29 Tagebucheintrag Uriel

Liebes Tagebuch,

heute schreiben wir den 31.05.04-I-II  und heute ist ein guter Tag. Ein ruhiger Tag. Ich bin Balthasar wieder begegnet, aber bevor ich davon erzähle, muss ich an unsere neuen Mitbewohnerinnen denken.

Es ist erstaunlich zu sehen, wie Indra und die anderen sieben Dämoninnen sich verändern. Sie haben ihre schweren Rüstungen gegen einfache Hemden und Hosen getauscht. Anfangs wirkten sie darin fast verloren, so ohne ihren schützenden Panzer, aber das beständige, ruhige Klima in Kitary scheint sie langsam „auftauchen“ zu lassen. Sie beginnen, sich selbst jenseits des Schlachtfeldes zu entdecken. Irgendwann werden sie die Hosen gegen Kleider tauschen müssen – schließlich braucht ein wachsender Babybauch Platz –, aber eins nach dem anderen.

Die meiste Zeit verbringen sie nun mit ihren Paten. Es ist ein rührender Anblick: Mit unerschütterlicher Geduld „trainieren“ die Paten die Damen darin, wie man Windeln wechselt und worauf man bei Säuglingen achten muss. Die Dämoninnen sind so fleißig, als stünde eine Inspektion bevor. Wenn sie etwas richtig gemacht haben und ehrliches Lob von den Paten bekommen, sehe ich dieses zögerliche, stolze Lächeln auf ihren Gesichtern. Es macht mich so glücklich zu wissen, dass sie endlich dieses ganz besondere Glück einer Mutter kennenlernen dürfen.

Apropos Glück – ich saß heute in der großen Halla und strickte an einer Mütze für unseren Sohn, als Balthasar mich per mentalem Netzwerk in die Küche rief. Ich gebe zu, ich war ein wenig genervt. Warum muss ich zu ihm kommen und nicht er zu mir?

In der Küche stand er mit Mariel im Gespräch. Er fragte mich nach den neuen Gesetzen zur Schulpflicht. Da ich mich in meiner „Auszeit“ befinde und die Legion zurzeit nicht aktiv lenke, musste ich zugeben, dass ich nicht auf dem neuesten Stand bin. Ich verwies ihn an Gabriel. Balthasar bot mir sofort an, mir die Abschriften der Gesetze zu bringen. Ich bejahte – schließlich will ich wissen, was in meiner Legion geschieht.

Nachdem er kurz verschwunden war, erzählte mir Mariel, worum es eigentlich ging: Ihre Zwillinge treiben sich ständig in den Stollen der 10. Legion herum und folgen dort dem Unterricht der Dämonen. Eigentlich müssten sie bald nach Snakeville zur Schule und dort bei einer Pflegefamilie leben, da Kitary als historisches Dorf keine eigene Schule hat und Mariel hier gebunden ist. Balthasar will nun die Schulpflicht für die beiden aussetzen lassen, indem er die Dämonen-Ausbildung als Ersatz legitimiert.



Ich musste lächeln. Balthasar hat so ein großes Herz, auch wenn er es niemals laut sagen würde. Er beweist seine Liebe durch Taten, durch das Lösen von Problemen, die anderen das Herz schwer machen.

Später, als ich wieder in der Halla saß, legte sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter. Ich bin so erschrocken! Aber es war nur Balthasar. Er brachte mir die versprochenen Gesetze und erwähnte beiläufig, dass er sich nun auf die nächste Erzengelsitzung vorbereiten müsse – er habe ja „eh keine anderen Hobbys“. Ich sagte ihm: „Wenn man in seiner Freizeit arbeitet, dann ist das Arbeit und kein Hobby.“ Er erwiderte nur: „Aber es macht mir Freude, Dinge zu regeln.“ „Dann ab mit dir und geh arbeiten“, schickte ich ihn schmunzelnd fort. Er verschwand sofort. Ein Arbeitstier durch und durch. Ich hoffe nur, er lernt irgendwann einmal stillzustehen, damit er die kostbaren Momente mit seinem Sohn nicht verpasst.

Ich strich mir über den Bauch. Bald ist es so weit. Ich legte meine eigene Hand auf die Stelle an meiner Schulter, die er berührt hatte. Es fühlt sich immer noch so an, als wäre seine Hand dort. Ein leiser Beweis für unsere Verbindung.

Die Mütze ist übrigens fertig geworden. Jetzt ist es Zeit für das Bett. Gute Nacht.

 

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