42 Uriels Besuch in den Stollen der 10. Legion

Liebes Tagebuch,

heute schreiben wir den 30.01.04-I-II und ich habe die 10. Legion und Balthasar besucht in deren Zuhause – die geheimnisvollen Stollen unter den Encaster Peaks. Ich machte mich auf den Weg und dank des schwarzen Edelweißes fand ich den versteckten Eingang zu den Stollen.
Die Stollen sind größer als erwartet und mit vielen wunderschönen Reliefs geschmückt. Die Mischung aus Dunkelheit und sachtem Licht (von Licht- Alics) vermittelt eine unheimliche, einschüchternde Ausstrahlung der Gänge, gleichzeitig steckt in ihr eine tiefe Schönheit, die sich nur denen offenbart, die den Mut haben hinzusehen. Ich bin beeindruckt von der dunklen Schönheit dieses Ortes.
Dann trat ein Dämon aus dem Schatten heraus, er hatte sich bis jetzt verborgen gehalten. Ich begrüßte ihn freundlich und sagte ihm, dass ich mich nur umsehen will. Der Schatten, ein Dämon mittleren Alters, schien etwas nervös zu sein – anscheinend ist Besuch hier selten.
Ich schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und ließ mir die Stollen zeigen und musste erkennen, dass ich ohne Hilfe mich hier total verlaufen würde.

Als wir an einem Gemeinschaftsraum ankamen, der Schatten dies öffnete, sah ich für einen Bruchteil einer Minute einen Raum voller Kinder, die nix außer Schabernack im Sinn hatten. Mit  anderen Worten – es herrschte absolutes Chaos im Raum. Und unter den Kindern ein weißhaariger Junge ohne Flügel – der Herold Ophio. Ob Ophio die Kinder angestiftet hat? Doch bevor ich reagieren konnte, machte der Schatten schnell die Türe zu. “Ähm, bitte entschuldigt. Die Kinder sind gerade nicht vorzeigbar.”, meinte der Schatten und rief einen Kollegen herbei, der in den Raum ging und man hörte gedämpft, dass er die Kinder zur Ordnung rief. Das einstimmige “Spielverderber” machte klar, dass die Kinder es nicht so lustig fanden, beim Spielen gestört zu werden. Aber man hörte aus dem Raum Geräusche, die daraufhin hinwiesen, dass die Kinder trotzdem aufräumten und den Raum wieder säuberten. Ich kicherte und meinte zum Schatten: “Tja, Kinder bleiben eben Kinder.” Er seufzte, aber lächelte leicht. Dann führte er mich in einen anderen Gemeinschaftsraum, dort traf ich auf ältere Dämonen. Die meisten nickten mir nur respektvoll zu und wandten sich wieder ihren Brettspielen zu. Einige wirken überrascht mich zu sehen, andere tuschelten leise. Die alten Schatten waren ein krasser Kontrast zu der Lebendigkeit der Kinder. Ihr Blick war dunkel und kalt, doch sah ich darin mehr – einen winzigen Funken Hoffnung. Hoffnung darauf, dass Engel und Dämonen zueinanderfinden. Mein Erscheinen in den Stollen war für sie wohl ein Zeichen dafür, dass dieser Traum wahr werden könnte. Wir verließen den Raum und ich seufze. Meine Begleitung schaut mich neugierig und gleichzeitig wachsam an. “Mir gefiel der Raum der Kinder mehr, auch wenn da Chaos herrschte“, meinte ich zu ihm. Der Mundwinkel des Schattens zuckte und er meinte: “Dabei wollten wir dir das nicht mal zeigen. Unsere Kinder sind eigentlich diszipliniert und drehen selten so frei.” Ich lächle: “Kinder brauchen das hin und wieder. Vertrau mir, ich kennen mich mit Kindern mittlerweile mehr als nur gut aus. Und mir zeigt es, dass es den Kindern trotz allem hier gut geht.”, ich zwinkerte ihm zu und selbst der Schatten musste daraufhin lächeln. Ich machte noch ein paar Witze, während der Schatten mich zu Balthasars Büro führte.



 

Ich trat in Balthasars Büro, das schlicht aber eindrucksvoll gestaltet ist. “Ich hoffe, ich störe nicht.” sprach ich ihn an. Er meinte, dass er nicht zu finden gewesen wäre, wenn er keine Zeit gehabt hätte. Ich ließ mich von Balthasar durch die Stollen führen. Bekam ein gutes Bild von ihnen und viele Informationen. Sogar ihren heiligen Ort zeigte mir Balthasar – einen unterirdischen Tempel. Ich war von der Architektur beeindruckt. Balthasar führte mich herum und erzählte mir viel über die 10. Legion, jedoch tat er dies sehr kalt und berechnend. Er stellte als Kommandant seine Legion vor. Für ihn war ich gerade nicht Uriel, die Frau, sondern Uriel, der Erzengel und Kommandant der 9. Legion. Wir unterhielten uns daher auf einer distanzierten Ebene, bis mein Sohn mir einen Tritt gab. Schmerz zeichnete sich kurz auf meinem Gesicht. Balthasar fragte kurz, was los wäre und ich erklärte: “Dieser kleine Satansbraten hat mich gerade getreten. Zum Glück hat er diesmal nicht die Blase getroffen.” Daraufhin musste selbst Balthasar schmunzeln. Doch sein Kommandanten- Gesicht kehrte sogleich zurück. Er ließ den Archivar kommen und sagte ihm, dass er in die Chronik vermerken solle, dass dies der Tag war, an dem das erste Mal eine Schwangere die Stollen betreten habe. Ich war verdutzt und Balthasar erklärte, dass die Frauen der 10. Legion nicht schwanger werden können. Das sei zwar grausam, aber man könne hier keine Kleinkinder großziehen. Da musste ich ihm leider zustimmen. Balthasar erklärte zudem, dass Liriel ihm und den Schatten geholfen habe zu begreifen, was Empathie ist und wie man damit umgeht. Scheinbar hat meine Tochter eine wichtige Rolle übernommen und ich wusste nix davon all die Jahrmillionen. Mein Herz schmerzt bei dem Gedanken, dass ich meine Tochter nur zum Teil kennengelernt habe. Sie ist so viel mehr als nur meine Liriel.

 

Nunja. Balthasar führte mich weiter und wir kamen an den Übungsplätzen vorbei, wo Aknaras Wurfmesser sich neben Balthasar in die Wand bohrte. Balthasar zog Aknara zur Rechenschaft und drohte ihr, dass er ihr die Notenblätter wegnehmen würde, wenn sie nicht endlich üben würde. Ich beobachte die Situation. Balthasar wirkte zwar etwas wütend, aber seine Wut war die eines Vaters, dessen Kind etwas Gefährliches getan beziehungsweise jemanden gefährdet hat. Und ich begriff, dass Balthasar eigentlich sauer war, weil mich der Dolch hätte treffen können und deswegen Aknara so eindringlich ermahnte. Doch am Ende des Auseinandersetzung wuschelte Balthasar Aknara durch die Haare und schickte sie zurück zum Üben. In diesem Moment sah man die Liebe in Balthasars Blick – er liebt jedes einzelne Kind seiner Legion. Ja, er ist hart, aber fair und hat das Herz am richtigen Fleck. Wie er wohl mit seinem zukünftigen Sohn umgehen wird? Ich hoffe, dass Balthasar trotz seiner Pflichten miterleben kann, wie sein Sohn aufwächst.



 

Wir beendeten die Führung und ich verabschiedete mich höflich, um ins Dorf zurückzugehen. Als ich in mein Zimmer ging, fertigte ich ein paar Schreiben für die Kommandanten der Legionen an, in denen steht, dass ich die 10. Legion nicht als Feinde sehe und beginne sie kennenzulernen und zudem bitte ich in diesen Briefen die Kommandanten darum, der 10. Legion eine Chance zu geben. “Lernt sie kennen und ihr werdet sehen, dass nicht alles, was im Schatten lebt böse ist.” Mit diesem abschließenden Satz beende ich meine Briefe. Ich rief “Ophio!” in den leeren Raum und sofort erschien dieser in Gestalt eines kleinen Drachens. “ZU Diensten!”, erklärte Ophio freudig und mit dieser überschwänglichen, kindlichen Art. Auch wenn er mindestens schon so alt ist wie ich, so bleibt er einfach das ewige Kind. “Schön dich zu sehen, Ophio. Wie geht es dir?”, begrüßte ich ihn. “Oh, es ist selten, dass jemand fragt, wie es mir geht. Aber mir geht es gut!”, flötete Ophio freudig und setzte sich auf meine Schulter. “Ich habe dich gesehen – in den Stollen. Hast du die Kinder womöglich angestiftet?”, fragte ich direkt hinaus. “Ähm, dir entgeht wohl auch nichts. Hehe… aber verrate es Balthasar nicht. Die Kinder brauchten mal ne Pause vom Bravsein.“, erklärte Ophio mir vertrauensvoll und ich musste schmunzeln: “Dein Geheimnis ist bei mir sicher.” Ophio umarmte mich und kam gleich zur Sache: “Danke. Aber du hast mich doch sicher nicht nur gerufen, damit wir quatschen können, oder?” Ich lächelte und gab ihm das Paket der Briefe. “Ich möchte, dass du diese wichtigen Briefe den Kommandanten bringst, das wäre nett.” “Jawohl! Die Zustellung wird sofort bearbeitet!”, meinte Ophio pflichtbewusst, nahm die Briefe und verschwand damit. Ich blieb schmunzelnd zurück. Ophio, der Herold des Ewigen, muss man einfach gern haben. Und auch wenn er verspielt ist, so erfüllt er seine Aufgabe stets mit Hingabe und Pflichtbewusstsein.

 

Jetzt sitze ich hier in meinem Zimmer und schreibe diese Zeilen. Der Tag war ereignisreich und lehrreich. Ich habe viel über die 10. Legion gelernt und sehe sie jetzt deutlicher. Ich bin gespannt, wie es sich weiterentwickeln wird. Aber ich habe Vertrauen in Liriel und Balthasar, dass es ihnen gelingt, die Vereinigung herbeizuführen.




Es wird Zeit, zu Bett zu gehen – gute Nacht.

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