Ascardia-Kapitel 27
~Ascardia~
Als mich Issabella dieses Mal weckte, war es weit nach Mittag. Das Frühstück mit Cayden hatte ich verschlafen, doch da mich niemand geweckt hatte, musste er davon wissen oder es sogar so befohlen haben.
»Guten Morgen. Heute steht ein Besuch für Euch an«, erklärte Issabella, während wir die morgendliche Wäsche und das ankleiden vollzogen.
Ich war es mittlerweile so gewöhnt einen gleichbleibenden Ablauf zu haben, dass mich ihre Bemerkung verunsicherte.
»Besuch?«, fragte ich ,war ich mir doch nicht sicher, was das zu bedeuten hatte. Noch immer kannte ich nicht alle Wörter und deren Bedeutung, doch so wie Issabella lächelte, konnte es nichts Schlimmes sein. Hoffte ich.
»Ja. Ein bekannter Tanzlehrer ist hier um Euch zu unterrichten«, erklärte sie strahlend, während sie mich in ein eher einfaches, schwarzes Kleid hüllte.
»Tanz … Lehrer?«, fragte ich zögerlich.
Unterricht kannte ich. Da lernte ich Dinge kennen, um sie zu verstehen. Aber was bitte war ein Tanzlehrer?
Issabella strahlte. »Er wird Euch das Tanzen beibringen«, erklärte sie, auch wenn ich daraus auch nicht schlau wurde.
Allerdings war es unnötig weiter zu fragen.
Caydens Antworten waren immer sehr präzise, doch Issabella neigte dazu mir fremde Dinge mit weiteren fremden Dingen zu erklären.
Ich entschied mich also, abzuwarten und mir selbst anzusehen, um was es sich handelt.
Fast erwartete ich, dass Cayden mich abholte, doch heute war es Issabella, die mich durch die Gänge begleitete.
In den großen Raum mit den vielen Spiegeln.
Ich hatte ihn bei einem Rundgang durch das Anwesen entdeckt, doch sein Zweck blieb mir verborgen.
Als wir nun eintraten, empfing uns ein drahtiger Mann in einem edlen Anzug. Seine Augen waren blassgrün und eher müde. Außerdem umgab ihn eine Aura, die mich von der Farbe an Minze erinnerte.
Obwohl die sanft wirkte, war seine Ausstrahlung dich streng und irgendwie erhaben.
»Ihr müsst Ascardia sein«, grüßte er steif.
Er rührte sich kaum, legte dabei aber nicht so eine Eleganz an den Tag wie Cayden. Es wirkte sogar eher lächerlich gestellt.
Ich blieb kurz nah der Tür stehen, die nicht zufiel und musterte ihn. »Und Ihr seid?«, fragte ich, wobei ich eine gewisse Distanz wahrte.
Er machte eine seltsame Geste, bevor er sich verneigte. »Cassian. Euer Tanzlehrer«, stellte er sich vor, als müsste ich wissen, was das war.
»Ah«, stieß ich langgezogen hervor und bemühte mich, nicht zurückzuweichen.
Warum waren Cayden und Ayden nicht da? Auch Issabella hatte mich verlassen, sodass ich mit diesem Mann alleine war.
Alle meine Sinne waren angespannt, obwohl ich wusste, dass er mir nichts tun würde. Sonst hätte Cayden ihn nicht ins Anwesen gelassen.
Er musterte mich eingängig, als wüsste er nichts mit mir anzufangen. Mir ging es da ähnlich.
»Habt Ihr bereits Erfahrung im Tanzen?«, fragte er.
Da ich nicht wusste, was das sein sollte, schüttelte ich den Kopf.
Cassian rieb sich das Kinn. »Fürst Veylenreach möchte, dass ich Euch in fünf Tagen die grundlegenden Tänze für die Ballsaison beibringe«, erklärte er, was mich reichlich verwirrte.
Noch mehr fremde Begriffe, die ich nicht kannte. Aber scheinbar war es Cayden wichtig, dass ich lernte, was auch immer tanzen war. »Wir haben also einiges vor uns, wenn Ihr den Fürsten nicht blamieren wollt.«
Das wollte ich auf keinen Fall. Also straffte ich die Schultern. Ich würde tun, was ich konnte.
Keine Stunde später, atmete ich erschöpft.
»Das war nicht richtig. Noch einmal«, peitschte Cassians Stimme durch den Raum. »Es darf nicht sein, dass du dem Fürsten auf die Füße trittst.«
Seine tadelnde Stimme drückte auf mein Gemüt.
Ich gab mir die größte Mühe, doch diese Bewegungen waren einfach nichts für mich. Erst recht nicht, weil ich Cassian dabei berühren musste.
Ich bereute es, dass ich gelernt hatte, was Tanzen hieß. Warum sollte jemand so etwas freiwillig tun.
»Ich brauche eine Pause«, murmelte ich, denn mir Taten die Beine und Arme weh.
»Dafür haben wir keine Zeit. Ihr seid so schlecht, dass es schwierig für Euch wird, überhaupt einen der Tänze zu lernen«, sagte er und griff meine Hand. »Also noch einmal«, herrschte er mich an, bevor er begann die Schritte zu zählen.
Ich konnte mir die Abfolge einfach nicht merken. Wann musste ich nach links, wann nach rechts und wann geradeaus?
Mit dem Blick ständig auf meine Füße gerichtet, versuchte ich, nicht auf seine zu treten, doch es gelang mir nicht. Ich stolperte über meine Beine und verlor das Gleichgewicht.
Statt mich zu halten, wie er es am Anfang getan hatte, ließ er los, sodass ich auf meinem Hintern landete. Schon wieder.
Cassian stieß ein Seufzen aus. »So wirst du niemals gut genug für Fürst Veylenreach sein«, sagte er schließlich kopfschüttelnd.
Mir waren die unterschwelligen Höflichkeiten nie so deutlich aufgefallen wie jetzt.
Hatte er mich die meiste Zeit über höflich angesprochen, begann er nun auf mich herunterzusehen.
Und seine Worte schmerzten unglaublich.
Ich war nicht gut genug für Cayden?
Das war ein Gedanke, der mir schon oft gekommen war. Bedachte man meine Herkunft, dann war ich wirklich nicht gut genug für ihn. Doch es so zu hören …
Mein Herz schmerzte, als würde jemand es mit hunderten Nadeln durchbohren.
Seitdem ich hier aufgewacht war, fühlte sich alles wie ein Traum an. Einer, der jeden Moment drohte zu zerplatzen.
Ich hatte aber nicht vor, dieses Leben einfach so aufzugeben. Also erhob ich mich und versuchte meine Bedenken herunterzuschlucken. »Versuchen wir es noch einmal«, sagte ich. Wenn Cayden wollte, dass ich tanzen lernte, dann würde ich mein bestes geben.
Cassian sah nicht aus, als würde er meine Entscheidung gutheißen. Stattdessen rümpfte er die Nase. »Gib es auf. Du wirst es niemals schaffen.«
Seine Worte trafen mich erneut.
Dieses Mal konnte ich es nicht mehr zurückhalten. Meine Gefühle wurden zu viel. Angst zu versagen machte sich in mir breit. Was, wenn ich Caydens Ansprüchen nicht gerecht wurde? Würde er mich dann rausschmeißen? Würde ich wieder in den Gluthain zurückkehren müssen.
Ich wollte hier nicht weg. Nicht jetzt, wo die Welt sich gerade erst geöffnet hatte.
Stumme Tränen rannen mir über die Wangen, während ich mir auf die Lippen biss, bis Blut floss.
Plötzlich umspielte mich eine kalte Brise und ein leichtes Flimmern streifte meine Arme.
Neben mir tauchte Cayden auf, der mich in einer fließenden Bewegung auf seinen Arm hob.
Ohne großartig darüber nachzudenken, schmiegte ich mich an seinen Hals und schluchzte leise. Gleichzeitig versuchte ich aber, die Tränen zurückzuhalten. Caydens sanfte Brise half mir sehr dabei.
»Hat er dich verletzt?«, fragte er in seiner ruhigen Art.
»Nein«, murmelte ich gegen seinen Hals, schluchzte dabei aber leise.
»Ich mag es nicht, wenn du mich anlügst«, stellte Cayden fest.
Obwohl ich das Blut an meinen Lippen schmeckte, verstand ich nicht, was er meinte. Ich hatte mich selbst gebissen. Er hatte mich also nicht verletzt.
»Nicht … körperlich«, murmelte ich. Vielleicht dachte er, Cassian hätte mich geschlagen.
»Nicht jede Verletzung ist körperlich«, erwiderte Cayden ruhig.
Seine Stimme war kalt und schneidend. Wut schwang in ihr mit, war jedoch nicht auf mich gerichtet.
Mir fuhr er sanft mit den Fingern über den Nacken. So wie ich ihn immer kraulte.
»Du«, sagte er schließlich eisig. »Wirst dieses Anwesen nie wieder betreten.«
Ein Befehl, der keinen Widerspruch duldete.
»Aber Ihr habt mir doch befohlen …«, versuchte es Cassian, konnte den Satz aber nicht beenden.
Raureif zog sich über den gesamten Raum und ließ die Spiegel zerplatzen.
»Ihr das Tanzen beizubringen. Nicht, sie zu verletzen.«
»Ich habe sie nicht verletzt. Sie ist über ihre eigenen Beine gefallen«, behauptete Cassian, doch seine Stimme zitterte bereits.
Warum widersprach er? War er dumm genug, sich noch mehr hineinzureiten? Selbst ich spürte, dass es Caydens Wut nur noch mehr anfachte.
»Ayden. Schmeiß ihn raus«, befahl er.
Die Tür schwang auf und der große, schwarze Panther kam in den Raum getrottet.
Ich sah auf und bemerkte, wie ich Cassian versteifte.
Ayden bewegte sich so nah an Cayden vorbei, dass ich meine Hand nach seinem Fell ausstrecken konnte. Er schmiegte seinen Kopf in einer kurzen Geste an diese, was mir noch ein wenig mehr Halt gab. In Caydens Armen zu liegen, von ihm gehalten zu werden, bot mir ein Gefühl des Schutzes, das ich so nicht erwartet hatte. Als wären keine Worte mehr wichtig und als könnte nichts auf der Welt mir noch etwas anhaben.







































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