Amarena Maraquin Marapuin

In meinem Zimmer angekommen, fühle ich mich gelähmt – verflucht. Und dann … dieser Geruch.
Ein beißender, salziger Gestank nach Fisch erfüllt den Raum. Wie ich ihn hasse. So unpassend.
So vertraut. Mein Herz zieht sich zusammen.
Ich weiß, was das bedeutet. Ich habe Angst vor ihnen – den Meerjungfrauen, Nixen und Sirenen.
Diese widerwärtigen Kreaturen! Sie stinken, ihre Haut ist schleimig und kalt, ihr Lächeln trügt.
Sie sind die Verkörperung der Versuchung, das Unmoralische in Fleisch gegossen. Sie erwecken die dunkelsten Begierden – und bestrafen dich, wenn du dich ihnen widersetzt. Wenn man ihnen nicht gehorcht, ziehen sie dich hinunter
– lebendig –in schwarze, eklige trübe Tiefen.
Sie lassen dich langsam ertrinken, während Algen und schreckliche Meereswesen sich um deine Glieder winden, während du das Wasser der Angst und grauen trinkst.
Ich hasse sie. Ich fürchte sie. Ich hasse, dass sie Macht über mich haben. Sie verleihen Schönheit aber stehlen Seelen. Ihre falsche Anmut ist ein Handel mit dem Tod. Und sie haben mich schon mehrfach ertrinken lassen, aus Spaß oder weil ich mich geweigert habe, zu gehorchen.
Seitdem fürchte ich das Wasser. Die Tiefe.
Die Dunkelheit. Doch diesmal ist sie real.
Amarena Maraquin Marapuin!
Schon ihr Name ist wie ein Fluch. Sie hatte ein Recht auf mich – seit meiner Geburt. Ich weiß nicht, warum. Nur, dass sie immer kommt, wenn ich schwach bin. Sie sitzt auf meinem Bett, schimmernd, unnatürlich schön, ihr Kleid aus nassen Schuppen, die im Kerzenlicht glitzern. Ihre Haare tropfen, lange, klebrige Strähnen, die dunkle Flecken auf meinem Boden hinterlassen.
Der Geruch nach Meer wird stärker, dringt in meine Lunge, bis mir übel wird.
„Na endlich“, sagt sie mit honigsüßer Stimme.
„Du warst ja lange weg. Du weißt, du kannst dich nicht vor mir verstecken. Es ist Zeit, dass wir an dir arbeiten.“
Ich sage kein Wort. Ich kann nicht.
„Du schuldest mir dein ganzes Leben“, fährt sie fort, „aber ich helfe dir gern. Dein Körper braucht nur … den richtigen Schliff.
Deine Brüste wären fabelhaft – lass uns deine Reize nutzen. Du hast schon ein schönes süßes unschuldiges und ewig junges Gesicht.
Das sollte für die Zahl reichen.“
Jedes Wort schneidet tiefer in mich als jedes Messer. Ich spüre, wie ihre Stimme sich wie schleimige Ranken um meine Gedanken legt.
Ich will weglaufen, schreien – doch ich bin starr vor Angst. Amarena Maraquin lächelt. Ein kaltes, berechnendes, unmenschliches Lächeln. Langsam erhebt sie sich. Mit jedem Schritt tropft Wasser auf den Boden. Ihre Haare schleifen über den Teppich. Der Geruch wird stärker – faul, metallisch, nach Tod und Salz.
Ich schließe die Augen.
„Das ist nicht real“, flüstere ich. „Bitte nicht …“
Doch es ist real. Grausam real. Etwas Kaltes berührt mein Gesicht – ihre Finger, nass und glitschig wie Aale. Ich zucke zusammen.
Ihr Atem trifft mein Ohr – warm, feucht, nach fauligem Wasser.
„Du gehörst mir, Jemea“, flüstert sie.
„Für immer … und ewig.“
Als Amarena spricht, spüre ich, wie meine Verzweiflung wächst. Ihre Worte sind wie ein Urteil – endgültig, unausweichlich. Ein Schicksal, das längst über mich gefällt wurde. Tränen der Angst und des Ekels laufen über mein Gesicht, während ich innerlich um Hilfe schreie
wohl wissend, dass niemand mich hört.
Dass meine Schreie in der Leere verhallen. Ihre Berührung ist kalt. Schleimig. Fremd.
Ein Schauer jagt über meinen Rücken, und mein Atem stockt. Ich presse die Augen zusammen, versuche, die Realität auszublenden, doch sie kriecht trotzdem in mich hinein – wie giftiges Wasser unter meiner Haut. Plötzlich beginnt sich mein Zimmer zu verändern. Das Licht flackert – und dann …steigt Wasser.Überall! Der Boden verschwindet, die Wände lösen sich auf und in Sekunden bin ich umgeben von einer unendlichen, stillen Unterwasserwelt. Das Wasser ist eiskalt.
Zäh. Schwer. Ich spüre, wie es meine Beine umschließt, wie es mir den Atem raubt. Die Möbel treiben wie Geister an mir vorbei. Amarena lächelt. Sie entledigt sich ihrer Kleider –und offenbart ihre wahre Gestalt. Ihre Haut schimmert perlmuttfarben, ihr Unterleib ist von Schuppen überzogen, die in unnatürlichen Farben glitzern.
Ihre Augen – zwei schwarze Perlen –spiegeln nur Grausamkeit. Halb Frau. Halb Fisch. Ganz Fluch.
Ich bin wie gelähmt, unfähig, mich zu bewegen.
Mein Körper gehorcht mir nicht mehr. Müdigkeit zieht mich hinunter. Ich kämpfe, aber das Wasser steigt, obwohl ich schon in Wasser bin.
Es umschließt meine Schultern, meinen Hals meinen Mund – und dringt in mich ein. Etwas streift meine Haut – glitschig, kalt, lebendig. Algen winden sich um meine Beine, klebrige Finger aus der Tiefe. Ich will schreien,
doch nur Blasen entweichen meinen Lippen. Amarena schwebt vor mir, in all ihrer schaurigen Pracht. Ihre Lippen formen ein Lächeln, das kein Mensch je hätte tragen dürfen.
„Schön“, haucht sie.
„So schön, wenn du dich nicht mehr wehrst.“
Ihre Augen leuchten, und ich spüre, wie mein Wille zerbricht. Dann – im nächsten Moment – zerfällt die Welt. Das Wasser verschwindet.
Alles ist still. Ich liege auf dem Boden meines Zimmers, keine Spur von Feuchtigkeit. Doch mein Körper fühlt sich schwer an, fremd. Leer.
Etwas hat sich verändert. Etwas lebt jetzt in mir.
Amarena hat mich berührt – nicht nur meinen Körper. Etwas Tieferes. Etwas, das ich nicht benennen kann. Zu erschöpft, um aufzustehen, zu müde, um zu weinen, schließe ich einfach die Augen. Ich will nichts mehr fühlen. Gar nichts.
Doch dann – ein Flüstern.
Direkt an meinem Ohr. So nah, dass ich ihren Atem spüre.
„Dein Körper wird rufen“, haucht sie.
„Er wird verführen, er wird locken. Bringe mir die Opfer, Jemea. Sündige mit deinem eigenen Körper. Er gehört mir.“
Ihre Stimme bohrt sich in meine Seele, brennt sich wie Feuer in mein Herz. Ich spüre, wie sich etwas Dunkles in mir regt, ein fremder Puls, eine Macht, die nicht meine ist. Ich will mich wehren doch Amarena flüstert ein letztes Mal, ihr Lachen sickert in meine Gedanken wie Gift:
„Widerspruch führt zum Ertrinken.“
Dann – Stille. Nur das Echo ihres Gelächters bleibt. Und in der Finsternis meines Zimmers riecht die Luft noch immer nach Meer.Nach Tod. Nach mir. Als ich am nächsten Morgen erwache, liegt eine seltsame Stille über dem Raum.
Kein Laut. Kein Wind. Kein Leben. Ich liege noch immer auf dem Boden. Langsam drehe ich mich auf den Rücken und starre an die Decke. Leere.
Ich empfinde nichts. Keine Freude, keine Angst, keine Trauer – nur ein klares, glattes Nichts.
Mechanisch stehe ich auf, gehe duschen, ziehe mich an. Alles fühlt sich fremd an, als würde jemand anderes meinen Körper bewegen.
Vor dem Portal zur Schule bleibe ich stehen.
Mein Geist ist leer, wie ausradiert. Es ist, als wäre über Nacht etwas aus mir herausgeschnitten worden – etwas, das ich nicht benennen kann.
Ich sehe in den Spiegel. Mein Spiegelbild lächelt mich an – aber es fühlt sich nicht nach mir an.
Ich bin schön. Zu schön.
Makellos, fast überirdisch.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken.
Ich kann meinen Blick nicht lösen. Je länger ich mich betrachte, desto fremder wird mir dieses Gesicht – und desto mehr zieht es mich an.
Etwas in mir erwacht. Ein Flüstern, leise, aber verführerisch. Eine neue Seite, die ich nicht kenne.
Eine, die Aufmerksamkeit will.
Blicke. Bewunderung. Macht.
Ich greife nach meiner Bluse – und lasse den BH einfach weg. Meine Brüste wirken voller, geformter, als hätte jemand sie in Szene gesetzt.
Ein Hauch Stolz durchzieht mich, so fremd wie süß.
„Das bin nicht ich“, flüstere ich.
Aber ich lächle – und das Lächeln fühlt sich gut an. Zu gut. Ich schminke meine Lippen. Ein satter, dunkler Rotton, den ich sonst nie tragen würde. Das Gesicht im Spiegel wirkt jetzt fremd – gefährlich schön. Ich spüre, wie das alte Ich langsam in den Hintergrund rückt, wie ein Schatten, der sich auflöst. Dann, plötzlich, überkommt mich ein Stich. Eine Erkenntnis.
Ein Name. „Amarena“, flüstere ich.
Meine Stimme klingt rau. Ich starre in den Spiegel, und für einen Sekundenbruchteil scheint das Spiegelbild nicht ich zu sein.
Etwas lächelt zurück – mit ihren Augen.
„Diese verdammte Nixe“, sage ich leise.
„Sie hat mich verzaubert.“
Ein kaltes Lächeln huscht über meine Lippen –
und zum ersten Mal weiß ich nicht, ob es meines ist.





















































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