Kapitel 36

Belle stand dicht neben Nora und Livia, der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, und die Dunkelheit jenseits der Veranda des Rudelhauses wirkte wie eine einzige, kompakte Wand. Kael hatte sich vor sie gestellt, Schultern breit, Haltung gespannt wie ein Bogen. Sein Blick war fest auf den Wald gerichtet.
„Kein Schritt nach vorn“, sagte er mit ruhiger, aber unmissverständlicher Tiefe. Belle nickte automatisch.
Livia legte eine Hand auf seinen Arm. „Kael, sag—“
Doch bevor sie den Satz beenden konnte, erstarrte er. Nicht laut, nicht dramatisch — einfach abrupt genug, dass selbst der Wind seinen Atem anhielt. Belle sah den Moment, in dem Kael etwas wahrnahm.
Nicht ein Tier. Nicht ein Geräusch. Etwas anderes, das aus der Ferne seine ganze Aufmerksamkeit riss.
Dann roch er etwas.
Wölfe rochen anders als Menschen — sie rochen Absichten, Richtungen, Leben. Was Kael roch, ließ sein Nackenfell förmlich unter der Haut arbeiten.
„Alle drei zurück“, sagte er knapp.
Er drehte sich halb um, und in seinen Pupillen glomm gelbliches Wolflicht.
„Kael—“ versuchte Livia erneut, doch er schnitt ihr das Wort ab, härter als zuvor:
„Zurück! Jetzt!“
Belle griff reflexhaft nach Nora, die wie angewurzelt stand, und zog sie ein paar Schritte zurück. Nora wirkte plötzlich jünger, verletzlicher — als würde sie etwas hören, was die anderen nicht hörten.
„Da ist es wieder“, flüsterte sie.
„Was?“ fragte Belle.
„Dieses… Rufen.“ Nora presste eine Hand gegen ihr Brustbein, als würde es dort schmerzen. „Wie ein Name ohne Stimme. Wie jemand, der unter Wasser schreit.“
Belle wollte nachfragen, da bewegte sich etwas am Rand der Lichtung — dort, wo der Mond durch die Bäume fiel.
Keine Schritte. Kein Rascheln. Nur eine Gestalt, die aus der Dunkelheit trat, als sei sie immer Teil davon gewesen.
Belle fluchte leise und packte Livia am Ellbogen; auch Livia wich instinktiv zurück.
Dann trat die Gestalt vollständig ins Mondlicht.
Ein Körper.
Verwest. Zerfetzt. Haut wie nasses Papier, aufgerissen an Gelenken und Rippen, fast durchsichtig. Kleidung hing in streifigen Fetzen, schwarz und feucht vor Moder. Die Augen… leer, und doch unnatürlich hell.
Belle erkannte das Gesicht — oder das, was davon übrig war.




„Marek“, hauchte sie.
Nora stieß ein ersticktes Geräusch aus, Livia flüsterte nur: „Scheiße.“
Kael schob sich weiter vor und stellte sich zwischen sie und den Leichnam. Sein Körper senkte sich leicht, Fingerspitzen krümmten sich, als könne die Verwandlung bei jedem Hauch ausbrechen.
Der Leichnam stand still.
Nicht wie ein Mensch. Nicht neugierig. Einfach… vorhanden.
Dann bewegten sich die Augen.
Zuerst zu Livia — ein kurzer, uninteressierter Blick, der über sie hinweg glitt wie über einen Baum oder einen Stein. Kein Hunger. Kein Erkennen.
Dann zu Nora.
Belle sah die Veränderung — nicht im Körper, sondern in der Luft. Die Atmosphäre schien zu flirren, als wäre unsichtbare Hitze über Asphalt, nur ohne Wärme. Eher wie ein Sog. Ein dunkles, prüfendes Erkennen.
Noras Mund öffnete sich tonlos, als würde ihr die Luft genommen.
Belle verstand nicht, was diese Reaktion bedeutete — aber ihr Körper wusste es. Ihre Haut prickelte, ihre Finger wurden taub.
Nora reagierte, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Sie stolperte rückwärts, schüttelte heftig den Kopf.
„Geh weg“, keuchte sie.
Kael hörte den Tonfall — und das reichte.
„Rückzug!“ brüllte er.
Doch es war zu spät.
Mareks Körper bewegte sich — nicht wie ein Mensch, nicht wie ein Tier. Es war ein einziger, unnatürlicher Vorwärtssturz, so schnell, dass das Auge kaum folgen konnte.
Kael verwandelte sich im selben Zug.
Kein Schrei, kein Zögern — Haut platzte, Stoff riss, Knochen verschoben sich, Fell schoss hervor, und ein massiver, schwarzer Wolf rammte Mareks Leiche seitlich in den Schnee.
Die Wucht schleuderte weiße Fontänen in die Luft.
Belle schnappte nach Luft. „Livia—“
„Ich bin hier“, keuchte sie, presste sich trotz ihres Bauchs an Belle und zog sie zurück.
Kael hielt Mareks Körper am Boden, Zähne in verrotteter Schulter, Krallen tief im Brustkorb.
Dann geschah es.
Etwas löste sich.
Nicht sichtbar — und doch sichtbar genug.
Ein Schatten wie flüssige Dunkelheit hob sich aus Mareks Brust — nicht wie Rauch, sondern wie eine Seele, die falsch herum gezogen wurde.
Belle keuchte. „Was—“
Der Schatten löste sich vollständig von der Hülle.
Kael knurrte, biss tiefer, wollte es festhalten — aber man hält kein Licht mit Zähnen, und keinen Schatten mit Krallen.




Die Dunkelheit wandte sich ab. Nicht zu Livia. Nicht zu Kael.
Zu ihr. Zu Belle.
Belle spürte kalte Finger, die über ihre Gedanken strichen. Die Luft verzog sich um den Schatten, und obwohl er keine Augen hatte, spürte sie sein Sehen.
Du.
Belle stolperte zurück. Ihr Blut rauschte in den Ohren.
Die Ungebrochene. Die nicht kniet. Du wirst ein guter Wirt sein.
Belle wollte rennen. Schreien. Etwas tun. Aber ihre Beine gehorchten nicht.
Der Schatten schoss auf sie zu.
Und Nora bewegte sich.
Sie riss Belle mit einer Kraft zur Seite, die man nicht von ihr erwartet hätte. Belle stürzte hart in den Schnee, der Atem blieb stecken.
Nora stand zwischen ihr und der Dunkelheit, Arme ausgestreckt, als könne sie allein eine Mauer bauen.
Dann traf es sie.
Nora warf den Kopf zurück, als würde etwas durch ihren Geist brechen. Ihr Mund öffnete sich, aber kein Schrei kam heraus.
Belle kroch zu ihr. „Nora! Nora, atme! Hör mich—!“
Doch dann geschah etwas, das Belle nie vergessen würde.
Nora leuchtete.
Nicht Haut, nicht wirklich Licht — eher etwas Inneres. Eine Wärme. Eine Macht, die nicht von dieser Welt war.
Der Schatten prallte ab.
Ein Zischen füllte die Luft, wie Feuer, das auf Eis trifft.
Kind der Astarte, fauchte die Stimme — diesmal hörten es alle. Livia fuhr zusammen, Belle hielt den Atem an.
Nora war nicht stark genug, um standzuhalten — aber stark genug, um nicht zu brechen.
Der Schatten wurde aus ihr gerissen, taumelte zurück, dünner, instabiler.
Belle sah, wie er wieder auf sie zuflog.
Du.
Belle fühlte, wie die Welt enger wurde. Fast hätte sie die Augen geschlossen.
Doch bevor es sie erreichte, brach ein Wolf aus den Bäumen.
Nicht Kael. Nicht Asher. Nicht Elias.
Dunkel, fast silbern am Nacken.
Er rammte den Schatten mit solcher Wucht, dass der Luftstoß Belle erneut zu Boden drückte. Der Wolf stand über dem Schatten, Krallen tief im Schnee, Zähne nach etwas schnappend, das kaum Substanz hatte.
Belle brauchte keinen Namen.
Kein anderer knurrte so — wütend, verzweifelt, schützend.
„Cade“, flüsterte sie.
Inzwischen stand Kael wieder, Wolfsgestalt, während Mareks Hülle reglos im Schnee lag — endgültig tot.
Cade hielt das, was davon übrig war, am Boden.




Eine Seele. Ein Fragment. Ein Rest.
Belle hörte das letzte Wispern, bevor es zerfaserte:
Diese Welt… ich komme wieder… mit einem neuen Wirt.
Dann zerfiel es.
Nicht wie Rauch, nicht wie Nebel — Teile sickerten in den Boden, andere in die Luft, ein letzter Funke glitt in den Wald.
Die Welt atmete erst nach Sekunden wieder.
Kael wandte sich Livia zu — sie weinte, nicht aus Angst, sondern aus Wut.
Nora zitterte, lebte aber.
Und Cade stand noch lange knurrend über den Resten, als könne er verhindern, dass etwas entkam.
Erst als er Belle ansah, beruhigte sich sein Atem. Seine Schnauze strich an ihrem Hals entlang — prüfend, riechend, sichernd.
Belle legte eine Hand in sein Fell und flüsterte:
„Du bist da.“
Und zum ersten Mal in dieser Nacht wusste sie:
Das war kein Ende.
Das war ein Auftakt.

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