Kapitel 51 – Anschlag
Kapitel 51 – Anschlag
Rjna
„Prinzessin? Prinzessin Rjna?“ Sillia wedelte mit ihrer Hand vor meinem Gesicht herum und holte mich damit zurück ins Hier und Jetzt.
„Entschuldige“, nuschelte ich, während ich Tadurial einen übel gelaunten Blick zuwarf. Er war der Grund, wieso Sillia mich mit diesem vermaledeiten Titel ansprechen musste. Er und die Anweisung des Königs, mich nicht mehr aus den Augen zu lassen. Und unser Stand, der unterschiedlicher nicht hätte sein können. „Ich war nur gerade in Gedanken“, fügte ich eine halbe Ewigkeit später noch hinzu, als die braunhaarige Magierin mich nur besorgt musterte. Immer wieder hatte ich sogenannte Aussetzer. Alomis nannte es so. Momente, in denen ich nicht wirklich an etwas dachte, sondern einfach nur irgendwo hinstarrte und die Zeit verstreichen liess, ohne dass ich viel davon mitbekam. Seit der Nacht im Kerker ging das nun schon so. Und die lag bereits mehrere Tage zurück.
„Natürlich“, antwortete Sillia, wie man es von einer untergebenen Zofe zu erwarten hätte, und senkte leicht den Kopf. Ich konnte mir ein Augenverdrehen nicht verkneifen.
„Also, wieso schreibt man da ein e?“ Ich hatte mein rotes Büchlein hervorgeholt und unter Sillias Anleitung begonnen, schreiben zu lernen.
„Weil ‚die‘ ein langes i hat“, versuchte sie erneut zu erklären.
„Und wieso soll das lang sein?“
Tadurial räusperte sich genervt. „Sollten wir Euch nicht vielleicht einen richtigen Lehrer suchen, Prinzessin?“
Mein Kopf pochte. Einerseits von den ganzen Rechtschreibregeln, zum anderen aufgrund der unerwünschten Anwesenheit des Hauptmanns. Ein undamenhaftes Schnauben entfleuchte mir. „Nein. Ich mag es, Zeit mit Sillia zu verbringen. Und wenn Xelus wieder da ist, kann er mir das Lesen und Schreiben weiter beibringen“, entgegnete ich süffisant lächelnd und erhob mich von dem bequemen Sessel. Langsam wurde mir das alles zu viel. „Ich gehe mich frisch machen. Es ist spät.“ Ich floh regelrecht ins Badezimmer. Unter all diesen Vampiren – die nach den vergangenen Ereignissen auf mich aufpassen sollten, mich aber zeitgleich die ganze Zeit so ansahen, als würde ich gleich zu fliehen versuchen oder ihnen sonst irgendwie die müssige Arbeit erschweren wollen – war es kaum möglich, sich wohlzufühlen. Ich spürte Tag und Nacht ihre Augen auf mir ruhen und es machte mich wahnsinnig. Nirgends konnte ich mehr alleine hin.
Es klopfte. „Soll ich Euch zur Hand gehen, Prinzessin?“
Ich stöhnte stumm. „Nein, danke, Sillia.“
Sillia hatte sich offenbar ein Beispiel an den aufdringlichen Vampiren genommen. Denn sie liess mich keine … Minute … mehr … allein. Schnaubend schüttelte ich den Kopf, formte meine Hände zu einem Körbchen und klatschte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Es lief alles schief. Seit Xelus weg war, war die Welt nur noch verrückter geworden. Das Einzige, was gut war: Grinsebacke hielt sich von mir fern, wenngleich ich auch seine Blicke oft genug in meinem Nacken spürte.
Ich seufzte tief, während ich mich auf dem Waschbecken abstützte und müde in den darüber angebrachten Spiegel starrte. „Morgen ist es soweit …“, hörte ich mich murmeln. „Wann kommt Ihr bloss zurück, Xelus?“
„Hast du auf mich gehört? Warst du gehorsam?“, schrie Vater und schlug erneut mit dem Gürtel zu.
War das eine Fangfrage? Ich hatte gehört. Ich hatte gehorcht, aber Vater hatte getrunken. Und wenn er dies tat, fand er alle möglichen Gründe dafür, jemanden zu bestrafen.
Fünf, sechs, sieben – ich zählte die Schläge stumm, bis er eine Atempause brauchte. Schreien durfte ich nicht, das tat man nicht, denn das war schwach. Ich war nicht schwach. Wer schwach war, starb.
Acht – Vater hielt schwer schnaufend inne.
Mein Rücken brannte wie Feuer und innerlich schrie ich mir die Seele aus dem Leib. Doch äusserlich blieb ich ruhig. Unbewegt. Meine inneren Schreie gaben mir das Gefühl von Wahrhaftigkeit und Bestand.
Der Holzboden knarzte unter Vaters Gewicht und verkündete erneut das nahende Unheil. Lautlos presste ich meine Lippen zusammen und drückte meine Hände fester in die fremde Wand vor mir.
„Hast du meine Frage nicht gehört?“
Erschrocken riss ich die Augen auf. „Verzeiht, Vater, ich …“ Einen Moment schwankte ich. Am liebsten hätte ich gesagt, dass ich genau das getan hatte, was er verlangt hatte. Dass ich nichts für seine wechselnde Meinung konnte! Doch so wie ich Vater kannte, waren Vernunft und Ehrlichkeit bei ihm vergebene Mühe.
„Ich habe nicht gehört.“
„Und absichtlich entgegen meiner Anweisung gehandelt!“
„Ja, Vater.“
Weitere Schläge folgten. Niemals hätte ich mich gewehrt oder mich ernsthaft gegen ihn aufgelehnt. Ich war doch nur ein Mädchen. Nur ein Weib, unterstellt ihrem Familienoberhaupt und zur Gänze von ihm abhängig. Ich hatte nichts zu sagen, nichts zu melden, ich gehorchte, so war meine Bestimmung.
Schweissüberströmt wachte ich auf. Tastend fuhr ich mit meinen Händen über mein trockenes Gesicht. Keine Tränen. Bei diesem Traum hätte ich damit gerechnet. Dafür klebten mir meine langen Haare und das Nachthemd am ganzen Körper, gleich einer zweiten Haut.
Es war der Tag nach dem grossen Feuer gewesen. Der Tag, an dem ich sowohl dem brennenden Haus als auch dem Fieber entkommen war. Wir waren bei einem Freund Vaters untergekommen, bis unsere eigene Hütte wieder aufgebaut gewesen war. Am Morgen noch wollte Vater, dass ich den Leichnam meiner totgeborenen Schwester im Wald verscharrte – am Abend war er damit nicht mehr glücklich. Ich hatte ihm damals recht gegeben. Mich nicht gewehrt und es nur über mich ergehen lassen. Der Freund, bei dem wir vorübergehend wohnen durften, war kein Stück besser als Vater. Tatsächlich hatte er während meiner Züchtigung grinsend am Tisch gesessen und sich … erfreut. So wie der König an jenem Tag draussen in der klirrenden Kälte … War das dasselbe gewesen? Der Beginn davon? Aber hätte der König es gewollt, wieso hätte er aufhören sollen? Er hatte nicht glücklich gewirkt.
„Prinzessin Rjna? Ist alles in Ordnung?“, fragte eine fremde Stimme und liess mich zusammenzucken. Schnell machte ich den Sprecher aus: Einer von Hauptmann Andols Leuten – offenbar mein momentaner Bewacher – aber seinen Namen kannte ich nicht. „Prinzessin? Soll ich jemanden holen?“
Vater …, das Feuer, Mutters Kind – meine Schwester, das Fieber, die Bestrafung, die Schmerzen. Gestern ein Kuss …, er hätte es sich nur nehmen brauchen … er hätte es sich nehmen können. Alles was er wollte. Er war der König.
„Rjna.“ Eine Hand fuchtelte vor meinen Augen umher und brachte sie dazu, sich zu fokussieren. „Rjna, hörst du mich?“ Die Stimme war ruhig und entspannend. Langsam sah ich auf.
„Hauptmann Andol?“, flüsterte ich heiser, woraufhin ich mir erschrocken an den Hals fasste.
„Ja.“ Der Mann lächelte leicht. „Versucht noch etwas zu schlafen, ja? Es ist noch mitten in der Nacht.“
Müde nickte ich und legte mich wieder hin. Wenig später befand ich mich nicht mehr in meinem Gemach im Schloss, sondern in einer Erinnerung, die ich längst vergessen meinte.
Mein Kopf pochte; mein Körper empfand einzig Erschöpfung und Schmerz. Was war …? Drego. Natürlich. Was sollte auch sonst gewesen sein. Heute hatte er mich das erste Mal nicht mehr gefragt, ob ich mit ihm das Bett teilen wollte. Heute war er einfach nur grausam gewesen, ohne vorher irgendwelche Versprechungen von Glückseligkeit und Schmerzlosigkeit zu machen. Ich hatte gerade erst stolpernd den Raum betreten und ehe ich mich versehen konnte, musste Drego auf mich losgegangen sein. Also, hatte er jetzt das Interesse an mir verloren? Würde ich jetzt sterben?
Ich lag seltsam. Und worauf ich lag, bewegte sich. Mühevoll öffnete ich die Augen, nur um direkt in den kalten Blick von Grinsebacke aufzusehen, welcher mich auf seinen Armen trug. Ganz so kalt war der Blick beim zweiten Linsen aber gar nicht. Da war Mitgefühl zu sehen. In den tiefsten Abgründen seiner Seele musste er also doch ein Herz haben. Konnte das sein?
Nein. Mein Kopf verhöhnte mich, so musste es sein. Spielte mir vor, ich würde in meinem Feind etwas Gutes sehen können. Vielleicht, damit ich nicht ganz den Verstand verlor.
„Sh, kleines Mädchen“, wisperte er ganz leise, als um uns herum alles dunkel geworden war. Wir hatten den Kerker betreten. „Es dauert sicher nicht mehr lange.“
Nach Atem ringend, erwachte ich und setzte mich kerzengerade im Bett auf.
„Guten Morgen, Prinzessin“, sagte ein Soldat, an den ich mich nur noch verschwommen von letzter Nacht erinnern konnte.
„Morgen“, krächzte ich und räusperte mich daraufhin. Stirnrunzelnd liess ich den Blick durch das Gemach schweifen, ehe ich wieder bei der Wache ankam. „Wo bin ich?“ Wo war der Kerker hin? Grinsebacke? Ich war verwirrt.
„Geht es Euch nicht gut?“ Besorgt trat der Wachmann einen Schritt näher an mich heran. Augenblicklich zuckte ich zurück und zog den Kopf ein. Ein klägliches Wimmern entkam mir. Einen Moment blieb ich regungslos zusammengekauert auf dem Bett sitzen, so wie auch der Soldat vor mir sich nicht rührte. Dieser gab jetzt ein Räuspern von sich. „Ich … werde den König informieren …“
Hastig schüttelte ich den Kopf. „Nein! Das … ist nicht nötig.“ Nicht der König. Jeder, nur nicht er! Konnte ich nicht für einen Moment allein sein? Mich in aller Ruhe sammeln? Nein. Die Antwort wäre nein, ich brauchte gar nicht erst zu fragen. Ich hatte in den letzten Tagen immer dasselbe zu hören bekommen. Auf Befehl des Königs … Gemäss den Anweisungen des Königs … „Ich … gehe baden“, murmelte ich abwesend, schnappte mir ein Kleid aus dem Schrank und machte mich auf den Weg ins Badezimmer. Darin angekommen, schloss ich die Tür und lehnte mich stöhnend dagegen. Grinsebackes Worte gingen mir immer wieder durch den Kopf.
Es dauert sicher nicht mehr lange.
Die Worte für sich waren das eine, aber der Ausdruck in seinen Augen war so … falsch. Mitfühlend und überhaupt nicht so, wie ich ihn die ganzen drei Jahre erlebt hatte. Auch im Kerker, als er neben mir gesessen hatte, hatte er nicht … Er hatte anders gewirkt.
Ich zog mir das Nachtgewand aus und legte mich in die Wanne hinein. Sillia musste sie bereits vorbereitet haben. Ich schüttelte den Kopf. Bestimmt spielte mir mein Unterbewusstsein nur einen Streich, indem es versuchte, mir meinen Erschaffer nettzureden. Ich schüttelte den Kopf, wollte den Gedanken loswerden und dachte stattdessen wieder an diesen Kuss. Erst presste er seine Lippen auf meine, dann liess er von mir ab. Meine Hände verkrampften sich im Wasser, als könnten sie es umfassen, während sich wider meinen Willen Tränen in meinen Augen sammelten. „Was willst du nur?“, krächzte ich verzweifelt, die Anspannung in meinem Inneren kaum mehr ertragend. „Was willst du von mir?“
Tief in Gedanken versunken, griff ich nach der Seife und begann, mich einzureiben. Beim Gedanken daran, wie Xelus mich anfangs praktisch dazu zwingen musste, welche davon zu benutzen, musste ich lächeln. Ich hatte damals versucht, möglichst wenige Ressourcen zu nutzen. So wie man es gezwungenermassen nun einmal handhabte, wenn man nicht besonders wohlhabend war. Seife war früher ein Gut, das weit ausserhalb meiner Reichweite lag. Aber Xelus wollte davon nichts wissen.
Ich starrte aus dem grossen Fenster, während ich aufstand und zum Handtuch griff. Ich vermied den Blick in den Spiegel, wann immer es ging. Und trotzdem er ihn unabdinglich. Blasse Haut und Narbengewebe, wohin man sah. Ich mochte das nicht. Ich mochte mich nicht.
Als ich zurück in mein Gemach kam, informierte mich die Wache darüber, dass der König mich sehen wolle. Kurze Zeit später folgte ich ihm, aufgrund der Verletzung an meinem Knöchel noch leicht humpelnd, durch die langen Gänge des Palastes, welche ich noch immer nicht alle kannte. Offenbar erwartete mich der König nicht in seinem Arbeitszimmer, denn an diesem waren wir längst vorbei. Was er wohl vorhatte? Beim Gedanken an unser letztes Treffen stellten sich mir die Härchen im Nacken auf. Seitdem hatte ich ihn nicht wiedergesehen. Ich hatte meine Zeit mit Sillia verbracht. Hatte Arrura, die Gemahlin Nierwils – des Königs Vampirbruder und Regent über Melnai –, kennengelernt und mich mit ihr angefreundet. Selbst einen Ausflug in die Stadt hatten wir bereits unternommen – selbstverständlich nur unter dem wachsamen Blick mehrerer Leibwachen. Arrura hatte über mein Murren deswegen herzlich gelacht.
„Man gewöhnt sich daran!“, hatte sie mir schmunzelnd zugeflüstert, als unsere Wachen einen weiteren meiner garstigen Blicke über sich hatten ergehen lassen müssen.
Die Wache hielt vor einer unscheinbaren Tür. Irritiert sah ich mich um. Die Flure hier waren wie ausgestorben. Was wollte der König von mir? Der Soldat öffnete und deutete mir, hineinzugehen. In dem Raum gab es beinahe kein Licht. Nur ein kleiner Schimmer drang durch ein winziges Fenster auf der anderen Seite des Raumes. Stirnrunzelnd trat ich einige Schritte in den Raum, hielt aber bald verwirrt inne.
„Wieso erwartet mich der König in einer Abstellkammer?“ Im nächsten Moment wurde ich von hinten weiter in den Raum hineingestossen, stolperte über irgendwelche Kisten und fiel mit einem leisen Schrei zu Boden.
„Du bist wirklich überaus dämlich, Prinzessin“, spuckte eine weibliche Stimme verachtend. Vor mir. Die Gestalt einer kräftigen Frau baute sich vor mir auf.
Noch ehe ich mich wieder ganz aufrappeln konnte, stürzte sich der Mann hinter mir auf mich, rang mich wieder zu Boden, drehte mich um, sodass ich auf dem Rücken lag, und lächelte mich boshaft an. Das Gesicht des Wachmanns verzog … verzerrte … bis mir plötzlich eine zweite Frau ins Gesicht lachte.
Ich blinzelte irritiert. „Irre ich mich, oder seht ihr beide genau gleich aus?“
Von hinten wurde mir unsanft an den Haaren gezogen. „Sie hat Augen im Kopf.“ Ein irres Funkeln leuchtete in den Augen der Frau hinter mir auf. „Wollen wir sie ihr ausstechen?“
„Lass mal, Schwesterherz. Zu blutig.“ Eine Faust donnerte in meine linke Wange und schleuderte meinen Kopf nach rechts.
Ein Dröhnen machte sich in meinen Ohren breit. Schmerzverzerrt stöhnte ich auf und versuchte, die Frau von mir herunterzureissen. Ich keuchte schwer. An Nahrung hatte es ihr sicher nie gefehlt. „Lasst mich!“ Ich versuchte, gegen sie anzukommen, spürte, wie sich meine Fänge ganz von selbst verlängerten und sich für ihren Einsatz bereitmachten. „Was wollt ihr von mir?!“
Eine kräftige Backpfeife schleuderte meinen Kopf nach links. „Nichts Persönliches, weisst du? Aber er muss leiden!“
„Ja …! Er soll leiden!“ Wie eine Wahnsinnige kichernd, kniete sich die, die schon in diesem Raum auf mich gewartet hatte, oberhalb meines Kopfes hin und griff danach. „So schöne Augen.“ Sie leckte sich über die Lippen. „Zu schade, dass du eigentlich nur totes Fleisch bist.“ Ihre Hände an den Seiten meines Kopfes liessen unangenehme Schauder durch meinen Körper schiessen. Sie packte ihn und zog daran herum, bis mein Kopf auf ihrem Schoss lag.
„Hört auf!“, rief ich aufgebracht. Meine Handgelenke wurden von der Magierin auf mir fest auf den Boden gepresst. Ihre Arme wirkten nicht wie ihre eigenen. Zu dick, zu muskulös. Sie war stärker als ich. Auf diese Weise konnte ich nichts weiter tun, als meinen Kopf hin und herzuwerfen, in der Hoffnung, die andere wäre schwächer, und zu schreien. „Hilfe!“
Doch mich hörte keiner. Stattdessen wurde mir auf einmal ins Gesicht gespuckt, sodass ich instinktiv die Augen zukniff und mein Toben einen Moment zum Stillstand kam. Das nutzte die Frau hinter mir aus. Plötzlich spürte ich einen scharfen Schmerz an meinem Hals. Ein Messer? Ein Schnitt? „Nicht meine erste Verletzung!“, knurrte ich erregt, ignorierte den beissenden Schmerz und schnappte mit meinen Fängen nach dem Erstbesten, das ich zu fassen bekam. Eine Hand. Ein Schrei. Aber es war nur ein Tropfen des dekadenten Magierbluts, das meine Lippen erreichte.
Mit der Kraft eines deutlich älteren und damit stärkeren Vampirs wurde ich wieder zu Boden gedrückt. Der Griff um meine Handgelenke war schmerzhaft fest. „Du greifst meine Schwester an?!“ Noch einmal wurde mir ins Gesicht gespuckt – dieses Mal von der, die auf mir sass. Meine Lieder hatten zu langsam reagiert. Die Spucke brannte in meinem rechten Auge. „Also, wie wollen wir es? Schmerzlos kannst du jetzt vergessen.“ Gespielt nachdenklich legte sie den Kopf zur Seite. „Ich könnte mich wieder ganz in deinen Aufpasser verwandeln und dir das Blut aussaugen.“ Sie verzog den Mund. „Aber dann hätte ich Vampirblut in meinem Magen – lieber nicht“, überlegte sie laut. „Was würde dem König wohl am meisten zusetzen? Kopf ab? Oder Herz raus? Ich persönlich würde Strangulieren ja bevorzugen, doch leider könnt ihr Vampire ja nicht ersticken!“ Damit legte sie ihre beiden Hände an meinen Hals und drückte zu.
Ich sah meine Chance. Meine Hände lagen frei. Nur bewegten sie sich nicht. Sie bewegten sich nicht! „Was ist … das? Wieso …?“ Meine Worte klangen träge und schwer; das S ungewöhnlich lang und zischend.
Die, auf deren Schoss mein Kopf weilte, schwer und schlaff, kicherte verhalten. „Gefällt dir dieses kleine Geschenk? Frisch aus Alomis’ Vorräten!“
Die, die auf mir sass, liess enttäuscht die Schultern hängen. „Das war jetzt fast schon zu einfach.“
„Wie … habt ihr … die Wache …?“
„Weggelockt?“, ergänzte die Magierin, die zu meinem Kopf sass. „Ich habe mich für dich ausgegeben. Na, und Trish für den König. Die Wache waren wir schneller los, als wir gedacht haben. Das war langweilig einfach.“
Etwas blitzte in der Dunkelheit auf. Was genau es war, konnte ich nicht erkennen, doch das kalte Metall, welches ich im nächsten Moment an meinem Hals spürte, beantwortete mir die unausgesprochene Frage. „Genug geredet.“ Die auf mir sitzende, senkte den Kopf boshaft grinsend zu mir herab. „Bringen wir es zu Ende.“
„Wieso?“, fragte ich angestrengt und versuchte, den kalten, wartenden Tod an meiner Kehle zu ignorieren, während ich meiner Angreiferin fest in die Augen sah. „Wieso?“, wiederholte ich und spürte bereits den ersten Schnitt. Blut lief meine Kehle hinunter. Wie es schien, lähmte mich das Mittel, aber nahm mir nicht den Schmerz. Wie praktisch.
Das Weibsbild auf mir seufzte theatralisch. „Da gibt es keinen bestimmten Grund.“ Ihr Gesicht verzog sich zufrieden, als ihre Augen der Blutspur meinen Hals hinunter folgten. Die beiden Schwestern hatten sich verdient. „Aber wir wollen uns endlich Gehör verschaffen, und das geht nicht, wenn der König uns so penetrant unterdrückt!“
Unterdrückt. Unterdrückt? „Das soll … ein Aufbegehren … der Magier sein?“
„Oh, so dumm bist du ja gar nicht, sieh einer an! Also, wie hätten wir es denn gern? Herz raus? Oder Kopf ab?“
„Hast du nicht gesagt, nicht blutig?“ Wieder dieses irre Kichern.
Die Magierin auf mir schnalzte verächtlich mit der Zunge. „Sie hat dich verletzt.“
„Ich …“ Stockend hielt ich inne. War dies nicht längst mein Schicksal? Hätte ich eigentlich nicht schon damals in dieser verfluchten Zelle durch Grinsebacke mein Leben lassen sollen? Aber … ich wollte nicht sterben …! War das egoistisch? Weil ich Fredi nicht folgen wollte? Weil ich sie im Stich liess? „… möchte nicht sterben“, hauchte ich leise, und nasse, salzige Tränen rannen mir die Wangen hinunter. Es war eine Erkenntnis, die mir nicht leichtfiel. Es bedeutete, Fredi zu verraten.
„Ach, wer will das schon!“, schimpfte die Magierin und betrachtete mich, wie es schon so viele zuvor getan hatten: Mit Abscheu und Ekel. Wie ein minderwertiges Stück Dreck.
Ein Schluchzen entwich mir, das sich in ein schmerzerfülltes Zischen wandelte, als ich spürte, wie die Klinge an meinem Hals sich bewegte und tiefer schnitt. Ich traute mich nicht zu schlucken, zu atmen oder zu sprechen – das Einzige, was mir an Kontrolle über meinen Körper noch geblieben war.
Mit einem mörderischen Grinsen erwiderte die Magierin meinen angstvollen Blick. „Noch letzte Worte, Prinzesschen?“










































Kommentare