Kapitel 35 – Körperliche Absonderungen eines Fürsten
Kapitel 35 – Körperliche Absonderungen eines Fürsten
Aurelie
Schniefend und schluchzend lag ich im Bett, krümmte mich vor Qual und wimmerte leise, beim Gedanken, mit welchen Worten ich ihn verabschiedet hatte. Aber es war besser so. Wenn er ging, dann musste er auch nicht wiederkommen. Wenn es für ihn infrage kam, alleine in das Goldene Reich zurückzureisen und zu regieren, während ich hier drei Jahre versauerte und schließlich alleine zur Niederkunft kam, dann wollte ich ihn nicht. Er wollte nicht an meiner Seite sein? Dann wollte ich ihn auch nicht mehr! So einfach war das.
Sollte man meinen. Für meinen Verstand war klar, dass er uns verlassen hatte. Aber mein Herz erinnerte mich daran, dass da mehr war als diese Bindung, die uns aneinander fesselte. Schon als ich noch ein Kind gewesen war, als der Blutschwur noch nicht einmal existiert hatte, hatte ich mich nach seiner Berührung und seiner Nähe gesehnt, so unschuldig meine Gedanken damals auch gewesen sein mochten.
Ob er sich, nachdem er damals bei mir geschlafen und mit mir gekuschelt hatte, nachher bei Carina abgeregt hatte? Garantiert. So wie er sich auch jedes Mal zu den Haremsfrauen ins Bett gelegt hatte, wenn ich ihn in meinem Bett nicht willkommen geheißen hatte.
Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Er würde sich einfach eine andere Königin suchen. Und das Reich alleine regieren.
Wütend griff ich nach irgendetwas und warf es durch den Raum, sodass es an der nächsten Wand laut klirrend zerschellte. Zermürbt sah ich auf den Honig, der langsam die Mauer hinunterfloss. Gespickt mit Glasscherben. Ein wütender Schrei verließ meine Kehle, ehe er aufgrund Luftmangels erstarb und zu einem hilflosen, gequälten Luftschnappen wurde. Mein Herz schien zu rasen. Meine Lungen zu brennen. Meine Schluchzer hörte man mit Sicherheit im ganzen Schloss, aber ich glaubte nicht, dass er noch da war. Die Nacht war hereingebrochen. Er hatte mich zurückgelassen.
Irina kam herein, sah zuerst zu mir, dann zu dem Honig. „Ach, Kleine“, seufzte sie und kam auf mich zu. „Habt ihr euch jetzt doch wieder gestritten? Oder ist er los, um das ganze Land nach Honig zu durchsuchen?“ Irina setzte sich wieder zu mir auf das Bett und ergriff meine Hände.
Geschüttelt von Schluchzern kam kein Wort über meine Lippen. Aber ich hätte auch nicht gewusst, was ich ihr sagen sollte. Er war gegangen. Hatte mich zurückgelassen. Uns. Und dann, wenn er Hilfe geholt hatte, wollte er wieder gehen und mich alleinlassen. Mich die Strapazen einer Geburt allein durchstehen lassen. Und danach?
Der Kloß in meiner Kehle schwoll an. Mit einem Neugeborenen konnte man nicht reisen. Es würde vielleicht ein Jahrzehnt dauern, bis ich ihn wiedersehen könnte. Wenn ich das denn dann noch wollte. Und in der Zeit? Befriedigte er sich brav mit seiner Hand?
„Nayara …“ Irina hielt mich fest, während ich gar nicht mehr aufhören konnte, zu weinen. Immer wieder strich sie über meine Haare, meine nassen Wangen oder den Rücken. Sie hielt mich fest, aber sie schwieg. Keine tröstenden Worte kamen über ihre Lippen. Was sollte sie auch sagen? Dass er zurückkäme? Und was dann?
„Ugh, was ist denn das?“ Irina hielt ihre Hand hoch. Als ich schniefend aufblickte, entkam mir ein verheultes Grunzen.
„Lass es dir schmecken.“ Ich hatte keinen Hunger mehr.
„Seit wann verteilst du angebissene Honigbrote in deinem Bett?“, wollte sie mit erhobener Augenbraue und angeekeltem Gesicht wissen.
Wieder grunzte ich verheult-belustigt. „Ist mein Abendessen gewesen.“
„Ist dir der Appetit auf Honig vergangen? Wie ist es mit Obst? Oder Käse?“ Sie schob mir das Tablett vor die Nase, während sie die Überreste meines Honigbrots beseitigte. „Vielleicht hast du auch Lust auf Kuchen?“
Stumm schüttelte ich den Kopf, verabschiedete mich geistig von ihrer Nähe und drehte mich auf die andere Seite, um mich von ihr abgewandt wieder zusammenzukrümmen und traurig zu sein. „Ich habe keinen Hunger mehr, Irina.“ Seltsam, dachte ich, denn vorhin hätte ich noch ein ganzes Pferd verdrücken können.
„Du musst etwas essen, Naya.“ Irina legte sich seufzend hinter mich, schlang einen Arm um meinen Körper und schmiegte sich von an mich. „Möchtest du etwas anderes? Ein Glas Milch vielleicht? Oder Tee?“
„Nein Irina. Ich möchte nichts, bitte respektiere das“, flüsterte ich und schloss meine Augen. Sie brannten. Wie lange hatte ich geweint?
Die Nacht war rum gegangen und Irina bei mir geblieben. Ungeachtet dessen, dass sie selbst gar nicht mehr schlafen konnte. Nach einem erneuten, dieses Mal etwas weniger direkten Versuch, mich zum Essen zu bringen, welcher jedoch sang- und klanglos scheiterte, ging sie schließlich mit tief hängenden Schultern hinaus. Zumindest vermutete ich das, meine Augen hatte ich nämlich geschlossen gehalten.
Während Irina sich also die Zeit mit der Jagd vertrieb, da sie sich zumeist nur von Tierblut ernährte, vegetierte ich weiter im Bett vor mich hin. Dass ich nichts aß, hatte den einfachen Grund, dass ich es noch nicht einmal zu schlucken schaffen würde. Seit gestern war da dieser Kloß in meinem Hals, an dem nur mit großer Mühe Worte und Luft ihren Weg vorbei fanden. Und schon das erschien mir anstrengend.
Ich genoss die Ruhe um mich herum. Und gleichzeitig verlor ich mich darin. Meine Gedanken schweiften ohne Punkt und Komma, meine Gefühle hüpften hoch und runter und mit jedem Mal runter noch ein wenig tiefer. Meine Laune war noch schlechter als heute Morgen, als ich die Augen aufgeschlagen und mir der Umstände erstmals so richtig bewusst geworden war.
Er war weg. Ich spürte es in mir. Die Leere. Der Zug zu ihm hin. Begleitet wurden meine sehnsuchtsvollen und gleichzeitig schmerzdurchdrungenen Gedanken von dem Herzschlag unter meinem Herzen. Manchmal sprach ich mit ihm. Manchmal bildete ich mir dann auch ein, er würde schneller oder langsamer. Als hörte das Kind wirklich zu und antwortete körperlich auf meine Sorgen und Sehnsüchte, die ich ihm in stiller Zweisamkeit anvertraute.
Plötzlich klopfte es. Träge ging mein Blick, durch geschwollene Augen hindurch, zum Fenster. Die Sonne stand bereits hoch. Mittag. War Irina schon zurück? Sie hatte doch gemeint, es könnte auch länger dauern aufgrund des einbrechenden Winters? Weil sich die Tiere langsam zurückzogen.
Wo Kaldor jetzt wohl war? Was er nun machte? Hatte er vielleicht mittlerweile selbst kleine süße Welpen gezeugt, auf die er jetzt aufpassen musste? Zusammen mit einer Kaldine?
Den Gedanken vertreibend, schüttelte ich den Kopf. Vermutlich lag er geröstet auf dem Teller irgendeines Adeligen. Ich schluckte. Dieser Gedanke hellte mein Gemüt nicht gerade auf.
Wieder ein Klopfen, das meine Gedanken entzwei riss. „Was?!“, schnauzte ich wütend. Mein Kopf schnellte zur Tür, wobei mir kurz schwarz vor Augen wurde. Ich hörte nur, wie die Tür vorsichtig geöffnet wurde. Als sich meine Sicht wieder lichtete, blieb mein Blick zuerst an dem Honig hängen, dessen Geschmack mittlerweile den gesamten Raum eingenommen hatte, aber noch immer an der Mauer gegenüber dem Bette klebte. Mittlerweile in Form eines langen, dicken Strichs die Wand hinab.
„Majestät?“, hörte ich eine leise Stimme. Sie wirkte vorsichtig. Langsam wandte ich ihr den Kopf zu, nur um eine Frau ende zwanzig mit aschblondem Haar und beinahe weißer Haut zu erkennen. Sie trat einen Schritt weiter in den Raum hinein und schloss sanft die Tür hinter sich. Dann verfiel sie in einen tiefen Knicks. „Ich bin hier, um Euch zu nähren. Ein anderes Mädchen wird Euch gleich noch das Mittagessen ans Bett bringen und zum Dinner seid Ihr mit dem Fürsten verabredet. Er weiß zwar um Eure verordnete Bettruhe, bestand aber darauf.“
Sprachlos sah ich die Frau an, meine Miene dunkel. Und mit jedem Wort wurde ich wütender. Dennoch beherrscht fragte ich: „Hegt Ihr einen Todeswunsch?“
Die Frau erstarrte und riss die Augen auf. „Habe ich einen Fehler begangen, meine Königin?“, wollte sie sichtlich angespannt wissen. Dabei ließ ihre vorherige, selbstbewusste Haltung darauf schließen, dass sie immer mit Anstand behandelt worden war. Und freiwillig ihr Blut spendete.
Ich winkte ab und kauerte mich wieder, zum Fenster gedreht, zusammen. „Nein, nein. Aber du brauchst mich nicht zu nähren. Ich habe keinen Durst.“
„Ich … verstehe“, kam es langsam zurück. „Dann werde ich beim Dinner heute Abend bereitstehen.“ Sie zögerte. Wahrscheinlich, weil ich nichts entgegnete. Aber sie war noch da. Ich hörte ihren Herzschlag, roch ihren Duft. Aber ich konnte es nicht zuordnen. Der ganze Raum roch nach Honig. „Der Fürst sorgt sich, Majestät. Wir alle sorgen uns um Euch. Speziell des Wunders unter Eurem Herzen wegen.“
„Dann haben jetzt alle wundervolle Sorgen. Welch Jammer“, brummte ich trocken. „Ihr könnt gehen.“
„Natürlich, Majestät. Ich hole Euch um neunzehn Uhr ab.“ Sie knickste wieder. Zumindest hörte ich kurz ihre Knie knacken. Ein Schritt, dann stockte sie. „Oh …“, machte sie. Weitere Schritte, dann fiel die Tür beinahe lautlos ins Schloss.
Die Stunden vergingen und die Sonne wanderte wieder tiefer. Das Tablett vom Mittag stand nach wie vor unangetastet auf meinem Nachttisch. Ich hatte mir nicht einmal die Mühe gemacht, die Glocke abzunehmen. Ich brachte nichts runter, selbst wenn ich es versucht hätte.
Mittlerweile hatte ich angefangen, meinen rechten Zeigefinger in Flammen zu setzen und dann damit auf meinem linken Arm zu zeichnen. Er kribbelte leicht. Verbrennen tat ich mich jedoch nicht. Nein, die Haut wurde noch nicht einmal rot. Nebenher summte ich eine traurige Melodie. Den ganzen Tag schon war ich dabei, zu summen. Es war, als verbinde es mich mit meinem Kind.
Es klopfte wieder an der Tür. Diesmal betraten neben der jungen Frau auch weitere Dienerinnen mein Gemach. Auch Irina kam herein. Sie hatte ein Lächeln aufgesetzt, doch wirkte es mehr als alles andere gekünstelt.
„Hallo, Kleines. Wie geht es dir?“
Sofort war alles im Zimmer still. Die Dienerinnen starrten Irina mit offenem Mund an. Ich ignorierte die konsternierten Reaktionen. „Und? Hast du was gefangen?“, fragte ich, mehr der Höflichkeit wegen, als dass es mich wirklich interessierte.
„Ja, natürlich“, erwiderte Irina. „Und nun komm, wir müssen dich umziehen.“
Die anderen Frauen erwachten aus ihrer Schockstarre. Zwei von ihnen machten sich daran, die Wand vom Honig und den Scherben zu befreien. Zwei andere Frauen rissen die Fenster auf und eine weitere entfachte ein Feuer im Kamin. Keine von ihnen beachtete mich weiter.
Das hatte man davon, Königin zu sein, dachte ich übelgelaunt. Mir wurden Dienste aufgezwungen, die ich nicht wollte. Der Geruch hier drin war doch gar nicht so schlimm gewesen. Zumindest nicht, wenn man das Zimmer nicht verließ. Und kalt war mir bei meinen heißen Spielchen auch nicht geworden. Einzig mein Magen beklagte sich lautstark über die fehlende Nahrung.
„Ich will aber nicht“, murmelte ich kraftlos, ignorierte die Dienerinnen und starrte trübe aus dem Fenster.
„Es wäre unhöflich, die Einladung des Gastgebers auszuschlagen, Nayara, und das weißt du. Also komm, machen wir dich zurecht.“ Irina kam auf mich zu und rümpfte dabei die Nase. „Vielleicht hätte ich noch an ein Bad denken sollen. Ich dachte immer, Königinnen können gar nicht müffeln.“
„So hält man sich halt nervige Freundinnen vom Leib.“ Ächzend stützte ich mich auf. „Ich dachte ich wäre schwer krank und darf nicht aufstehen? Sonst bekommt das kleine Wonneproppen-Ding in mir ja offensichtlich sein Monatsblut.“
„Also eine gewisse Hygiene solltest du schon einhalten, Naya“, tadelte Irina und zog mir die Decke weg. „Du lässt dich gehen. Und Emili hat gefragt, ob sie dir Gesellschaft leisten soll.“
„Besser nicht, sonst fällt ihr ja noch die Nase ab. Aber das weiß sie ja bestimmt schon“, erwiderte ich erneut patzig und nicht gerade glücklich über die fehlende Decke. Emili wusste bestimmt schon über die Gegebenheiten Bescheid. „Gut, ich nehme ein Bad. Und ich gehe zu dem Abendessen. Aber Emili kommt mit.“
Sofort hielt die Dienerschaft inne. „Das Wasser heiß zu machen, dauert aber …“
„Es kann kalt sein“, wandte ich ein.
„In Eurem Zustand ist es nicht gut, wenn Ihr in kaltem Wasser badet, Eure Majestät. Es kann dem Kind schaden“, meinte die Dienerin, die gerade das Feuer im Kamin entzündete. „Frische Luft, ein warmes Zimmer und ausreichend Essen und Bewegung sind wichtig in einer Schwangerschaft.“
Ich raffte mich hoch. „Ich habe gesagt, es darf kalt sein!“, brauste ich auf. „Ich bade schon nicht in kaltem Wasser, Eurer Sorge ist Genüge getan! Bringt es mir einfach. Ansonsten hole ich es selbst.“ Ich konnte nicht stinkend zu Kretos, Irina hatte recht. Außerdem würde ich mir diese Blöße nicht geben.
Die Frauen an den Fenstern sahen sich unschlüssig an, gingen kurz darauf aber los, um Wasser zu holen. Irina ließ sich das Bad zeigen und legte anschließend ein Kleid für mich heraus.
Nach einem warmen, wenn auch kurzen Bad ließ ich mir von Irina ins Kleid helfen. Die Dienerinnen waren ganz scharf drauf, eine ihrer komplizierten, nordischen Flechtfrisuren an meinem langen, weiß-blonden Haar auszuprobieren – nur, dass dafür die Zeit zu knapp war. Tatsächlich kam ich bereits zu spät. Somit stand ich kurze Zeit später, mit einem lockeren Zopf über der Schulter, in meinem tiefgrünen Samtkleid vor Kretos‘ dem Speisesaal. Leicht fröstelnd, zog ich den beigen Schulterwärmer enger.
Emili und Irina standen an meiner Seite, wobei Irina mir die Tür öffnete, und Emili mir ermutigend die Hand drückte, ehe wir eintraten.
Kretos stand vor dem Fenster, mit dem Rücken zum Raum. Ein schlichter, relativ kleiner Raum. Ein großer Kamin nahm eine komplette Seite ein. Die andere Wand war kahl. Und auch in diesem Zimmer dominierten helle Farben, nur das dunkle Holz vom Esstisch und den Stühlen passte nicht so recht ins Bild. Auch nicht die junge Frau, die am Tisch saß. Wo der Fürst helle, fast weiße Kleidung trug, hatte sie ein dunkelblaues Kleid an. Es passte perfekt zu ihren kunstvoll hochgesteckten, hellbraunen Haaren.
Als sie mich sah, stand sie sofort auf und knickste tief. „Eure Majestät“, grüßte sie und sah zaghaft zu mir auf.
Nun drehte sich auch Fürst Kretos zu mir um. „Ihr seid spät“, bemerkte er.
„Kretos!“, rief die Frau am Tisch entsetzt.
Ich ließ meinen Blick über den Tisch und die drei Gedecke wandern. „Emili isst mit uns“, bestimmte ich und ignorierte die unangebrachte Rüge des Fürsten.
„Ich dulde keine Hexe an meinem Tisch. Schlimm genug, dass sie aktuell unter meinem Dach lebt“, erwiderte Fürst Kretos schroff und beachtete Emili gar nicht. „Sie soll diesen Raum sofort wieder verlassen. Auch Eure Grigoroi soll gehen. Ich habe nur Euch eingeladen, Majestät.“
Wie bitte? Dieser herablassende Tonfall machte mich rasend. Nicht nur Emili hatte er beleidigt, sondern gleichermaßen auch noch Irina?! Nach außen hin ruhig und beherrscht sprach ich: „Ich dachte, Ihr wäret fähig, die Zukunft zu sehen, Fürst Kretos?“
„Zuweilen, ja.“ Seine Haltung blieb steif.
„So sollte Euch bekannt sein, dass die Königin nicht ohne ihren Hofstaat zu speisen pflegt. Ich bin Eurer Einladung aus Gefälligkeit gefolgt. Nicht aus Pflichtgefühl.“
Natürlich wäre es mehr als unpassend, die förmliche Einladung eines Fürsten abzulehnen. Selbst wenn mir gerade noch zuvor ein Messer in den Bauch gerammt worden wäre und ich ausblutend irgendwo am Boden liegen würde, hätte es noch als unsittlich gegolten, dem Abendessen fern zu bleiben. Mir allerdings den Wunsch zu verwehren, mit meinem Hofstaat zu speisen, konnte er nicht, ohne selbst den Segen zwischen Fürstentum und Königreich zu riskieren.
Die Augenbrauen des Fürsten hoben sich, ansonsten änderte sich nichts an seiner Körperhaltung. „Der Hofstaat besteht aus adligen Vampiren, Majestät. Und nicht aus einer Hexe und einer Grigoroi! Das sollte Euch bekannt sein, Majestät, wenn Ihr die Etikette kennen würdet, die es seit Jahrtausenden einzuhalten gibt.“
„Aber Kretos …“ Die junge Frau am Tisch wurde allmählich unruhig. „Wir sind doch nicht am königlichen Hof. Es spricht nichts dagegen, Ihre Majestät und ihre engsten Vertrauten mit an den Tisch zu bitten. Ich lasse einfach noch zwei zusätzliche Gedecke…“
„Nein!“, herrschte der Fürst sie an. „Diese Hexe geht wieder und eine Grigoroi isst nichts! Es ist höchst unpassend, sie daher mit zu einem Abendessen mitzubringen!“
„Eigentlich …“, korrigierte ich scharf. „… besteht der Hofstaat aus diesen Leuten, die meine Seite nicht verlassen. Auch nicht bei politischen Abendessen. Und nur weil es der Tradition nach Vampire sind, die dem Königspaar zur Seite stehen, steht das noch nicht im Gesetz. Welches ich verwalte – im Übrigen.“ Aber ich hatte sowieso keinen Hunger, also war es eigentlich egal. Sowieso war doch alles egal. „Jedoch befinde ich mich unter Eurem Dach, Fürst Kretos, also werde ich Eure Wünsche respektieren. Ich wünsche einen guten Abend.“ Mit diesen Worten drehte ich mich um. Einen Schritt. Zwei.
„Wartet!“, rief Kretos und seufzte hörbar. „Ist ein Kompromiss möglich, Majestät? Eure Grigoroi könnte ein Glas Blut bekommen und Euch beim Essen Gesellschaft leisten.“
Die junge Frau am Tisch schloss kurz die Augen und schüttelte ganz leicht den Kopf. „Wir können auch gerne ohne Euch zu Abend essen, mein Fürst!“
Meine Mundwinkel zuckten belustigt. Ich mochte sie jetzt schon. Auch wenn es nicht lange dauerte, bis meine Lustlosigkeit wieder Überhand gewann. Ich drehte mich um und begegnete dem Blick des Fürsten. „Fürst Kretos, ich respektiere den Versuch Eures Kompromisses, doch ich hätte Euch für schlauer gehalten. Und deutlich weniger abergläubisch.“ Ich winkte Emili näher zu mir. „Wollt Ihr mir sagen, Ihr habt vor meiner Freundin solche Angst, dass es nicht auszuhalten wäre, mit ihr an einem Tisch zu dinieren?“
Wenn er das jetzt bejahte, stellte er sich selbst ein Bein. Tatsächlich hatte er mir die perfekte Vorlage geliefert. Er konnte sich jetzt entweder als Feigling zu erkennen geben oder einsehen, dass er es heute Abend wohl oder übel mit einem Menschen am Tisch aushalten müsste.
„Des Weiteren, ist sie ein Mensch. Und die neuesten Gesetze sprechen den Menschen volle Mündigkeit zu. Sie hat genauso viele Rechte wie Ihr und ich.“ Der Mund des Fürsten verwandelte sich zu einem unzufriedenen Strich, dabei war ich noch nicht einmal fertig. „Und um auf den Tonfall zurückzukommen, mit dem ihr über meine beiden engsten Vertrauten redet: So möchte ich Euch ermahnen, dies in Zukunft zu unterlassen. Ich würde Irina ohne zu zögern die Zügel des Königreichs in die Hände geben, sollte ich aus irgendeinem Grund verhindert sein.“ Und ihm nicht, sprachen meine Augen, doch das wäre zu viel des offenen Affronts gewesen.
„Gut, ich lasse noch ein weiteres Gedeck auftischen“, brummte der Fürst unwillig. Er ging zu einer Glocke an der Wand und läutete sie.
Die junge Frau am Tisch lächelte kurz, senkte jedoch rasch den Blick. „Möchtet Ihr Euch schon mal setzen, während das Gedeck aufgetragen wird, Majestät?“
„Ihr müsst den Blick nicht unterwürfig senken, Lady …?“ Gemäßigten Schrittes ging ich auf einen Stuhl zu, den Irina mir sofort herauszog, wofür ich mich leise bedankte und ihr nickend deutete, sich auf meine rechte Seite zu setzen. Emili musste sich somit neben die mir fremde Vampirin vis-à-vis von mir hinsetzen, da Kretos sicherlich am Kopfende Platz nehmen würde. Aber anhand ihres anständigen Benehmens rechnete ich nicht damit, dass sie sich gegenüber Emili ungehobelt verhalten würde.
„Imani ist mein Name, Majestät. Ich bin wirklich sehr erfreut, Euch kennenzulernen.“ Sie lächelte wieder und störte sich nicht im Geringsten daran, dass sich Emili zu ihr setzte. „Leider hatte ich keine Gelegenheit, dem König vor seiner Abreise meine Aufwartung zu machen.“
Kretos setzte sich ebenfalls. Kurz darauf wurde für Emili der Tisch eingedeckt. Irina bekam ein Glas vor sich gestellt.
„Nun denn, Lady Imani, mir liegt nicht daran, meine Gesprächspartner kleinzuhalten. Seht mir also ruhig in die Augen, wenn Ihr mit mir sprecht.“ Neugierig musterte ich sie. Eine Schönheit war sie allemal, aber das war eigentlich jeder Vampir. Es lag schlichtweg in unseren Genen. „Sagt mir, welchem Umstand verdanke ich das Vergnügen Eurer Anwesenheit?“
Sowohl Kretos als auch Imani legten sich beide ihre Serviette auf ihren Schoss – weshalb ich es ihnen einfach gleich tat. Ich kannte mich mit den Gebräuchen im Norden immerhin nicht aus, wollte aber auch nicht zwingend noch mehr anstoßen, als mit meinem Hofstaat sowieso schon.
„Ich bin…“ Lady Imani stockte, biss sich auf die Unterlippe und sah kurz zu Fürst Kretos. „Ich bin die Verlobte des Fürsten.“
„Noch“, korrigierte dieser. „Ich werde nicht heiraten.“
„Und ich werde diese Verlobung nicht lösen!“
„Das haben sie alle getan.“
Die Schultern der Jungen Vampirin sanken hinab. Die Türen öffneten sich erneut und es wurde die Vorspeise gereicht. Kleine Häppchen und eine klare Suppe. Blut wurde eingeschenkt, woraufhin Emili schnell eine Hand über ihr Glas legte.
Irritiert sah ich zwischen den beiden Vampiren hin und her. Mein Blick blieb an Imani haften. „Wieso wollt ihr ihn überhaupt heiraten? Was bringt es Euch, außer Verantwortung, die keiner haben will? Und der Pflicht ihn in Euer Bett zu lassen?“ Oh, Schreck. Jetzt war meine Zunge deutlich schneller gewesen als mein Kopf.
Imani errötete heftig, nahm sich etwas von den Häppchen und schob es sich in den Mund. Es war Fürst Kretos, der an ihrer Stelle antwortete: „Sie ist erst vor zwei Wochen erblüht. Und seit einer Woche meine Verlobte. Weil ihre Eltern es wünschen.“
„Oh …“, gab ich sehr geistesgegenwärtig von mir. „Und wollt Ihr das denn auch, Imani? Oder ist das bloß der Wunsch Eurer Eltern? Versteht mich nicht falsch, eine solche Bindung einzugehen kann wundervoll sein.“ Oder aber abgrundtiefen Schmerz verursachen. „Aber sie sollte gewollt sein.“
„Was ich will?“ Ihre Stimme klang überrascht. Unsicher linste sie zu Kretos hinüber. „Natürlich möchte ich einen so“, Kretos‘ Augenbrauen hoben sich an, „wortgewandten Partner haben.“
„Ist das so?“ Emili nippte vorsichtig an der Suppe. „Wie viele Worte habt ihr denn miteinander gewechselt? Zehn? Zwanzig?“
Lady Imani schluckte. „Und jedes davon war sehr …“
Irina schnaufte. „Gewandt? Oder eher einsilbig?“
„Ich darf doch sehr bitten!“ Kretos‘ Stimme klang scharf; der Blick, mit dem er meine Begleiterinnen musterte, streng.
„Natürlich“, stimmte Irina zu. „Das ist auch kein Thema, welches man zu Tisch bespricht.“
Ich hatte Mühe, nicht sofort laut loszulachen. In diesem Moment hätte ich meinen Freundinnen glücklich um den Hals fallen können. Schnell aber besann ich mich eines Besseren. „Stimmt. Ich habe mich von der Neugier leiten lassen. Verzeiht Imani, ich wollte Euch nicht in eine korrumpierende Situation bringen. Doch seid gewiss, von diesem Gespräch wird nichts nach außen dringen.“
Die junge Lady nickte unsicher, nahm einen Löffel und aß ihre Suppe.
Irina, welche ihr Blut bereits ausgetrunken hatte, öffnete eine der Flaschen und füllte sich das Glas wieder auf. Offenbar war ihre heutige Jagd doch nicht so erfolgreich gewesen, wie sie mir hatte weiß machen wollen. Schon bei dem Geruch schoben sich ihre Fänge heraus, was sie zu einem leisen Fluch veranlasste.
Lady Imani kicherte. „Das passiert mir auch manchmal. Ich traue mich noch gar nicht, einen Menschen zu beißen.“
Bisher hatte ich herzlich lustlos mein Essen begutachtet, als wäre es schlecht. Ich hatte keinen Hunger, was konnte ich schon groß dagegen tun? Noch nicht einmal Honig wollte ich mehr. Dabei hatte ich die letzten Wochen keine Sekunde ohne ausgehalten. Doch jetzt wurde ich aufmerksam. „Ihr lernt noch, Euch mit Euren Fähigkeiten anzufreunden, sehe ich das richtig? Hilft Euch dabei dann der werte Fürst“, weil er auch so geduldig war und offensichtlich Interesse an seiner Verlobten zeigte, „oder habt Ihr einen Lehrer?“
Lady Imani überhörte meine Frage und aß weiterhin die Suppe. Ihre Lippen pressten sie jedoch, im Glauben, es bliebe unbemerkt, unmerklich fester aufeinander.
Fürst Kretos seufzte tief. Den Blick, den er mir zuwarf, war vernichtend. „Sie wird es von ihrem Gatten lernen. Der ich jedoch nicht sein werde. In ein paar Wochen wird sie die Verlobung lösen und einen anderen Mann finden.“
„Hast du das gesehen?“, fragte Emili geradeheraus.
Mein Kopf schnellte, die Stirn über Kretos‘ Antwort gerunzelt, zu Emili. „Was?“
„Ob er gesehen hat, dass sie sich von ihm trennt. Er kann doch die Zukunft sehen.“ Sie fixierte den Fürsten und sah ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an.
„Ich versuche zu vermeiden, meine eigene Zukunft zu sehen“, bemerkte er.
„Und eben deshalb weißt du nicht, wen du heiratest.“
Lady Imani holte tief Luft. „Ihr! Emili, er ist ein Fürst!“
„Er muss auch essen. Das Gegessene verdauen und es danach aus seinem Hintern pressen, zu einer Wurst geformt, braun und stinkend.“
Schnell wandte ich den Kopf vom Tischgeschehen weg und zu Irina hin, aber es brachte nichts. So sehr ich auch versuchte, mich zurückzuhalten, so begann ich erst zu Grunzen, dann deutlich hörbar zu kichern und abschließend aus vollem Halse zu lachen. Irina stieg in mein Lachen ein, während Emili schmunzelte und Imani mit grossen Augen zu mir hinsah, ehe auch ihre Mundwinkel zu zucken begannen.
Nur Fürst Kretos lachte nicht. Er nahm seine Serviette, warf sie auf seinen Teller und stand auf. „Ich lasse die Damen allein. Guten Appetit.“
Emili sah auf. „Bis morgen, Kretos!“ Sie grinste breit.
„Ganz gewiss nicht!“, schimpfte er brüskiert.
„Sehen wir ja morgen“, entgegnete Emili.
Die Tür knallte zu und ließ uns einen Moment mit dem Lachen innehalten. Dann prusteten wir wieder los. Und für einen Moment war vergessen, was mir heute morgen noch so schwer auf dem Herzen gelegen hatte.





















































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