Kapitel 6
Das sanfte Rumpeln der Räder auf der Landebahn riss Belle aus einem halben Schlaf, der eher Erschöpfung als Ruhe war. Der Jet bremste hart, die Triebwerke heulten kurz auf, dann senkte sich die Nase des Flugzeugs und alles wurde wieder still. Zu still.
„Aussteigen,“ sagte Cade, als hätte er nur kurz eingeatmet.
Er stand bereits, groß und mit der selbstverständlichen Ruhe von jemandem, der nie auf jemanden warten musste. Belle löste ihren Gurt, langsam, vorsichtig — ihre Rippen protestierten. Als sie aufstand, wurde ihr kurz schwindlig, aber sie stolperte nicht. Sie konnte immer noch auf ihren eigenen Beinen stehen. Das war wichtig. Wenn auch nur für sie selbst.
Der Pilot öffnete die Tür. Kalte Bergluft strömte hinein, frisch und schneidend, mit dem Geruch von Kiefernadeln und Holzfeuer. Belle fröstelte, zog den dünnen Pulli enger an sich und folgte Cade die kleine Ausstiegstreppe hinunter.
Und dann sah sie es.
Kein Terminal. Auch keine Stadt. Kein Auto.
Sondern Wald. Berge. Schnee.
Der kleine Privatflughafen bestand aus einem einzigen Holzgebäude, eher eine Hütte als ein Terminal, und einem Mann, der davor stand, als wäre er Teil der Landschaft: groß, kantiges Gesicht, rauer Blick. Er nickte Cade zu — nicht freundlich, nicht feindselig, sondern als Geste eines Soldaten an einen Kommandeur.
„Alpha,“ sagte er knapp.
Das Wort blieb in Belles Ohr hängen wie ein klebriger Tropfen.
Alpha.
Sie konnte immer noch nicht glauben das sie ein Jahr als Gefangene eines Gestaldwandlers verbracht hatte und Cade eine Werwolf war. Er achtete nicht auf die Begrüßung und ging einfach vorbei, als wäre das das Normalste der Welt.
„Das Auto ist bereit,“ sagte der Mann weiter und deutete zum Waldrand.
Dort stand ein mattschwarzer Geländewagen, groß genug, um einen Elch zu transportieren — oder einen verwandelten Wolf, was Belle mittlerweile für wahrscheinlicher hielt.
Cade öffnete die Beifahrertür. Er sagte nichts zu ihr. Keine Bitte oder eine Aufforderung. Nein, er nahm an das sie freiwillig Einstieg. Das er ihr die Tür aufhielt, war vermutlich das Netteste, was sie von ihm erwarten konnte. Sie überlegte noch kurz ob eine Flucht sinnvoll wäre, verwarf diesen Gedanken also schnell wieder. Belle stieg ein, setzte sich. Der Sitz war warm. Leder. Und der Geruch nach Kiefer und Motoröl wirkte merkwürdig beruhigend. Der Mann stieg hinten ein, Cade fuhr.
Sie sprachen nicht während der Fahrt.
Die Straße war schmal, kurvig, und wand sich durch den Wald wie ein dunkles Band. Zweige berührten die Fenster, Schnee fiel leise von den Ästen. Der Himmel war bereits nachtblau, obwohl es erst Nachmittag sein musste — Winterdunkelheit hatte ihre eigenen Regeln.
Nach zwanzig Minuten öffnete sich der Wald plötzlich.
Und Belle sah das Herrenhaus.
Es war kein Herrenhaus wie in Filmen. Nichts mit weißen Säulen oder Springbrunnen. Es war ein großes Holzgebäude mit drei Flügeln, breiten Fenstern und einem Dach, auf dem Schnee wie Zuckerguss lag. Warmes Licht strömte durch die Fenster, und Rauch stieg aus einem Schornstein auf. Davor standen mehrere Nebengebäude — Werkstätten, Garagen, Stallungen vielleicht — und überall bewegten sich Menschen und Wölfe.
Ja, Wölfe.
Ein schwarzer lief gerade über den Hof, stolperte in den Schnee, rollte sich, und wurde dann von einem braunen angesprungen, als würden Kinder in Menschengestalt Fangen spielen. Doch das waren keine Kinder.
Belle hielt unwillkürlich die Luft an.
Der Wagen hielt vor der breiten Veranda. Die Tür wurde geöffnet, bevor Cade überhaupt ausstieg. Zwei Männer traten näher. Große Kerle, aber nicht wie Bodyguards — eher wie Brüder oder Soldaten.
„Willkommen zurück, Alpha,“ sagte einer.
„Das Rudel ist informiert,“ sagte der andere. „Eine Rudelversammlung wurde bereits einberufen. Wir erwarten dich im Besprechungsraum.“
Belle erwartete, dass Cade sie stehen ließ und sofort verschwand. Stattdessen ging er um das Auto herum, öffnete ihre Tür und wartete. Nicht höflich. Nicht ritterlich.
Einfach wartend.
Belle stieg aus, die Knie noch weich. Sie hatte keine Ahnung, wohin mit ihren Händen — also schob sie sie in die Taschen der geliehenen Jogginghose, die ihr viel zu groß war.
Einer der Männer sah sie an. Nicht unfreundlich. Nicht neugierig.
Nur musternd.
Wie man ein unbekanntes Messer betrachtet.
„Das ist Belle,“ sagte Cade ohne Pause. „Sie bleibt hier.“
Kein Titel. Kein Erklärsatz. Kein Zusatz.
Nur: Sie bleibt.
Und das genügte.
Die Reaktionen waren minimal — ein gehobenes Kinn, ein kurzes Nicken, ein langsamer Atemzug. Kein offener Protest, aber Belle sah die Fragen in den Blicken.
Sie folgte Cade die breite Holztreppe hinauf ins Haus hinein.
Der erste Schritt über die Schwelle traf sie beinahe körperlich. Wärme, starkes Kaminfeuer, Fichtennadelduft und etwas, das nach Fell, Regen und Erde roch — aber nicht unangenehm. Eher wie Heimat, wenn man eine hätte.
Der Eingang war groß. Holz. Stein. Offene Balken. Eine breite Treppe führte nach oben, ein Flur nach links und rechts. Stimmen aus verschiedenen Zimmern. Ein Lachen. Ein Klirren. Ein Hund — oder Wolf? — der irgendwo schüttelte.
Cade drehte sich zu ihr um.
„Du schläfst oben.“
Belle verschränkte die Arme. „In… welchem Zimmer?“
„Meinem.“
Er sagte es einfach. Ohne Zögern. Ohne Anflug von Unsicherheit. Als wäre es nicht einmal eine Information, sondern ein Naturgesetz.
Belle öffnete den Mund. Schloß ihn wieder. Dann sagte sie: „Und wenn ich ‘Nein’ sage?“
Cade sah sie an wie jemand, der ein interessantes, neues Wort hört.
„Dann sage ich es nochmal. Bis du zustimmst.“ Er grinste über beide Ohren.
Belle musste schlucken. Nicht wegen Angst — wegen Adrenalin, Trotz und der Tatsache, dass ihre Knie sich unsichtbar in Wasser verwandelt hatten.
Eine junge Frau mit kupferrotem Haar kam aus einem Raum links und blieb stehen, als sie Belle sah. Ihr Gesicht war freundlich, offen, überrascht.
„Oh! Hallo!“ Sie wischte sich Teig von den Händen und strahlte Belle an. „Du musst Belle sein! Ich bin Nora.“
Belle sah kurz verwirrt zu Cade.
Er nickte.
„Nora ist vom Haushalt. Sie zeigt dir, was du brauchst.“
Nora winkte. „Willkommen im Norden. Du frierst? Du siehst aus, als würdest du frieren. Wir haben Decken. Und heiße Schokolade. Und Suppen. Und—“
„Nora,“ unterbrach Cade, und die Frau nickte, schob sich lachend eine rote Haarsträhne hinter das Ohr.
„Ich mach’s kurz. Komm.“
Belle folgte ihr, und während sie durch das Haus gingen, fühlte sie jede Sekunde:
Sie war im Herzen einer Welt gelandet, die größer war als sie.
Und Cade hatte entschieden, dass sie hier blieb.
Nicht weil sie wollte.
Sondern weil er es tat.
Sie wusste noch nicht, was gefährlicher war.

























































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