28. Pfingstwanderung

Zwei Uhr. Die anderen warteten bereits am Telefonkasten. Als ich auf Maren zuging, traten alle beiseite. Es wirkte, als hätten sie sich abgesprochen. Oder bei mir war endlich so was wie Entschlossenheit zu erkennen.

Hartmanns Vorschlag, über die Bahnstrecke zum Strand zu laufen, fand allgemeine Zustimmung. Wir zogen also los. Die Brentanostraße entlang, ein Stück über den Achterkamp, dann ins Dorf und an der Grünen Insel vorbei. Als wir gerade auf dem Pfad am Mühlenteich waren, drängte sich Hartmann zwischen Maren und mich. „Darf ich sie dir mal kurz entführen?“, fragte er. Aber er wartete die Antwort nicht ab, blieb einfach mit ihr zurück.

Verdattert ging ich weiter. Hatte ich doch geahnt, dass die Sache noch nicht ausgestanden war! Komisch: Maren hatte gar nicht überrascht gewirkt.

Immer wieder drehte ich mich um. Die beiden waren völlig in ihr Gespräch vertieft. So aufmerksam hatte ich Hartmann noch nie erlebt. Was erzählte sie ihm bloß? Angestrengt lauschte ich, versuchte ein paar Gesprächsfetzen aufzufangen. Zwecklos – die beiden waren zu weit weg. Und sie schienen darauf zu achten, dass der Abstand nicht kleiner wurde. Im Brook hinter der Kirche, wo der Weg eng und kurvig war, verlor ich sie ganz aus den Augen.

Als ich zur Strandstraße kam, sah ich Jürgen und den Rest der Truppe gerade das Bahngleis betreten. Ich bedeutete ihnen, dass ich warten würde. Endlich kamen Hartmann und Maren aus dem Wald. Er lieferte sie wortlos bei mir ab und rannte nach vorn zur Schiene, um die anderen einzuholen.

Eigentlich dachte ich, Maren würde mir von der Unterhaltung erzählen. Aber sie griff nur nach meiner Hand und zog mich mit. „Was war los?“, platzte es aus schließlich mir heraus. „Was gab es so lange zu bequatschen?“

„Er wollte mich kennenlernen“, sagte sie bloß.

Seit wann wollte Hartmann jemanden „kennenlernen“?

Er sei sehr nett und aufmerksam gewesen, meinte Maren. Ganz anders als sie gedacht hatte.

Hartmann – nett und aufmerksam? Ich verstand die Welt nicht mehr. Irgendwas an ihm hatte ich anscheinend immer übersehen. Etwas, das Maren mit ihrer Art hervorgelockt hatte.

„Das war wirklich ein gutes Gespräch“, sagte sie, und es klang wie ein Abschluss. Die Sache schien für sie erledigt zu sein. Aber ich wollte auch gar nicht weiter nachbohren. Eigentlich hatte ich gedacht, Hartmann so gut zu kennen wie sonst niemand, und nun kam er mir plötzlich total fremd vor…



Kaum betraten Maren und ich das Gleis, verfiel ich sofort in meinen gewohnten Trippelschritt über die Holzschwellen – es war ein bisschen wie nach Hause kommen. In der Nordstadt waren wir fast täglich über unsere Bahnschiene gelaufen. „Bahnschiene“ – in diesem Wort hatte immer auch ein heimliches Versprechen gelegen, nach Freiheit, Einsamkeit, unberührter Natur. Dabei war dort nur wenig Natur gewesen, und schon gar keine unberührte. Links hatten die Hochhauswände der Nordstadt alles verschattet, rechts war das Grün immer wieder unterbrochen worden von gesprengten Bunkern, Müllbergen, Schrott. Und über einem surrten permanent die Hochspannungsleitungen. Man unterquerte die Autobahnbrücke, deren mächtiges Betonband wie die Decke einer sehr hohen Halle wirkte, kam schließlich zum Kraftwerkzaun, hinter dem die schwarzglänzenden Kohlegebirge aufragten. Einsam war es auf der Bahnschiene auch nicht gewesen, im Gegenteil: Ständig hatte man dort Leute getroffen, die vielleicht dasselbe suchten wie man selbst.

Diese Strecke war völlig anders. Rost überzog die Schienen, an vielen Stellen wucherte Unkraut. Ein Schotterbett gab es nicht, zwischen den verwitterten Holzschwellen war nur Sand. Ein kurzes Stück schlängelte sich die Trasse noch zwischen den Häusern hindurch, aber dann ging es hinaus. Um uns waren jetzt nur noch Wiesen, Felder, endlose Natur. Der Wind rauschte und brachte den Duft nach Korn mit sich, nach geschnittenem Gras und Blumen.

Ein stiller, sonniger Nachmittag. Insekten summten durch die Luft, überall flatterten Schmetterlinge. Das leuchtende Grün der Felder spiegelte sich in Marens Augen. Wir umarmten uns, drückten so fest, dass es wehtat. Ich bedeckte ihr Gesicht mit unzähligen Küssen, konnte einfach nicht genug bekommen.

Als wir irgendwann weitergingen, trennte uns bereits ein gutes Stück Bahnstrecke von Jürgen und Silke. Kristina und Bernd, die vor ihnen liefen, konnte man gerade noch erkennen. Hartmann und Micha schließlich, die unseren Zug anführten, ließen sich nur noch als winzige Punkte ausmachen. Aber es war wie auf dem Erdbeerfeld, am Abend nach dem Regenschauer: Ein unsichtbares Band verknüpfte uns alle miteinander, Entfernung spielte keine Rolle mehr.



Micha und Hartmann waren nun offenbar stehengeblieben: Nach einer Weile sah man Bernd und Kristina zu ihnen aufschließen, bald folgten Silke und Jürgen. Schließlich trudelten auch Maren und ich ein – unser Kreis war wieder komplett.

Seitlich des Gleises verlief etwas, das ich erst für eine Laderampe hielt. Dann entdeckte ich ein verwittertes Schild: „Steenbarg“. Es gab eine Wartebank und sogar eine Holztafel mit Resten eines alten Fahrplans. Ein Bahnhof? Aber nirgends waren Häuser. Auf beiden Seiten rauschten Bäume im Wind, weiter vorn überquerte ein Feldweg das Gleis, der sich aber in beide Richtungen schnell zwischen den Knicks verlor. Wo war der Ort abgeblieben?

„Der liegt ein paar Kilometer entfernt“, erzählte Jürgen. „Die Leute hatten früher ein gutes Stück zu latschen, wenn sie mit dem Zug fahren wollten. Aber seit der Umstellung auf Busse gibt’s eine Haltestelle direkt im Dorf.“

Wir gingen weiter. Ein Ende der Strecke war nicht abzusehen. Per Fahrrad oder Bus schien es nur ein Katzensprung bis zum Strand. Erst jetzt, da wir den Weg zu Fuß liefen, merkte man, wie weit er eigentlich war.

Ein Wald begann, kurz darauf folgte ein weiterer Bahnübergang. „Wollen wir mal zum Geisterhaus?“, fragte Kristina und schien plötzlich sehr aufgeregt. Hartmann und ich glotzten uns verständnislos an.

„Ist ein altes, verfallenes Haus im Wald“, erklärte Bernd.

Ein Haus im Wald? Vielleicht dasselbe, dessen Dach ich im Frühjahr zwischen den Bäumen gesehen hatte?

„Da spukt es“, raunte Silke, und man konnte deutlich hören, dass ihre Stimme zitterte.

„Wollt ihr da wirklich hingehen?“ Auch Micha schien die Sache nicht geheuer zu sein.

„Ach, das ist doch Quatsch!“ Bernd wurde ungeduldig. „Lasst uns lieber zum Ferienzentrum gehen, da ist wenigstens was los.“

Aber die Mehrheit zog es zu diesem Geisterhaus. Mich auch. Inzwischen war ich ziemlich neugierig geworden. Wir verließen die Bahnschiene und kamen kurz darauf an eine Straße. Dann begann ein neuer Feldweg. Wir passierten einen mächtigen Wegstein, dessen Spitze die Form einer Pyramide hatte. Es dauerte einen Moment, bis ich die Inschrift entziffert hatte, die vom Wetter nahezu ausgewaschen war: „A. D. 1810 Stein-Söhren“. Die Buchstaben waren verschnörkelt, das „D“ sah fast aus wie ein „W“.



Immer tiefer arbeiteten wir uns in den Wald hinein. Ich hatte längst jede Orientierung verloren. Unser Weg verschwand zusehends unter Gras und Moos. In einigen Jahren würde er wahrscheinlich nicht mehr zu erkennen sein. Die Bäume bildeten zu beiden Seiten ein dichtes Spalier, dahinter war es fast schwarz vor Dunkelheit.

Niemand sprach mehr ein Wort. Sogar die Vögel waren verstummt. Man hörte nur noch den Wind, wie er unablässig durch die Bäume rauschte. Manchmal knackte es, als würden irgendwo in der Nähe Zweige zerbrochen. Einmal sprangen neben dem Weg plötzlich Rehe auf und flüchteten in den Wald.

Bald zeichnete sich zwischen den Bäumen schemenhaft etwas Rechteckiges ab. Ein Gebäude? Wir bewegten uns nur sehr langsam darauf zu. Immer wieder verschwand der große Schatten im Grün und tauchte an unerwarteter Stelle wieder auf, ein Stück nach rechts oder links versetzt – es war völlig irritierend. Und auch ein bisschen gruselig.

Endlich teilte sich der Baumvorhang, und der Wald gab sein Geheimnis preis: Verwitterte Backsteinmauern, leere Fensterhöhlen, herabgefallene Dachpfannen – ein altes Haus, eine Villa vielmehr. Die breite Vordertreppe führte auf eine Veranda mit Säulen, pittoreske Türmchen verzierten in regelmäßigen Abständen den Dachfirst. An den vorderen Flügel schloss sich im rechten Winkel ein weiterer Gebäudeteil an, etwas niedriger und schlichter gebaut, wie ein Trakt fürs Personal oder ein großer Stall. Aber die Pracht früherer Zeiten war dahin: Risse durchzogen das Mauerwerk, die Fensterrahmen, soweit noch vorhanden, waren gesplittert, ihre Farbe fast abgeblättert. Scheiben gab es überhaupt keine mehr, das Dach wies zahlreiche Löcher auf.

Beide Flügel des Portals standen offen, der rostige Türriegel war aufgebrochen. Kaum betraten wir das Gebäude, fiel eisige Luft auf uns herab wie ein nasses, schweres Tuch. Sommer und Wärme waren an der Türschwelle zurückgeblieben, plötzlich herrschte wieder Winter. Fröstelnd wanderten wir über lange Flure, blickten in zahllose leere Räume. Es roch modrig, die Tapeten waren fleckig und schimmelig, in Bodennähe breitete sich überall Moos aus. Einmal durchquerten wir die Reste einer Küche, in der sogar noch ein gusseiserner, komplett verrosteter Herd stand.



Schließlich kamen wir in einen Saal, dessen Rückseite fast vollständig von einer Front aus bodentiefen Fenstern eingenommen wurde. Allerdings fehlten überall die Rahmen und Scheiben, man konnte einfach hindurchgehen und kam auf die Terrasse, ins gleißende Sonnenlicht. Eine Treppe führte hinab in den Garten. Wobei „Garten“ nicht mehr recht passte zu dem Durcheinander aus Unkraut und Gestrüpp, das sich überall ausgebreitet hatte. Sogar einzelne Bäume sah man sprießen – allmählich holte der Wald sich dieses Stückchen Erde zurück.

Die Wände des Saals waren mit Aufschriften übersät, teils gepinselt, teils gesprüht. Die meisten waren längst verblichen, aber einige konnte man noch gut lesen: „Love“, „Jesus“, „Free Dope“, oft gefolgt vom Peace- oder Anarchie-Zeichen. Vereinzelt sah man auch Edding-Kritzeleien, Initialen oder Namen, vermutlich von Urlaubern, die sich verewigt hatten.

Das Haus wäre einst Teil eines Landgutes hier in der Gegend gewesen, erzählte Jürgen. Die Besitzer hätten keine Nachfahren mehr gehabt, bis auf eine einzige Tochter, die aber unverheiratet blieb und als Schwarzes Schaf der Familie galt. Zum endgültigen Bruch kam es, als ihr Verhältnis mit einem verheirateten Mann ruchbar wurde, der Frau und Kinder für sie verlassen hatte. Die beiden brannten nach Kalifornien durch und gerieten dort – so munkelte man – in die Fänge einer obskuren Sekte. Unter mysteriösen Umständen kehrten sie später nach Deutschland zurück und bezogen das inzwischen verwaiste Haus. Die Tochter war zur allgemeinen Verwunderung nicht enterbt worden, niemand kannte den Grund. Wilde Drogenpartys gingen ab, auch von geheimnisvollen Ritualen und Beschwörungen war die Rede. Die beiden hätten hier einen Ableger ihres zwielichtigen Ordens gegründet, hieß es bald. Sie würden regelmäßig Schwarze Messen abhalten, inklusive Séancen und Teufelsaustreibungen.

Irgendwann hörten die Partys schlagartig auf, es gab fortan keinerlei Lebenszeichen mehr von den Hausbewohnern. Hatten sie das Weite gesucht? Kein Mensch wusste es. Strom und Wasser wurden abgestellt, weil niemand mehr die Rechnungen bezahlte. Schließlich rückte die Polizei an und machte einen grausigen Fund: zwei Leichen, bereits stark verwest. Die spätere Obduktion ergab, dass es sich eindeutig um die Tochter und ihren Partner handelte. Auch einen Abschiedsbrief gab es: Sie wollten ‘diese verderbte Welt auf immer verlassen’, schrieben die beiden darin.



Seitdem stand das Haus leer. Es fand sich kein Käufer mehr. Immer wieder machten Gerüchte die Runde, dass es abgerissen werden sollte, aber bis heute war nichts passiert.

„Wahrscheinlich haben die Behörden diese alte Hütte längst vergessen“, überlegte Bernd.

„Oder wollten sie vergessen“, sinnierte Micha.

„Bis es mal einen Unfall gibt!“ Jürgen wirkte beunruhigt. „Jeder kann hier rein und raus spazieren, wie er Lust hat. Das ist doch gefährlich.“

„Ach was“, stöhnte Bernd. „Welcher normale Mensch kommt denn noch hierher?“

„Wann war denn das mit den Toten?“ Jürgens Erzählung ließ mich nicht los.

„Muss an die zehn Jahre her sein“, meinte er. „Ich war damals noch klein, kann mich aber erinnern, dass es der totale Schocker war. Alle haben darüber geredet.“

„In der Zeitung gab’s Bilder vom Haus und den beiden Särgen“, behauptete Micha.

„Das meiste ist garantiert bloß Gerede.“ Jürgen machte eine wegwerfende Handbewegung. „Man müsste mal in irgendwelchen alten Akten oder Zeitungen nachschauen, was damals wirklich passiert ist. Dieses Gelaber von Schwarzen Messen zum Beispiel halte ich für völligen Nonsens.“

„Wieso? Kann doch sein!“, protestierte Kristina.

„Und in welchem Raum sind die gefunden worden?“ Ich traute mich nicht, den Satz zu Ende zu bringen, die Worte auszusprechen: „In diesem?“

„Keine Ahnung“, murmelte Jürgen.

„Es heißt, das Haus sei verflucht“, flüsterte Maren. „Nachts sollen hier angeblich die Geister der Toten umherwandern.“

„Immer wieder wollen Leute hier Stimmen gehört haben“, fügte Micha hinzu.

„Können wir bald mal weitergehen?“ Bernd war jetzt sichtlich genervt.

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