Kapitel 4
Belle merkte sofort, dass etwas nicht stimmte, als das Taxi nicht dorthin fuhr, wohin es sollte.
Sie saß auf der Rückbank, noch immer mit Livia im Kopf, kaum Schlaf, zu viel Kaffee, zu viel Angst — und dann war da dieses kurze, kalte Gefühl im Nacken, das sagte: Zu spät.
Das Auto bog in eine Seitenstraße ein, die nicht beleuchtet war. Belle beugte sich vor.
„Falsche Richtung,“ sagte sie ruhig. „Parkstraße 17 ist ein Wohngebiet, kein Industrie—“
Der Fahrer sah sie im Rückspiegel an. Seine Augen waren dunkel. Leer.
„Ich bringe dich zu ihr.“ Marek!
Dann wurde alles schwarz.
Als Belle wieder zu sich kam, brannte ihre Stirn, und sie lag auf Beton. Keine Fesseln, keine Knebel — Marek brauchte sowas nicht. Manchmal war das Schlimmste die Freiheit, die nur Kulisse war.
Er saß ein paar Meter entfernt auf einem Metallstuhl, als hätte er seit Stunden gewartet.
„Du hast immer so viel geredet,“ sagte er ruhig. „Selbst jetzt fragst du dich, wie lange du bewusstlos warst, nicht war?“
Belle setzte sich auf und legte die Hände in den Schoß, als wäre das hier ein Meeting. „Du kranker Psycho. Wo ist sie?“
„Entwischt,“ sagte Marek. „Dank dir.“
Belle lachte ein einziges, hartes Lachen. „Sie ist gegangen, weil du ihr die Luft abgedrückt hast. Das war nicht ich. Das war der menschliche Überlebensinstinkt.“
Seine Augen verengten sich. „Du verstehst nichts.“
„Ich verstehe genug,“ sagte Belle. „Zum Beispiel, dass Livia dich fürchten musste, um zu überleben.“
Er stand auf. Ohne Eile oder Zorn den sie erwartet hatte. Das war das Gruselige — er war am gefährlichsten, wenn er ruhig war.
„Ich breche Menschen,“ sagte er leise. „Und du bist die Einzige, die sie noch halten kann. Du bist noch nicht gebrochen. Aber das wirst du.“
„Dann hast du ein Problem,“ sagte Belle. „Weil ich dich nicht mal halten könnte, wenn du ein Sofakissen wärst und ich nicht einfach zu besiegen bin“
Die Zeit wurde weich und zäh. Minuten wurden zu Stunden, dann zu Tagen, zu Wochen, zu Monaten. Irgendwann verließen sie das Lagerhaus und er verfrachtete sie in irgendeine Holzhütte im Wald. In irgendeinem anderen Bundesstaat. Belle wusste nicht, was schlimmer war: dass sie Marek ertragen musste oder dass sie nicht wusste, ob Livia noch lebte.
Er stellte nie dieselbe Frage zweimal. Er stellte sie nur auf hundert verschiedene Arten:
„Wo hat sie sich versteckt?“
„Wen hat sie kontaktiert?“
„Wohin rennt ein verletztes Tier?“
Und immer:
„Du warst der Grund.“
Belle blieb bei ihrem Repertoire:
„Ich weiß es nicht.“
„Wenn ich es wüsste, wärst du längst tot.“
„Livia ist schlauer als du. Das ist alles, was zählt.“
Marek lächelte dann immer, als würde sie ihm gefallen, und das war das Abscheuliche daran — er mochte sie für ihren Widerstand.
Doch irgendwann kippte etwas.
Er zeigte ihr, wer er war.
Nicht durch Worte. Durch den Moment, in dem seine Gestalt flackerte — als hätte die Luft selbst versucht, ihn festzuhalten und nicht geschafft. Haut, die sich veränderte, Knochen, die anders standen, Augen, die plötzlich eine andere Farbe hatten.
Belle verstand erst später, was das war: Wandel. Er verwandelte sich.
Doch die Erkenntnis kam früher:
„Es war nicht Aria,“ sagte sie eines Abends plötzlich. „In meiner Wohnung. Auf meinem Sofa. Bei Sebastian.“
Marek sah sie lange an. Zu lange.
„Du bist wirklich klug,“ sagte er.
„Ich bin Anwältin,“ sagte Belle. „Ich werde dafür bezahlt, Lügen auseinanderzunehmen.“
Ein Jahr war vergangen, als Marek eines Tages zurückkam — mit Blut auf der Jacke und einem Geruch nach kalter Erde. Belle erkannte den Ausdruck in seinen Augen und kletterte langsam auf die Beine.
„Du hast sie gefunden,“ flüsterte sie.
Er nickte knapp.
Und dann sah Belle sie — über Mareks Schulter. Livia. Bewusstlos. Aber immer noch ihre Livia. Sie hatte eine gesunde Farbe. War nicht abgemagert, als hätte sie es geschafft weiter zu leben. Sich neu zu finden. Wie ein Phönix aus der Asche.
Belle stürzte zu ihr, kniete sich hin, ihre Finger zitterten an Livias Wange. „Liv… ich bin hier…“
Marek packte Belle am Haar, riss sie hoch und sagte leise:
„Danke für deine Mitarbeit.“
Es war das letzte, was sie hörte, bevor der Schlag kam — stumpf, hart, wie jemand, der genau wusste, wie man Lichter löscht, ohne die Lampe zu zerbrechen.
Belle kam zu sich im Lärm. Kein Übergang und auch keine Gnade — sie war einfach wach.
Holz, kälte, Blutgeschmack.
Sie lag auf dem Boden einer Hütte, ihre Rippen brannten, ihre Beine gehorchten nicht und irgendwo draußen tobte etwas, das sich nach Krieg anhörte. Metallisches Klirren, tiefes Knurren, Stöhnen. Wölfe, merkte sie an. Klar, warum nicht auch Wölfe. Als ob ein Psycho der sich in jeden Wandeln konnte, nicht reichte.
Ein helles, warmes Leuchten flackerte über ihrer Brust. Sie spürte Wärme durch Knochen dringen, Schmerz ausradieren, Muskeln entkrampfen. Es war wie ein inneres Aufatmen.
Skye stand über ihr, eine Hand glühend an Belles Brust, die andere ausgestreckt, Augen geschlossen, völlig konzentriert. Kein Wort. Kein Blick. Keine Erklärung.
Nur Magie. Heiß. Rein. Schneidend gegen die Dunkelheit in Belles Körper.
Dann ließ das Leuchten nach. Skye richtete sich auf. Sie sah Belle kein einziges Mal an.
Skye, Marek kam vor ein paar Monaten mit ihr an. Eine Hexe die er zum mitmachen erpresste.
Nun verschwand sie einfach. Tür auf, Tür zu. Lautlos.
Stille im Raum. Nur Belle und ihr keuchender Atem.
Sie rollte auf die Seite, stützte sich hoch. Ihre Beine waren Wackelpudding, aber sie standen. Irgendwie. Die Tür war offen, und draußen war der Wald, kalt und grau und voller Geräusche, die nicht menschlich klangen.
Sie stolperte hinaus ins Freie.
Kalte Luft schnitt durch ihre Lunge, aber sie sog sie ein wie jemand, der zum ersten Mal wieder atmete. Und dann hörte sie es:
„…Liv…?“
Eine Stimme in der Ferne, nicht ihre eigene. Sie drehte sich in die Richtung — und sah sie.
Livia. Haare zerzaust, blass, aber stehend. Zwischen fremden Gestalten. Sie war lebendig.
Belles Herz riss auf.
„LIV!“ schrie sie und rannte los.
Jeder Muskel protestierte. Ihre Knie klappten fast weg. Zweige rissen an ihrer Kleidung. Der Boden war uneben, voller Wurzelwerk, und als ihre Füße falsch aufsetzten, knickte sie um — scharf und schmerzhaft.
Der Boden kam auf sie zu.
Doch er traf sie nicht.
Arme fingen sie ab. Hart, warm, muskolös.
Sie wurde hochgezogen, sanft, sicher — fest gegen eine Brust gehalten, als wäre sie nichts weiter als ein verlorenes Buch, das man gerade rechtzeitig aufgefangen hatte. Als wäre sie kostbar.
Belle keuchte, versuchte klar zu sehen, und blickte nach oben.
Augen. Dunkel, hungrig, wach, schauten auf sie herab.
Der Blick den er ihr zuwarf ging ihr durch Mark und Bein.
Er sagte nichts. Er musterte sie einfach. Sein Atem streifte ihre Wange, warm im kalten Wind. Seine Hände hielten sie am Rücken und unter den Oberschenkeln, als wäre es selbstverständlich, sie zu tragen. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht, ihre Kehle, ihr zitterndes Atmen zurück zu ihren Augen.
Still aber Aufmerksam. Fast gefährlich ausgehungert — aber nach was konnte sie nicht sagen.
Belle schluckte hart.
Er reagierte nicht.
Er hielt sie nur fester.
Sie öffnete den Mund, wollte etwas sagen — irgendwas — aber er bewegte sich bereits, drehte sich leicht, schirmte sie mit seinem Körper ab, als wäre der Wald voller Feinde.
Und während ihr Herz raste, blieb sein Blick unverändert auf ihr — wie ein Wolf, der gerade etwas gefunden hatte, das er nicht wieder hergeben würde.


































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