Kapitel 23

Belohnt für ihren eisernen Widerstand dem Geisterjäger gegenüber wird Skyla mit einem strahlender Sonntagmorgen. Die Sonnen scheint friedvoll. Die Vögel zwitschern und die meisten Leute verplanen ihren Tag bei einer gemütlichen Frühstücksrunde. Auch die Nacht verlief ruhig. Anders als erwartet. Denn Milan bewies wie ihr Kolleg Julian wahrlich Ausdauer, wenn es ums Flirten geht. Trotz Ignoranz ließ er sich nicht unterkriegen. Bis zur Haustür war sie dem unverschämten Geisterjäger ausgeliefert. Sich mit einem Streuner zu vergleichen und einen bettelnden Blick aufzusetzen machte Milan sogar umso niedlicher. Doch Haustiere darf Skyla keine reinbringen und Milan passt gut zu dieser Kategorie.

 

Im Nachhinein bringt die Erinnerung von ihrem Nachhauseweg Skyla sogar zum Schmunzeln. Jetzt, wo ihr Zorn verflogen ist, kann sie mit der Erfahrung besser umgehen. Auch mit dem aufdringlichen Kuss. Was hätte sie nicht dafür gegeben. Natürlich unter anderen Umständen. Ihn besser kennen lernen und sich langsam zu verlieben. Optisch wäre er genau ihr Typ und auch die wenigen Momente mit ihm zeigten ihr fürsorgliche und charmante Seiten. Doch die Art, wie er mit ihr spielt und ihre Schwächen zu seinem Vorteil nutzt, lässt sie zurück schrecken. An ihm wird sie sich die Finger verbrennen. Auch Lukas warnte sie vor ihm und ihr bester Freund hat eine hervorragende Menschenkenntnis. Auf sein Urteilsvermögen war bislang immer Verlass.

 

Ein tiefer Atemzug und Skyla lehnt sich ans offene Fenster heraus. Die Augen werden kurz geschlossen und der Moment mit all den Details eingefangen und genossen. Die wärmenden Sonnenstrahlen. Der sanft Wind, der ihr durch die wilde Mähne pustet und die friedvolle Stille. Sonntags schlummern die Stadtbewohner lang, womit ihre Ohren vom Lärm verschont bleiben. Der Wunsch nach einem Ausflug – raus in die Natur– wächst. Aber Freizeit ist ein Privileg, das sie sich verdienen muss. Die Arbeit ruft. Der nächst Urlaub befindet sich in weiter Ferne. Umso wertvoller sind Momente wie diese.

 

Bedauerlich wendet sich Skyla vom Fenster ab, um sich am Spiegel die wilde Mähne zu bürsten. Entschlossen greift sich nach einem Haargummi und wagt sich ans Bändigen ihres widerspenstigen Haar. Das Ergebnis ist zwar nicht perfekt, aber für sie persönlich zufriedenstellend. Der süße, kleine Pferdeschwanz erhellt sogar ihre Laune. Nach einer kleinen Stärkung soll es für sie gleich zum Betrieb gehen. David belohnt sie gestern mit einem zufriedenen Gesicht. Das Lob ihres Ausbilders schenkte ihr einen kurzen Höhenflug, der ihr aber nicht zu Kopf steigen darf. Für die Übernahme wird Skyla alles geben, denn sie fühlt sich im Betrieb willkommen und eine Festeinstellung wäre ein wahr gewordener Traum. David ist ein hervorragender Koch. So wie ihr Küchenchef. Sie genießt ihre Lehre und blickt mit Stolz zu den beiden Oberhäuptern auf. Ihre unheimlichen Heimsuchungen mit der anderen Seite dürfen ihr diese Chance unter keinen Umständen versauen. Auch nicht Milan und sein ungenießbarer Partner.



 

Ein Wirbelwind wie sie bringt ihre weiße Kommode bedrohlich zum Wackeln, als Skyla abrupt vor der Zimmertür innehält. Grund dafür ist das geliebte Foto, das auf dem Schrank thront. Ihre Oma lächelte damals lieblich in die Kamera. Ihr verdankt Skyla die Grundkenntnisse in der Küche und die Wahl ihres Berufs. Oma Ulrike stand während der Aufnahme des Fotos im großen Garten. Umgeben von ihren geschätzten Rosen. Skyla liebt den Duft der Edelrose Acapella. Die zweifarbige Blüte wandert als Schnittblume dann gerne vom Garten in die Küche ihrer Oma. Während die Rose von innen mit einem Kirschrot glänzt, wechselt die Farbe zum Ende der Blütenblätter auf Silberrot. Schöner als die gelben Rosen am Eingangstunnel des Betriebs.

 

Durch die dicken Brillengläser schauten die wasserblauen Augen ihrer Oma hervor. Skylas Vater Finn hat diese von seiner Mutter geerbt. Während Skyla ihre Augenfarbe eher von ihrer Mutter bekam. Ihre Oma liebt Pastellfarben, das zeigt sie auch gerne anhand ihrer Kleidung. Spätestens an Weihnachten bekommt Skyla ihre geliebte Oma zu sehen. Anders als ihre Eltern, verhält sich ihre Oma Ulrike erwachsen und nicht so albern. Mit ihr kann sich Skyla gut unterhalten, während Finn und Kacie sich immer noch wie zwei frisch verliebte Kinder aufführen. Auch jetzt in diesem Augenblick hört sie die beiden rumalbern, dass Skyla am liebsten aus dem Fenster klettern mag. Doch ohne ein Frühstück wird sich ihr Körper über den Tag rächen. Daher folgt der Gang zur Küche.

 

Crispy Chicken Caesar Sandwich

  • 1 Baguette nach Wahl (Skylas Liebling ist das Oregano-Parmesan-Baguette)
  • 1 Hähnchenbrust
  • Cornflakes und Mehl zum Panieren
  • 2 Eier
  • Ein Schluck Buttermilch
  • Salz, Pfeffer, Knoblauch- und Paprikapulver zum Würzen
  • Tomate, Gurke, Hirtenkäse und Salat zum Belegen
  • Mayo aus: 200 ml geschmacksneutralen Öl, der Saft einer halben Zitrone, 1 Zehe Knoblauch, 1 EL Joghurt und für die Optik Kräuter nach Wahl

 

Die Freude ist groß. Skyla kümmerte sich gestern in aller Frühe um das Panieren und Garen der Händchenbrust. In aller Frühe geht es nur um das Belegen. Ein Blick in den Kühlschrank zeigt, dass ihre Strategie aufging. Bewusst garte mehr als genug paniertes Fleisch in dem Air-Fryer. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat sich ihr Vater bereits bedient. Meist geht es noch nicht mal ums Frühstück, sondern für den Snack auf der Arbeit, aber darauf ist die Tochter nach all den diebischen Jahren vorbereitet.



 

Wie sich zeigt, hat sich der werte Herr des Hauses auch an ihrer selbstgemachten Mayonnaise bedient. Kritisch beäugt Skyla den Inhalt der befüllbaren Flasche.

„Ach so.“ Mutter Kacie legt ihr die Hand auf die Schulter. „Dein Vater bat mich, dich zu erinnern, Nachschub zu machen.“

Skyla brummt zuerst. „Ist es so schwer, eine Mayo hochzuziehen? Ihr braucht nur ein langes Gefäß, haut das ganze Zeug rein und zieht mit einem Pürierstab die Maße langsam hoch. Das ist keine große Kunst! Das Rezept habe ich euch sogar aufgeschrieben!“

Zornig deutet sie auf den Kühlschrank, aber die Zettel werden dort einfach ignoriert und ihre Mutter lächelt bereits entschuldigend.

„Ich habe nicht mal die Ahnung, wo unser Pürierstab ist.“

Skyla ahnte es. Es ist immer die gleiche Ausrede und wie so oft auch begibt sie sich zur Schublade und holt das Wunderwerkzeug kurz heraus, aber ihre Mutter wendet sich bereits von ihr ab und verlässt den Raum. Ihre Eltern versuchen es nicht mal! Die beiden wären ohne Skyla so etwas von aufgeschmissen.

 

Pech gehabt! Der letzte Rest Mayo reicht für das Belegen ihres Sandwiches. Der Stressabbau beginnt beim liebevollen Belegen. Allein der Duft vom geliebten Oregano und dem gebackenen Parmesan auf dem Brot lässt Skyla die Aufregung vergessen. Mit großem Hunger und Vorfreude nimmt Skyla Platz. Der erste Bissen ist eine Wohltat. Eine Stärkung, die genau recht kommt. Ein Gaumenschmaus. Es knuspert im Mund und die Balance zwischen dem Salat und der Mayo runden das Ganze perfekt ab. Der Bissen ist noch nicht mal halb zu Ende gekaut, da landet ein Brief auf dem Tisch neben ihr. Erwartungsvoll blickt ihre Mutter zu ihr hinab. Skyla befürchtet einen Trick. Passt sie nicht auf, befindet sich ihr Frühstück gleich in den Händen ihrer Mutter.

 

Post am Sonntag?

Stirnrunzelnd betrachtet Skyla den Umschlag. Vielleicht meldet sich der Vermieter, die Nachbarschaft oder jemand hat eine Einladung reingeschmissen.

„Hast du Geheimnisse?“

Ihre Mutter flötet und grinst verdächtig. Wissend und belustigt. Dabei hatte Skyla kurze Sorge, die Polizei würde sich zu dem Vorfall noch mal melden. Beunruhigt hebt Skyla den Brief auf und beginnt die kraklige Schrift zu entziffern.



„Ich kann es kaum lesen“, folgt ihr Geständnis.

 

Wie Skyla in wenigen Augenblicken später erfährt, lag der Brief auch nicht im Briefkasten, sondern eher vor der Haustür. Der Spionagedienst ihrer Nachbarin zeigt wieder einmal, dass die alte Frau von Gegenüber kein Privatleben hat. So schwärmte sie ihrer Mutter die Ohren voll, wie süß Milan doch sei. Selbst eine Rose hat er vor die Haustür gelegt.

 

Verbrennen wäre die einzig richtige Entscheidung. Aber Skyla erkennt, dass manche Thematiken wie die Geisterjagd mit Bedacht erwähnt werden sollten. Daher glaubt sie wertvolle Informationen zwischen den Zeilen zu finden. Der Briefumschlag ist nur einen kleinen Spalt geöffnet, das schlägt ihr Milans billiges Parfüm entgegen. Erneut keimt der Gedanke auf, Feuer ins Spiel zu bringen. Miesmutig entfaltet sie den Zettel und widmet sich den Hieroglyphen. Sich am frühen Morgen so konzentrieren zu müssen, ist eine Sache, aber das Sahnehäubchen oben drauf ist eine widerliche Portion von verzweifelten Flirtversuchen. Bei all dem Gesülze zwischen den Zeilen kriegt Skyla kaum ihr Frühstück runtergewürgt.

 

Während sich Skyla den unausstehlichen Briefen widmet, glaubt sie, Milans Stimme zu hören. Es sind seine Zeilen, also sicherlich spielt ihr Kopf verrückt. Kaum hebt Skyla den Blick, grinst ihre Mutter wie ein Honigkuchenpferd. An ihrer Seite befindet sich tatsächlich Milan, der auch ihren Eltern verklickert hat, dass die beiden schon länger als Paar durchgehen und es allerhöchste Zeit wäre, sich vorzustellen. Auch hier hat Skyla keine Chance, zu Wort zu kommen. Das Gespräch verläuft ähnlich wie mit Emilie und zu Skylas Bedauern verhält sich ihre Mutter Kacie haargenau wie ihre Schulkameradin. So stellt sich für die Tochter die Frage, ob sie wirklich zur Familie gehört oder nicht einfach adoptiert wurde. Sie findet kaum eine Ähnlichkeit mit ihren Eltern. Vielleicht hilft ihr Patenonkel Thomas weiter. Da Skyla sowieso nicht in das Gespräch zwischen Milan und ihrer Mutter einbezogen wird, holt sie ihr Handy aus der Tasche und öffnet den Chatverlauf zu Lukas‘ Vater.

 

Hast du Zeit oder störe ich dich, Thomas?

 

Zum Glück sind Lukas und sein Vater keine Langschläfer und als Bankkaufmänner haben die beiden die Angewohnheit ihr Handy immer bei sich zu tragen. So erhält Skyla auch direkt eine Antwort von ihm.



 

Hey, Skyla-Schätzchen. Ich habe ja lange nichts mehr von dir gehört. Wie geht es dir?

Du störst nie. Weißt du doch ;D

Lukas lässt dich grüßen.

 

Eigentlich will ich nicht lange stören, ich muss ja eh gleich zur Arbeit. Aber mich beschäftigt da schon länger eine Frage und ich will, dass du ganz, ganz und ganz ehrlich zu mir bist. Okay?

Grüße Lukas zurück.

 

Okay, das klingt sehr ernst. Aber ich verspreche dir, ich werde ehrlich sein.

Also was beschäftigt meine Patentochter?

 

Bin ich adoptiert? Und sei ehrlich!

 

Darf ich fragen, wie du darauf kommst?

 

Also ja! Ich wusste es! Ich wusste es! Ich habe einfach keine Gemeinsamkeiten mit den beiden.

 

Skyla-Schätzchen, ich muss dich leider enttäuschen. Du bist Kacies und Finns Tochter.

 

Unmöglich! Was habe ich bitte mit den beiden gemeinsam?

 

Kacies Temperament und Finns Klugheit.

 

 Vorsicht, Thomas! Jetzt bist du nicht mehr mein Lieblingspatenonkel.

 

Haha >:D

Das macht nichts, denn ich bin dein einziger Patenonkel.

 

Na gut, du hast gewonnen. Ich verzeihe dir.

Aber verscherze es in Zukunft nicht mit mir ;D Denn ich bin deine einzige Patentochter 😛

Ich muss mich aber jetzt verabschieden, denn während ihr zwei Faulpelze euren freien Tag genießt, stehe ich den ganzen Tag am Herd.

 

Vielleicht kommen wir ja vorbei und essen bei dir.

 

Ne. Hast du nicht verdient. Du warst gemein zu mir. Kannst dich ja selber an den Herd stellen.

 

Oder wir bestellen uns was gemütlich vom Chinesen.

Oder vielleicht doch eine Pizza?

 

Macht, was ihr nicht lassen könnt.

 Grüße deine Eltern und sei lieb zu ihnen.

 

Ich bin immer lieb.

 

Davon wüsste ich 😉

 

So jetzt reicht es!

Ich gehe arbeiten!

 

Jetzt sei doch nicht so.

Du hast mich doch trotzdem weiterhin lieb?

Skyla?

 

Sei besser dankbar, dass ich

dich und Lukas so gern habe!

Natürlich habe ich dich lieb!

 

Das ist meine Patentochter!

 

Mit einem Lächeln steckt Skyla ihr Handy ein. Manchmal verhält sich Thomas genauso albern wie ihre Eltern, aber das ist wahrscheinlich der Grund, warum die drei beste Freunde sind. Zu Skylas Bedauern haben Milan und ihre Mutter die Unterhaltung noch nicht beendet.



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