37 Izrails Gedanken

Ich erinnere mich noch genau an jenen Abend, als alles begann – oder besser gesagt, als mein Leben eine neue Richtung nahm. Ich war ein Kind, unsicher, zitternd, und doch hielt meine Mutter, Liriel, meine Hand fest. Ihre Berührung war sanft, aber bestimmt. Damals fühlte es sich wie ein Anker in einem Sturm an, doch heute weiß ich, dass sie mir damit nicht nur Sicherheit gab, sondern auch die Last der Verantwortung vor Augen führte.
Die kühle Abendluft kroch über meine Haut, während draußen Balthasar wartete – mein Großvater. Ich spürte Ehrfurcht und Furcht zugleich. Er war groß, ernst, eine Gestalt, die Geschichten und Legenden zugleich ausstrahlte. Ich wollte zurückweichen, mich verstecken, und doch hielt meine Mutter meine Hand, als wüsste sie, dass ich bleiben musste. Als Erwachsener erkenne ich, wie sehr sie diesen Moment selbst unter Schmerzen kontrollierte, um mir Stabilität zu schenken.
„Hab keine Angst, Izrail“, flüsterte sie. Ich war beruhigt, doch spürte auch die Schwere ihrer Worte. Heute weiß ich, dass sie Schmerz zurückhielt, Trauer über eine Wahrheit, die ein Kind nicht hätte tragen sollen: dass ich meinen Vater nie wiedersehen würde, dass ich einen Teil meiner Kindheit aufgeben musste, bevor ich ihn überhaupt erlebt hatte.
„Also genau wie Vater? Dann ist Balthasar also ein Kollege von Vater?“ Meine Stimme war zitternd, auf der Suche nach Orientierung. „Ja“, sagte sie vorsichtig, „er ist Inias Kollege. Doch dein Vater weiß nichts von ihm, und so muss es leider sein.“ Ich spürte ihre Trauer wie ein Gewicht auf meiner Brust, das ich damals nur als verwirrendes Gefühl verstand. Heute sehe ich die Opfer, die sie gebracht hat, um mich zu schützen – und die Last, die sie allein trug.
„Was soll ich Vater sagen, wenn er fragt, wo ich war?“ Meine Stimme war ein Flüstern, voll Unsicherheit und Schmerz. Liriel kniete sich vor mich, damit ich ihr in die Augen sehen konnte. „Du wirst deinen Vater nicht wiedersehen können. Wer zu der 10. Legion gehört, muss der Familie entsagen. Die Zehnten sind die wichtigste Legion von allen, doch damit die Leere sie nicht finden kann, muss sie sich verstecken, bis sie groß und stark ist. Du hast eine wichtige Aufgabe vor dir. Balthasar wird an deiner Seite sein und dich alles lehren, was du brauchst.“
Als Kind spürte ich nur die drängende Pflicht und die Angst, die meine Brust zerschnitt. Heute, als Erwachsener, verstehe ich die ganze Tragweite: Liriel gab mir Freiheit und Sicherheit, doch auch eine Bürde, die schwerer war, als ich damals wusste.
„Was ist mit Vater? Er wird sicher traurig sein.“
„Da hast du recht“, bestätigte sie sanft. „Deshalb werde ich bei ihm sein, um ihn zu trösten. Und du wirst nicht lange allein bleiben, denn ich werde dir Geschwister schicken. Bitte geh mit Balthasar und leiste ihm Gesellschaft, denn er hat niemanden. Dein Großvater braucht dich.“
„Ok… aber was ist mit dir?“ fragte ich, die Angst noch in jeder Silbe spürbar.
„Ich werde dich immer besuchen, wann immer ich kann“, versprach sie. „Doch das muss unser Geheimnis bleiben. Ich weiß, ich verlange viel von dir. Aber du bist stark, und ich glaube an dich.“
Ich nickte, voller Entschlossenheit, obwohl mein Herz schwer war. Ich wollte schreien, wollte weinen, wollte vielleicht alles ablehnen. Doch ihre ruhige Präsenz und ihre unerschütterliche Liebe ließen mich innehalten. Heute begreife ich, dass sie mir nicht nur Hoffnung, sondern auch den Willen zur Stärke vermittelte.
„Das ist mein Sohn“, sagte sie schließlich, und ich spürte, wie ein Funken Wärme durch die Dunkelheit meines kindlichen Herzens strömte. Dann stellte sie mich Balthasar vor, der sich vor mich kniete, mir versprach, auf mich aufzupassen, mir die Hand reichte. Hand in Hand gingen wir durch die kühle Nacht, und ich spürte, dass ein neues Kapitel begann – voller Geheimnisse, Aufgaben, Pflichten und zugleich Hoffnung.
Heute halte ich den Brief meines Vaters in den Händen und schreibe meinen eigenen Brief. Jede Zeile ist sorgfältig gewählt, jede Formulierung ein Kompromiss zwischen dem, was ich weiß, und dem, was ich nicht preisgeben darf. Die Geheimnisse, die ich trage, dürfen nicht entweichen – nicht jetzt, nicht irgendwann – und dennoch möchte ich ihm ein Stück von mir schenken.
Seine Entschuldigung, seine Schuldgefühle, die er nach all den Jahrmillionen empfindet, treffen mich tief. Ich weiß, dass er versucht hat, mich zu schützen, doch die Mächte jener Zeit waren stärker als jeder Vater. Ich kann nicht alles erzählen, aber ich kann ihm zeigen, dass ich überlebt habe, dass ich meinen Platz gefunden habe, auch wenn er anders ist, als wir es uns einst erträumt haben.
Ich atme tief durch, falte den Brief und spüre zugleich Trauer, Dankbarkeit und leise Hoffnung. Trauer über das, was wir nicht teilen konnten, Dankbarkeit für die Liebe, die er trotz allem getragen hat, und Hoffnung, dass wir eines Tages wieder zueinanderfinden werden – nicht als Erzengel und Archivar, nicht als Vater und Sohn unter der Last der Legionen, sondern einfach als Vater und Sohn.
Ich lege meine Hand auf den Umschlag, zögere einen Moment und sage leise zu mir selbst: „Er muss nur diesen Brief lesen… und dann wird er wissen, dass mehr hinter den Dämonen steckt und ich an ihn denke.“
Die Erinnerung an jenen Abend und dieser Moment heute verschmelzen. Meine Mutter hat mir Stärke gegeben, mein Vater nun Vertrauen. Beide haben ihre Wege gewählt, um mich zu schützen. Und ich? Ich trage ihre Liebe in mir, wie ein Licht, das mich führt – selbst durch die dunkelsten Stunden.




































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