40 Bericht des Schattens – Beobachtung Inias

Bericht des Schattens – Beobachtung Inias
Datum: 28.01.04-I-II
Ort: Inias Privatgemach
Beobachtete Ereignisse:
Ich verharrte in der Dunkelheit seines Gemachs, verborgen zwischen Licht und Mauerwerk. Inias wusste nicht, dass jemand ihn beobachtete. Als er eintrat, legte er behutsam einen Brief auf dem Tisch und ließ sich aufs Bett fallen. Die Körpersprache deutete auf Erschöpfung hin, als würde die Sitzung mehr Energien gekostet haben, als er zugibt. Gleichzeitig merkte man ihm an, dass er weiter mit sich rang. Er starrte lange an die Decke, unbeweglich, die Hände lagen auf dem Bauch – ein stummes Zeichen von nach innen gerichteter Konzentration.
Wut, Zorn, Verzweiflung, ein wenig Unsicherheit und vor allem Zerrissenheit spiegelten sich in seinem Gesicht. Plötzlich warf er das Kissen gegen die Decke und ein Ausdruck des Fluchens und der Verzweiflung kam über seine Lippen. Das Kissen fiel ihm ins Gesicht, wütend riss er es zur Seite. Dann blickte er zum Tisch, wo der Brief lag und erhob sich schwerfällig und seufzend.
Er setzte sich an den Tisch, begann den Brief zu lesen.
Dabei hielt er den Brief in den Händen, als hielte er etwas Zerbrechliches, das bei zu fester Berührung in Staub zerfallen könnte.
Seine Augen flogen immer wieder über die Zeilen, als könne er mit bloßem Blick mehr Bedeutung herauspressen, als darin stand. Und tatsächlich: ich sah, wie er zwischen Freude und Schmerz schwankte. Ein kaum merkliches Lächeln, als er die liebevollen Worte las. Dann sofort wieder ein Schatten im Blick, wenn er die Distanz spürte, die zwischen Vater und Sohn klafft.
Mehrmals schloss er die Augen, als würde er in sich selbst hineinhorchen. Es war kein Zorn, den ich erkannte – kein Aufbegehren, wie man es von ihm gewohnt ist. Nein, es war Schuld. Tiefe, brennende Schuld. Ich sah es an der Art, wie er den Brief an die Brust drückte, als wolle er damit die Leere in sich füllen.
Tränen schimmerten in seinen Augen, doch er wischte sie nicht fort. Stattdessen ließ er sie frei, und ich wusste: Hier sprach kein Erzengel, kein Mitglied des Rates. Hier saß ein Vater, der sich vorwarf, nicht stark genug gewesen zu sein, um sein Kind zu schützen.
Als er schließlich flüsterte: „Ich habe all die Jahrmillionen an dich gedacht… und ich werde warten, bis wir uns wiedersehen…“, da war es nicht mehr nur eine Beobachtung, sondern eine Gewissheit: Inias’ Herz gehört ganz seinem Sohn.
Ob er die Wahrheit kennt oder nicht – es spielt keine Rolle. Für ihn ist Izrail sein Kind. Sein Schmerz und seine Sehnsucht machen ihn verletzlich. Und diese Verletzlichkeit könnte eines Tages über sein Handeln entscheiden – mehr als jedes Dekret des Rates.
Ende des Berichts

























































Kommentare