Kapitel 31
Das unheilvolle Geräusch, wenn Knochen nachgeben, lässt Skyla erschaudern. Milans Faust donnert nur wenige Zentimeter an ihr vorbei und schlägt wie ein Komet hinter ihr ein. Das darauffolgende Jaulen klingt bedrohlich nah. Ein Griff und Milan zieht Skyla von der Wand fern, sodass sie im Blickwinkel zwei dunkle Gestalten einfängt. Eine von den seltsam geformten Wesen windet sich vor Schmerzen und bekommt wenig Mitgefühl vom Artgenossen. Der Verletzte wird einfach weggeschoben. Noch ehe Skyla die Gefahr besser einschätzen kann, findet ein Platzwechsel statt. Beschützend deckt der Geisterjäger ihren Rücken und blickt sie fordernd an.
„LAUF!“
Milans Blick duldet keine Widerworte. So dreht sich Skyla um und steuert die Haustür an. Ihr Freund überholt sie schnell und tritt mit Wucht die Tür ein. Vor dem Durchgang geduldet er sich, bis sie diesen passiert. Als müsse er sich vergewissern, dass Skyla ihre Meinung nicht ändert und den Kampf eröffnet. Es folgt ein dumpfes Geräusch, als ginge etwas Schweres zu Boden.
Ein Schritt in einen schäbigen Flur, der schon lange nicht mehr geputzt und restauriert wurde, und die Räumlichkeit dreht sich um hundertachtzig Grad. Wie ein umgedrehtes Kreuz, das böse Energien dazu nutzen, um zu provozieren, hängen sie kopfüber. Wie festgeklebt stehen die beiden Freunde an der Decke, als die Räumlichkeit erneut rotiert. Das schäbige Flurlicht wird durch kräftige Sonnenstrahlen verdrängt. Das neue Lichtverhältnis lässt Skyla blinzeln. Von einem dreckigen Apartment landen sie plötzlich in einem belebten Schulgebäude. Begrüßt von einem grässlichen Teppichboden mit einem seltsam gepunktetes Muster in einem beigen Ton. Die Wände sind teils mit alten Holzbrettern verkleidet. Zerkratzt und an einigen Stellen teilweise verbleicht. Die bunten Poster und Plakate machen den Eindruck nicht besser. Wohin Skyla auch blickt, sind sie umzingelt von halben Portionen. Kleine Grundschüler mit ihren farbenfrohen Rucksäcken.
Der Ortwechsel schützt die beiden Freunde nicht vor ihren Jägern. Die Kälte und die markerfüllten Schreie kündigen die Kreaturen an. Ihre Laute klingen nah. Wenige Meter hinter ihnen steigt ein unheimlich dichter Nebel auf. Er dringt aus dem Boden und verbreitet sich zu schnell für Skylas Geschmack. Milan erkennt die Bedrohung ebenfalls und obwohl es überall von Schülern wimmelt, läuft er voran. Bevor sie ihn unter den Kindern verliert, folgt Skyla ihm eilig. Auch wenn sein Tempo ihr Schwierigkeiten bereitet.
Die Umgebung scheint von der Veränderung nichts mitzubekommen. Keine andere Seele reagiert auf die unheilvollen Laute im Hintergrund. Niemand weicht dem Nebel aus. Mit der Bedrohung im Nacken fühlt es sich an, wie damals, als Skyla in der Berufsschule eine Monstrosität abhängen musste. Das war kurz nachdem Milan die Stadt verließ und sie glaubte, allein mit ihren Problemen fertig zu werden. Auch damals war das Medium machtlos. Es beweist sich als ein Kampf an den vielen kleinen Grundschülern vorbei zu kommen, ohne den süßen Geisterjäger aus den Augen zu verlieren.
Ihre Verfolger lassen sich nicht abschütteln. Die Kreaturen geben markerschütternde Laute von sich. Sie fletschen die Zähne und atmen wie tollwütige Tiere. Kälte und Finsternis sind ihre Begleiter. Als Skyla ihren Atem als Wolke wahrnimmt, gerät sie in großer Sorge. Die Flucht wird ihr Todesurteil sein – das ist sicher. Nur kurz nimmt sich Skyla die Zeit, um ihr Schicksal zu verfluchen, um dann abrupt zu stoppen und bevor ihr Mut sie verlässt, dreht sie sich um. Der Arm ist ausgestreckt. Ihre Macht sammelt sich in ihrer Handfläche. Anders als sonst dreht sich die Energie in einem Wirbel. Mit ihrer spontanen Reaktion haben ihre Jäger nicht gerechnet. Den Kreaturen bleibt keine Zeit, um abzubremsen. Die Kollision ist vorprogrammiert.
Aus nächster Nähe findet sich Zeit, das große Übel zu betrachten. Auffällig sind nicht nur die Krallen ihres Jägers, sondern die Anzahl der Arme. Skyla zählt acht Stück. Sechs davon bilden einen Ring hinter dem Rücken. Hochgestreckt in den Himmel, als habe dies eine größere Bedeutung. Der Körper vom Kopf bis zum Bauchnabel lässt an eine Mumie denken. Die ledrige Haut ist eingefallen, als seien keine Organe mehr vorhanden. Obwohl die Augenhöhlen leer sind, fühlt es sich an, als starre das Wesen sie an. Die untere Körperhälfte wird versteckt unter einem dunklen Rock eines Gewands, das an Mönche erinnert. Auffällig sind auch die rotleuchtenden Perlenketten. Riesiger Schmuck, deren einzelne Perlen fast die Größe Skylas Faust erreicht. Hindernissen auszuweichen fällt ihren Jägern deshalb leichter, da sie in der Luft schweben. Zum Glück nicht hoch genug, um mit der gesammelten Macht zu verfehlen.
„Nimm das, du Drecksack!“
Es vergeht kein Wimpernschlag, da rammt Skyla der vorderen Kreatur ihre Macht in die Brust. Wie eine Knochensäge fräst sich ihre Gabe durch Fleisch und Knochen. Es tut unfassbar gut, sich für die pochende Stelle an der Schulter zu revanchieren. Das Ergebnis überrascht sie dennoch. Eigentlich rechnete sie damit, dass ihr Gegenüber einige Meter zurückgeschleudert wird. Aber ihre rotierende Energie zerfetzt die Kreatur im Nullkommanichts. Bevor die Suppe ihr ins Gesicht klatscht, dreht sich Skyla eilig um. Ein Fehler, denn sie vergisst den zweiten Jäger. Dieser baut sich über sie auf und streckt alle Arme nach ihr aus. Eine Rolle nach rechts und sie entkommt seinen Fängen. So elegant ihr Ausweichmanöver auch aussah, ändert sich alles in dem Moment, wo ein Schüler sie anrempelt. Während es das Medium umhaut, kommt der kleine Junge nur kurz ins Straucheln. Skyla blickt wütend hinterher, als sie plötzlich hochgezogen und an die Wandseite gezogen wird. Milan hält nur kurz Blickkontakt, schließlich schleicht er mit ihr die Wand entlang zu einer Säule. Skyla ist zum Lachen zu mute, da sie nicht an seine Taktik glaubt. Aber die schwebende Mumie scheint sie tatsächlich nicht zu bemerken. Als könne sie nur hektische Bewegungen wahrnehmen oder etwas, dass Lärm produziert. Hinter der Säule befindet sich eine kleine Nische, wo sich die beiden still und heimlich reinzwängen. Schnell wie der Blitz düst die zweite Kreatur an ihnen vorbei, als habe sie aus der Ferne etwas wahrgenommen. Skyla zuckt zusammen und macht unbewusst einen Schritt rückwärts, woraufhin sie gegen Milans Brust stößt.
Ein Blick über die Schulter und sie sieht sein halb in Dunkelheit getauchtes Gesicht. Sein linker Finger liegt auf den Lippen, die rechte Hand hält er hoch und zählt mit den Fingern von fünf abwärts. Seine entschlossene Ausstrahlung erinnert an einen furchtlosen Krieger. Der letzte Finger fällt und Milan beugt sich zu ihrem Ohr.
„Die Luft durfte rein sein. Verlasse nicht sofort das Versteck, sondern vergewissere dich, ob wir vorerst sicher sind.“
Ein Nicken und langsam bahnt sich Skyla einen Weg hinaus. Sorgfältig hält sie Ausschau nach ihrem Verfolger. Zum Glück lässt sich dieser nirgends ausmachen. Dafür hingegen eine jüngere Version von Kai. Ein schüchterner Grundschüler, der dem Teenie Jungen ähnelt. Das Kind hält die Riemen vom Rucksack so fest umklammert, als gäben sie ihm Halt. Mit eingezogenem Kopf huscht er an den Schülern vorbei. Seine ungesunde Blässe hebt ihn unter all den Kindern hervor. Mit dem Mund zu einem Strich verzogen kreuzen sich ihre Wege kurz. Wie aufs Kommando wird er aus der Ferne gerufen. Eine Jungengruppe lächelt diabolisch und erinnert sie an alte Zeiten, wo Lukas schikaniert wurde. Aus Gewohnheit verengen sich ihre Augen und sie lässt die Fingerknochen knacken.
Milan hingegen wird ungeduldig. „Süße, ist die Luft frei?“
Grimmig tritt Skyla hinaus. Mit dem Blick auf die Jungs, die sich sicherlich weit und breit am Coolsten finden.
„Okay, der eine ist fort. Der andere hingegen verschwand spurlos, was verdächtig ist, vor allem, weil du blutüberströmt bist. Willst du mir etwas beichten?“, hinterfragt Milan.
Doch Skylas Aufmerksamkeit gehört eher der Schikane. Das Gekicher unter den vier Kids nimmt an Lautstärke zu. Einer von ihnen zieht seine Cap lässig nach hinten.
„Hey, Kai! Warte mal!“
Skyla sieht Panik in den Augen des bleichen Kindes. Der Angesprochene ergreift die Flucht, woraufhin sich die Jungs ebenfalls in Bewegung setzen. Aus Reflex stellt Skyla einem ein Bein und beobachtet schadenfroh, wie sich wenigstens einer aufs Maul legt. Gerade, als sie zupacken möchte, um sich das nächste Balg zu schnappen, fängt Milan seine Freundin ein und tänzelt zur Seite. Frech grinst er ihr ins Gesicht, bevor er mahnend den Finger auf Augenhöhe hebt.
„Du sollst keine Erinnerungen anfassen!“
„Das war ein Unfall!“ Sie hebt entschuldigend die Hände hoch. „Sollte nicht wieder vorkommen.“
Milan lächelt wissend und spricht es auch noch aus. „Als ob! Krieg deine Impulse im Griff!“
„Gar nicht so leicht! Lukas wurde auch immer so terrorisiert von solchen Idioten, die sich für etwas Besseres halten!“
Milan macht einen belustigen Laut. „Ernsthaft? Er wurde gemobbt und du hast seine Kämpfe ausgetragen? Ganz schön feige!“
Genervt boxt sie ihn gegen die Schulter. „Lukas ist alles andere als feige! Wir haben aufeinander aufgepasst. Er kam mir immer zur Hilfe. Egal, ob uns jemand überlegen war oder nicht.“
Aber Milan schüttelt amüsiert seinen Kopf und läuft einfach an ihr vorbei. Einerseits ist Skyla froh, dass er einen möglich bissigen Kommentar unausgesprochen lässt und doch mag sie den Abbruch dieses Gesprächs nicht. Schlechtgelaunt trottet sie ihm hinter her.
„Das Blut in deinem Gesicht“ Unterbricht Milan die Stille und dreht sich zu ihr, um sie eindringlich zu mustern. „ist das von unseren Verfolgern?“
„Jap. Einen habe ich zerfetzt.“
Ihr trockenes Geständnis lässt ihn seufzen.
„Hab ich es doch geahnt! Hört sich an, als hättest du wieder Gefallen an deiner Macht gefunden.“
Worte, die ins Schwarze treffen und eine Welle der Unruhe in ihr auslösen.
„Du hast Recht. Dabei richtet ich damit nur mehr Schaden an.“
„Irrtum!“ Er lächelt. In solch einer ernsten Lage. Skyla weiß nicht, ob sie sich provoziert fühlen soll oder eher Hoffnung daraus tanken könne. „Deine Macht ist nicht bösartig. Das, was du daraus machst, ist ausschlaggebend. Aber vergesse nie, warum du dich so entschieden hast. Du hattest nie eine böse Absicht gehabt.“
„Eine Lüge.“
Ein schauriges Flüstern löst eine unangenehme Gänsehaut aus. Skyla beginnt zu frösteln und schlingt die Arme um den Körper. Es klang nach Jacob. Dieser verdammte Geist mag absorbiert sein, aber macht ihr noch immer Ärger.
Ihr Verhalten bleibt Milan nicht verborgen. Er geduldet sich, bis sie ihn erreicht und betrachtet sie fragend.
„Alles okay, Süße?“
„Ich hörte eine Stimme.“
„Was hat sie gesagt?“
„Dass du lügst.“
Milan greift ruckartig nach ihrer Hand und hält diese gefangen.
„Niemals! Ich bin davon fest überzeugt. Lass dich nicht von der Dunkelheit vergiften. Ich denke, dass hinter den Seelen, die du verschlungen hast, mehr steckt. Sie sind nicht fort, sondern greifbar nah und somit immer noch eine Bedrohung. Daher bitte nehme keine Seelen mehr in dir auf. Das ist gefährlich!“
Sie nickt zustimmend. Denn seine Überlegung klingt einleuchtend. Zumal sie Jacob allein an der Stimme erkennen konnte. Die gepeinigte Seele, die ihr am meisten Sorge bereitet. Ein wahrlich intelligentes und bösartiges Wesen.
„Ich gebe mir Mühe, die Finger von meiner Macht zu lassen.“
„Auf gar keinen Fall! Mit deiner Gabe kannst du dich in der Not verteidigen. Du musst nicht zupacken, um dir zu helfen. Du kannst viel mehr. Eine Schockwelle kann helfen. Etwas, das für Distanz sorgt.“
Es klingt zu einfach und ist mit Gefahren verbunden, die sie besser nicht unterschätzen sollten.
„Milan, du klingst zu optimistisch. Ich fürchte, dass meine Macht besser verschlossen bleiben sollte.“
„Und doch hat dir deine Gabe das Leben gerettet.“
„Zu welchem Preis? Ich habe das Ding zerfetzt.“
„Willkommen in unserer Branche. Wenn dich deine Macht schon schockiert, dann solltest du dir die Hexenmagie genauer ansehen. Justins Verstärkung sind auch keine Unschuldsengel.“
Skyla brummt mies gelaunt. „Ich will doch nur meine Lehre als Köchin beenden und von den Besten lernen.“
„Auch ich wollte ein normales Leben. Sorglos mit Freunden Fußball spielen und meine Jugend genießen. Aber dieses Leben wurde mich nicht gewährt. Glaub mir, ich bin auch nicht glücklich, von Ort zu Ort reisen und ständig Geldsorgen zu haben. Ich wäre glücklich, einen vernünftigen Job zu haben und den Luxus der Normalos genießen zu können. Aber wir können uns das nicht aussuchen. Zumal unser gemeinsamer Feind dich ebenfalls auf dem Schirm hat. Deine Karriere als Köchin endet früher als du glaubst.“
Frustriert hält Skyla Ausschau nach etwas, wo sie gegen treten kann. Da sie nichts findet, brüllt sie ihren Zorn hinaus. Milan klopft ihr kumpelhaft auf die Schulter.
„Hey, aber du hast uns. Das ist dir schon klar oder?“
Skyla funkelt ihn böse an. „Mir ist schon klar, wozu du mir rätst. Aber ich kann nicht einfach verschwinden. Ich bleibe und kämpfe. Ich beschütze, die die mir wichtig sind! Wenn ich gehe, bringe ich womöglich alle in Gefahr.“
„Du hattest deinen Standpunkt schon damals deutlich gemacht.“
Es verärgert sie, dass er sich nicht in ihre Lage versetzen kann.
„Hättest du Familie und Freunde, um die du dich sorgen würdest, wärest du auch nicht mit Justin einfach gegangen!“
Ihr Vorwurf sorgt für eine unangenehme Stille zwischen ihnen. Milans Augen verengen sich, als verüble er ihr den bissigen Ton und die Unterstellung. Je länger er schweigt, desto schlechter fühlt sich Skyla. Noch weiß sie zu wenig aus seinem alten Leben, um ihn solch ein Vorwurf zu machen. Nur stellt sie es sich deutlich leichter vor, dass er sein altes Leben hinter sich lassen konnte. Er hatte sich nichts aufgebaut, weil er noch ein Kind war. Ihre Oma würde sie sicherlich nun tadeln. Zu Recht. Aber ihr falscher Stolz steht ihr im Weg, um sich jetzt zu entschuldigen. Denn sie hofft, dass Milan versteht, dass sie sich immer anders entscheiden wird. Die Flucht kommt für sie nicht in Frage. Kampflos gibt sie ihr altes Leben nicht her. Nicht ohne einen Versuch, das zu beschützen, was ihr lieb und teuer ist.



























































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