Täglich grüßt die Murmelratte

Da war sie wieder. Die verrückte Wissenschaftlerin, mit der die ganze Misere angefangen hatte. Ihr Portal schwebte knapp eine Handbreit über dem Dachboden. Scheinbar gelassen hatte sie ihr Gewehr auf die Schulter gelegt. Mit diesem konnte sie Seelen und Energie absorbieren. In der anderen Hand lag eine Fernbedienung mit einem großen roten Knopf. Seiner Ansicht nach keine besonders clevere Kombination. Für die Waffe würde sie beide Hände brauchen.
»Evelyn Marks. Meinen kleinen Partner habt ihr ja bereits kennengelernt.«
… und sie hatte nichts von ihrer überheblichen Arroganz verloren. Auch die Ratte ließ nichts anbrennen. Sie sprang mit drei Sätzen durch das Portal, ehe jemand reagieren konnte, geschweige denn protestieren.
»Ich glaube, an dieser Stelle waren wir vor Kurzem schon einmal«, antwortete Vincent. Er ließ sich seinen Ärger nicht anmerken. Etwas in dieser Art hätte er sich fast denken können. Statt mit der Ratte zu diskutieren, hätte er sie sich direkt greifen sollen. Dafür war es zu spät.
Langsam bewegte er sich auf das Portal zu. Seine Arme hatte er hinter dem Rücken verschränkt. So konnte Noone die wirbelnden Gesten seiner Finger sehen. Hoffentlich kapierte sie sein Vorhaben. »Und das letzte Mal hast du – oder besser: Willy – uns zwei Seelen gestohlen und einen der Höllenkreise zerstört. Und vorhin noch eine dritte. Die Frage ist also: Was gibst du uns dafür als Entschädigung?«
»Ach, Vincy, jetzt sei nicht so kleinlich. Ihr habt hier vermutlich Milliarden von denen. Sieh es als kleine Kostprobe an. Wie kleine Käsespießchen an der Theke beim Einkaufen. Da nimmt man zwei und drei. Und wenn der Geschmack gefällt, kauft man ein ordentliches Stück. Nicht nur einmal, sondern jede Woche wieder.«
»Mein Abteilungsleiter saß aber nicht auf der Käsetheke herum, um von dir aufgespießt zu werden. Außerdem habe ich immer noch nicht verstanden, womit du eigentlich bezahlen willst.«
In der Zwischenzeit war die seelenfressende Ratte an ihrem Bein heraufgekrabbelt. Über die Schulter zum Gewehr. Dort öffnete sie eine Klappe zu einer Kammer. Inzwischen hatte er kapiert, wie das Teil funktionierte. Die Frage war nur, ob Evelyn auf Zeit spielte oder ernsthaft etwas anzubieten hatte. Aber im Grunde war das egal. Sie mussten sie in jedem Fall ausschalten. Einen Menschen dieser Macht durfte es nicht geben. Das würde auch Noone klar sein. Er hatte keine Zweifel, dass sie seinen angedeuteten Anweisungen folgen würde.
Sie schürzte die Lippen: »Ich dachte an Folgendes: Du zeigst mir hier unten die Orte, wo wir leicht ein paar Hunderttausend Seelen absaugen können. Bei Bedarf absorbieren wir die jeweiligen Chefs und deren Handlanger direkt mit. Und weißt du, was das Beste ist?«
Er rollte mit den Augen und sparte sich eine Antwort.
»Wir können euch die Energie auch wieder zurückgeben. Dadurch werdet ihr eure größten Konkurrenten los und erhaltet einen Teil von deren Energie. Stell dir vor, nach einer Weile bist du vielleicht mächtiger als der Teu …«
»Psst!« Er fuhr ihr mit einer ärgerlichen Geste über den Mund. »Hast du noch nie gehört, dass man seinen Namen nicht aussprechen sollte, wenn man ihn nicht persönlich treffen möchte? Vor allem hier?«
Einen Augenblick sah sie ihn erschrocken an. Sie fing sich aber sofort wieder. »Okay, okay. Also, mächtiger als … du weißt schon wer.«
Eines musste er der Frau lassen. Ihr Plan war tatsächlich … teuflisch. Noone, er und vielleicht noch eine Handvoll anderer höherer Dämonen könnten sie problemlos zu entsprechenden Höllenkreisen führen. Dort würden sie dafür sorgen, dass es keinen ernsthaften Widerstand gab. Die Wissenschaftlerin könnte die Seelen und niederen Dämonen absaugen. Sie selbst würde ebenfalls gestärkt aus der Aktion hervorgehen. Da die Ebenen aus dem Gleichgewicht kämen und zerstört würden, gäbe es keine Spuren. Nach einer Weile könnte ihre gemeinsame Macht ausreichen, um die alleinige Herrschaft der Unterwelt an sich zu reißen. Die Sache hatte nur einen Haken …
»Das klingt großartig …«, antwortete er laut und zögerte bewusst einen Augenblick.
»Aber …?«
Er hob die Schultern. »Es wird nicht funktionieren. JETZT!«
Auf sein Stichwort zuckten hinter dem kreisrunden Portal vier armdicke Tentakel hervor. Sie waren lila und mit Saugnäpfen besetzt. Sie schlugen blind nach der Wissenschaftlerin. Die zuckte mit einem spitzen Schrei zurück.
Diese Ablenkung reichte ihm.
Mit einem kräftigen Sprung überwand er die zehn Meter zum Portal. Er sprang hindurch in das Labor.
Wie erwartet drückte die Frau panisch auf ihren roten Knopf. Mit einem dumpfen »Pflump« verschwand der Ausblick auf das finstere Casinodach. Die vier Tentakel wurden abgeschnitten. Ihre Enden klatschten zuckend auf den Betonboden.
»Was zum …?« Die Wissenschaftlerin starrte ihn mit aufgerissenen Augen an und wich langsam zurück. Er überragte sie locker um einen Kopf. Er musste aufpassen, dass seine Hörner nicht an der Decke kratzten.
Mit erhobenem Finger meinte er: »Na, na, na. Wir wollen ihn nicht hier haben, oder? Außerdem reicht es, wenn du mich mit ›Oh, mein höllischer Gebieter‹ tituliertst.«
Sie fing sich wieder. Sie ließ ihren Panikknopf fallen und hielt stattdessen ihr Gewehr schussbereit vor sich. »Keinen Schritt weiter!«
»Sonst was?«
»Schieße ich.«
»Das hier ist die Oberwelt. Schon vergessen? Deine energetischen Tricks funktionieren hier nicht. Oder glaubst du tatsächlich, hier die Energie einer Rattenseele durch die Gegend schießen zu können? Dafür landest du hier bestenfalls in der Klapse.«
In ihrem Gesicht spiegelte sich deutliche Unsicherheit. »Aber du bist auch hier.«
»ICH«, betonte er und trat näher auf sie zu, »bin der Stellvertreter des Teufels auf Erden. ICH schließe seit Jahrtausenden in seinem Namen Verträge. ICH verfüge auch in dieser Welt über grenzenlose Macht. Aber DU, meine Liebe, hältst nichts als ein selbst gebasteltes Stück Elektroschrott in deinen Händen.« Das war natürlich maßlos übertrieben. Aber dick auftragen konnte an dieser Stelle nicht schaden.
Evelyn drückte den Abzug.
Das Brummen schwerer Aggregate und elektrisches Knistern wurden lauter. Dann verklangen sie. Kein Schuss. Nur beißender Ozongestank und der Geruch nach verbranntem Haar blieben in der Luft zurück.
»Ich denke, du hast noch einiges zu lernen, wie meine Welt funktioniert – und deine.«
Die Klappe in ihrem Gewehr öffnete sich. Die Ratte kletterte hustend heraus. Ihr Fell war stellenweise verschmort. »Fuck. Das machen wir nicht nochmal.«
Sie senkte die Waffe. »In Ordnung. Dann haben wir wohl ein Patt.«
Er hob eine Augenbraue. »Patt? Das ist eine interessante Interpretation. Was sollte mich daran hindern, dir die Eingeweide herauszureißen und sie als Wäscheleine zu verwenden?«
»Mein Angebot steht weiterhin«, antwortete sie. Nach der ersten Überraschung fand sie zu ihrer alten Form zurück. »Außerdem bin ich ziemlich sicher, dass du hier nicht einfach Menschen zerfleischen darfst, die dich nicht gerufen haben. Ihr habt bestimmt eine ganze Menge Regeln. Ich meine, mit all den Verträgen und so. Gibt es bei euch keine Compliance-Abteilung?«
Da hatte sie leider recht. Ihm fehlte die Handhabe, um zu töten und ihre Seele zu knechten. Regeln waren Regeln. Aber aus dem gleichen Grund konnte und wollte er sich nicht auf ihr Angebot einlassen. Es würde das Ende der natürlichen Ordnung bedeuten. Er wäre bestenfalls der Herrscher einer dem Untergang geweihten Dimension. Was dann aus der Oberwelt würde, stand in den Sternen.
»Das stimmt. Aber ich habe freie Hand, wenn es darum geht, Schaden von der Unterwelt abzuwenden. Zu verhindern, dass ein Mensch zu mächtig wird, gehört dazu.«
Damit griff er sich einen Schreibtischstuhl. Er holte im hohen Bogen aus und ließ ihn auf einen Schreibtisch herunterkrachen. Auf diesem standen mehrere Monitore, Tastaturen und Schreibutensilien. Plastik splitterte, Holz zerbarst. Eine Tasse mit der Aufschrift »Wenn du das lesen kannst, existierst du noch« zersprang in tausend Teile.
»NEIN!«, schrie sie. »DAS DARFST DU NICHT!«
»Oh, doch. Und wer sollte mich aufhalten? Ein Mensch und eine Ratte?«
Erneut schwang er den erstaunlich stabilen Stuhl. Die Metallfüße schmetterten wie ein Komet quer durch ein alchemistisches Labor. Dieses stand auf einem anderen Schreibtisch. Kolben, Spiralröhren, Reagenzgläser, Mikroskope und Probenbehälter zerplatzten widerstandslos. Sie bildeten einen bunten Schweif aus Kristallsplittern und Tropfen.
»NEEEIN!« Sie schlug mit irgendetwas Hartem auf seinen Rücken ein. Aber er ignorierte es. Kein normaler Mensch war in der Lage, ihm auch nur einen Kratzer zuzufügen. »DU WEISST NICHT, WAS DU TUST!«
»Und ob ich das weiß. Ich beende diese Scharade. Ein Mensch, der die Unterwelt zerstören will? Wo kämen wir da hin, wenn das jeder machen würde?«
Er wandte sich der anderen Seite des Raums zu. Dort füllten Hunderte Server mit blinkenden Lichtern und bunten Kabeln mannshohe Schränke. Mit beiden Armen umfasste er einen der Kästen und zog an der Verankerung.
»Aargh.« Mit lautem Krachen, Knistern und Zischen lösten sich Schrauben aus der Betonverankerung. Kurzschlüsse zuckten durch lose Kabelenden. Dampf stieß aus Kühlleitungen. Er hob den massiven Serverschrank samt Inhalt über seinen Kopf. Dabei riss er weitere Lampen und Leitungen aus der Decke. Irgendwo heulte ein Alarm los. Das Licht wechselte auf Rot. Putz rieselte auf ihn herab. Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, schleuderte er den Schrank in die anderen beiden. Wie bei einem Unfall zweier Lkws, die mit Höchstgeschwindigkeit frontal aufeinander krachten, zerschlug das massive Regal die anderen. Es war mit Mikroelektronik vollgestopft. Zurück blieb ein funkensprühender Haufen. Er hätte direkt aus einer Schrottpresse stammen können.
»BITTE!« Evelyn hatte es aufgegeben, auf ihn einzuschlagen. Sie hockte jetzt als Häuflein Elend mit blutenden Knien in den Scherben. »NICHT! Lass mich erklären, worum es geht!«
Er schaute sich um. Auf der anderen Seite stand eine Art überdimensionaler Kühlschrank. Darin flackerte hinter einem Bullauge blaue Energie. Armdicke Stromleitungen und kinderkopfgroße Isolatoren zeigten, dass dort eine Menge Strom floss.
»Das hast du mir schon erklärt: Du willst die Kraft der verdammten Seelen abziehen. Sie unverdient erlösen und damit die Höllenkreise zerstören. Gleichzeitig möchtest du dich hier in der Oberwelt mit nahezu unerschöpflicher Energie zu einer Art Kaiserin aufschwingen. Glaub mir – da bist du nicht die Erste deiner Art. Aber wie die anderen vor dir hast du die Rechnung ohne den Wirt gemacht.«
Er begutachtete den Kasten und die Leitungen. Wie konnte er maximalen Schaden anrichten? Vor Starkstrom fürchtete er sich nicht. Selbst ein niederer Dämon konnte problemlos seine Zunge an eine Überlandleitung halten. Er würde nicht mehr als Kribbeln spüren. Am Ende bestanden sie alle aus reiner Energie. Und davon gab es reichlich. Sie wurde durch die Boshaftigkeit, Ignoranz und den Egoismus der Menschen gespeist. Zumindest so lange, bis diese in ewiger Pein darüber nachdenken durften, ob sie sich in ihrem ersten Leben nicht hätten anders verhalten sollen.
»NEIN! Darum ging es mir gar nicht. Es ist nicht für mich. Ich tue das alles nur für Lucilla!«




























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