Kapitel 5

Marek lag bewusstlos am Boden.
Vor ihm stand kein Mensch — sondern ein Wolf. Groß wie ein verdammter Bär, Fell schwarz wie Nacht, Muskeln dicht unter der Haut rollend. Kael war vollständig verwandelt, Pranken im Erdreich verankert, Zähne gebleckt. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer, Adrenalin vibrierte unter seiner Haut. Er war bereit, weiterzumachen, falls Marek sich regte. Cade sah es in seinem Blick.
Asher stand ein paar Meter entfernt, in seiner menschlichen Form, die Arme verschränkt. Er hatte den ganzen Kampf beobachtet — ohne Angst oder Eingreifen. Er musste seinen Alpha wohl blind vertrauen. Sein Blick war kalt, aufmerksam. Kein Triumph oder Kommentar. Nur Bewertung eines besiegten Gegners.
Und dann war da Livia.
Sie saß am Boden, Rücken gegen einen Baum, die Hände zitternd, aber wach. Tränen klebten an ihren Wangen, Haar klebte an der Haut, sie wirkte erschöpft — aber lebendig. Das allein genügte. Er musste wohl in Zukunft auf eine sehr fähige Mitarbeiterin verzichten.
Dann nahm Cade den Geruch wahr.
Nicht Blut. Auch kein Wolf. Etwas anderes.
Etwas Warmes. Seltenes. Menschlich — und doch mit einer Härte darunter wie gehärteter Stahl. Ein Duft, der einen instinktiven Reflex in ihm auslöste. Ein brennendes Ziehen tief im Brustkorb, das nur eine einzige Bedeutung hatte. Gefährtin!
Er schaute in den Wald, durchsuchte die Dunkelheit. Zweige knackten unter schwachen Schritten, und dann sah er sie.
Eine Frau stolperte aus dem Unterholz. Eine Hand am Baum, die andere tastend nach Luft, nach Halt. Ihr Körper war am Ende, aber in ihren Augen stand etwas, das er nicht oft sah:
Durchhaltewillen.
Sie sah Livia — und Leben flammte in ihrem Blick auf.
„LIVIA!“
Der Ruf riss durch die Bäume, rau und gebrochen, aber voller Kraft. Livia hob ruckartig den Kopf, und der Name hob ihre Stimme:
„Belle…?“
Belle versuchte zu laufen — ihr Körper wollte, ihre Beine nicht. Sie kam drei Schritte, dann knickte sie um. Die Welt kippte.
Sie hätte den Boden hart getroffen — aber Cade war schneller.
Er fing sie auf, hob sie hoch, als wöge sie nichts. Belle schnappte nach Luft, schlug einmal reflexartig gegen seine Brust, wollte sich losmachen — aber er hielt sie fest. Nicht grob. Nur sicher.




„Ruhig,“ brummte er. „Du bist nicht allein.“
Sie hob den Kopf. Ihre Augen trafen seine — und Cade fühlte, wie etwas in seinem Inneren reagierte, scharf und wach. Wie sich etwas fügte. Sein Blick blieb an ihr hängen, prüfend, intensiv. Belle wurde still. Sie sah ihn an. Sah das Erkennen nach Hunger. Dann verlor sie das Bewusstsein.
Er trug sie zurück zum Hang, wo Asher und Livia standen.
Asher sah auf. Kein Schock, keine Wut. Nur eine leise Bewertung — und ein knappes Nicken.
Livia richtete sich etwas auf, die Stimme rau: „Da ist eine Hexe… sie braucht Hilfe… bitte…“
Asher schüttelte den Kopf, hart. „Ich helfe keiner Hexe.“
Livia zog scharf Luft ein. „Sie hat uns geholfen. Sie wurde gezwungen. Sie ist keine Bedrohung.“
Cade sah Belle in seinen Armen an, dann Livia. Seine Stimme war leise — und unmissverständlich:
„Er hilft ihr.“
Asher wandte den Kopf zu ihm, Augen verengten sich. Cade hielt seinem Blick stand.
„Das ist der Wunsch deiner Luna,“ sagte er ruhig.
Asher erstarrte — nicht aus Schock, sondern aus Wolflogik. Luna war kein Titel für Menschen. Kein Wort für Nettigkeit. Es war Rang. Und Rang war Gesetz.
Das genügte.
Asher drehte sich wortlos um und folgte Livias Richtung, das Blut von Marek ignorierend. Livia sah im selben Moment zu Kael, dessen Kampf sich dem Ende neigte. Ihre Prioritäten verschoben sich.
Alle Augen gingen zurück zu Marek, Blut und Pflicht.
Niemand bemerkte, wann Cade verschwand.
Er sah noch einmal zu Belle hinunter — ein stilles Abtasten, ein Erkennen.
Er wand sich ab und trug sie durch den Wald. Leise. Sicher. Unaufhaltbar.
Bis Wald zu Asphalt wurde und Asphalt zu Privatterminal. Keine Fragen. Keine Sicherheitskontrolle. Cade Bennett brauchte keine.
Er trug Belle in den Jet.
Sie erwachte beim Eintritt in die Kabine, blinzelte ins Licht.
„Was—“ Sie keuchte. „Wo bin ich? Was—“
„Im Flugzeug,“ sagte Cade, schob sie tiefer in den Sitz, bevor sie aufstehen konnte.
„Nein, echt? Ich dachte, das ist ein verdammt luxuriöser Krankenwagen.“
Sie versuchte sich aufzurichten. Er drückte sie zurück — nur zwei Finger an ihrem Schultergurt, aber es reichte.
„Du bewegst dich wie jemand, der gerade von einem LKW überfahren wurde.“




„Du bewegst dich wie jemand, der Frauen entführt.“
„Ich habe dich gerettet.“
„Ungefragt.“
„Du warst bewusstlos.“
„Ja, das ist mein Lieblingshobby, seit ich in Horrorfilmen mitspiele, danke der Nachfrage.“
Er verzog den Mund kaum merklich.
Er schnallte sie an. Klick. Sicher.
„Ich kann das selbst.“
„Nein.“
Belle starrte ihn an, als wollte sie ihn mit Worte töten. „Ich brauche keinen Mann, der mir sagt, was ich tun soll.“
„Gut,“ erwiderte Cade, „ich brauche keine Zustimmung, um dafür zu sorgen, dass du nicht wieder umfällst und dir den Schädel brichst.“
Sie öffnete den Mund. Schloß ihn wieder.
Er setzte sich gegenüber, lehnte sich zurück, beobachtete sie.
Sie war zerschlagen. Ausgehungert. Wund. Und trotzdem nicht gebrochen.
Sein Wolf spannte sich, verlangsamte den Atem, aktivierte jeden Instinkt, den ein Alpha besaß — Territorium, Schutz, Bindung.
Kontrolle.
Das Flugzeug rollte.
„Wo bringst du mich hin?“ Belle klang wach aber vorsichtig.
„Nach Hause.“
„Ich habe ein Zuhause.“ zischte sie ihn an.
„Du hattest eins,“ korrigierte Cade ruhig. „Das ist vorbei.“
Belle schnaubte. „Du klingst wie ein Entführer mit einem schlechten Manifest.“
„Du hast eine große Klappe.“
„Ich bin Anwältin. Das ist Grundausstattung.“
„Ich bin Alpha. Ich arbeite nicht mit Diskussionen.“
Sie blinzelte. „Alpha — wie—?“
„Wie Werwolf,“ sagte er.
Sie starrte ihn an. „Na toll.“
Sein Handy vibrierte. Livia stand auf dem Display.
Belle riss die Augen auf. „GIB HER!“
Cade nahm ab — ohne ihr das Telefon zu geben.
„Bennett.“
„Geht’s Belle gut?“ Livia klang außer Atem.
„Ja.“
Belle zerrte am Gurt, Arm ausgestreckt. „Gib. Das. Telefon!“
Cade legte eine Hand auf ihren Oberschenkel — nicht grob, nur fest genug, dass sie still wurde. Um sie wissen zu lassen zu wem sie jetzt gehörte.
„Sie ist sicher,“ sagte er. „Ich nehme sie mit.“
„Wohin?!“
„Nach Hause.“
„Welche—“
Er legte auf.
Belle starrte ihn an, fassungslos.
„DU. HAST. AUFGELEGT?!“
„Ja.“
„WIESO?!“
„Weil du nicht laufen kannst,“ antwortete Cade ruhig, „und weil du noch nicht stark genug bist, Entscheidungen zu treffen, die dich wieder dahin bringen, wo du gerade herkommst.“
Belle blinzelte. Wut. Schmerz. Trotz. Alles gleichzeitig.




„Du kennst mich nicht.“
„Noch nicht.“
„Du hast keine Ahnung, wozu ich fähig bin.“
Sein Blick glitt über sie — hungrig, anerkennend. Er registrierte etwas. Ein Funken. Eine Stärke.
Und sagte leise:
„Das werde ich bald herausfinden.“
Nicht als Drohung.
Als Tatsache. Und dann würde sie auch wissen zu wem sie künftig gehörte.

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