Der schwarze Freitag (I)
Nur wenige Lichter flackerten hinter den kleinen Butzenscheiben der Häuser, deren dunkle Silhouetten sich eng aneinanderdrängten, als wollten sie der feuchten Kälte entkommen, die jede Nacht vom Fluss heraufzog. Die Seine lag unter einem silbrigen Schleier aus Nebel. Ihr Wasser floss träge dahin und trug den Geruch von Schlamm, Fisch und den Abfällen einer Stadt mit sich, die längst größer geworden war, als ihre Mauern eigentlich zuließen. Über den Dächern hing ein fahles Grau. Es war jene Stunde kurz vor Sonnenaufgang, in der weder Nacht noch Tag die Oberhand gewonnen hatten. Die Straßen wirkten verlassen. Hier und da scharrte ein Pferd mit den Hufen im Pflaster. Ein Hund stöberte zwischen den Abfällen des gestrigen Marktes. Aus vereinzelten Schornsteinen stieg bereits Rauch empor, währenddessen die ersten Bäcker ihre Öfen anheizten. Dann erklangen die Glocken – langsam und schwer. Der erste Schlag hallte weit über die Dächer hinweg, wurde von den Mauern der Kirchen zurückgeworfen und verlor sich schließlich irgendwo über dem Fluss. Saint-Jacques rief zum Morgengebet. Kurz darauf antworteten weitere Glocken aus anderen Vierteln der Stadt. Ihr Klang vermischte sich zu einem vertrauten Lied, das seit Generationen den Beginn eines neuen Tages ankündigte. Doch an diesem Morgen sollte nichts vertraut bleiben.
Arnaud de Villiers erwachte nicht durch die Glocken. Er hatte sie in den vergangenen zwölf Jahren seines Lebens im Tempelhaus so oft gehört, dass sein Schlaf sie kaum noch wahrnahm. Sie gehörten zu seinem Alltag wie das kalte Wasser des Brunnens, das frühe Gebet oder das Kratzen der Feder eines Schreibers im Skriptorium. Was ihn aus dem Schlaf riss, war ein Geräusch, das dort nicht hingehörte. Ein dumpfer Schlag, das Geräusch von Metall, das auf Holz traf. Noch einmal. Kurz darauf ein drittes Mal.
Arnaud schlug die Augen auf. Für einen Augenblick wusste er nicht, woher das Geräusch kam. Sein Zimmer lag im oberen Stockwerk der Komturei. Die Mauern waren dick, die Fenster schmal. Selbst heftiger Regen drang meist nur gedämpft herein. Dieses Hämmern war anders. Es war schwer und entschlossen, als wolle jemand ein Stadttor mit brachialer Gewalt öffnen.
Er richtete sich auf und lauschte. Stille. Nur sein eigener Atem war zu hören. Dann vernahm er es erneut. BUMM. Diesmal folgte unmittelbar eine Stimme – dumpf und unverständlich. Noch einmal ein Schlag… und mehrere Stimmen.
Arnaud schwang die Beine aus dem Bett. Der kalte Steinboden ließ ihn frösteln. Instinktiv griff er nach seinem Mantel, ehe er an das schmale Fenster trat. Der Innenhof lag noch größtenteils im Dunkeln. Zwischen den Gebäuden bewegten sich Schatten. Zunächst glaubte er an Brüder, die bereits zum Morgengebet unterwegs waren. Plötzlich flammten Fackeln auf. Eine. Drei. Fünf. Immer mehr. Ihr Licht spiegelte sich auf Stahlhelmen. Bewaffnete Männer drängten durch das Haupttor, und zwar in geschlossener Formation.
Arnaud machte unwillkürlich einen Schritt zurück. Noch ehe er erkennen konnte, wer sie waren, erklang unten eine Stimme, laut genug, um bis in die oberen Gemächer zu dringen.
„Im Namen Seiner Majestät, König Philipp von Frankreich! Öffnet unverzüglich!“
Der König? Warum sollte der König Soldaten zur Komturei schicken? Die Brüder standen unter dem Schutz des Papstes. Seit beinahe zweihundert Jahren war der Orden von weltlicher Gerichtsbarkeit weitgehend befreit. Kein Graf, kein Herzog und nicht einmal der König durfte ohne Weiteres in ihre Häuser eindringen.
Wiederholt krachte es. Holz splitterte, Das Tor gab nach. Arnaud spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Seit Wochen hatte es Gerüchte gegeben. Beim Abendessen hatten ältere Brüder leiser gesprochen als sonst. Sobald Novizen den Raum betraten, waren die Gespräche komplett verstummt. Man sprach von den leeren Kassen des Königs, von neuen Steuern, von seinem Streit mit dem Papst und von Predigern, die den Reichtum des Ordens öffentlich kritisierten. Arnaud hatte all das für das übliche Gerede gehalten. Der Templerorden war mächtig. Er besaß Burgen, Ländereien, Bankhäuser. Seine Ritter hatten im Heiligen Land gekämpft, als Philipp noch nicht geboren gewesen war. Wer sollte es wagen, den Tempel anzugreifen?
Ein ohrenbetäubendes Krachen beantwortete seine Fragen. Das Tor war gefallen. Kurz darauf hallten schwere Stiefel über das Pflaster des Innenhofes. Arnaud konnte nunmehr die Schilde erkennen. Sie waren blau mit drei goldenen Lilien. Das Wappen der französischen Krone. Eine Verwechslung war ausgeschlossen. Soldaten des Königs. Dutzende. Sie strömten durch den Hof wie Wasser, das durch einen gebrochenen Damm schoss. Einer der Männer trug eine zusammengerollte Pergamentrolle in der Hand, ein anderer las laut daraus vor. Namen. Arnaud verstand die Worte nicht, doch er erkannte die Gesichter jener Brüder, die aus ihren Schlafräumen gezerrt wurden. Das Ganze geschah gezielt. Der Mann mit der Liste zeigte auf Türen. Soldaten liefen sofort dorthin. Sie wussten genau, wen sie suchten. Ein eisiger Gedanke schoss Arnaud durch den Kopf. Jemand musste ihnen geholfen haben. Sie kannten den Aufbau der Komturei. Sie kannten die Namen. Sie kannten sogar die Schlafräume. Das war kein Überfall. Es handelte sich um eine vorbereitete Aktion.






























































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