Gedichte einer Klerikerin
Teil I – Fluch des Lebens
Das Leben ohne Gott ist ein Fluch.
Nicht, weil das Leben böse wäre.
Nein.
Das wäre ja viel zu einfach.
Das Leben hat Prinzipien.
Und Prinzipien sind bekanntlich sehr höflich:
Sie fragen nicht, ob du an sie glaubst.
Nenn es Schuld.
Nenn es Karma.
Nenn es Verdienst.
Nenn es Schutz.
Nenn es Schicksal,
wenn das Wort dir besser gefällt.
Dem Leben ist dein Wörterbuch ziemlich egal.
Du kannst daran glauben,
es wahrnehmen,
es ignorieren
oder eine ganze Philosophie darüber schreiben.
Sein Ziel ändert sich nicht.
Wir werden geboren.
Wir sterben.
Und irgendwo dazwischen
säen wir.
Was wir säen,
werden wir ernten.
Und was wir ernten,
werden wir essen.
Bei Gemüse und Früchten
scheint der Mensch dieses Prinzip
erstaunlich gut zu verstehen.
Bei seinen Taten
wird es plötzlich kompliziert.
Wir säen Gutes.
Wir säen Böses.
Wir ernten beides.
Und irgendwann steht es auf dem Tisch.
Guten Appetit.
Wie lustig muss das Leben uns finden.
Es sitzt da,
schaut zu,
wie wir uns zwischen Gut und Böse entscheiden,
und schreibt mit.
Denn vergessen wird nichts.
Das Leben ist geduldig.
Manchmal flüstert es uns sogar Weisheit zu.
Durch Geschichten.
Durch Mythen.
Durch Generationen.
Durch Religionen.
Durch Gesetze.
Durch Naturkatastrophen.
Durch den Aufstieg und Fall ganzer Reiche.
Immer wieder dieselben Geschichten
mit neuen Namen.
Denn es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Nur neue Menschen,
die überzeugt sind,
diesmal sei alles anders.
Und vielleicht liegt genau dort das Problem:
Wir kommen.
Wir gehen.
Wir vergessen.
Wir schreiben Bücher,
bauen Statuen,
erzählen Geschichten
und verändern sie anschließend so lange,
bis keiner mehr weiß:
Was war echt?
Was war falsch?
Was wurde vergessen?
Und was wurde absichtlich vergessen?
Der Mensch existiert schon so lange,
dass wir vermutlich nie alles wissen werden.
Doch Schuld braucht kein Gedächtnis.
Die unvergebene Schuld von heute
kann in zehntausend Jahren
noch Opfer fordern.
Und die unvergebene Schuld
von vor zehntausend Jahren
kann heute ihre Rechnung schicken.
An Menschen,
die nicht einmal wissen,
was bestellt wurde.
Also stehen wir da
mit einer Rechnung in der Hand
und fragen:
Warum ich?
Das Leben schweigt.
Also machen wir das,
was Menschen besonders gut können.
Wir drehen uns um
und zeigen auf den Nächsten.
Du bist schuld.
Der Nächste zeigt auf den Nächsten.
Und der wieder auf den Nächsten.
Bis schließlich jeder schuld ist.
Praktisch.
Denn Schuld begleicht sich
durch die Bezahlung der Schuld.
Also müssen alle bezahlen.
Nur eine kleine Frage bleibt:
Wer entscheidet eigentlich, wie?
Natürlich wir.
Menschen.
Ausgerechnet.
Wir entscheiden über die Rechnung des Nächsten,
ohne an den Nächsten zu denken.
Und vielleicht ist genau das
die schlimmste Strafe des Menschen:
Das Böse wird nicht irgendwo
in einem fernen Abgrund geboren.
Es wird im Herzen des Menschen geboren.
Das Leben wusste es längst.
Leider weiß das Leben noch etwas:
Auch diejenigen,
die sich für das Gute entscheiden,
tragen das Böse dieser Welt im Blut ihrer Geschichte.
Also bezahlen auch Gute.
Also bezahlen Unschuldige.
Also leiden Menschen für Dinge,
die sie weder begonnen
noch gewählt haben.
Und dann fragen wir uns verwundert,
warum immer mehr Menschen sagen:
Warum sollte ich gut sein?
Warum Gutes tun,
wenn ich trotzdem für das Böse anderer bezahle?
Warum vergeben,
wenn niemand mir vergeben hat?
Warum gerecht sein,
wenn die Welt es nicht ist?
Und so bekämpfen wir Böses
mit Bösem.
Weil wir das Böse besiegen wollen.
Natürlich.
Wir schlagen zurück,
um Gewalt zu beenden.
Wir hassen,
um Hass zu bestrafen.
Wir richten,
um Ungerechtigkeit zu vernichten.
Und erschaffen dabei
genau das,
was wir angeblich bekämpfen.
Aber diesmal ist es anders.
Diesmal sind wir schließlich
die Guten.
Das sagen sie alle.
Und plötzlich ist keiner besser
als der andere.
Keiner gerechter
als der andere.
Also:
Wer soll über den anderen richten,
wenn der Richter selbst nicht gerecht ist?
Wer entscheidet über Schuld,
wenn seine eigenen Hände nicht sauber sind?
Die Welt wird von ungerechten Menschen regiert,
die über ungerechte Menschen richten,
welche wiederum andere ungerechte Menschen
für ihre Ungerechtigkeit bestrafen.
Und wir nennen das:
Ordnung.
Vielleicht schaut das Leben deshalb nur zu.
Vielleicht hat es aufgehört,
sich einzumischen.
Vielleicht flüstert es nur noch:
Ich habe es euch doch gesagt.
Durch Geschichten.
Durch Mythen.
Durch Generationen.
Immer wieder.
Und immer wieder vergessen wir.
Wir werden geboren.
Wir säen.
Wir ernten.
Wir essen.
Wir sterben.
Und die nächste Generation
setzt sich an denselben Tisch.
Vor ihr steht die Rechnung.
Sie schaut darauf und fragt:
Wer hat das bestellt?
Niemand antwortet.
Also bezahlt sie.
Und schreibt anschließend
eine neue Rechnung
für die Nächsten.
Was für ein wunderbares System.
Fast perfekt.
Wäre da nicht Gott.































































