Kapitel 10

Die Hoteltür fiel leise hinter Ihr ins Schloss.

Zu leise für das Chaos in Ihrem Kopf.

Für einen kurzen Moment blieb die Welt draußen still, sie blieb still.

Der Flur draußen war verschwunden. Kael war verschwunden. Aber Ihr Körper erinnerte sich an Kaels Berührungen … und an Seine.

Das war zu viel, dachte Sie, während Liv Ihr Tasche achtlos auf den Tisch warf. Wieso hatte sie das nur zu gelassen. Wie konnte das soweit geschehen.

Liv streifte die Schuhe ab, ging barfuß durch das Zimmer, ohne das Licht einzuschalten. Sie umarmte die Dunkelheit die sie nun begrüßte. Und dennoch fiel ein gedämpftes Leuchten durch die Fenster, zeichnete harte Linien auf den Boden. Die Stadt draußen bewegte sich weiter. Der matte Schein der Laternen drang auch bis zu ihr, in das Hotel hindurch.

Sie schaue nach draußen, ihr Spiegelbild schaute ihr entgegen und Liv erschrak.

Gerötete und geschwollene Lippen, ein verhangener Blick.

Ein Blick, der nicht ganz Ihrer war.

„Du wusstest es besser“, flüsterte Liv.

Sie hatte gelernt, wo solche Momente endeten.

Früher. Bei Ihm.

Damals hatte es so ähnlich angefangen. Nicht mit Gewalt. Die kam später. Sondern erst mit Nähe, die sich richtig anfühlte. Zunächst. Die Aufmerksamkeit kam im gleichen Atemzug, sie hatte sich geschmeichelt gefühlt. Er stellte ihr immer viele Fragen, die Interesse vorgaben.

Marek hatte immer alles wissen wollen.

Wo ich war.

Mit wem.

Warum ich so spät kam.

Am Anfang hatte ich gelächelt und es als Sorge abgetan. Als Zuneigung. Ich hatte mich erklärt, ohne zu merken, dass ich damit begann, mich zu rechtfertigen. Und später waren es Rechtfertigungen gewesen. Schon ein kleiner Spaziergang der von ihr zwar angekündigt wurde ihm aber als Erklärung nicht reichte.

Und dann war auch die Nähe die er Ihr gab kein Angebot mehr gewesen.

Sondern Erwartung. Immer mehr Erwartungen. Liv durfte nichts mehr alleine machen. Ihre Freunde gefielen ihm nicht. Besonders nicht die männlichen. Und Liv hatte gedacht sie liebte ihn. Und er liebte sie. Deswegen müsste das so sein. Sie traf sie immer weniger mit Ihrem Freunden bis zum Schluss nur noch ihre beste da war. Aber auch sie war dann irgendwann weg. Wer hätte es ihr verdenken können.



Livia setzte sich aufs Bett, zog die Knie an die Brust. Die Erinnerung kam nicht in Bildern, sondern in Empfindungen.

Das Gefühl, beobachtet zu werden.

Die Art, wie seine Hand länger liegen blieb, als sie sollte. Jetzt wusste sie das er sie fesseln wollte, damit sie nicht abhauen konnte.

Jedes Nein löste Diskussionen aus.

Erst nicht laut, dann wurde es laut bis es zu einem brüllen wurde.

Dann folgte die erste Ohrfeige. Er entschuldigte sich, sagte Liv wäre Schuld, sie hätte ihr provoziert und sie, Sie glaubte ihm.

Zunächst …

Dann kam der Punkt, an dem Bleiben gefährlicher war als Gehen.

Es war wieder nur ein harmloses Nein. Aber dieses harmlose Nein beförderte mich direkt ins Krankenhaus.

Ab da wusste ich das ich wegmusste.

In jener Nacht, als ich wieder in sein zu Hause durfte packte ich. Laptop, Dokumente, ein paar Kleidungsstücke. Kein Abschied. Kein Zettel. Nur das Wissen, dass ich nicht zurückkommen durfte.

Die Flucht war leise gewesen. Liv schlich während er schlief aus der Wohnung. Ohne Drama. Sie flüchtete mit dem Zug im Morgengrauen, das Fenster beschlagen, mein Spiegelbild darin fremd. Ich hatte nicht geweint.

Liv kam in eine neue Stadt. Besorgte sich eine neue Nummer. Neuer Name in E-Mail-Signaturen. Sie hatte sich selbst versprochen, nie wieder so abhängig zu werden, nie wieder Nähe zu verwechseln mit Sicherheit.

Und dann war er da gewesen.

Mein jetziger Chef.

Ich erinnerte mich an dieses erste Gespräch, als wäre es gestern. Liv hatte schlecht geschlafen, schlecht gegessen, zu viel gearbeitet. Er hatte sie nicht gefragt, warum Ihr Lebenslauf Lücken hatte. Er hatte mich gefragt, was ich konnte.

Er hatte gesehen, dass ich mehr war als eine Geschichte, die ich nicht erzählen wollte.

„Sie müssen mir nichts erklären“, hatte er gesagt. „Aber wenn Sie bleiben, dann bleiben Sie wirklich.“

Er hatte mir Zeit gegeben. Raum. Verantwortung. Keine falsche Nähe, kein Mitleid. Nur eine Chance – und die Erwartung, dass ich sie nutzen würde.

Er hatte mich nicht gerettet, weil er mich bemitleidete.

Er hatte mich gerettet, weil er mir zugetraut hatte, mich selbst zu halten.

Und Liv konnte sich in seiner Firma hocharbeiten. Sie hatte es geschafft.



Liv stand auf, ging ins Bad, ließ kaltes Wasser über Ihre Hände laufen. Sah zu, wie das Zittern nachließ.

Kael.

Der Gedanke traf sie erneut.

Er war anders gewesen. Direkt. Zu direkt vielleicht. Aber er hatte nicht gedrängt. Nicht umworben, sondern eher gleich eingefordert. Er hatte sie gesehen – und das hatte Liv mehr aus dem Gleichgewicht gebracht als alles andere.

Und genau das war gefährlich.

Sie hatte es gespürt, als er sie geküsst hatte. Macht, Besitz und noch viel mehr

Etwas Tieferes.

Und sie hatte es zugelassen. Und genossen. So schwer ihr das fiel dies zuzugeben

Das darfst du nicht, sagte sich Liv fest.

Nicht, weil Kael Ihr Angst machte.

Sondern weil Nähe sie verwundbar machte.

Sie setzte sich wieder aufs Bett, diesmal aufrechter. Atmete bewusst ein und aus, so wie sie es gelernt hatte. Wie Jonathan, ihr Chef ich das beigebracht hatte.

Sie musste Professionell bleiben und

Abstand halten.

Keine Gespräche über Vergangenheit.

Keine Nähe außerhalb des Büros.

Kael Ardent war mein Geschäftspartner.

Mein Gegenüber in einer Fusion.

Nicht mehr.

Ich würde mich daran halten.

Ich musste.

Auch wenn mein Körper anderer Meinung war.

Als ich schließlich das Licht löschte und mich hinlegte, lag ich lange wach. Hörte die Stadt. Spürte noch immer den Nachhall seines Kusses – nicht auf meiner Haut, sondern tiefer.

Das war ein Ausrutscher, sagte ich mir.

Und er wird sich nicht wiederholen.

Mit diesem Gedanken schlief ich ein.

Und ahnte nicht, wie sehr ich mich irrte

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