ Evelynn hielt kurz inne. Sie konnte selbst nicht recht sagen, wieso sie das getan hatte. Wieso sie ihm nichts gesagt hatte. Er hatte sie erst in die Scheiße reingeritten … Vielleicht deswegen.

„Wieso?

„Ich denke nicht, dass ihm der Kontakt zu dir guttut.“

„Er ist aber mein Neffe!“

Sie schoss herum. „Und er ist mein Sohn! Du hast mir gar nichts zu sagen, Emanuel.“

Emanuel zuckte zurück, nickte, langsam, als müsse er das erst verarbeiten. „Ich war dir wohl keine große Hilfe damals …“

„Mich mit fünfzehn drogenabhängig zu machen? Nein. Wohl nicht.“

„Ich … war doch aber da, als du schwanger geworden bist! Hab dir Kumpels vermittelt, bei denen du schlafen kannst …“

Evelynn hatte lange keinen solchen Mist mehr zu hören bekommen. „Korrekt. Also hast du mich nicht nur abhängig gemacht, sondern auch noch an deine Kumpels verkauft. Eine große Hilfe, warst du mir.“

Hilflos hob er die Hände. „Du warst doch aber schon schwanger …!“



Ihre Zähne knirschten, als sie nach dem nächsten Wattepad griff, es mit Make-up-Entferner tränkte und es sich ins Gesicht klatschte. Jetzt wusste sie genau, wieso sie ihm nichts von ihrem Umzug gesagt hatte. Er war ein Arschloch.

„Ja. Ich war schon schwanger. Dann ist Zwangsprostitution ja nur noch halb so schlimm.“ Ihre Stimme troff nur so vor Sarkasmus.

„Ey, ich kann nichts dafür, dass du mit sechzehn von zu Hause abgehauen bist! Schieb mir nicht in die Schuhe, dass du dich prostituiert hast! Ich konnte ja nicht wissen, dass du, nur weil du schwanger bist, plötzlich damit aufhören willst!“

Erneut fuhr sie herum, das Gesicht – auf der Seite, auf der das Makeup schon weg war – rot wie eine zornige Tomate. „Ich habe mich nicht prostituiert! Ich habe nie Geld dafür bekommen!“

„Du hast aber bei den Männern, bei denen du dich angebiedert hast, geschnorrt!“

„Ich…!“ Evelynn atmete schwer. Ihre Vergangenheit war scheiße, aber sie war vergangen. Sobald Yannis etwas älter war, könnte sie in die Abendschule, ihren Abschluss nachholen und danach richtig für sich und ihren Jungen sorgen. Der Plan lag noch in weiter Ferne, aber vielleicht eröffneten sich Möglichkeiten, sobald er in den Kindergarten ging? Sie schnaufte schwer aus, lehnte sich gegen das Waschbecken hinter sich und sprach ruhig: „Ein Junki tut so einiges, um an den nächsten Schuss zu kommen. Aber das ist vergangen. Du kannst gehen, Emanuel. Du warst nicht da, als ich dich gebraucht hätte. Hast mir im Kreißsaal nicht beigestanden, obwohl du es versprochen hattest. Damals war ich geblendet.“ Damals war sie sogar dankbar dafür gewesen, dass er ihr gesagt hatte, was sie machen solle. Bei seinen Kumpels schlafen und hinhalten, wenn sie wollten? Wieso nicht? Mit ihm Drogen verticken gehen und das große Geld machen? Von letzterem träumte sie immer noch, aber mit dem Verticken hatte sie schnell wieder aufgehört. Sie hatte sich damals selbst auf kalten Entzug gesetzt, um ihrem Jungen ein normales Leben zu ermöglichen, und war dabei manchmal nicht mehr ganz bei sich gewesen. Heute wusste sie es besser.

„Emanuel, bitte geh. Ich will dich nicht in meiner Wohnung und ich will dich nicht in Yannis’ Nähe.“ Ihr Bruder war ein Mensch für sich. Es gab Zeiten, da hatte sie das Gefühl, er sorgte sich – auf seine verquere Weise – um sie, und Zeiten, da schien es ihr, sie könnte ihm nicht gleichgültiger sein.



Jetzt sah er sie an, verletzt und mit großen, unschuldigen Augen, die vor unvergossenen Tränen glitzerten. „Nicht, Lynni. Schmeiß mich bitte nicht raus.“

„Wieso sollte ich nicht, hm?“

„Weil …“ Sein Kopf drehte sich von rechts nach links, sein Blick glitt durch das eine Zimmer, in dessen Ecke ein Doppelbett und in der anderen eine kleine Küche stand, auf der Suche, nach einem Grund, wieso sie ihn nicht rausschmeißen sollte. „Weil sie mich rausgeschmissen hat … Und ich habe ein Geschenk! Für Yannis!“ Hastig drehte er sich herum, griff ins Bett, in welchem er vorher noch gelegen hatte, und hielt ihr einen neuen Plüschbären hin. „Ich hab an euch gedacht …“

„Aha. Nun denn, Emanuel …“ Sie war fertig, wusch sich das Gesicht ab und trat auf ihn zu. Ihr Gesicht war verzogen vor Abscheu. „Behalte deine Geschenke. Ich komme gut ohne sie zurecht. Und jetzt verpiss dich aus meiner Wohnung! Ich will dich hier nie wiedersehen, verstanden?“ Mit ausgestrecktem Zeigefinger stach sie auf seine Brust ein und beförderte ihn in Richtung Tür. Sie schubste ihn raus, ignorierte den Anflug eines aufkommenden, schlechten Gewissens, weil sie ihn heulend vor die Tür setzte. Etwas, was ihre Eltern ebenso mit ihr gemacht hatten. „Nie. Wieder!“

 

Sie hatte abgeschlossen. Drei Stunden lang hatte er noch geklopft, vor ihrer Tür geweint und um Einlass gebeten. Schließlich war er abgezogen.

Jetzt saß sie da, nicht so recht wissend, was sie von der Aktion ihres Bruders halten sollte. Er war kein guter Mensch. Nein, das war er nicht. Sie hatte noch kein Auge zugetan, und als sie schließlich doch von Schlaf übermannt wurde, klingelte ihr Wecker keine Stunde später. In einer Stunde hatte sie bei ihrer Arbeit zu sein. Bei der Zweiten.

Sie stand auf, gerädert, müde und erschöpft. Körperlich wie seelisch. Das Erste, was sie machte, war, sich das Gesicht noch einmal zu waschen, die Zähne zu putzen und anschließend passende Kleidung anzuziehen. Viel Auswahl hatte sie nicht. Jedes ihrer Kleidungsstücke hatte sie bereits mehrfach geflickt. Mit einem pastellblauen Pullover und einer hellen, engen Jeans schloss sie ihre Wohnung auf und schaute bei Malvin vorbei.

Kaum hatte sie die Tür geöffnet, rannte ihr ihr vierjähriger Spatz entgegen. „Mamiiii!“



Lachend hob sie ihn hoch. Er strahlte übers ganze Gesicht. Immer. Mit einer Hand hielt sie ihn oben, mit der anderen wuschelte sie ihm durchs strohblonde Haar. Sie selbst hatte nachtschwarze Zapfenlocken. Seine Haare hatte er also von seinem Vater – wer auch immer das sein mochte. Doch seine Augen, blau, versetzt mit einem wunderschönen Sprenkeln Violett, waren unverkennbar die ihren.

„Na, warst du auch brav? Hattet du und Malvin Spaß?“ Ihr Blick glitt zu dem alten Herren, der lächelnd – mit roten Bäckchen – am Frühstückstisch saß und seinen Kaffee mit Schuss trank. Mit seinem rundgeschnittenen Vollbart sah er aus, wie man sich einen Großvater in den Märchen vorstellen würde. Und er benahm sich Yannis gegenüber auch so.

Malvin nickte behaglich und musterte sie mit einem Anflug Besorgnis, während Yannis ihr durchs Haar wuschelte – weil das große Menschen bei kleineren eben taten, und er, momentan auf ihrem Arm, größer war als sie – und fröhlich grinste. Er sah aus wie der reinste Lausbub.

Evelynn hob amüsiert die Augenbrauen. „Was hast du angestellt, kleiner Mann?“

„Niiiiichts?“

„Nichts? Sicher?“

„Jaaaaa …“ Yannis nickte, und war dabei in etwa so überzeugend wie die Werbung von Energydrinks, die Flügel versprachen.

Evelynns Augenbrauen hatten ihren Haaransatz erreicht, als Yannis plötzlich wieder laut zu lachen anfing und den Kopf schüttelte. Aus dem Nichts heraus, begann er zu lachen. Und wie es so mit ihm war, steckte er alle in seinem Umfeld an, sodass sich Evelynns Augenbrauen wieder senkten.

„Na schön.“ Sie ließ ihn runter. „Ich muss gleich wieder zur Arbeit.“

„Neiiin! Ich wollte heute mit dir …“ Jetzt war das Lachen verstummt. Tränchen bildeten sich in seinen Augen. Evelynn fühlte sich augenblicklich furchtbar. Eine furchtbare Mutter. Eine schreckliche, vernachlässigende Mutter. Das hier war ihr Kind. Und sie sah es kaum.

„Na komm.“ Malvin hatte sich erhoben und deutete auf den kargen Frühstückstisch vor sich. „Für eine Scheibe Brot hast du noch Zeit.“

Yannis war sofort dabei. „Ja! Komm! Essen wir! Essen wir!“

Evelynn setzte sich seufzend und warf Malvin einen dankbaren Blick zu. Dieser jedoch winkte ab, sah auf den kleinen Jungen, der seiner Mutter bereits übereifrig ein Brot schmierte und ohne zu fragen Erdbeermarmelade darauf verstrich. Erneut überkam sie ein Seufzen. Jetzt bewirtete ihr kleiner Sohn schon seine Mutter. Und das nicht zum ersten Mal. Dabei … wäre das ihre Aufgabe. Sie setzte ein Lächeln auf, strich ihrem Jungen über die Wange und bedankte sich.



„Mami?“

„Hm?“

„Du hast ganz, ganz, ganz, ganz, ganz dunkle Ringe unter den Augen.“ Sein Blick war so unschuldig. So unwissend.

Sie nickte. „Mami hatte eine lange Nacht und nur wenig Schlaf.“ Sie tastete ihre Hosentasche ab und wusste, was Yannis vorhin so sehr zum Lachen gebracht hatte. „Schatz, wo sind meine Zigaretten?“

„Ähhhh … Weiß ich nicht?“ Sein Grinsen sagte alles, aber Evelynn konnte ihm nicht böse sein. Sie wusste schon, wo er das Päckchen versteckt hatte. Der junge Mann stemmte die kleinen Arme in seine Seiten. „Aber wieso bist du nicht zu mir gekommen, als die Arbeit fertig war?“

„Weil du schon geschlafen hast.“

„Aber du hättest dich doch zu uns legen können?“

Malvin lächelte nachsichtig und unterbrach die neugierige Fragerei an dieser Stelle. „Ich kann heute nicht auf ihn aufpassen. Ich bin bei meiner Tochter eingeladen. Da kann ich ihn nicht mitnehmen.“

Evelynn nickte. „Nein, das verstehe ich natürlich. Ich bin sicher … jemand anderes hat Zeit.“

 

Es hatte niemand Zeit. Heute war Evelynn verflucht nah am Wasser gebaut, denn schon schossen ihr Tränen in die Augen. Sie hatte alle gefragt. Sogar Belrick, dem sie Yannis wirklich nur sehr ungern anvertrauen wollte. Er war ein Mann, bei dem sie fast vollkommen sicher war, dass er Drogen in seiner Wohnung hatte – vermutlich Unmengen davon. Außerdem gingen die Nutten bei ihm ein und aus, als wäre es ihr zu Hause. Aber selbst ihn hatte sie gefragt.

„Mami?“ Yannis kniete sich zu ihr hin. Evelynn hatte sich an der Wand im Flur zu Boden sinken lassen und das Gesicht in ihren Händen versteckt, um nicht vor Yannis zu weinen. Doch sie weinte längst. „Mami?“ Sachte strich ihr eine Kinderhand über den Kopf. „Ich kann auch alleine spielen … Wenn du gehen musst …“

Sie schüttelte den Kopf, schluchzte auf und schüttelte ihn erneut. „Nein. Nein, ganz sicher nicht.“

„Aber ich bin schon groß!“ Yannis hatte seine Arme auf beide Seiten ausgestreckt, angewinkelt, und die Hände zu Fäusten geballt. Stolz zeigte er seiner Mutter, die er mehr liebte als alles Spielzeug der Welt, seine Muskeln. Es war nicht blöd. Yannis wusste, wie viel seine Mami arbeitete. Er war nicht blind. Er sah ihre Augenringe. Er erkannte es, wenn sie nur so tat, als würde sie lächeln, und er hatte die Einstellungen ihres Weckers gesehen. Er versuchte alles, um ihr zu helfen.



Doch seine Mutter schüttelte schon wieder den Kopf. „Nein, Yannis. Ich kann dich nicht hier alleinlassen.“ Stark, wie seine Mutter nun mal war – stärker als Hulk und Thor zusammen! – wischte sie sich die Tränen aus den Augen und schaute ihn mit einem gekünstelten Lächeln an. „Du kommst heute mit zur Arbeit, ja? Aber du musst dich selbst beschäftigen.“

Yannis nickte. Darin sah er kein Problem. Er wusste, wie man mit sich selbst spielte. Ja, das wusste er!

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