08 Gespräch zwischen Vater und Sohn

Gespräch zwischen Vater und Sohn

Ich habe getan, wie mir Lilith geraten hat, und Anidiras zu einem persönlichen Gespräch gebeten. Die Zeit bis zu unserem Treffen war schwer auszuhalten. Mit jeder Sekunde wuchs meine Unruhe. Was, wenn er mich ablehnt? Wenn er mich nicht als Vater annehmen kann oder will? Diese Gedanken quälten mich.

Endlich ist die verabredete Zeit gekommen. Pünktlich – keine Sekunde zu früh oder zu spät – betritt Anidiras den Besprechungsraum. Ich sehe ihm zu, wie er die Türe leise hinter sich schließt. Doch ich bin nicht der einzige, der scharf beobachtet – auch Anidiras’ Blick ist aufmerksam, wachsam.

Es vergeht ein Moment des Schweigens, bevor ich mich fange.
„Bitte, setz dich“, fordere ich ihn auf, und er nimmt Platz. Meine Gedanken rasen, und gleichzeitig scheint die Zeit stillzustehen.

Wie soll ich es nur anfangen?
 Das Schweigen bricht schließlich Anidiras:
„Wenn du unzufrieden mit meiner Arbeit bist und dir ein anderer Archivar lieber wäre, ist das in Ordnung. Ich habe fähige Kollegen und kann dir eine Liste ihrer Bewerbungen zusammenstellen.“

Ich schaue ihn entsetzt an. „Was? Nein! Hier wird niemand ersetzt!“

„Aber was willst du sonst mit mir allein besprechen?“, fragt er, und ich höre eine leichte Unsicherheit in seiner Stimme.

Ich atme tief durch. „Auf jeden Fall will ich, dass du bei mir bleibst. Du machst deine Arbeit wirklich gut. Es ist… nichts Berufliches, worüber ich mit dir sprechen will.“

„Und das wäre?“

Ich spüre, wie die Nervosität steigt – stärker als bei meiner ersten Rede vor der ganzen Legion. „Nun… ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll.“ Ich kratze mir verlegen am Hinterkopf – eine Unart, die ich eigentlich vor Jahrmillionen abgelegt hatte.

„Einfach gerade heraus?“, versucht es Anidiras, und ich fasse den Mut, den ich brauche.

„Ok. Ich habe dich zu mir gerufen, weil ich wissen möchte, was ich für dich sein darf und was du dir von mir wünschst. Wie stellst du dir unser Miteinander im Bestfall vor? Bisher haben wir uns mehr wie Kollegen verhalten als Vater und Sohn. Ich würde das gerne ändern – aber nur, wenn du es auch möchtest.“

Mein Herz rast. Ich habe es tatsächlich ausgesprochen. Ich beobachte Anidiras gespannt.



Zunächst scheint er überrascht. Ich habe ihn aus dem Konzept gebracht. Dann wird sein Blick weicher. Ein leichtes Lächeln breitet sich auf seinen Zügen aus.
„Du willst also, dass wir mehr sind als nur Kollegen“, fasst er zusammen. Ich nicke.
„Das ist mehr, als ich zu hoffen gewagt habe… natürlich möchte ich es. Du bist mein Vater… auch wenn ich noch lernen muss, was das für mich bedeutet.“

Ich hatte die Luft angehalten, wie ich erst jetzt merke, und atme endlich aus.
„Ich habe mich gefragt… ob du mich überhaupt als Vater sehen kannst, oder ob ich nur der Erzengel bin, der dir zur Seite steht“, gestehe ich.

„Vater, wie könnte ich dich je ablehnen? Ich weiß nicht, wie du auf diese blöde Idee kommst“, scherzt Anidiras.

„Lass deinen Alten doch mal Idiot sein. Ist das nicht in der Jobbeschreibung des Vaters, hin und wieder blöd zu sein?“ Wir lachen – ein ehrliches, erleichtertes Lachen.

„Ich weiß zwar noch nicht genau wie, aber ich werde mich bessern und dir ein besserer Vater sein als bisher. Versprochen, mein Sohn“, schwöre ich.

„Das ist das erste Mal, seitdem ich hier angekommen bin, dass du mich Sohn nennst. Vielleicht wäre es ein Anfang, mich hin und wieder Sohn zu nennen, anstatt nur beim Namen zu rufen“, schlägt er vor.

„Das will ich gerne tun, Sohn. Und es wäre schön, wenn du mich dann auch Vater nennen würdest – nicht nur Inias.“

„So soll es sein“, meint mein Sohn und streckt mir die Hand hin. Ich ergreife sie, und mit einem kräftigen Händedruck besiegeln wir es.

„Was hast du noch vor?“
„Nichts Wichtiges, zumindest“, meint er.
„Wollen wir nicht gemeinsam essen gehen und einander ein wenig erzählen?“
„Sehr gerne“, antwortet er. Gemeinsam verlassen wir das Zimmer – ein Stück näher aneinander als zuvor.

 

 

 

Persönlicher Vermerk – Anidiras

(nicht für die Archive bestimmt)
Datum: 30.03.04-I-II

Nach dem Gespräch sind wir gemeinsam essen gegangen.
Nicht aus Pflicht. Nicht aus Höflichkeit. Sondern, weil keiner von uns den Moment sofort beenden wollte.

Es war unerwartet unkompliziert.
Kein offizieller Rahmen, keine Akten, keine Titel. Nur ein Tisch, zwei Gedecke und eine Stille, die nicht mehr so schwer war wie zuvor.



Inias schlug ein Spiel vor.
„Frage–Antwort“, nannte er es.
Eine Frage. Eine ehrliche Antwort. Dann ist der andere an der Reihe.
Man darf ablehnen. Man darf schweigen. Das wurde von Anfang an gesagt – und auch gemeint.

Wir begannen harmlos.
Lieblingsfarbe. Bevorzugte Orte. Dinge, die man vermisst oder nicht.
Er wirkte fast erleichtert bei Fragen, die keine Konsequenzen hatten.
Ich stellte fest, dass ich mir seine Antworten merkte, ohne es zu wollen.

Manche Fragen waren schwieriger.
Nicht, weil sie verboten gewesen wären – sondern weil sie Nähe verlangten.
Einmal sagte er, dass er nicht antworten wolle.
Ein anderes Mal tat ich es.
Keiner von uns drängte.

Das war vielleicht das Wichtigste an diesem Spiel:
Dass Grenzen nicht erklärt werden mussten.

Ich bemerkte, dass ich lachte. Leise, aber echt.
Nicht aus Höflichkeit. Nicht aus Vorsicht.
Sondern, weil ich es wollte.

Er fragte mich irgendwann, was mir an meiner Arbeit am meisten bedeute.
Ich antwortete ehrlich.
Ich fragte ihn, was ihm am schwersten falle, seit ich wieder da bin.
Er schwieg einen Moment – und antwortete dann ebenfalls ehrlich.
Nicht vollständig. Aber genug.

Es fühlte sich nicht wie ein Nachholen an.
Eher wie ein vorsichtiges Nebeneinanderstellen dessen, was wir sind.

Als wir uns trennten, ging ich nicht sofort zu meinen Aufgaben zurück.
Stattdessen ging ich eine Weile, ohne Ziel, ohne Richtung.
Das ist ungewöhnlich für mich.

Ich hatte mich auf vieles vorbereitet, als er um das Gespräch gebeten hatte:
Kritik. Distanz. Formale Klärungen.
Nicht vorbereitet war ich auf Ehrlichkeit dieser Art.

Als er gefragt hatte, was er für mich sein dürfe, hatte sich etwas geöffnet, das ich lange sorgfältig verschlossen gehalten hatte.
Nicht schmerzhaft.
Aber spürbar.

Ich habe gelernt, Erwartungen klein zu halten.
Besonders dort, wo Titel und Geschichte schwerer wiegen als Nähe.
Vielleicht deshalb war mein erster Gedanke der berufliche gewesen.
Es war einfacher. Überschaubar. Sicher.

Dass er mich behalten wollte, dass er meine Arbeit schätzte, war beruhigend.
Doch das war nicht der Kern.

Der Kern war, dass er mir eine Wahl ließ.
Keine Forderung. Keine Schuld. Kein Anspruch.




Nur die Frage: Was darf ich für dich sein?

Ich wusste in diesem Moment, dass er Angst gehabt haben musste.
Er hat sie nicht benannt, aber ich habe sie gesehen.
In seiner Stimme. In der Art, wie er wartete.

Dass er mich „Sohn“ nannte, traf mich mehr, als ich erwartet hatte.
Nicht wie ein Ruf aus der Vergangenheit.
Eher wie etwas, das vorsichtig in der Gegenwart verankert wurde.

Wir haben uns die Hand gegeben.
Ein einfacher, fast formeller Akt.
Und doch verbindlicher als vieles, was zwischen uns lange unausgesprochen geblieben war.

Ich weiß nicht, wie sich dieses neue Miteinander entwickeln wird.
Ich weiß nur, dass es kein Rückschritt ist.
Und kein Ersatz für etwas Verlorenes.

Vielleicht ist es genau das, was möglich ist:
Ein Anfang, der nicht leugnet, was war –
aber auch nicht daran zerbricht.

Ich bin nicht mehr Izrail.
Und er ist nicht mehr nur der Erzengel, der mir gegenübersitzt.

Heute haben wir Fragen gestellt.
Einige beantwortet.
Andere offengelassen.

Und vielleicht ist das genug.
Für jetzt.

Anidiras

 

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