36 Brief von Inias an Izrail

Mein geliebter Sohn,
dein Brief hat mich erreicht – und ich kann dir kaum in Worte fassen, was er in mir ausgelöst hat. So viele Äonen sind vergangen, in denen ich mich gefragt habe, ob du lebst, ob du leidest, ob du meiner noch gedenkst. Deine Worte sind wie ein Lichtstrahl in die Finsternis meines Herzens, und doch brennen sie zugleich wie Feuer.
Es erfüllt mich mit Freude zu wissen, dass du lebst, dass du einen Platz gefunden hast, an dem du bestehst. Aber mein Herz schmerzt, weil dieser Platz nicht an meiner Seite ist, sondern unter jenen, die dich mir genommen haben. Es ist für einen Vater kaum zu ertragen, dass sein Kind inmitten derer aufwächst, die er für Feinde halten musste.
Ich bitte dich, vergib mir. Vergib mir, dass ich dich nicht schützen konnte. Vergib mir, dass ich als Vater versagt habe, in der Stunde, in der du mich am meisten brauchtest. Ich habe es nie verwunden, dich verloren zu haben, und ich habe mich unzählige Male gefragt, ob ich mehr hätte tun können.
Ich hoffe, eines Tages dürfen wir uns wiedersehen – nicht als Erzengel und Dämon-Anhänger, nicht als Vertreter zweier Legionen, sondern einfach als Vater und Sohn. Ich möchte dich sehen, hören, erfahren, wer du geworden bist. Ich möchte dich in den Arm nehmen, ohne Furcht, ohne Masken.
Glaube mir, Izrail: Ich habe dich niemals vergessen. Kein Tag, kein Jahrtausend, kein Äon verging, ohne dass mein Herz nach dir rief. Du bist in jedem meiner Gebete, in jedem meiner Gedanken.
Wenn der Ewige uns diese Gnade gewährt, dann möge der Tag kommen, an dem wir nicht mehr durch Schatten und Licht getrennt sind, sondern einfach vereint.
In Liebe und Sehnsucht,
dein Vater
Inias






































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