Kapitel 3

Belle wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, lange bevor der Krankenwagen vorfuhr.
Die Sirenen kamen wie ein Fremdkörper in die ruhige Wohnstraße – laut, grell, falsch. Und Belle stand zufällig draußen auf dem Gehweg, Pappkaffee in der Hand, Unterlagen für ihren nächsten Prozess unterm Arm.
Der Krankenwagen kam zum Stehen. Die Türen flogen auf.
Und dann sah sie es.
Livia.
Blass. Blut an der Schläfe, an der Lippe. Ein Arm unnatürlich gehalten.
Einer der Sanitäter rief: „Stabilisieren!“
Belle ließ den Kaffee fallen. Der Deckel sprang ab, braune Flüssigkeit breitete sich auf dem Asphalt aus wie ein Schatten.
„Liv!“
Niemand antwortete. Niemand hörte sie.
Die Sanitäter arbeiteten, und Belle war plötzlich wieder fünfzehn und stand in einer Welt, die zu laut für ihre Stimme war.
„Was ist passiert?!“ rief sie, aber niemand erklärte etwas, weil niemand jemals etwas erklärte, wenn man es am meisten brauchte.
Und dann sah sie ihn.
Er stand weiter hinten auf dem Bürgersteig – Arme verschränkt, völlig ruhig, als würde er ein Theaterstück betrachten.
Groß, breitschultrig, scharf geschnittenes Gesicht, Augen dunkel.
Marek.
Er hob den Blick, sah Belle direkt an.
Kein Schock.
Keine Sorge.
Nur Neugier – als hätte er darauf gewartet, wie sie reagierten würde.
Belle spürte, wie ihr Magen schwer wurde.
Sie wusste es einfach.
So, wie man weiß, dass ein Gewitter einen trifft, noch bevor der Blitz sichtbar ist.
Die Sanitäter verluden Livia in den Wagen. Marek trat nicht vor, nicht näher, nicht ein einziges Mal.
Er lächelte nur knapp – und ging.
Der Krankenwagen raste los, und Belle rannte zu ihrem Auto.
Das Krankenhaus war hell, steriler Geruch, blinkende Monitore, zu viele Fragen, zu wenig Antworten. Belle war nicht auf der Besucherliste, also wurde sie nicht vorgelassen.
„Nur Familie!“ sagte die Krankenschwester.
„Ich bin ihre Familie,“ antwortete Belle.
„Nicht laut System.“
Also wartete Belle. Eine Stunde. Zwei, bevor es Zeit war aktiv zu werden.
Belle saß später nicht am Bett.
Sie saß im Schatten.
Besuchszeiten waren vorbei, Besuchererlaubnis? Fehlanzeige. Aber seit wann ließen sich Juristen von Schildern beeindrucken?
Sie hatte es geschafft, am Personal vorbei ins Zimmer zu kommen, im weißen Mantel, den sie sich geliehen hatte, ein Klemmbrett vor der Brust – niemand sah einer Frau mit Klemmbrett in die Augen, das war der Trick.




Und dann stand sie neben Livia.
Livia, die wildeste, lauteste, unzerstörbare Livia – zusammengeschrumpft zu etwas Kleinem, Verletzlichem, mit blauen Flecken, die wie Landkarten aussahen.
Belle machte keinen Laut. Sie setzte sich nicht hin, bewegte sich kaum, atmete sogar leiser, als wäre jede Zelle in ihr plötzlich aus Glas.
Livia schlief. Oder war bewusstlos. Oder beides.
Die Wange geschwollen. Die Lippe offen. Rippenverband. Ein Arm in Schiene.
Das war keine Treppe. Keine Tür. Kein „ich bin gefallen“.
Belle schluckte hart und tastete nach dem Dokument am Fußende des Bettes – Notaufnahme, multiple Kontusionen, Frakturen, Verdacht auf innere Blutung, „Unfall – häusliche Umgebung“. Ein Lügenwort.
Belle dachte: Wenn häusliche Umgebung ein Mann ist, der zuschlägt, dann ja – Unfall.
Sie legte ihre Hand neben Livas – nicht darauf, nur daneben, nah genug, dass es echt wirkte, weit genug, dass Livia spürte, dass sie nicht allein war.
„Liv…“
Es war ein Flüstern, das niemand hörte. Nicht einmal Livia.
Belle hätte ihr gerne gesagt, dass sie bleiben würde. Aber das war gelogen. Sie konnte nicht bleiben, weil man sie rauswerfen würde, sobald man merkte, dass sie nicht „Familie“ war – und weil sie Marek kannte.
Männer wie er kamen nicht ins Krankenhaus, sie warteten vor der Tür.
Livia murmelte im Schlaf. Ein Wort, ein Name – Belle verstand es nicht, aber es klang nach Angst, nicht nach Schmerz.
Belle ballte die Hand, bis ihre Fingernägel in die eigene Haut schnitten.
„Ich hol dich da raus,“ sagte sie leise. „Auch wenn du gerade nicht wach genug bist, um es zu hören.“
Dann steckte sie die Hände in die Kitteltaschen, drehte sich um, ging hinaus. Unbemerkt und Ungesehen.
Am nächsten Tag kam sie wieder.
Das Zimmer war neu belegt.
Das Bett frisch bezogen.
„Patientin 214?“ fragte Belle am Schalter, die Hand fest um die Kante der Theke geschlossen.
Die Schwester blätterte in einem Ordner, runzelte die Stirn, blätterte zurück.
Dann sah sie auf.
„Niemand da.“
Belle blinzelte. „Wie bitte?“
„Niemand im Zimmer.“ Die Schwester klang genervt. „Sie ist weg.“
„Weg?“ Belle spürte, wie ihr Puls stieg. „Weg wohin?“
Die Schwester zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Keine Entlassung. Keine Meldung. Nichts. Die Kollegen auf Schicht sagen, sie war einfach… nicht mehr da.“




Belle starrte sie an. „Sie ist verletzt. Sie hat Brüche.“
„Hatte.“ Die Schwester klappte den Ordner zu. „Falls sie mitgenommen wurde oder gegangen ist, wissen wir nichts davon. Vielleicht hat ein Angehöriger—“
„Sie hat keine Angehörigen hier.“
„Dann ist sie wohl einfach gegangen.“
Belle musste einen bitteren Laut unterdrücken. „Mit aufgerissener Lippe, drei gebrochenen Rippen und einer Armschiene? Sicher.“
„Ich kann Ihnen nicht helfen,“ sagte die Schwester und wandte sich ab. „Bitte machen Sie den Tresen frei.“
Belle blieb stehen.
„Ich bin Anwältin,“ sagte sie ruhig. „Und wenn Sie—“
„Gehen Sie,“ unterbrach die Schwester. „Bevor ich die Security rufe.“
Belle spürte, wie die Wut heiß in ihr hochstieg, aber sie sagte kein Wort mehr.
Sie ging hinaus.
Durch den grauen Flur.
Durch Türen, die leise schnappten.
Und dann stand sie draußen im Regen.
Allein.
Sie suchte tagelang.
Kliniken.
Notdienste.
Ehemalige Freunde.
Ehemalige Bekannte.
Orte, an denen Livia früher immer war.
Nichts.
Keine Spur.
Kein „Ich bin okay“.
Kein Lebenszeichen.
Keine Kameraaufnahmen. Nicht einmal ein Taxi, das sie mitgenommen hätte.
Es war, als hätte jemand den Stoff, aus dem Livia bestand, aus der Realität geschnitten.
Belle rief sie jeden Abend an.
Und jeden Abend sprach sie in die Leere:
„Liv… bitte… sag mir irgendwas.“
Antworten? Gab es nie.
Stattdessen verschwanden die letzten digitalen Spuren:
Instagram? Gelöscht.
TikTok? Leer.
WhatsApp? Kein Profilbild, kein Status.
Snapchat? Verschwunden.
Livia hatte sich nicht von der Welt verabschiedet.
Die Welt hatte sie verschluckt.
Belle saß in ihrem Auto, der Regen trommelte gegen das Dach, und sie flüsterte in ihr Handy:
„Frauen verschwinden nicht einfach. Nicht so. Nicht du.“
Sie lehnte den Kopf gegen das Lenkrad.
„Sag mir wenigstens, dass du noch lebst.“
Keine Antwort.
Nur Regen, der gegen die Scheiben schlug.
Und Belle wusste: Livia war verschwunden, weil sie überleben wollte.
Aber ein Mädchen, das verletzt und allein flieht, hält nicht lange durch.

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