Prolog – Die Nacht außerhalb der Zeit
Der Schnee fiel nicht. Er schwebte. Als hätte die Welt den Atem angehalten, senkten sich die Flocken lautlos auf den uralten Druidenkreis, der seit Jahrhunderten inmitten des Heidekrauts ruhte. Zwölf Steine standen im Rund – rau und verwittert – mit Runen bedeckt, die kein Mensch mehr zu lesen vermochte. Der dreizehnte Stein jedoch, der Schwellenstein, lag flach im Zentrum, schwarz wie verbrannte Erde und unberührt vom Weiß des Winters.
Der Mond stand hoch. Es war riesengroß, so als hätte er sich der Erde genähert, um Zeuge zu werden.
Zwischen den Steinen glomm Rauch. Wacholder, Beifuß und Eibe mischten sich zu einem Duft, der zugleich Leben und Tod verhieß. Der Wind fuhr durch den Kreis, doch außerhalb blieb die Nacht still. Kein Vogel rief. Kein Ast brach. Nur hier, an diesem Ort war Bewegung. Stimmen waren zu hören. Flüsternd, murmelnd, klagend. Sie kamen nicht aus Kehlen, sondern aus der Erde selbst.
„Die Zeit ist offen.“
„Die Schleier sind dünn.“
„Was gebunden war, kann fallen.“
Drei Gestalten traten aus dem Nebel, ihre Umrisse schwankend wie Spiegelbilder auf dem Wasser. Sie trugen Mäntel aus Hirschleder und Moos, ihre Haare waren silbern vom Alter, ihre Augen dunkel vom Wissen. Es waren Druiden oder das, was von ihnen geblieben war. Hüter eines Wissens, das die Welt vergessen hatte.
Der Älteste von ihnen stützte sich auf einen Stab aus Eibenholz. An seiner Spitze hing ein Amulett, in das eine Triskele – das Zeichen des ewigen Kreislaufs – eingeritzt war.
„Die Raunächte kehren zurück“, sagte er mit einer Stimme, die klang, als spräche sie durch viele Münder. „Zwölf Nächte außerhalb der Zeit. Zwölf Atemzüge der Anderswelt.“
Die zweite Gestalt – eine Frau mit Narben auf den Händen – trat vor. Der Schnee schmolz, dort wo sie entlangging.
„Und mit ihnen erwacht, was ruhte“, flüsterte sie. „Die Liebe, die einst verbannt wurde.“
Ein Beben durchlief den Kreis. Die Runen begannen zu glühen. Erst schwach, dann immer heller, so als würden sie sich erinnern.
Der dritte Druide erhob sein Blick zum Mond.
„Eine Sterbliche“, sagte er. „Und ein Hüter der Schwelle.“
Bei diesen Worten verdichtete sich der Nebel. Für einen Augenblick erschien ein Bild zwischen den Steinen.
Eine Frau, das Haar vom Wind zerzaust, die Augen voller Trotz und Sehnsucht.
Ein Mann aus Licht und Schatten, gebunden an einen Schwur und älter als die Zeit.
Ihre Hände berührten sich nicht. Dennoch erbebte die Luft zwischen ihnen.
„Ihre Liebe“, fuhr der Älteste fort, „trägt die Macht, den Zyklus zu brechen.“
Der Stab schlug auf den Schwellenstein. Ein dumpfer Klang hallte nach, als hätte er keinen Widerhall in dieser Welt gefunden.
„Bricht sie ihn“, wisperten die Stimmen, „stürzt die Ordnung.“
„Versiegelt sie ihn“, raunten sie weiter, „erstarrt die Zeit.“
In diesem Moment fiel der Schnee schneller, wirbelte im Kreis, als würde er tanzen. Aus dem Rauch formte sich das Antlitz einer Frau mit schwarzen Schwingen. Morrígan. Ihre Augen funkelten wie Klingen.
„Liebe ist niemals unschuldig“, äußerte die Göttin leise. „Sie fordert Blut oder Ewigkeit.“
Die Druiden senkten die Köpfe. Sie wussten, dass diese Nacht nicht rückgängig zu machen war.
„Wenn die erste Raunacht beginnt“, sprach die Frau mit den Narben, „wird sie den Ruf hören.“
„Und er wird antworten“, ergänzte der Dritte.
Der Älteste schloss die Augen.
„Mögen die Welten stark genug sein.“
Mit einem letzten Aufleuchten erloschen die Runen. Der Rauch zerfiel, die Stimmen verstummten. Der Schnee begann nun richtig zu fallen, schwer und kalt, als hätte die Zeit ihren Lauf wieder aufgenommen.
Nur der Schwellenstein blieb schwarz. Wartend. Denn irgendwo, fern von diesem Kreis, lag eine Frau im Schlaf und ahnte nicht, dass ihr Herz bald zwischen zwei Welten schlagen würde.
Die Raunächte hatten begonnen.






















































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