Kapitel 34
Belle hatte irgendwann aufgehört, die Zeit zu zählen, und das war selten ein gutes Zeichen.
Im Haus war es warm, gemütlich, geschützt — aber irgendwann, nach Stunden im Gästezimmer, auf der Couch und mit Livia am Küchentisch, begann die Luft sich anzufühlen wie Stoff. Wie zu dicke Decke. Wie ein Raum, der immer kleiner wurde.
Sie war nicht die Erste, die darüber sprach.
Das war Nora.
Die saß am Fensterbrett im Wohnzimmer, starrte in die winterliche Dämmerung und sagte plötzlich:
„Ich muss hier raus. Sofort. Sonst explodiere ich.“
Belle hob den Kopf vom Buch, das sie eigentlich nicht las. „Explodieren klingt unschön.“
„Es wäre eine hübsche Explosion,“ murmelte Nora. „Mit Konfetti.“
„Aus was denn?“
„Ungelebtes Leben,“ seufzte Nora und rutschte vom Fensterbrett. „Kommt ihr mit raus? Es ist kalt, aber ich will atmen.“
Livia sah von ihrem Tee auf. „Ich sollte wahrscheinlich keine Schneewanderung machen. Aber fünf Minuten gehen.“
Belle schloss das Buch und stand auf. „Frische Luft klingt gut.“
Und so standen sie keine zehn Minuten später auf der breiten Holzveranda, Mäntel zu, Schals oben, Atem sichtbar.
Kaels Haus war umgeben von Fichten, die sich im Schnee sammelten, als würden sie Geschichten bewahren. Es war ruhig — eine Art Ruhig, die man in der Stadt nie bekam.
„Ich hasse und liebe diesen Ort,“ murmelte Livia.
„Wie romantisch,“ sagte Belle trocken.
„Nein, ernsthaft. Dieses Rudel ist wunderschön, aber die Männer… denken oft, dass Frauen kleine Vasen sind, die man auf Fensterbänke stellt, während sie Dinge tun.“
Belle presste die Lippen zusammen. „Ich verstehe das mehr, als ich möchte.“
Nora stapfte bereits die Verandatreppe runter und versank mit dem Stiefel ein Stück im Schnee. „Ich finde Männer nett. Sehr dekorativ, sehr funktional… bis sie dich in Häusern einsperren!“
Belle lachte. „Niemand hat dich eingesperrt.“
„Elias hat mich zurückgelassen. Das ist fast wie einsperren. Nur ohne Tür.“
Belle schmunzelte und ging hinterher.
Livia folgte etwas langsamer, eine Hand schützend auf ihrem Bauch. „Ich schwöre, Kael glaubt, mein Kind fällt einfach raus, wenn ich fünf Meter gehe. Und dabei habe ich noch einige Mobate Schwangerschaft vor mir.“
„Naja,“ sagte Nora, „du bist schwanger… in einem Werwolfrudel.“
„Schwangere Frauen gab es schon vor Rudeln!“ rief Livia empört.
Belle hob eine Hand. „Ich beruhige offiziell niemanden.“
Sie gingen ein paar Meter, dann noch mehr, den verschneiten Pfad entlang, bis die Hauslichter hinter ihnen gedämpft wirkten. Wie aus weiter ferne. Der Himmel war in diesem seltsamen Winterblau zwischen Tag und Nacht. Kein Geräusch außer Schnee, der unter Schuhen brach.
Es tat gut.
Sehr gut.
Die Sonne verschwand schließlich vollständig, bis die Nacht den Tag vollständig bezwang.
Dann blieb Nora stehen.
Nicht abrupt, aber irgendwie… hörend, lauschend.
Belle beobachtete sie einen Moment. Nora hatte einen dieser Blicke — nicht auf einen Punkt gerichtet, sondern auf alles gleichzeitig.
„Was ist?“ fragte Belle.
Nora runzelte die Stirn. „Da ist etwas.“
Livia hielt an. „Was heißt ‚etwas‘?“
„Ich weiß nicht,“ murmelte Nora. „Ein Klang? Oder ein… Rufen? Wie…“ sie suchte nach einem Wort, fand keins und zuckte die Schultern. „Vielleicht bilde ich es mir ein.“
Belle hörte selbst — aber sie hörte nichts. Kein Tier, keinen Wind, keine Stimme.
„Seit wann hörst du Dinge, die niemand hört?“ fragte Livia vorsichtig.
„Seit ich denken kann,“ sagte Nora schlicht. „Ich wusste nur nie, was es ist. Vielleicht bin ich verrückt.“
Belle schüttelte den Kopf. „Du bist nicht verrückt. Du bist sensibel.“
„Das sagen Leute, wenn man verrückt ist,“ konterte Nora.
Belle hob nur ein Augenbraue, und Nora grinste gequält, als wüsste sie, wie leicht sie durchschaubar war.
Sie gingen weiter.
Nach ein paar Minuten sagte Nora plötzlich — völlig ohne Vorwarnung:
„Ich würde gerne wissen, wer meine Eltern sind.“
Belle stoppte kurz im Schritt.
Livia auch.
Nora schaute in den Wald, nicht zu ihnen. „Ich weiß, das klingt kitschig oder so, aber… ich bin 17 und ich weiß nicht einmal, ob meine Mutter dunkle Haare hatte oder ob mein Vater oft gelacht hat.“
Belle fühlte, wie sich in ihrer Brust etwas verschob. Schmerz vielleicht, oder Resonanz.
„Elias hat dich gefunden?“ fragte sie ruhig.
Nora nickte. „Allein. Im Wald. Ich war noch sehr jung. Ich erinnere mich an kaum etwas. Nur an eine Stimme, die meinen Namen sagt, sie meint ich werde geschützt sein. Danach… gar nichts.“
Livia sah sie an, sanfter als zuvor. „Und du willst wissen, wo du herkommst.“
„Ja.“ Nora lächelte schief. „Ich möchte studieren. Reisen. Designen. Leben. Und dann möchte ich jemandem sagen können, dass ich von irgendwo komme. Nicht nur von ‚hier‘. Ich hätte auch gerne einen Partner. Jemand der mich liebt. Im Rudel finde ich niemanden und wenn ich mal in der Stadt bin, vergrault mir Elias jeden Mann der mir zu nahe kommt.“
Es war still.
Belle sagte leise: „Ich verstehe das.“
Nora sah sie an. „Tust du?“
Belle nickte. „Ich versuche seit Jahren, das Erbe meiner Mutter zurückzubekommen. Sie hat ein Unternehmen aufgebaut, bevor sie gestorben ist. Mein Vater und Evelyn haben es… übernommen. Ich habe es nie zurückbekommen.“
Livia starrte sie an. „Stimmt. Deswegen wolltest du Anwältin werden.“
„Ich hatte andere Baustellen,“ sagte Belle trocken. „Gefangennahme, Entführung, Wolf, Sex… du weißt schon.“
Livia lachte leise. „Ja… die Klassiker.“
Nora strahlte plötzlich. „Also willst du dein Erbe zurück?“
Belle nickte. „Ich will, was meiner Mutter gehörte. Und ich will, dass Evelyn es nicht mehr hat.“
„Das finde ich sehr anstrebenswert,“ murmelte Nora.
„Ich finde es sehr gerecht,“ korrigierte Belle.
„Und ich finde,“ sagte Livia, „dass wir alle drei eine sehr ungesunde Neigung haben, große Dinge anzustreben.“
„Liegt am Umfeld,“ sagte Nora.
„Liegt am Testosteron,“ sagte Belle.
Sie lachten. Es war ein ehrliches, warmes Lachen — und es tat gut.
Dann hörte Belle es: Schritte.
Nicht hektisch. Nicht geflüstert.
Schwer. Schnell. Direkt.
Kael trat wenige Sekunden später aus dem Waldweg, Mantel offen, Haare zerzaust, sanfter Schnee auf Schultern — aber seine Augen waren wach.
Zu wach.
„Ihr müsst ins Haus,“ sagte er ohne Einleitung.
Nora stemmte die Hände in die Hüften. „Warum? Wir sind nur einige Meter vom Haus entfernt.“
„Rein,“ wiederholte Kael, und seine Stimme war dieses tiefe Alpha-Kommando, das keine Diskussion duldete.
Belle fühlte sofort, wie sich ihr Nacken sträubte — nicht aus Angst, sondern aus Instinkt. Kael wirkte nicht wütend. Nicht genervt.
Er wirkte alarmiert.
Livia trat einen Schritt zu ihm, legte eine Hand auf seinen Arm. „Kael… was ist los?“
Kael atmete einmal tief ein, dann sah er über ihre Köpfe hinweg in die Dunkelheit.
„Asher hat sich gemeldet,“ sagte er. „Und ich habe meinen Jägern gesagt, sie sollen die Grenzen schließen.“
Belle erstarrte. „Die Grenzen?“
Kael nickte. „Etwas bewegt sich Richtung unseres Reviers. Cade verfolgt es. Es kommt schnell. Sehr schnell. Schneller als zuvor.“
Nora blinzelte. „Was kommt schnell?“
Kael atmete wieder ein — diesmal tiefer — und sein Körper spannte sich.
Livia flüsterte: „Kael?“
Er hob langsam den Kopf.
Sein Ausdruck änderte sich. Von Anspannung zu…
Erkennen.
„Er riecht es,“ sagte Belle leise, eher zu sich als zu anderen.
Kael antwortete nicht. Stattdessen sagte er nur:
„Haus. Jetzt.“
Seine Stimme war nicht laut. Aber das Wort zerschnitt die Luft wie Stahl.
Und im nächsten Atemzug hörte Belle es auch.
Nicht mit Ohren.
Mit Knochen.
Ein dumpfer, tiefer Druck — weit entfernt — wie ein leiser Schrei, den der Wald verschluckte.
Und der Schnee unter ihren Füßen fühlte sich plötzlich kälter an.
Dunkelheit hatte Gewicht bekommen.
Und sie war nicht allein.






















































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