12 Tagebucheintrag Inias und Vermerk Anidiras 08.04.04-I-II

Tagebucheintrag – Inias
Datum: 08.04.04-I-II
Ich weiß noch nicht, wie man so etwas beginnt.
Das hier ist kein Bericht. Keine Chronik. Kein Protokoll.
Ich schreibe, weil mir gesagt wurde, dass es helfen könne, Dinge festzuhalten, die nicht für Archive bestimmt sind.
Es fühlt sich… ungewohnt an.
Normalerweise erinnere ich mich.
Immer. Ohne Anstrengung. Ohne Wahl.
Gedanken, Gesichter, Worte – sie bleiben, ob ich es will oder nicht.
Vielleicht ist das hier ein Versuch, etwas nicht nur zu behalten, sondern zu verstehen.
Anidiras und ich waren wieder gemeinsam essen.
Ohne Anlass. Ohne offiziellen Grund.
Es ist inzwischen beinahe zu etwas Regelmäßigem geworden, auch wenn wir es nicht so nennen.
Wir haben erneut dieses Spiel gespielt.
Frage–Antwort.
Eine Frage. Eine ehrliche Antwort.
Oder keine – wenn man es nicht kann.
Ich bemerkte, dass ich langsamer wurde.
Dass ich nicht vorausdachte, nicht abwog, nicht ordnete.
Ich hörte einfach zu.
Ich erinnere mich an jedes seiner Worte – das ist nichts Besonderes.
Aber ich habe mir gemerkt, wie er sie sagte.
Das Zögern.
Die Ruhe danach.
Den Moment, in dem er sich entschied zu antworten.
Diese Dinge hätte mein Gedächtnis ohnehin behalten.
Doch diesmal habe ich sie bewusst wahrgenommen.
Nicht automatisch.
Nicht, weil sie mir zufielen.
Sondern, weil sie mir wichtig waren.
Ich habe mir gemerkt, dass er sein Getränk kaum angerührt hat.
Dass er einmal leise gelächelt hat, fast überrascht.
Dass er schwieg, ohne sich zu verschließen.
Ich hätte früher eingegriffen.
Erklärt. Geordnet. Geklärt.
Ich habe es nicht getan.
Als ich ihn „Sohn“ nannte, war ich mir meiner Stimme sehr bewusst.
Sie war ruhig.
Keine Erwartung darin.
Keine Forderung.
Er sah mich an, als würde er dieses Wort prüfen.
Nicht abwehrend.
Nicht vorsichtig.
Sorgfältig.
Auch das habe ich mir gemerkt.
Wir trennten uns ohne Vereinbarung.
Ohne Planung.
Und dennoch wusste ich, dass dies kein einmaliger Moment war.
Ich erinnere mich an alles, was war.
Aber heute habe ich etwas Neues gelernt:
Dass Erinnern nicht immer ein Zwang ist.
Und dass Nähe manchmal dort beginnt, wo man sich entscheidet, nicht alles zu wissen –
sondern präsent zu sein.
Vielleicht ist das der Sinn dieses Schreibens.
Ich bin mir noch nicht sicher.
Aber ich werde es fortsetzen.
Persönlicher Vermerk – Anidiras
(nicht für die Archive bestimmt)
Datum: 08.04.04-I-II
Wir sind dabei geblieben.
Nicht aus Vorsatz.
Nicht, weil wir es beschlossen hätten.
Es hat sich einfach ergeben.
Etwa zweimal pro Woche gehen wir gemeinsam essen. Meistens zur gleichen Zeit, oft am gleichen Ort. Keine offiziellen Räume. Keine Legionstische. Kein Anlass, der benannt werden müsste.
Und wir spielen weiter unser Spiel.
„Frage–Antwort“.
Die Regeln haben sich nicht geändert.
Man darf ablehnen.
Man darf schweigen.
Man schuldet nichts.
Manchmal sind die Fragen banal.
Was er zuletzt gelesen hat.
Welche Stadt ihm gerade fehlt.
Ob er lieber früher oder später arbeitet.
Manchmal überraschen sie mich.
Und manchmal überrasche ich mich selbst.
Ich habe festgestellt, dass er sich meine Antworten merkt.
Nicht demonstrativ.
Nicht prüfend.
Sondern still.
So, wie man sich Dinge merkt, die man nicht verlieren möchte.
Auch ich merke mir seine.
Es gibt Abende, an denen wir kaum spielen.
Dann essen wir einfach.
Oder sitzen schweigend da, ohne dass es unangenehm wird.
Einmal habe ich ihn gefragt, ob er das Spiel noch brauche.
Er hat kurz überlegt und gesagt:
„Vielleicht nicht mehr jedes Mal. Aber ich mag es, dass es da ist.“
Das habe ich verstanden.
Er drängt nicht.
Er bewertet nicht.
Er versucht nicht, etwas nachzuholen.
Und ich merke, dass ich nicht mehr jedes Wort innerlich abwäge, bevor ich es sage.
Das Verhältnis hat noch keinen Namen.
Und vielleicht braucht es auch keinen.
Er ist mein Vater.
Aber nicht als Titel.
Nicht als Rolle.
Eher als jemand, der mir gegenüber sitzt, zuhört
und die Stille nicht füllt, nur um sie loszuwerden.
Manchmal nennt er mich „Sohn“.
Noch nicht oft.
Aber selbstverständlich genug, dass ich nicht zusammenzucke.
Ich nenne ihn inzwischen „Vater“.
Nicht immer.
Aber ohne Zögern, wenn es passt.
Das ist neu.
Und ungewohnt.
Aber es fühlt sich… tragfähig an.
Vielleicht ist das der größte Unterschied zu früher:
Nichts muss bewiesen werden.
Nichts wird eingefordert.
Wir stellen Fragen.
Wir geben Antworten.
Und wir lassen Raum für alles, was dazwischen liegt.
Ich denke, so funktioniert es.
— Anidiras
































































Kommentare