Alte Seelen und das Flüstern der Highlands
Es gibt Nächte, in denen der Regen gegen die Scheiben trommelt, der Wind durch die Bäume heult, und ich das Gefühl habe, dass die Zeit stillsteht. In solchen Augenblicken überkommt mich eine merkwürdige Gewissheit. Ich habe all dies schon einmal erlebt. Nicht in diesem Leben, sondern in einem anderen, längst vergangenen. Ich sehe in Gedanken die schottischen Berge, die nebligen Täler sowie die Steinhäuser der Clans, als wären sie Erinnerungen und nicht bloß Geschichten.
Manchmal träume ich, dass ich ein anderes Leben geführt habe, dass ich eine Frau war, die über dieselben Pfade wanderte, die ich heute liebe. Vielleicht gehörte ich zu den MacKinnons oder den MacColls, vielleicht war ich eine Dichterin, die ihre Verse unter den Bäumen im Glen Coe murmelte, während das Tal still meinen Worten lauschte. Ich sehe die Gesichter der Menschen, die mir vertraut erscheinen, ohne dass ich sie jemals getroffen hätte, und mitunter, mitten auf einem einsamen Weg, erkenne ich jemanden wieder, von dem ich weiß, dass wir uns schon einmal gekannt haben.
Es ist diese Ahnung, die mir zu verstehen gibt, warum ich Schottland so innig liebe. Warum ich die Nebel, die Burgen und die Musik der Dudelsäcke im Blut spüre, als hätten sie immer zu mir gehört. Wahrscheinlich sind es die Fäden meiner alten Seele, die hier in das Land zurückführen, das damals mein Zuhause war.
Ich stelle mir vor, dass ich in einem früheren Leben in einem kleinen Dorf hoch oben in den Highlands lebte, dass ich in einfachen Kleidern am Flussufer saß, Gedichte schrieb, Lieder sang und die Natur ehrte. Dass ich unter einem Tartan geboren wurde, der bereits damals meine Seele schmückte. Dass all die Liebe, die ich heute empfinde, nichts Neues ist, stattdessen ein Echo jener tiefen Verbundenheit, die nie endete.
Wenn ich durch das Glen Coe laufe, habe ich das Gefühl, dass die Landschaft flüstert: „Wir haben auf dich gewartet. Wir wussten, dass du zurückkehren würdest.“
Und manchmal, wenn der Nebel sich hebt, sehe ich Schatten, die sich bewegen. Sie sind wie Erinnerungen an ein anderes Leben. Es sind keine Geister, denke ich, sondern Seelengefährten, alte Freunde, die sich über die Jahrhunderte hinweg wiedergefunden haben.
Langsam beginne ich zu verstehen, dass Liebe und Heimat über Zeit und Raum hinaus existieren. Dass Orte sich an uns erinnern – und dass wir uns an sie erinnern, weil unsere Seelen einander niemals ganz verlassen. In diesen Momenten wird mir klar: Meine Verbindung zu Schottland ist nicht nur Leidenschaft, nicht nur ein lang gehegter Traum, sie ist ein Teil von mir. Es ist eine Geschichte, die vor langer Zeit begann und noch immer geschrieben wird.
Dann stehe ich dort, inmitten des regnerischen Tals, den Blick auf die grauen Berge gerichtet, und flüstere leise: „Willkommen zurück, alte Seele.“




































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