05. Januar – Die Nacht der Entscheidung
Diese Nacht trug Gewicht. Die zwölfte Raunacht war kein Übergang, sie war ein Knotenpunkt. Alles, was gewesen war, alles, was werden konnte, zog sich hier zusammen. Der Druidenkreis erwachte. Mit dem ersten Schlag der Nacht begannen die Steine zu leuchten, einer nach dem anderen, wie ein Atemzug, der um den Kreis wanderte. Die Runen, längst vergessen geglaubt, leuchteten klar und unmissverständlich.
Ailina stand im Zentrum. Cáel war an ihrer Seite, gestützt, noch geschwächt, aber anwesend. Die Anderswelt lag offen wie ein zweiter Himmel über der Erde. Nebel strömte zwischen den Steinen hindurch. In ihm erschienen Gestalten: Ahnen, Hüter, Götter. Morrígan trat als Letzte hervor.
„Dies ist die Nacht, in der das Alte noch gilt“, sagte sie.
Der Wind erhob sich. Die Elemente versammelten sich. Feuer schwebte in stiller Glut, Wasser glitzerte im Boden, die Erde vibrierte und die Luft spannte sich wie ein Bogen.
„Sprich!“ forderte Morrígan.
Ailina schloss die Augen. Sie spürte alles: ihre Menschlichkeit, ihre Macht, ihre Liebe, ihre Angst. Sie war keine Brücke mehr, die zerbarst, sie war der Raum dazwischen. Als sie sprach, tat sie es nicht laut. Trotz allem drang ihre Stimme durch den Boden, durch die Steine, durch die Welten.
„Die alten Gesetze sagen, dass Liebe trennt, Ordnung Opfer verlangt und dass Schwellen nicht bewohnt werden dürfen.“ Die Runen flackerten. Unruhe ging durch die Gestalten. „Dem widerspreche ich.“
Cáel atmete scharf ein. Morrígan lächelte – nicht spöttisch, stattdessen gespannt.
„Liebe ist kein Verrat“, fuhr Ailina fort. „Sie ist eine Verbindung. Kein Besitz. Kein Verlust. Und die Schwelle ist kein Verbot, sie ist ein Ort.“
Der Boden bebte. Die Runen begannen sich neu anzuordnen, Linien lösten sich, neue Muster entstanden.
„Ich bin Grenzgängerin“, setzte Ailina ihre Ausführungen fort. „Nicht um zu trennen. Mir obliegt es, zu halten. Und er“, sie legte ihre Hand auf Cáels Brust, „ist nicht mehr der Hüter der Trennung, vielmehr der Zeuge der Durchlässigkeit.“
Ein Aufschrei ging durch die Anderswelt. Alte Kräfte wehrten sich. Gesetze, die niemals hinterfragt worden waren, wurden außer Kraft gesetzt.
Morrígan hob ihre Schwingen an.
„Du webst neu, was älter ist als du.“
„Ja“, erwiderte Ailina ruhig. „Weil alles brüchig geworden ist.“
Die Göttin blickte sie lange an, bevor sie zustimmend nickte.
„Dann trage die Verantwortung.“
Ailina hob beide Hände. Das Amulett – längst ein Teil von ihr – leuchtete auf, und mit ihm das Gefüge der Welten. Fäden aus Licht und Schatten lösten sich und verknüpften sich neu. Weder fiel eine Mauer noch wurde eines der Reiche verschlungen. Doch die Starrheit zerbrach. Cáel sank kurz auf die Knie. Die letzten Fesseln der Anderswelt lösten sich von ihm. Der Schwellenstein im Zentrum des Kreises wurde durchsichtig. Er war nicht mehr offen, aber auch nicht verschlossen. Man konnte ihn nunmehr begehen. Die Stimmen der Ahnen verstummten. Die Götter traten zurück. Morrígan war diejenige, die noch geblieben war.
„Du hast dein Schicksal nicht gewählt. Du hast es neu definiert.“
Mit diesen Worten verschwand sie. Der Kreis erlosch. Der Himmel öffnete sich. Die Zeit floss wieder. Ailina und Cáel blieben allein zurück, in einer Welt, die noch dieselbe war und dennoch verändert.
Die zwölfte Raunacht war vergangen. Das Schicksal hatte sich erfüllt. Es war umgeschrieben worden.





















































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