Kapitel 1

Es regnete an dem Tag, an dem Belle begriff, wie leise eine Welt werden konnte.
Der Himmel hing wie schwerer Beton über dem Friedhof, und die Luft roch nach Erde, Regen und Abschied. Schwarze Schirme standen dicht gedrängt, als hätten die Menschen verlernt, sich zu bewegen. Zwischen zwei alten Linden lag ein schmaler Sarg aus dunklem Holz, auf dem sich Tropfen sammelten und in kleinen Rinnsalen herabliefen.
Darin lag ihre Mutter.
Belle stand mit verkrampften Händen vor dem Sarg, die Fingernägel tief in den Handflächen, weil sie sonst zerfallen wäre. Als neunjährige würde ihr das niemals spurlos vorbei gehen. Der Pfarrer sprach Worte, die in ihrem Kopf nicht ankamen – sie wurden vom Trommeln des Regens verschluckt, bis die Welt nur noch aus Wasser und Stille bestand.
Als die letzte Blume den Sarg berührte, trennten sich die Menschen. Schwerfällig, murmelnd, unfähig zu wissen, was man mit Händen und Blicken anfangen soll, wenn jemand fehlt.
Belle hob den Kopf, als sich Schritte näherten.
Ihr Vater.
Er sah nicht so aus, wie er hätte aussehen sollen. Nicht erschüttert. Nicht verwüstet. Nicht einmal unordentlich. Er wirkte eher wie ein Mann, der weiß, dass er zu spät ist, aber hofft, dass niemand es bemerkt.
Und er war nicht allein.
Neben ihm stand eine Frau in einem hellgrauen Mantel. Perfekt, glatt, ohne eine Falte. Sie lächelte höflich, aber ohne Wärme. An ihrer Seite ein Mädchen – schmal, still, das dunkle Haar vom Regen feucht an den Wangen klebend. Ihre Augen waren groß und beobachtend, nicht leer, sondern vorsichtig.
Belles Brust zog sich zusammen.
Ihr Vater räusperte sich, als wäre er gerade aus einem anderen Gespräch gezerrt worden.
„Belle… das ist Evelyn. Und das ist Aria.“
Evelyn trat näher, legte Belle eine Hand auf die Schulter – eine Geste, die nach Trost aussehen sollte, aber keinen hatte.
„Deine Mutter war eine bemerkenswerte Frau,“ sagte sie mit perfekter Stimme. „Es tut uns sehr leid.“
Belle zog sich um einen Zentimeter zurück.
Der Blick der Frau verengte sich nur minimal – zu minimal, als dass jemand außer Belle es bemerkt hätte.
Aria trat einen halben Schritt vor. Ihre Stimme war leise, fast zögerlich.
„Es tut mir leid um deine Mutter,“ flüsterte sie.




Keine Floskel. Kein falsches Mitleid. Nur Ehrlichkeit.
Belle nickte – ein kleines, hartes Nicken, mehr konnte sie nicht.
Am Abend kehrten sie in das Haus zurück, das früher ein Zuhause gewesen war. Die Räume rochen nach Tee, Zitronensaft und dem Parfum ihrer Mutter – warm, sanft, einladend. Jetzt roch es nach Regen und fremden Schuhen.
Belle wartete, dass ihr Vater sie in den Arm nahm. Er tat es nicht.
Stattdessen ging er in die Küche, wischte über den Tisch, und sagte nüchtern:
„Ab morgen wird sich hier einiges ändern, Belle. Wir brauchen Ordnung.“
Evelyn nickte zustimmend. „Trauer ist kein Freifahrtschein. Struktur hilft.“
Struktur.
Belle hätte beinahe gelacht. Der einzige Mensch, der ihr Struktur gegeben hatte, lag gerade unter einem nassen Stück Erde.
Aria stand abseits, die Hände ineinander verschränkt, und sah aus, als würde sie lieber im Regen stehen als in dieser Küche.
In den folgenden Wochen begann ein Umbau, der nichts mit Wänden und Möbeln zu tun hatte – er galt Belle.
Fotos verschwanden.
Schmuckstücke wurden „verräumt“.
Kleidungsstücke „gespendet“.
Bücher „neu sortiert“.
Evelyn kommentierte alles mit Bemerkungen wie:
„Das passt nicht zur Einrichtung.“
„Sentimentalitäten helfen niemandem.“
„Loslassen ist wichtig.“
Belle hörte diese Sätze so oft, dass sie irgendwann wusste: Evelyn meinte nicht den Haushalt. Evelyn meinte ihre Mutter.
Ihr Vater half dabei, indem er schwieg.
Aria hingegen half auf ihre eigene leise Art. Sie stellte heimlich Fotos zurück ins Regal, bevor Evelyn sie wieder entfernte. Sie legte Belles Lieblingsbecher zurück in den Schrank, obwohl Evelyn meinte, er sei „optisch unpassend“. Sie setzte sich in Belles Zimmer, wenn Evelyn zu laut war.
Nicht als Heldin – sondern als Zeugin.
Und manchmal war eine Zeugin alles, was man brauchte, um nicht zu verschwinden.
Die einzige, die laut blieb, war Livia.
Sie war seit Kindertagen Belles beste Freundin: groß, frech, widerspenstig und bereit, jeden Erwachsenen anzufauchen, der Belle komisch ansah.
Nach der Beerdigung setzte sie sich einfach neben Belle in den Garten, zog die Knie an und schwieg – so lange, bis Belle es nicht mehr ertrug.
„Du musst nichts sagen,“ meinte Livia schließlich. „Ich bleibe trotzdem.“




Belle hatte sie angesehen, und irgendwas in ihr, das seit Tagen nur geschrien hatte, wurde plötzlich leiser.
Ein paar Monate später, an einem warmen Nachmittag, saßen Belle, Livia und Aria im Baumhaus hinter Livias Haus. Es roch nach Holz, Sommer und Zitronenlimonade. Vögel sangen, als hätten sie beschlossen, die Stille an Belles Stelle zu füllen.
Belle starrte auf ihre Hände und sagte dann plötzlich:
„Ich werde Anwältin.“
Livia verschluckte sich an einer Pommes. „Was? Warum?“
Belle hob das Kinn. „Weil ich mir zurückhole, was mir gehört.“
Aria sah sie groß an. „Deine Sachen?“
„Mein Leben,“ sagte Belle ruhig. „Meine Mutter. Alles, was sie für mich wollte. Ich lasse niemanden mehr entscheiden, was ich behalten darf.“
Livia nickte ernst. „Dann werde ich deine erste Mandantin. Ich brauche bestimmt irgendwann Verteidigung.“
Aria schmunzelte. „Und ich bringe Tee.“
Belle lächelte – schwach, aber echt.
Mit sechzehn war Belles Zuhause kein Zuhause mehr.
Sie lernte, mit Blicken zu antworten, statt mit Worten.
Sie lernte, still zu kämpfen, statt laut zu schreien.
Und sie lernte, wie verletzlich Besitz war – vor allem Erinnerungen.
Mit siebzehn verstanden Belle auch das Finanzielle:
Sparbücher weg,
Schmuck verschwunden,
Konten aufgelöst.
„Du bist noch zu jung,“ sagte ihr Vater.
„Zu jung, aber nicht zu dumm,“ entgegnete Belle.
Evelyn ignorierte sie. Ihr Vater unterschrieb weiter.
Und Aria stand daneben, rot im Gesicht, und schämte sich für Dinge, für die sie nie verantwortlich gewesen war.
Mit neunzehn packte Belle ihren Koffer für die Universität.
Drei Kisten mit Büchern. Eine mit Kleidung. Eine einzige mit dem, was von ihrer Mutter übrig war: ein Foto, ein Ring, ein altes Parfumfläschchen, ein Brief.
Alles versteckt in einer alten Socke, damit Evelyn es nicht fand.
Ihr Vater murmelte ein „Viel Glück“.
Evelyn sagte gar nichts.
Aria umarmte sie fest. „Wenn du zurückwillst, sag es einfach.“
„Ich will nicht zurück,“ antwortete Belle. „Aber danke.“
Sie ging – mit einem Lastwagen voller Wut und einem Koffer voller Ziele.
An der Uni lernte sie Sebastian kennen.
Sportlich, höflich, immer mit Kaffee und dämlichen Komplimenten.
„Du bist faszinierend,“ sagte er einmal.




„Ich weiß,“ antwortete Belle.
Er lachte, und Belle stellte fest, dass Lachen weniger weh tat, wenn jemand danebenstand.

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