35 Auszug aus Liriels Notizbuch 25.01.04-I-II

Auszug aus Liriels Notizbuch 25.01.04-I-II
Es waren fünf Tage nach der Ratssitzung, als Inias mich in meinem Privatgemächer im Palast aufsuchte. Ich hatte damit gerechnet, auch wenn ich nicht wusste, wann er vorbeikommen würde. Doch ich war mir sicher, dass er das Gespräch suchen würde und so ließ ich ihm die Zeit, die er brauchte. Schon als er eintrat, spürte ich die Mischung aus Misstrauen und innerer Zerrissenheit in ihm. Doch anders als damals im Rat war da keine rohe Wut, kein impulsives Aufbäumen – nur die Last seines eigenen Schmerzes. Sein Zorn schlummerte wieder und richtete sich nicht gegen mich, doch ich blieb vorsichtig. Schließlich wusste ich nicht, was Izail ihm geschrieben hatte. Aber wie ich meinen Sohn kannte, würde er keine Geheimnisse verraten – mein Glück momentan.
Er begann sofort, sich zu entschuldigen. Seine Worte kamen stockend, schwer, voller Ehrlichkeit. Für die Aggression, für das, was er mir angetan hatte, für den Moment, in dem er mich an die Wand gedrückt hatte. Ich spürte, wie viel Zeit und Mut es ihn gekostet haben musste, diesen Schritt zu gehen. Mir zerriss es das Herz, denn schließlich schuldete ich ihm noch eine Erklärung und Entschuldigung, wovon er noch nichts ahnte. Doch jetzt war nicht der Zeitpunkt, über meine Schuld zu sprechen. Ich hörte ihm zu und dann reichte er mir den Brief – zögernd, fast so, als wolle er sich selbst versichern, dass ich es annehmen würde. Ich sah in seinen Augen, dass der Brief mehr als Worte war; er war ein Stück seines Herzens, eine Brücke zu Izrail, die er nicht selbst schlagen konnte. Während er sprach und ich den Brief entgegennahm, konnte ich seine inneren Konflikte deutlich fühlen. Die Mischung aus Schuld, Trauer und einem leisen Hoffnungsschimmer – alles war in ihm präsent. Er kämpft nicht nur mit mir, sondern auch mit sich selbst. Ich erkannte, dass sein Stolz, seine Wut und sein Schmerz nur Masken waren, hinter denen sich ein zutiefst verletztes Herz verbarg. Ihn so zu sehen, war ein Stich in mein eigenes Herz.
Dann schweiften meine Gedanken zu Izrail, zu dem, was er wohl empfinden würde, wenn er diesen Brief erhielt. Jedes Wort, das Inias geschrieben hatte und die ich nicht kannte, würden Izail sicher tief berühren. Es war ein Faden, der Vater und Sohn trotz aller Umstände verbinden konnte. Ich spürte die Verantwortung, diesen Faden sicher zu übergeben, und die Ahnung, dass dies ein Schritt zur Heilung sein könnte – nicht nur für Inias und Izrail, sondern auch für die unzähligen Schatten zwischen Licht und Dunkelheit, die uns alle umgaben.
Als Inias sich abwandte, blieb ich zurück, wachsam und bereit. Sollte er mich brauchen, würde ich da sein. Doch ich wusste auch: Der Brief wird Izrail erreichen, und damit beginnt eine neue Kette von Reaktionen, die weder ich noch Balthasar, noch Inias vollständig steuern können. Noch weiß ich nicht, ob dies ein zaghafter Anfang von Heilung oder nur ein winziger Funke im Schatten sein wird. Für heute jedoch konnte ich die Verantwortung tragen, zuhören und die Verbindung halten – und das war alles, was jetzt möglich und nötig war.



























































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