Kapitel 31 – Nervenaufreibender Bericht

Kapitel 31 – Nervenaufreibender Bericht

 

Xelus

Die letzten Stunden kamen mir vor wie ein verschwommener Traum. Tadurial und ich hatten es masslos übertrieben. Mein Kopf pochte selbst nach Stunden noch. Aber was wäre ein zweitausend fünfhundertster Geburtstag ohne Alkohol?

Rjna und Sillia hatten sich früh zurückgezogen. Daran konnte ich mich noch einigermassen erinnern.

Jetzt fand ich mich im Bluthaus wieder, von einer Sehnsucht ergriffen, die ich stets in mir trug, aber niemals zeigen durfte. Bestimmt klopfte ich an die Tür, die zu dem Ruheraum der Spender führte. Eine zierliche Frau öffnete. Ich brummte: „Verion“, und verschwand ins nächste Zimmer.

Gleich darauf trat ebendieser Mann, nach einem kurzen Klopfen, mit seinem typischen Arbeitslächeln auf den Lippen, zur Tür hinein. Als er mich sah, wie ich gekonnt unbeteiligt neben dem Bett an der Wand lehnte, die Arme vor meiner Brust verschränkt, wurde sein Lächeln breiter und allem voran: Echt. „Xelus!“, rief er erfreut und kam auf mich zu.

„Verion“, antwortete ich und musterte ihn intensiv. Strahlend blaue Augen, mit einem dunkelblauen Rand um die Iris herum. Schwarzes, kurzes Haar, aufgestellt und verstrubbelt, als wäre er gerade erst aufgestanden, und ein Lächeln, das einem den Atem rauben konnte. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, weckte er den Jagdinstinkt in mir. Es war beängstigend, was ein einfacher Mensch nur durch seine blosse Anwesenheit in mir auslösen konnte, und doch war es ein wunderbar euphorisches Gefühl, das ich nicht missen wollte. Es machte mich förmlich süchtig, in seiner Gegenwart zu sein und das selbst ohne den berauschenden Effekt seines Blutes!

Ich stiess mich von der Wand ab und machte langsame Schritte auf ihn zu. Wie ein Raubtier näherte ich mich meiner Beute, welche auch sogleich darauf ansprang – auch wenn er es zu verbergen suchte. Seinen immer schneller werdenden Herzschlag konnte er nicht verstummen lassen, genauso wenig wie er seinen beschleunigten Atem einfach einstellen konnte.

Als uns nur noch eineinhalb Ellen voneinander trennten, sah ich, wie sich seine Pupillen weiteten und eine Gänsehaut seinen Körper überzog. Eine bessere Beute gab es nicht. Er war perfekt. Er hatte keine Angst, nicht wirklich, und doch war ihm bewusst, dass einer der mächtigsten Vampire der Hauptstadt vor ihm stand.



Dank der Gesetze konnten sich die Menschen im Bluthaus immer sicher sein, nicht wirklich um ihr Leben fürchten zu müssen. Kein Vampir nähme die Strafe freiwillig auf sich, die der Tod eines Menschen im Bluthaus zur Folge hätte. Entsprechend selbstsicher traten die meisten Menschen hier auf, auch Verion. Aber bei mir … nicht.

Aus weit aufgerissenen, strahlend blauen Augen starrte mich der Mensch meiner Begierde an. Seine Professionalität legte er ab, sobald er mich sah. Zwischenmenschlich war da einfach nicht diese Distanz zwischen uns, die man sonst zu wahren hatte. Und ich wusste ganz genau, wie gefährlich mir das Fehlen dieser noch werden könnte. Und doch … konnte ich mich nicht von ihm losreissen. Diese Euphorie, jedes Mal, wenn er genau so reagierte, wie er es jetzt gerade tat …

„Wo möchtet Ihr es heute?“, kam es, sichtlich um Fassung bemüht, über seine Lippen.

Ich schluckte schwer. Meine Gedanken machten sich eigenständig und wollten mich von einer zweideutigen Bedeutung überzeugen. „Dein Hals.“ Meine Stimme war merklich tiefer geworden und glich schon eher einem Knurren, was auch ihm nicht entgangen war. Meine Gedanken spannen weiter: Ich drückte ihn gegen die Wand, meine Lippen auf seinen. Eine Hand, die seine beiden Handgelenke umfasste, sie über seinem Kopf zusammenhielt und ihm so die Bewegungsfreiheit nahm. Die andere erforschte jeden einzelnen Teil seines prachtvollen Körpers und prägte ihn sich unwiderruflich ein. Jedes Stückchen Haut, jede Narbe, jedes Muttermal, jedes Detail! Meine Hand glitt weiter, seinen Bauch hinab, direkt in seine Hose.

Leicht schüttle ich den Kopf, um meine Gedanken wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Das konnte nicht passieren und das wusste ich ganz genau! Meinen eigenen Atem, der mittlerweile ebenfalls an Schnelligkeit zugenommen hatte, unterband ich im nächsten Moment komplett.

Ich ergriff seine Hand und führte ihn bis zum Bett. Dort setzte ich mich und zog ihn seitlich auf meinen Schoss. Meine Arme legten sich um ihn und meinen Kopf drückte ich fest in seine Halsbeuge, wo ich tief einatmete. Augenblicklich legte er seinen Kopf in den Nacken, um mir einen besseren Zugang zu verschaffen. Doch ehe ich zubiss, zog ich mich noch einmal zurück und musterte ihn. Mein auf ihm liegender Blick drückte wohl mehr Lust als Hunger aus. Und dass mein Verlangen sichtlich erwidert wurde, machte mir das Widerstehen nicht einfacher.



Beinahe hätte ich vor Lust und Erregung aufgestöhnt, aber das durfte ich nicht. Generell durften wir nicht zu lange brauchen, sonst fiel das auf. Also senkte ich meinen Kopf, nach einem langen Blick in seine Augen, wieder hinunter in seine Halsbeuge. So bereitwillig bot er sich mir an … Ich schluckte schwer und schloss kurz die Augen. Ich durfte nicht …

Zögerlich platzierte ich sanfte Küsse auf seiner Haut und fuhr leicht mit der Zunge darüber. Ihm entkam ein Stöhnen, woraufhin ich ihm schnell meine Hand vor den Mund presste. Mir war bewusst, dass er das bei seinen weiblichen Kunden tun musste, wenn sie ihn in die markierten Zimmer bestellten, doch ich war ein Mann. Wir konnten nicht zusammen in eines der markierten Zimmer gehen, und dieses hier war folglich nicht schalldicht. Ein Dilemma, welches sich nicht so einfach lösen liess. Dennoch erfreute mich seine Reaktion auch. Ich hoffte nur, es war keine Reaktion aus Pflichtbewusstsein.

Es war heute das erste Mal, dass ich nicht einfach zugebissen hatte. Natürlich war ich immer sanft und sorgte dafür, dass er keinen Schmerz verspürte, doch heute hatte ich ein kleines, ungeplantes Vorspiel miteingebaut, von dem ich wirklich nur hoffen konnte, dass es weder mir noch ihm zum Verhängnis werden würde.

Einige Küsse platzierte ich noch, bis ich mich für die genaue Stelle entschieden hatte, dann biss ich zu. Erneut wollte ihm ein Stöhnen entfleuchen, doch meine Hand auf seinem Mund unterdrückte den Laut erfolgreich. In meinem Mund explodierte sein Geschmack und nun war es ich, der nicht anders konnte, als zu stöhnen. Er schmeckte so gut!

Nach einigen Schlucken liess ich schweren Herzens von ihm ab, leckte nochmals über die kleine Wunde und mir dann über die Lippen, um auch den letzten Tropfen nicht zu verschwenden. Mehr durfte ich nicht nehmen, sonst bekäme er Probleme, was die Nachproduktion anging.

„Schmecke ich für Euch … so gut? So gut, dass Ihr immer wieder nach mir verlangt?“ Seine Stimme klang heiser und tiefer als normal, so wie auch meine.

„Du schmeckst göttlich, ja“, brachte ich, ringend um Kontrolle, über meine Lippen. „Dein Blut ist reinster Genuss.“ Ich blickte auf. Zu meiner Überraschung verdüsterte sich seine Miene und Enttäuschung machte sich in seinen wunderschönen Augen breit.



„Ich verstehe“, sagte er und begann Anstalten zu machen, aufstehen zu wollen. Nur, dass meine Arme noch um ihn lagen und ihn auf meinem Schoss hielten.

„Was ist los?“ Sollte ich ihn damit beleidigt haben? War das kein Kompliment für ihn? Es war immerhin wichtig für seine Arbeit. Hatte ich etwas Falsches gesagt?

„Nichts weiter. Ich muss mich jetzt aber zurückziehen und erholen gehen, wenn Ihr also so freundlich wärt?“ Seine Stimme hatte jegliche Tiefe oder Emotion verloren. Hatte ich ihn dermassen verletzt mit meinen Worten? Nun, er tat es bei mir auf jeden Fall gerade mit seinen. Auch wenn ich das nicht zeigen würde.

Natürlich liess ich ihn auf seine Bitte hin los, sodass er sich erheben konnte. Kalt verabschiedete er sich und verliess den Raum. Mit einem bitteren Stich zog sich mein Herz zusammen und in meinem Magen bildete sich ein Knoten. Es war gut, wenn er mich so auf Distanz hielt. Wie meine vorherige Aktion bewiesen hatte, hatte ich mich scheinbar nicht mehr unter Kontrolle, wenn es um ihn ging. Ich war viel zu weit gegangen. Es hätte nur jemand in den Raum platzen müssen und man hätte uns in einer äusserst unvorteilhaften Position gesehen. Das durfte ich nicht riskieren! Weniger meinetwegen, sondern viel mehr seinetwegen!

Also verabschiedete ich mich von ihm, ebenso emotionskalt wie er es getan hatte, und flüchtete mich nach Hause, in die haufenweise anstehende Schreibtischarbeit.

 

Gen Mittag des heutigen Tages erhob ich mich schliesslich ächzend und unverrichteter Arbeit von meinem Schreibtisch, um meinen Schützling wecken zu gehen. Für die Schreibtischarbeit hatte ich keinen Nerv. Meine Gedanken galten Verion, dem verletzten Verhalten, das er gezeigt hatte …

Tadurial war als Hauptmann offiziell wieder eingesetzt worden, Rjna hatte den kurzen Besuch unseres Königs gestern Nacht verschlafen und ich hatte haufenweise Papierarbeit, die ich immerzu vor mir herschob. So auch heute. Ausserdem hatte Tadurial angekündigt, heute bereits wieder in sein altes Haus zurückzuziehen. Es wurde weiterverkauft, nachdem sein mutmasslicher Tod allgemein bekannt geworden war. Und zwar an niemand geringeres als Emil, der im Gefühl hatte, dass sein Abkömmling nicht so tot war, wie es schien.



Bei Rjnas Zimmer angekommen, klopfte ich leise. Doch es folgte keine Antwort und auch kein Geräusch war zu hören. Als sich nach wiederholtem Klopfen noch immer nichts regte, öffnete ich die Tür. Bei dem sich mir bietenden Anblick schlich sich ein sanftes Lächeln auf meine Lippen.

Rjna lag im Bett, in den Laken verheddert, die langen, dunklen Haare ungestüm übers ganze Bett verteilt. Das lange Nachthemd verdeckte ihre Arme, doch an den Beinen war es hochgerutscht. Sie tat keinen Wank, schlief seelenruhig weiter. Ein klares Zeichen ihres Vertrauens. Ansonsten hätte ihr Instinkt sie bereits geweckt.

Die Mittagssonne strahlte hell durch die deckenhohen Fenster ins Zimmer hinein. Das warme Licht traf ihren Körper und liess ihn wie eine unwirkliche Erscheinung wirken. Die blasse Haut in den weissen Laken. An ihren Beinen blitzten überall weisse Striche auf, Narben, die ihr vermutlich ihre Familie zugefügt hatte.

Da erregte etwas meine Aufmerksamkeit. Stirnrunzelnd trat ich näher ans Bett heran. Ich hatte die Male bereits an ihrem Hals und Nacken gesehen. Unzählige davon. Hässlich und in ihrer Entstehung zweifellos schmerzhaft. Bissmahle eines Vampirs. Doch ich hatte nicht erwartet, solche auch an der Innenseite ihres Oberschenkels vorzufinden.

Ich schluckte schwer, trat einen Schritt zurück und betrachtete den Engel vor mir. Bilder entstanden in meinem Kopf. Bilder, von denen ich wünschte, sie wären nicht wahr. Und doch sprachen die Zeichen eine klare Sprache. Irgendein Vampir hatte sich an meinem Mädchen vergriffen und das nicht nur auf ihr Blut bezogen. Meine Hände ballten sich zu festen Fäusten und meine Fangzähne drückten sich vor Wut aus meinem Zahnfleisch heraus. Stumm schwor ich, einzig mit den Göttern als meine Zeugen, immer für sie da zu sein. Immer auf sie aufzupassen. Sie niemals im Stich zu lassen. Und wenn es mein Leben kosten würde.

Nach meinem Schwur beruhigte ich mich wieder. Gezwungenermassen, denn Rjna war dabei, aufzuwachen. Ich setzte mich auf ihre Bettkannte und legte sachte meine Hand auf ihre Schulter. Ganz ähnlich wie am gestrigen Morgen, als ich mich von ihr verabschiedet hatte. „Aufstehen, Rjna“, flüsterte ich leise.

„Nur noch ein bisschen“, nuschelte sie undeutlich.



Ich schmunzelte. „Das streichst du dir besser gleich wieder aus dem Kopf, meine Liebe. Es ist schon Mittag und du hast gestern nichts Nennenswertes gemacht, was einen so langen Schlaf rechtfertigen würde, also: Hoch mit dir!“ Mit diesen Worten griff ich nach dem Laken und zog es von ihrem Körper.

„Gebt mir meine Decke zurück!“, kam es sogleich protestierend. „Meister Xelus, es ist Sepdis! Ihr könnt mir doch nicht einfach meine Decke wegnehmen!“

„Es freut mich sehr, dass dir die Bequemlichkeiten des hohen Adelsstandes zusagen, meine liebe Rjna. Aber du wirst jetzt auch lernen, wie man sich in einem solchen Hause benimmt. Und dein Unterricht fängt heute an.“ Oh, sie würde es hassen.

 

Konzentriert schaute Rjna über die Zeilen des Buches, das ich ihr gegeben hatte. Das Verhalten des hohen Adels in verschiedenen Kreisen. Zugegeben, keine leichte Lektüre. Der Titel des Buches liess es vermuten, doch der Inhalt hatte es in sich.

Zahlreiche Unterkapitel, die von der richtigen Haltung bis hin zu den unterschiedlichen Variationen von Verbeugungen und Knicksen hinreichten. Dazu verschiedenste Ausführungen in welchen Situationen und vor welchen Personen welcher Knicks und welche Verbeugung in welcher Tiefe und Ergebenheit stattzufinden hatte und so weiter.

Den für mich persönlich schlimmsten Teil, als ich damals zu meinen Jungvampirzeiten selbst dazu aufgefordert wurde, diese Zeilen zu verinnerlichen, waren die unzähligen Höflichkeitsfloskeln, die man allesamt auswendig lernen musste. Und auch hier war das Themenfeld wieder weit gespickt von: Wie zeigte man der Unterschicht höflich, aber bestimmt ihren Platz, bis hin zu: Welche Floskeln sollten in einem Gespräch mit dem König persönlich zwingend verwendet werden und welche auf keinen Fall. Die Kopfhaltung, die Augenpositionierung, welcher Blick in diesen liegen sollte und in welchem Moment, wie man sich höflich bemerkbar machte, die richtige Kleiderwahl, das Mitgehen mit der Mode … Die Aufzählung selbst vermochte es, ein ganzes Buch zu füllen.

Seufzend wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu. Auf meinem Tisch lagen unzählige Pergamente, die sich unter anderem wegen meiner Mission zuhauf angesammelt hatten und darauf warteten, bearbeitet zu werden. Natürlich machte Emil oder mittlerweile wieder Tadurial den Grossteil der Schreibarbeit der Externen Einheit. Aber als einer seiner Offiziere kam auch ich nicht gänzlich drumherum.



Es klopfte an der Tür. Mit einem geseufzten Herein betrat einer von Tadurials Soldaten den Raum. Kaum merklich runzelte ich die Stirn, sah ihn aber auffordernd an.

„Hauptmann Tadurial schickt mich, Euch zu den neuesten Vorkommnissen zu unterrichten“, erklärte er mit fester Stimme. Mit einem knappen Nicken nahm ich die Pergamentrolle von dem Boten entgegen und wartete darauf, dass er mein Haus wieder verliess. Was er aber nicht tat. „Hauptmann Tadurial hätte gerne sogleich Eure Antwort zugestellt“, berichtete er auf meinen fragenden Blick hin.

Ich runzelte die Stirn. Es war selten, dass ich per Bote informiert wurde. Aber vielleicht hatte Tadurial auch einfach gerade zu viel zu tun. Ich brach das Siegel und las mir das Schriftstück genau durch. Und was ich da las, verdüsterte meine Laune ungemein.

 

An: Xelus Ades Melur, Offizier von Hauptmann Tadurial Miulris Dret
Von: Tadurial Miulris Dret, Hauptmann der Externen Einheit König Kelevans

Xelus
Neueste Ereignisse in der Stadt lassen beunruhigende Gerüchte aufkommen.
Zeugenaussagen zufolge treibe sich des Nachts eine verhüllte Gestalt frei in der Stadt herum. Augenzeugen berichten von orange leuchtenden Augen. Die Gestalt versteht es offensichtlich, sich zu verhüllen, denn zu mehr Beschreibung ist niemand in der Lage.

Xelus, sollte ein Magier unkontrolliert des Nachts durch die Stadt irren, wird die Stadtwache ihn einfangen und einkerkern. Ich übertrage dir die Aufgabe der Ergreifung dieses Fremdlings.

Signiert: Tadurial Miulris Dret, Hauptmann der Externen Einheit König Kelevans

 

Entgeistert starrte ich auf die Zeilen. Dann glitt mein Blick zu Rjna. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Was erwartete er von mir? Dass ich Rjna auslieferte? Sowieso, sie hatte geschlafen! Es war unmöglich, dass es sich dabei um sie handelte! Lediglich die orangen Augen … Dieses Indiz wirkte wiederum wie ein unbestreitbarer Beweis.

Leicht schüttelte ich den Kopf. Darüber würde ich mir später noch Gedanken machen. Vorerst winkte ich jetzt die Wache heran und bestätigte ihr die Annahme des Auftrags. Dazu brauchte ich kein Pergament zu verschwenden, zudem ich keine Vorschläge anzubringen hatte. Ich lieferte doch nicht meinen Schützling aus!



Zögerlich blätterte Rjna eine Seite um und schaute genauso konzentriert auf die neuen Zeilen, wie bereits auf die Vorherigen. Das Buch musste sie ja wirklich fesseln! Noch nie hatte ich einen Schützling gesehen, der diese Lektüre freiwillig verdrückte! Heute Abend würde ich sie das Gelernte abfragen. Auch musste ich noch in Erfahrung bringen, was sie schon beherrschte.

Tanz, Kommunikation, Knicksen? Das alles wollte gelernt sein und so ausführlich das Buch auch war, so ersetzte es doch nicht die althergebrachte, praktische Übung.

Gerade wollte ich mich wieder meiner doch sehr trockenen Arbeit zuwenden, in der Hoffnung, dass mir eine Erleuchtung käme, wie ich das Problem mit der geheimnisvollen Gestalt, die des Nachts herumwanderte, lösen könnte; da schaute sie auf, mit Neugierde in ihren Augen. Offenbar traute sie sich noch immer nicht, einfach so Fragen zu stellen. Aber im Vergleich zum Beginn unserer Bekanntschaft war unser jetziges Verhältnis äusserst angenehm und, ich würde fast schon sagen, vertraut.

Wie lange sie wohl niemandem mehr wirklich vertraut hatte? Sie hatte ganz offensichtlich Probleme damit. Als sie sich in meine Obhut übergeben hatte, war ihr keine andere Wahl geblieben, und das musste auch ihr klar gewesen sein. Es war weniger eine freie Entscheidung für sie als vielmehr eine Notwendigkeit gewesen. Anders hätte sie nicht überlebt. Doch wer hatte ihr Vertrauen dermassen zerstört? Vielleicht die gleiche Person, die auch ihren Körper so zugerichtet hatte? War es ein Vampir gewesen?

Gepresst atmete ich aus. Welch dumme Frage! An ihrem Körper prangten immerhin nicht nur alte, längliche Narben, sondern auch Bissmahle! Der Hass, den sie schon seit unserem ersten Treffen gegenüber Vampiren zeigte, wurde dadurch leider durchaus nachvollziehbar. Wenn es aber ein Vampir gewesen war, der für die Narben verantwortlich war, sowie selbstredend auch für die Bissspuren, wieso hatte er sie dann verwandelt? War es überhaupt er, der sie verwandelt hatte? Besonders nett war ihr Erschaffer ihr gegenüber sicher nicht gewesen. Ansonsten hätte sie sich letztens nicht so ausgedrückt.

Fragend sah ich ihr in die dunkelbraunen Augen und forderte sie damit auf, ihre Neugierde zu stillen und endlich zu fragen, was ihr offensichtlich so dringend auf der Zunge lag.



Sie schluckte, richtete sich richtig auf und strich sich nervös eine Haarsträhne hinters Ohr. „Xelus, wie … wie alt seid Ihr?“

Hach, sie war so niedlich, wenn sie sich schämte. Sie hielt meinem Blick keinen weiteren Moment stand und wandte den Ihren unsicher auf ihre nervös gefalteten Hände hinunter. Mit leichter Belustigung in der Stimme beantwortete ich ihr ihre Frage: „Ich bin 2189 Vampirjahre alt, Rjna.“ Ihr schockierter Blick war für die Götter.

„Vampirjahre?“, wiederholte sie mit grossen Augen. Oh, mein Mädchen war heute offenbar der Wissbegier erlegen, dachte ich mir belustigt, doch auch erleichtert. Es schien so, als begänne sie mir wirklich zu vertrauen und sich zu öffnen.

„Sobald ein Mensch zu einem Vampir wird, zählt für uns nicht mehr der eigentliche, menschliche Geburtstag. Wir feiern den Tag, an dem wir aus dem Wandlungsschlummer erwacht sind. Das dürfte bei dir, wenn ich mit meiner Annahme richtig liege, der sechste Sexdos sein, Rjna.“

Meine Antwort schien sie nachdenklich zu machen. Hatte sie ihren menschlichen Geburtstag vielleicht gerne gefeiert? Oder war er ihr irgendwie besonders wichtig? „Wir … also wollt Ihr damit sagen, dass … dass man Geburtstage hier feiert?“

Damit hatte ich nicht gerechnet. „Hast du das denn früher nicht getan?“, fragte ich vorsichtig nach, achtete bei der Formulierung der Frage aber darauf, nicht das Wort ‚zu Hause‘ zu nutzen. Dass sie mit diesem Wort so ihre Probleme hatte, wurde schon auf der Reise hierhin deutlich. Sie konnte es noch nicht einmal aussprechen, ohne ins Stocken zu geraten. Als ob es ihr wehtun könnte. Als ob das Wort sie angreifen und verletzen würde. Vielleicht war es aber auch nur eine Erinnerung an ihre Kindheit? Vielleicht ein paar schöne, übriggebliebene Erinnerungen, die sie nicht wieder hervorrufen wollte, weil es zu schmerzhaft war, sich an eine Zeit zu erinnern, in der noch Glück herrschte? Vielleicht eine Erinnerung an gemeinsame Abendessen mit ihrer menschlichen Familie oder auch nur an den Ort, an dem sie am liebsten die Zeit verbracht hatte und das jetzt aus irgendeinem Grund nicht mehr konnte?

Auf meine Frage hin schüttelte sie vehement den Kopf. „Nein. So etwas haben wir nie gemacht.“ Beinahe hätte sie wohl noch etwas hinzugefügt, doch dann legte sich ein dunkler Schatten über ihre vor Neugierde glänzenden Augen und sie hielt inne. Das Glitzern verschwand und der Schatten blieb. Ihre Augen blickten an mir vorbei ins Nichts. Auf einmal schien sie weit weg zu sein. Ihre Augen begannen wieder, zu glänzen, doch dieses Mal nicht vor Faszination. Tränen schimmerten in den Toren zu ihrer Seele und wandelten den nachdenklichen Gesichtsausdruck zu einem Traurigen.



Leise erhob ich mich von meinem Stuhl, ging auf sie zu und setzte mich neben sie auf das kleine Sofa in meinem Schreibzimmer. Ihr Blick blieb jedoch weiter unfokussiert, ihr Atem war flach und ihre Züge angespannt. Sorge machte sich in mir breit. Was hatte ich jetzt wieder ausgelöst?

Ich konnte nichts weiter tun, als zuzusehen. Natürlich könnte ich sie aus ihren Erinnerungen reissen, doch hatte ich nicht das Gefühl, dass das jetzt das Richtige wäre.

Eine Träne entkam ihrem rechten Auge und kullerte ungehemmt über die darunterliegende Wange. Und doch starrte sie noch immer in die Leere vor sich, bewegte sich kein Stück und schien auch nicht wirklich etwas wahrzunehmen.

Nach einer Weile, die ich einfach untätig neben ihr sitzend verbrachte, schloss sie vorsichtig die Augen und hielt sie einen Moment fest geschlossen. Zwei weitere Tränen kullerten über ihre Wangen, doch schienen diese sie nicht zu stören. Vielleicht nahm sie es noch nicht einmal wahr. „Entschuldigt mich“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und klang dabei, als ob ein riesiger Kloss in ihrem Hals steckte, der ihr das Sprechen erschwerte. Sie stand auf, wandte sich der Zimmertür zu und ging ohne ein weiteres Wort, bedachten Schrittes hinaus. Ich hörte, wie sie die Treppe nahm und schliesslich in ihrem Gemach ankam. Wie sie dort durch die Tür trat und diese schloss, woraufhin alles still wurde.

Kurz darauf vernahm ich gedämpftes Schluchzen. Vermutlich hatte sie sich zum Bett begeben und weinte nun in eines der Kissen. Traurig liess ich für einen Moment den Kopf hängen, liess zu, dass mich meine Zweifel überrollten. Bestimmt käme noch der Moment, in dem sie sich an mich wenden würde. Bestimmt brauchte sie einfach nur Zeit. Und Vertrauen bildete sich nun mal nicht über Nacht.

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