Kapitel 52 – Aufbruch
Kapitel 52 – Aufbruch
Cyrus
Unter Mitwirkung des ganzen Dorfes hatte sich das Heim des Bräutigams innerhalb zweier Tage zu einer improvisierten Hochzeitsörtlichkeit verwandelt. Bänke und Stühle waren aufgestellt worden und säumten den ausladenden Garten. An den Ästen umstehender Bäume flatterten weiß gebleichte Stoffbänder, deren Farbe für die Reinheit der Braut stand. Die Tischtücher waren gelb eingefärbt. Mutmaßlich standen sie für den Reichtum des Bräutigams und dessen Fähigkeit, für sich und die zukünftige Familie zu sorgen. Auf den Tischen hatte man zudem Vasen mit den schönsten Blumenbouquets arrangiert, die der Frühling herzugeben vermochte.
Abgesehen von den vielen Tischen, die zweifellos für das spätere, gemeinsame Mahl vorgesehen waren, stand auch ein – bisher recht spärlich bedeckter – Gabentisch bereit, sowie einer mit Erfrischungen, vor allem Bier, und einer mit kleinen Häppchen, frisch vom Bäcker. Zweifelsohne hatten die beiden Familien – wobei der Vater der Braut von alledem vermutlich gar nichts wusste, ob der noch nicht fertiggestellten Brücke – tief in die Taschen gegriffen und zahllose Gefallen eingefordert. Ob das Paar schließlich aber glücklich würde, das lag an ihnen. Wie Nay und ich unter Beweis gestellt hatten.
Und da war sie. Meine bezaubernde Nayara. Ich hatte ihr untersagt, hier in einem der formlosen Kleider aufzutauchen, die sie die letzten Monate so lieb gewonnen hatte. Darin sah sie aus wie eine ganz normale Bäuerin. Darüber die weiße Schürze, die meist nicht sehr lang weiß blieb, weil sie alle möglichen Arbeiten verrichtete, von denen ich nie gedacht hätte, sie würde sie freiwillig tun. Nein, heute trug sie eines ihrer eigenen Kleider, wenn auch ein unauffälligeres.
Hellbrauner Brokat fiel ihr schwer von den Hüften. Von ihrem wunderschönen Dekolleté war praktisch nichts zu sehen, und auch ihre Arme wurden von dem hellen Stoff komplett bedeckt. Nayara sah sich sichtlich unwohl um und lächelte scheu. Unter den zahlreichen Augen, die uns nunmehr als Vampire ansahen, fühlte sie sich nicht wohl.
„Sei nicht traurig, Liebes. Die Brücke ist beinahe fertig, der Winter ist fort und wir reisen bald weiter.“ Ich streichelte mit einer Hand über ihren Rücken. „Sieh es also als eine Art Abschied. Genieße den Tag einfach.“
Die Trauung war kurz. Ich fragte mich, ob der Bräutigam wirklich der Vater des Kindes war. Ich fand zumindest für meinen Teil, dass das Paar gut zusammenpasste. Und sie beide waren noch so jung, selbst für Menschen.
Nach der Trauung wurde getanzt und reichlich Alkohol getrunken. Die Stimmung wurde immer lockerer, also zog ich Nayara zu einem Tanz auf die Tanzfläche.
„Ich kann doch aber gar keine Volkstänze, Cy …“, raunte sie mir unsicher ins Ohr.
„Macht nichts. Wir gucken rechts und links einfach ab, wie er geht.“ Ich grinste breit und zog sie zu einer Ecke, die etwas weniger belebt war. Die Paare hüpften im Kreis und wir machten es ihnen einfach nach. Ein paar Schritte nach rechts und nach links, klatschen, im Kreis drehen und alles wieder vorn vorne. Der Tanz war simpel. Schon nach der zweiten Wiederholung hatte ich die Reihenfolge der Schritte im Kopf.
Die Musik wurde schneller. Nayara lachte befreit. Die Ellbogen ineinander verhakt, drehten wir uns im Kreis, ließen uns los, klatschten und wechselten die Seite. So ging es weiter, bis wir beide schließlich erschöpft zurück auf eine Bank sanken und Nayara durstig zum Bierhumpen griff.
Noch immer keuchend fragte sie: „Denkst du, sie wird ihr gefallen?“
Bei unserer Ankunft hatte Nay unser Geschenk sogleich auf den Gabentisch gelegt. Entschieden hatte sie sich für ein zartes Collier aus Silber, mit eingelassenen, kleinen Rubinen. Als ich sie daraufhin mit erhobenen Augenbrauen angesehen hatte, hatte sie nur gemeint, Schmuck mit Rubinen hätte sie sowieso zu viel – zudem ihr die Farbe noch nicht einmal wirklich gefiel.
„Auch wenn du die Kette eher als schlicht empfindest, Andrana wird wohl kaum Gelegenheiten haben, sie zu tragen.“ Ich hob kurz die Schultern. Menschen trugen selten Schmuck. Meist nur Ringe, um ihre Verbundenheit zu zeigen. „Im Zweifelsfall verkauft sie es und mit dem Gold schafft sie neue Möglichkeiten. Wie ein eigenes Heim oder eine gute Bildung für das Kind.“
„Das ist mir schon bewusst, ich bin doch nicht blöd. Hoffentlich lässt sie sich dabei nur nicht über den Tisch ziehen. Für Menschen ist solcher Schmuck wohl eher eine Wertanlage. Und vermutlich ist sie größer als ihre ganze Mitgift. Damit kann sie sich gut um ihr Kind kümmern. Und das auch noch, wenn ihr Mann aus irgendeinem Grund sterben sollte.“
Ich stimmte ihr zu. Und nachdem sich ihr Atem wieder beruhigt hatte, zog ich sie erneut auf die Tanzfläche. Volkstänze waren so ganz anders als solche, die am Hofe getanzt wurden. Viel lebhafter, dynamischer und oft schneller.
Mit jedem Tanz für Nayara lockerer, und auch die Gäste nahmen uns mit der Zeit und steigendem Alkoholspiegel in ihre Mitte auf. Wir tanzten, lachten und unterhielten uns mit den Feiernden, als wären wir auch ein Teil dieses Dorfes.
Die Sonne ging bereits wieder auf. Wir waren unter den letzten Gästen, die gingen. Und während des ganzen Heimwegs lächelte, summte und tanzte Nayara noch gut gelaunt.
In den folgenden Wochen arbeiteten wir noch länger an der Brücke. Nun, da die Menschen wussten, wer wir waren, hielten wir mit unserer Kraft nicht mehr zurück. Trotzdem dauerte es noch ganze zwei Monate, bis die Brücke endlich fertig war und zahllose von mir verordnete Tests über sich hatte ergehen lassen.
Natürlich waren schon längst alle Gäste weiter gereist und täglich ritten Pferde über die Brücke. Sie war größer und stabiler als die alte.
Es hatte mir Spaß gemacht, bei dem Bau zu helfen, dabei hatte ich lange geglaubt, ich sei handwerklich ungeschickt. Nun überlegte ich, ein kleines Häuschen am See neben dem Schloss zu bauen. Dort, wo ich Nay mal ins Wasser geworfen hatte. Auf meiner Liste stand auch immer noch, Nayara das Schwimmen beizubringen.
Kretos hatte recht behalten, der Frühling war wirklich nur sehr kurz gewesen und die Tage wurden schon deutlich länger. Im Goldenen Reich musste bereits der Sommer eingeläutet worden sein. Perfekt, um mein neues Projekt anzugehen.
Nayara hatte uns einen kleinen Vorrat für die Reise eingepackt. Die Menschen waren nach der Feier wieder deutlich offener und herzlicher geworden. Sie hatten sie als Vampire akzeptiert und in ihre Mitte aufgenommen.
Am Tag, bevor wir abreisen wollten, rollte sogar unsere Kutsche vor. Mit freundlichen Grüßen von Emili, die durch den Fahrer ausrichten ließ, wir kämen so komfortabler vorwärts.
Also packten wir die Kutsche, spannten die Pferde ein und machten uns in den frühen Morgenstunden auf den Weg nach Osten.
An der Brücke standen viele Bewohner des Dorfes. Nalin, ihre Tochter und deren Gatte unter ihnen. Sie alle winkten zum Abschied. Und Nayara winkte zurück. Dabei lächelte sie von einem Ohr zum anderen. An diese Zeit würde sie sich gerne zurückerinnern. Auch in vielen Jahrzehnten würde sie noch mit Freude daran denken.
Ich schlug bewusst nicht vor, sie regelmäßig zu besuchen, denn die Reise war einfach zu lang. Vielleicht alle zehn Jahre wäre es möglich. Allerdings veränderten sich Menschen in zehn Jahren massiv, während wir Vampire nur langsam älter wurden.
Nayara saß mir gegenüber und sah seit geraumer Zeit leise summend aus dem Fenster. Die Natur rund um uns herum blühte. Nichts erinnerte mehr daran, dass vor kurzem noch Schnee gelegen hatte.
„Freust du dich schon, Aurillia wiederzusehen?“
Ihr Blick glitt zu mir. „Ja, aber natürlich. Bestimmt ist sie mittlerweile eine formidable Goldschmiedin. Ich bin sehr gespannt, was sie zu erzählen hat.“ Nayara lächelte verträumt. „Uns beiden war eine freie Berufswahl nicht vergönnt.“ Sie seufzte leise. „Andererseits arbeiten die meisten Frauen unseres Standes auch nicht. Aber das wäre mir wiederum zu langweilig.“
„Wie alt ist Aurillia mittlerweile eigentlich? Wenn sie mit uns zurück ins Goldene Reich reist, könntest du nach einem geeigneten Gatten für sie suchen. Ich nehme an, du möchtest sie nicht wandeln, oder?“ Ich lehnte mich ein wenig zurück. Frauen wünschten sich irgendwann Kinder. Natürlich nicht mit einem Vampir, sondern einem Menschen. Irina war es auf ewig missgönnt.
„Hm? Ich … habe es schon in Erwägung gezogen. Aber so viel Angst, wie sie immer zeigt, wenn es um Vampirangelegenheiten geht, wollte ich damit warten, bis sie älter ist. Mittlerweile müsste die dreizehn, obwohl vielleicht ja schon vierzehn sein. Auf jeden Fall in dem Alter, in dem Menschen normalerweise heiraten.“ Ihre Mundwinkel zuckten. „Da gibt es diesen einen Gärtner im Schloss. Auf den hat sie schon länger ein Auge geworfen.“ Nay brummte, das Lächeln wandelte sich zu einem kindischen Schmollmund. „Aber eigentlich hätte ich sie lieber an meiner Seite. Emili ist … naja. Nicht mehr wirklich … Emili. Irgendwie schon und irgendwie nicht.“
„Lass Aurillia älter werden. Selbst vierzehn Jahre sind noch kein Alter in meinen Augen. Galderon war bereits sechsunddreißig, als er verwandelt werden wollte.“ Ein Stich in meinem Herzen brachte mich zum Schweigen. Lee war der Jüngste gewesen. Gerade erst achtzehn Menschenjahre alt und schon verwandelt. Die anderen Grigoroi waren Anfang bis Mitte zwanzig gewesen.
„Das sowieso. Ich will ihr doch auch die Chance geben, eigene Kinder zu bekommen. In keiner Welt habe ich das Recht, ihr das zu nehmen, nur weil ich sie an meiner Seite wünsche.“
Ich strich Nayara zärtlich über den Arm und zog sie noch etwas näher zu mir heran, sodass sie ihren Kopf an meine Schulter legen konnte. „Wir müssen übrigens bald üben, von Menschen zu trinken. Also gezielt üben, nur wenig Gift abzusondern.“
„Und woran soll ich das üben?“, brummte sie misslaunig. „Ich werde keinen Menschen beißen. Zumindest keinen, der nicht sterben soll. Die Sklavenhändler hätte vermutlich sowieso der Tod erwartet.“
„Du wirst an mir üben. Und mich so oft beißen, bis es mich nicht mehr erregt.“ Auch wenn der Gedanke wirklich schrecklich war. Aber ihr Gift schadete mir nicht, daher kam nur ich infrage.
„Aber …“ Kleinlaut murmelte sie: „Dich wird es so oder so erregen. Wir sind verbunden. Wir können uns nicht beißen, ohne dass der andere erregt wird …“
„Aber ich spüre das Gift. Ansonsten müsstest du es lernen, wie ich einst. Und das … war ekelig.“ Mich schüttelte es sogar kurz bei der Erinnerung daran. Neugierig sah sie auf und biss sich dabei leicht auf die Unterlippe. Ich seufzte. „Katzen. Ich musste Katzen beißen und von ihnen trinken. Wenn sie starben, war es zu viel Gift.“
Nays Lippen kräuselten sich angeekelt. „Tierblut schmeckt genauso gut wie deines. Wenn du gesoffen hast.“
Ich schmunzelte, schüttelte dann aber den Kopf. „Nein, das ist es nicht …“ Mein Blick ging zum Fenster hinaus. „Als Kind habe ich Katzen geliebt. Ich habe es geliebt, mit ihnen zu spielen, auf Bäume zu klettern und Ratten und Mäusen hinterherzurennen. Sie dann beißen zu müssen, war schlimm für mich. Vor allem, weil sie Krallen haben, fauchen und sich heftig wehren. Ich habe immer viel zu fest zugebissen, damit sie mir nicht mehr das Gesicht zerkratzen.“
Nayara sah mich zweifelnd an. „Das hört sich nicht an, als hätte es funktioniert.“
„Doch …“, seufzte ich. „Irgendwann. Nachdem ich wahrscheinlich die halbe Population an Katzen ausgerottet habe.“ Meine Hand wanderte zu Nayaras Gesicht, wo ich ihr liebevoll eine Strähne hinters Ohr schon . Haare … „Am schlimmsten war es, in dieses weiche, flauschige Fell zu beißen.“ Fell, das ich lieber gestreichelt hätte.
„Ich bin im Übrigen immer noch sauer, dass du Kal einfach ausgesetzt hast!“, grollte sie.
„Ich habe ihn frei gelassen“, korrigierte ich. „Kaldor ist ein Wolf und gehört raus in die Freiheit. Ich weiß, ich hatte ursprünglich geplant, ihn als Wachhund für dich einzusetzen. Aber er gehört raus in die Natur. Der Wald ist seine Heimat, nicht das Schloss.“ Mittlerweile hatte ich die Haarsträhne wieder hervorgeholt und wickelte diese um meinen Finger. „Aber wir könnten nach einem richtigen Hund für dich suchen. Einer, der dir nicht von der Seite weicht.“ Wobei ein Grigoroi praktischer wäre. Der könnte wenigstens reden.
„Für meinen Schutz habe ich doch Irina. Zudem ich selbst auch nicht schutzlos bin! Aber Kaldor war mir auch nicht wichtig als Wachhund. Er war mein Begleiter.“ Sie seufzte. „Aber ohne Emili und Aurillia wäre er wohl längst im Inneren des Palastes gestorben. Ich habe mich überhaupt nicht gut um ihn gekümmert.“ Als bewegte sie sich wie von selbst, wanderte ihre Hand zu ihrem Bauch. „Bestimmt vergesse ich einfach, es zu füttern und es stirbt ob meiner Achtlosigkeit. Wie konnte mir die Göttin so eine Verantwortung auferlegen?!“
„Du bist ja nicht allein mit dem Kind, Nay. Ich bin da. Und ein Begleiter … Ja, vielleicht hast du nicht ganz Unrecht. Ein Tier ist eben doch etwas anderes, als ein Vampir. Manchmal braucht es einfach nur Nähe.“ Ich ließ von ihrer Strähne ab und legte ebenfalls eine Hand auf ihren Bauch. Dabei streichelte ich von der Bauchmitte zur Taille, während mein Lächeln immer breiter wurde. „Deine schlanke Taille verschwindet langsam, Liebste.“ Und ihr Bauch wölbte sich leicht. Aber das würde sie gewiss leugnen.
„Soll das heißen, ich werde fett, Liebster?“
„Das heißt, das Kind fordert seinen Platz“, entgegnete ich und neigte meinen Kopf ein Stück, um sie ansehen zu können. „Nächstes Jahr wirst du fett“, fügte ich belustigt hinzu.


























































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