Kapitel 1
Unmut baut sich auf. Die dunkle Wolke quillt langsam über und muss sich schon bald entladen. Eine Teilschuld trägt die leere Batterie der Wanduhr. Ein Objekt mit großer Bedeutung in der Räumlichkeit. Der Zeiger verkündet schließlich, was als Nächstes folgt. Somit bleibt es vorerst ungewiss, wann die nächste Untersuchung stattfindet. Gefangen in einem Körper, der den Dienst versagt. Ein Wach-Koma. Verschuldet durch eigene Dummheit. Das Lock-in-Syndrom quälte eigentlich eine Achtjährige, die als Einzige einen Autounfall überlebte. Und doch meisterte das Kind das Astralreisen und wandelte in der Geisterwelt, wo sie ungeheuerliche Macht erlangte. Der Wunsch, zu erwachen und heimzukehren, trieb sie dabei an. Ihre toten Eltern besuchten sie als Schattengestalten. Diese entstehen, wenn die Seele nach dem Tod keinen Frieden findet und sich eisern weigert, weiterzuziehen. Beide Elternteile verweilten an der Seite ihrer Tochter und überzeugten sie zur Geisterbesessenheit. Zuerst wurde die Identität der beiden Elternteile angezweifelt, denn Schattengestalten sind für ihre Listigkeit und Manipulation bekannt. Doch die Überprüfung lief im Hintergrund und alle Zweifel wurden wohl oder übel beiseite geräumt. Sie mögen aus Verzweiflung nach Hoffnung geklammert haben und haben sich vor anderen Möglichkeiten verschlossen, aufgrund von Sorge und Ungeduld, doch damit haben sie das Schicksal ihres Kindes endgültig besiegelt. Nadines Seele ist fort und kann nicht mehr gerettet werden.
Wenn einer Nadine in dieser schlimmen Stunde beistehen könne, dann ein Medium. Skyla war bereit zu helfen, trotz eigener Sorgen. Nadine verlor ihr Zuhause, aber Skyla wollte sie nach der Rettung in ihre Obhut zu nehmen. Obwohl sie die Schwelle zum Erwachsenenalter gerade erst übertrat. Jedoch machte der Einfluss der toten Eltern den Plan zu Nichte. Nadine entschied sich am Ende gegen Skyla. Nadine plante einen Körpertausch. Doch die Geisterbessenheit schlug anscheinend fehl. Nadine wirkt fort und Skyla erlitt dasselbe Schicksal, das Nadine auf der Intensivstation hielt. Das Lock-in-Syndrom.
Dem Medium stehen drei Schutzgeister im Kampf gegen das Übernatürliche zur Seite. Zwei Dämonen und ein Nang Tani. Der Bananenbaumgeist namens Dalika wurde Zeuge von dem Vorfall. Zu weit entfernt konnte Dalika nur hilflos zusehen, wie die Schattengestalten Skyla nachträglich entführten und in ein fernes Krankenhaus schmissen. Dalika folgte ihnen unauffällig und es zeigte sich, dass die Schattengestalten gründlich an dem Plan feilten. Sie organisierten Skyla einen Decknamen, manipulierten das Personal vor Ort, womit das Medium vorerst sicher vor dem eigentlichen Feind war. Einen Ritterorden, der Jagd nach allen macht, die Kontakt mit der anderen Seite tritt.
Kälte kündigt das Übernatürliche an. Immer. Auch bei Dämonen. Noch ehe sich ein Schutzgeist zu Wort meldet, ahnt Skyla bereits, dass sie unerwünschten Besuch erhält. Hilflos gefesselt am Bett und von Maschinen am Leben gehalten, muss sie darauf bauen, dass ihre Dämonen allein mit der Situation fertig werden. Ihre telekinetischen Fähigkeiten haben sie genauso im Stich gelassen wie ihr eigener Körper. Skyla schaffte es nicht mehr, die Leitungen zu aktivieren. Bislang betrachtete sie ihre Fähigkeiten immer als Fluch, bis ihr dieser entrissen wurde.
Pelzig und verdammt groß. Agnars Spinnenart fällt in Deutschland definitiv auf und sorgt für Angst und Schrecken. Man könnte meinen, er wäre durch ferne Waren ins Land importiert worden oder aus irgendeinem Terrarium ausgebrochen. Obwohl der Vertrag zu ihm schon länger besteht, läuft es Skyla immer aufs Neue eiskalt den Rücken hinunter, wenn sich solch ein Monstrum von der Decke abseilt.
„Kai, wappne dich.“
Der Spinnendämon hegt trotz Rückschläge noch immer große Erwartungen in seinen Kumpel. Dabei präsentierte sich Kai als der unzuverlässigste Dämon. Ein Schutzgeist, der seiner Herkunft gerecht wird, denn der Dämonenbär sehnt sich nur noch Skylas Ende herbei. Er begehrt die Freiheit und erfreut sich an Skylas Hilflosigkeit. Allein der Vertrag zwingt ihn, seinen Aufgaben gerecht zu werden. Würde es nach ihm gehen, hätte er sich das erstbeste Kind geschnappt, sich in deren Heim eingenistet, um sich zuerst Vertrauen einzuschleichen, dann zu jagen und am Ende zu speisen. Von allen drei Schutzgeistern ist Kai der abartigste Kerl. Ein Schleimer und Kinderseelenfresser. Auch Skyla spielt ständig mit dem Gedanken, diese Bestie von sich zu lösen und mit ihren eigenen Händen zu beseitigen. Ein solches Monstrum kam nur in ihre Dienste, weil die Not ihr kaum eine Wahl ließ. Dabei gab es eine Zeit, wo Skyla ihn erduldete und sich sogar mit ihm abfinden konnte, denn sie lernte auch seine schreckliche Vergangenheit kennen. Kais Seele ist gepeinigt von Angst und Gewalt. Er war ein Opfer, der sich am Ende der dunklen Seite verschrieb.
Die Mundwinkel hängen hinab, als sich die dämonische Plüschwatte erhebt. Ganz langsam. Mit fehlender Motivation. Es ärgert Skyla, dass der besessene Stoffbär ihre geliebte Farbe trägt. Ein Himmelblau, das eigentlich ihr Straßenköterblond versteckt. Doch zur Tarnung wurde ihr diese Farbe genommen. Der Nang Tani kürzte ihr Haar drastisch, womit sie dem Feind nicht so leicht in die Finger fallen sollte. Zu mindestens nicht dem Ritterorden, aber dafür dem Übernatürlichen, denn das zieht Skyla genauso schlimm an. Als badet sie täglich in einem Lockmittel.
„Immer dasselbe, am Ende müssen wir an die Front“, beschwert sich Kai laut genug, als wolle er, dass Skyla ihn hört.
Große Töne für einen Jammerlappen, der ständig als Erster in den Kämpfen zu Fall geht. Und das, obwohl er dank einer lästigen Hexe zu einer Magiebestie mutierte und Macht gewann. Wie gern würde Skyla ihm ihre Meinung dazu geigen, doch der Bär wendet sich von ihr ab. Laute Absätze klackern über den Boden hinter den Wänden. Mit Wucht schlägt die Tür auf, dass Skyla ihr Herz fast aus der Brust springen spürt. Doch der Besucher entpuppt sich als Dalika, die mit grimmiger Miene eintritt und sich ans Krankenbett gesellt. Direkt neben Kai, der laut schluckt. Als spüre der Nang Tani seinen Verrat. Dalika mag als Krankenschwester der Intensivstation in blauer Berufskleidung stecken und doch kann die Schicht ihre schönen Kurven nicht verstecken. Das schwarz, wallende Haar hat sie hochgebunden, sodass ihr Schwanenhals von allen Seiten bewundert werden kann. Die rotglühenden Augen werden unterdrückt und durch einen karamellfarbenen Ton ersetzt.
Skyla folgt dem Blick des Nang Tanis zur Rechten, wo mit erhobenen Händen zwei Schattengestalten herantreten. Skyla ahnt, dass es sich hier um Nadines Eltern handelt. Schattengestalten haben wenige Konturen. Sie bestehen aus einer schwarzen Maße, die an Rauch erinnert. Kontinuierlich steigen Partikel in die Atmosphäre und lösen sich vom Hauptkörper. Dalika schnauft und ihre Fingernägel wachsen zu langen Krallen.
„Mut habt ihr! Aber so erspart ihr mir die lange Suche nach euch! WAS HABT IHR NUR GETAN! WAR ES DAS WERT?“
Kai zupft eingeschüchtert an dem blauen Oberteil und erinnert sie: „Nicht schreien, sonst fliegt die Tarnung auf.“
Dalika löst mit säuerlichem Blick seine Bärenpfote von ihr und kämpft um die Beherrschung.
„Du willst uns auslöschen? Soll uns Recht sein! Das tragische Schicksal unserer Tochter liegt uns zu Lasten und lässt sich kaum länger ertragen. Erlösung durch die Schutzgeister unseres Opfers käme uns gelegen. Doch vorher wollen wir uns revanchieren. Wir wollen das Medium in guten Händen wissen. Sie soll wenig leiden und sicher vor ihren Peinigern sein. Sollten wir die Umstände verbessern können, würden wir nicht zögern. Sagt, wir ergeht es der Patientin?“
Die weibliche Schattengestalt beugt sich vor, als wolle sie sich mit eigenen Augen von Skylas Zustand überzeugen, aber Dalikas Körper spielt weiterhin den Sichtschutz. Selbst, wenn sie ihren Körper verbiegen muss und sich mit einem Arm auf dem Krankenbett abstützt. Ihre Stimme zittert, so wie die Atmosphäre, als sie ihren Frust kundtut.
„Ihr habt mir mein Zuhause genommen! Meine Blume wird verwelken! Euer Unterfangen war egoistisch und naiv! Hättet ihr das Kind doch wenigstens retten können, dann hätte ich mich mit meinem Schicksal besser anfreunden können, aber euer Plan war zum Scheitern verurteilt. Meine Blume wollte eurem Kind helfen und in ihre Obhut nehmen. Eine strahlende Zukunft an einem friedlichen Ort, den ich zum Erblühen gebracht hätte, wo eure Tochter sich den Bauch mit meinen Köstlichkeiten vollschlagen hätte können. Ihr hätte dort an nichts gefehlt, aber stattdessen …“
„NIEMAND HÄTTE UNSERE TOCHTER RETTEN KÖNNEN! DAS ALLES WAREN DOCH NUR LÜGEN UND AUSREDEN! WIR HABEN EUCH DOCH GEHÖRT! UNSERE TOCHTER HÄTTE EUCH ZEIT GEKOSTET, DIE IHR NICHT HÄTTET!“, brüllt der Vater des Kindes.
Seine Worte erschüttern Skylas Seele, denn ein Teil davon ist wahr. Alle rieten von Nadines Rettung ab und die Zeit war ein Feind, denn Nadine sollte vernichtet werden. Die zuständige Hexe hat nur auf die Genehmigung gewartet. Und dennoch wollte Skyla helfen. Sie hätte Nadine niemals aufgegeben und für das Kind gekämpft.
„Geschehen ist geschehen!“ Kai gähnt ermüdet. „Ändern können wir daran eh nichts mehr.“
Nadines Mutter schnappt sich die Hand ihres Gattens, der daraufhin eine entspanntere Haltung einnimmt.
„Wir entschuldigen uns vom Herzen für die Umstände. Wie der Bär schon erwähnte, läge es in unserer Macht, die Zeit umzukehren und unsere Fehler zu beheben, dann hätten wir bereits davon Gebrauch gemacht.“
Nadines Mutter schien noch mehr auf dem Herzen zu liegen, doch sie verstummt, als sich ihre Umgebung verändert. Lichterkugeln steigen hinauf vom Boden.
Dalika erhebt sich mit einem Befehl an ihre Kameraden: „Kai! Agnar! Fangt unsere Feinde lebend! Frieden gönnen wir ihnen nicht! Lassen wir sie für ihre Taten büßen! Buße ohne Entkommen! Also verletzt sie nicht zu stark, verstanden?“
„Wie du wünschst!“, meldet sich Agnar zuerst.
Kai rollt mit den Augen und fasst sich an den Kopf.
„Hier herrscht ein Kampfverbot. Wir müssen tiefer.“
Dalika nickt, als sei ihr dies bekannt. Ein Winken und Kai verwandelt sich im Sprung zu der gewaltigen Magiebestie. Einem gepunchten Grizzlybären, der seine Bärenklaue hinab rammt und den Boden unter den Schattengestalten zum Einbrechen bringt. Die Schreie von Nadines Eltern lassen Dalika leise lachen. Agnar und Kai sind die Ersten die durch das Loch springen. Dalika hingegen dreht sich mit glühendem Blick um und umfasst Skylas Gesicht. Ganz vorsichtig. Ihre Lippen hauchen Skyla einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.
„Sei unbesorgt, kleine Blume. Wir kümmern uns darum und nehmen Rache.“
Nicht, Dalika. Sie kamen, um sich zu entschuldigen und sie bereuen die Sache. Sie haben sogar ihre Hilfe angeboten.
Skyla wünscht sich, die Worte würden ihren Mund verlassen, doch ihre Sorgen bleiben unerhört. So glaubt sie, bis Dalika ihr durchs Gesicht streicht und ihre Lippen den Ansatz eines Lächelns bilden.
„Du bist zu lieb, Skyla. Deine Vergebung haben sie nicht verdient. Verzeih, dass ich gegen deinen Wunsch handeln werde, doch die beiden haben uns zu viel genommen. Außerdem haben sie ihr Kind geopfert. Ich will Gerechtigkeit. Für ihr Kind, das ihnen so sehr vertraute, um auch vom eigenen Blut enttäuscht zu werden. Nadine sollte von dir gerettet werden und ich hätte mich ebenfalls gefreut, dem Kind strahlende Sonne zu bringen. Das Kind lächelte nie ehrlich seit ihrem Unfall, aber das hätten wir geändert oder? Was hätte ich nicht dafür gegeben, die arme Seele mit dir zu retten und ihr eine Zukunft zu schenken. Es macht mich wütend, wie ungeduldig ihre Eltern waren.“
Eine mögliche Zukunft mit Nadine als Verbündete. Skylas Herz erfreut sich bei der Vorstellung. Denn ihr Geheimversteck bietet genug Platz und liegt abgeschieden. Fern vom Ritterorden, der sie jagt. Nur ein Dämon bereitet ihr Sorge. Die Rosenkönigin mag sich zurückgezogen haben, aber das kann alles nur Schein sein. Ihr manipulatives Verhalten könnte eine ernstzunehmende Gefahr werden.
Dalikas Blick verdüstert sich in jenen Moment. „Gefährlich, kleine Blume! Du darfst nicht mal an sie denken, denn auch sie erhört deine Gedanken.“
Der Nang Tani spricht in Rätseln. Bis Skyla ein vertrautes Gesicht am Ende des Raumes bemerkt. Einen stillen Beobachter. Gefährlich nah an dem Loch im Boden lehnt die Königin an der Wand.
Segone! Aber wie kann das sein?



























































Kommentare